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Jeschurun · 1896-03-01 · 3 (3.1896) · p. [Seite]

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Journal
Jeschurun
Volume
1896
Issue
3 (3.1896)
Date
1896-03-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Bernfeld. Eine Lücke in der jüd. Unterrichtslitteratur. Von B. Traubenberg. Thora-Einweihungsrede. Von Dr. J. Rosenberg. Notizen. (Talmudische Fragmente ) Renans „Geschichte Israels." Von Dr. S. Bernfeld, a I. Menschen, die sich die Freiheit nahmen, in religiösen oder in politischen Dingen anders als ihre „lieben Mitbürger" oder die „hohe Obrigkeit" zu denken oder, was noch bedenklicher ist, zu handeln, haben in der Regel ihren Freimut mit einem Leben voller Drangsale und Verfolgungen sühnen müssen, wenn sie nicht das Glück hatten, frühzeitig gesteinigt zu werden. Alle Welt wird sich noch erinnern, welcher Eclat entstanden war, als Ernest Renan, damals noch der grossen Menge unbekannt, seiner Professur am College Francais entkleidet wurde. Renan hatte sein „Leben Jesu" geschrieben und die frommen Zionswächter, die am Hofe des Dezembermannes eine so bedeutende Rolle spielten, riefen nach Sühne für die geäusserte Gottlosigkeit. Der Klerisei zu Hilfe kam die bigotte Kaiserin Eugenie, die den lieben G-ott und den Gott der Liebe gleichzeitig verehrt hatte. Renan musste nun die Strafe erleiden für ein Buch, an dem übrigens nur der Freimut zu loben war. Denn Kennern braucht es nicht erst gesagt zu werden, dass die wissenschaftliche Leistung jenes Buches eine sehr minimale war, dass ferner ein Unrecht geschieht, wenn man Renans ,,Leben Jesu" mit dem monumentalen Werke David Strauss' auch nur zusammen nennt. Renan verdankt die ungeheure Popularität seines Werkes der äussern Form und' dem Umstände, dass er ein künstlerisches Genie war. Selbst die populäre Umarbeitung, der Strauss sein „Leben Jesu" unterzog, ist für die Laienwelt, die für die geistreiche und ingeniöse Beweisführung Straussens kein Verständnis haben kann, viel zu schwerfällig und ermüdend, als dass sie mit Renans Darstellung beim grossen Publikum wetteifern könnte. Von diesem Werke ausgehend, hat Renan später, mit weniger Hypothesen und mit mehr wissenschaftlicher Gründlichkeit die geschichtliche Entstehung des Christentums zu schildern unternommen, in dem Werke „Histoire des origines du Christianisme". Mit diesen Schriften hat Renan bei weitem nicht den äusserlichen Erfolg erzielt wie mit dem „Leben Jesu", er wurde aber dafür auch viel weniger angefeindet. Mit einer dieser Schriften, mit seinem „Saint Paul", hat er gewissermassen sogar das Wohlwollen der katholischen Welt gefunden, weil er in diesem Lieblingsapostel der protestantischen Kirche indirekt auch diese angriff. Eine traurige Genugthuung für die rechtgläubige Welt! Nichtsdestoweniger blieb Renan das enfant terrible aller Frommgläubigen und nie kann ich mich des Lachens erwehren, wenn ich mich daran erinnere, wie mir vor Jahren ein Geistlicher meine Bekanntschaft mit den „Heiden" Strauss und Renan verwies und mir dafür ein langweiliges Machwerk eines Amerikaners in die Hand drückte. Das grosse Werk aber, mit dem Renan sein Leben abschloss, seine „Histoire du Peuple d'Israel",*) hat überall nur Beifall und Anerkennung gefunden, so dass der Historiker, von dem herannahenden Tode verklärt, mit heiterer Ruhe und unverwüstlichem Optimismus seine Lebensbahn übersehen konnte. Wenn je, so darf man hier das Wort des „Koheleth", des Lieblingsschriftstellers Renans, anwenden: „Ein (glückliches) Ende ist besser als der Anfang". Die „Geschichte Israels", deren letzter Band erst nach dem Tode Renans erschien, wurde selbst von der Tagespresse besprochen, die sich sonst wenig mit Erscheinungen auf diesem Gebiete befasst. Doch wird man fehlgehen, wenn man diese Teilnahme als eine gründliche oder auch nur durch die inneren Vorgänge hervorgerufen bezeichnen wollte. Renan gefällt sich in seiner „Geschichte", deren letzter Band dem politischen und nationalen Untergange des jüdischen Volkes und der Entstehung der messianisch - christlichen Stimmung gewidmet ist, in den beliebten Paradoxen und glänzenden aphoristischen Aussprüchen, die zwar wissenschaftlich nicht stichhaltig sind, bei der grossen Leserwelt aber blendend wirkend. So wie Renan einst den vielberühmten, aber wissenschaftlich grundfalschen Ausspruch that; Der Semitismus sei der Monotheismus, so finden wir auch im letzten Bande seiner „Geschichte Israels" blendende Sentenzen, die, in der Nähe betrachtet, doch nur - geistreiche Behauptungen sind. Auf zwei wichtige Punkte möchte ich schon jetzt hinweisen. Renan Hebt es, Parallelen zwischen dem damaligen Judentum und dem der modernen Grossstädte Europas zu ziehen, ohne zu beachten, dass die grossstädtischen Juden der Gegenwart wohl einen Typus bilden, aber keineswegs den der Judenheit, ebensowenig wie wir die Bewohner von Paris als Typus der französischen Nation nehmen dürfen. Selbst wenn wir alle Juden Westeuropas kennen, dürfen wir noch nicht vom jüdischen Stammestypus sprechen, da die *) Deutsch bei Siegfried Cronbach, Berlin W.

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