Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 2 (2.1896)
- Date
- 1896-02-01
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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so segne jede ehrliche Arbeit und jedes redliche Streben. Gieb ein fröhliches Blühen nnd Reifen jedem guten Thun und rufe: Frühling und Freiheit über die weite Erde! Amen. „Korechu. Predigt am PessacMeste. Von Dr. J. Niemirower. Wer des Lobes voll ist über die wunderbare Befreiung Israels aus der egyptischen Knechtschaft, der ist des Lobes wert, lautet unserer Weisen Wort, verkündet der rAgada" -Verfasser, offenbart uns unserer Geschichte Geist. Die Geschichte des Auszuges aus Mizrajim bildet einen unerschöpflichen Brunnen der Belehrung und Erbauung, einen Quell, aus dem Israel Wasser des Heils o-eflossen. Die Befreiunffsgeschichte O Ö o Israels wird von unseren Lehrern stets als ein Gipfelpunkt in der Jugendgeschichte unseres Stammes angesehen. Diesen Gipfelpunkt göttlicher Offenbarungen in der Menschheit, menschlicher Offenbarungen in der Geschichte besteigen unsere Weisen (Chachamim), um von demselben aus der Judenheit kund zu thun, dass die echte und rechte Freiheit auf den Bergen wohnt, auf den Höhen sinaitischen Offenbarungsglaubens, auf den Höhen, die von den Pessachhelden, von den Geistesriesen Mose und Aron getragen werden! Die tiefen Denker (Newonim) lauschen mit Andacht der bedeutsamen Kundgebungen des Geistes der Freiheit beim Aufstande Israels in Egjrpten. Die Geschichtsforscher, die wahren Greise (Sekenim), die die Erlebnisse der Jahrtausende in ihrem Geiste aufbewahren, die die Vergangenheit vor Vergänglichkeit schützen, sie knüpfen die Geschichte unserer Religion, unserer Kultur an den Auszug aus Mizrajim. Ja, wir alle, die wir uns mit der Thora befassen, betrachten das weltgeschichtliche Ereignis, das unser Fest feiert, als eine Pyramide, die unserer Thora als Säule dierft! ..Die Erinnerung an den Auszug Israels aus Mizrajim" wird daher so oft und so stark betont'. Alle unsere Festtage rufen diese erhabene Erinnerung in uns wach. All die Festtage unserer ruhmreichen Geschichte, all die Zeiten nämlich, in denen Israel vom Sonnenlieht der göttlichen Huld umstrahlt wurde, weiheten einen Dankpsalm dieser Erinnerung. Fürwahr, diese Erinnerung, die unseren Stamm auf seiner langen Wanderung begleitet und oft geleitet hat, ist des Hohenliedes der Dankbarkeit würdig! Denn sie bietet uns den Schlüssel zu den Pforten der Erkenntnis unseres Wesens und unserer Geschichte. Sie ist eine Verdichtung unserer Kämpfe und Siege. Sie enthält die Wahrheit und Dichtung unserer Vergangenheit! Sie ist eine Bezeichnung und ein Zeichen unseres Berufes auf Erden! Sie löst daher das Rätsel unseres Fortbestehens in der Menschheit, unseres sicheren Seins in des Werdens Fluss, unseres Fortwirkens auf der Bühne der Weltgeschichte. Die Lösung dieses Rätsels soll ung die Erinnerung unseres Festes und ein sie verdeutlichender Brauch an den Sederabenden in dieser Stunde des freudigen Ernstes offenbaren, damit wir uns als Einzelne, als Glieder der menschlichen Gesellschaft und als Juden der wahren Freiheit nähern. Selbst nichtjüdische Denker bezeichneten Israel als den lebendigen Zeugen der göttlichen Vorsehung, des gnadevollen Waltens der Gottheit in, der Geschichte. Israel, die ewige Blume der Natur, die fortbesteht, während alles ringsher vergeht, legt Zeugnis ab von der göttlichen Huld. Denn ein Volk, gegen welches sich alle Pharaonen der Erde verschworen, alle Zauberer und Priester der Unwahrheit verbunden haben, ein Volk, das keinen Schutzengel zu haben scheint, bezeugt, wenn es sich ehrenvoll auf dem Kampfplatze der Völker erhält, dass es unter dem besondern Schutze der himmlischen Gnade steht. Trotz dieser Glaubenswahrheit beruhigt sich der menschliche Geist nicht, sondern sucht auch die jüdische Geschichte auf allgemeine Gesetze zurückzuführen, auf vom Menschengeiste geschaffene Ab- und Ebenbilder der göttlichen Gesetze. Der Weise., der die Wohlthaten Israels an die Menschheit zu würdigen weiss, fragt nach den Edoth, Chukkim. Mischma bim, nach den Ideen .und Wahrheiten, die wir der Menschheit zu künden hatten und haben, um derenwillen wir in der Zeiten Fluge das bleibende Element abgeben. Der Rascha, der Judenfeind, der die Bedeutung Israels für die Gesamtmenschheit nicht anerkennt und sich dadurch von der Gesamtheit loslöst, fragt nach der „Aboda" und den Anstrengungen Israels, aus denen man seine Unsterblichkeit erklären könnte. Selbst dem schlichten Frommen, dem „Tarn", der sich seinen Glauben durch Fragen niclft erschüttern will, entschlüpft die Frage: was mag es bedeuten? so er an das Pessachrätsel denkt, an die wunderbare Thatsache, dass der Todesengel der Geschichte Israel verschont hat! Auch wer sich sonst im Leben nicht gedrückt fühlt durch schwer lösbare Probleme der Religion und Wissenschaft, merkt am Pessach die grosse Tragweite des Israel- Rätsels am Pessach, an dem sinnige Gebräuche seinen Geist wecken und sein Herz öffnen. Alle diese Zeremonien sind gewissermassen Ausrufungszeichen der Bewunderung unserer Geschichte und darum auch Fragezeichen, die eine Antwort dringend heischen. Die Mazza ist ein Ansrufungszeichen der Bewunderung des israelitischen Geistes der Freiheit, des Geistes einer noch ungesäuerten Lebensauffassung! Das Bitterkraut ist ein Ausrufungszeichen der Verehrung jüdischer Leidensstärke, jüdischer Aufopferungsfähigkeit. Mazza und Maror sind Symbole der Frage nach den geheimnisvollen Gesetzen jüdischen Glückes und Unglückes. Die Antwort auf diese Frage unseres Festes giebt uns ein der Erinnerung an den Auszug aus Egypten geweihter Seder-Brauch, der den Namen Korech führt und mit dem alten Mischna - Lehrer Hille! in Verbindung gebracht wird. Gleich Hillel vereinigen wird Mazza und Maror, das Symbol der Freiheit, mit dem Symbol der Knechtschaft zu einem zeremoniellen Akt. Diese unscheinbare Handlung ist die höchste Offenbarung der Sederabende, die tiefste Lösung der Pessachfrage in unserer Geschichte. Denn die Vereinigung der Symbole des Guten und Bösen