Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 1 (1.1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 zwischen den Lebensschicksalen unseres entschlafenen Freundes und des biblischen Dulders waltet. Der Verblichene zählte zu den Vielen, die die materielle Sicherstellung ihrer und der Ihrigen Zukunft anstreben; er zählte aber auch zu den Wenigen, die mit der Fähigkeit des Erwerbens auch die des Erhaltens vereinigen.' Fleiss und Umsicht, gepaart mit Mässigkeit und Sparsamkeit, Hessen sein Streben von Erfolg begleitet sein, so dass er im reifen Mannesalter ohne Bangen für sich und die Seinen in die Zukunft hatte schauen dürfen. Kaum aber war für ihn die Zeit gekommen, in der man in Ruhe zu geniessen anfängt, was man in einer langen Epoche des Schaffens gesäet und geerntet, traf ihn eine Heimsuchung, die seinen Wünschen ein jähes Ziel setzte: er wurde seines Augenlichtes beraubt' und mit diesem aller Lebensfreude, aller Lebenslust. Nur Eines war ihm — dem Dulder der Bibel gleich — als schwacher Ueberrest aus den Trümmern entschwundener Glückseligkeit geblieben: ein treues Weib; und Eines mehr, als seinem Vorbilde im Leiden: eine traute Kinderschar, die vereint bemüht waren, die Nacht seines Daseins durch ihre Liebe zu erhellen, Entmutigung und Verzweiflung, die oft sich seiner bemächtigten, zu bannen. Und wie bei Hiob in den Tagen der körperlichen Leiden, bildete sich auch bei unserem entschlafenen Freunde eine eigenartige Lebensweisheit aus, ein gesundes und weises Urteil über Leben und Menschen und ein warmfühlend, teilnehmend Herz für die Be- Strebungen derselben. Zurückgezogen und friedlich lebte er nun in dem Kreise der Seinen. Aber auch dieser innere Frieden sollte ihm nicht lange erhalten bleiben; allmählich begann der traute Familienkreis sich zu lichten; die Zweige lösten sich von ihrem Stammbaume, um sich auf einem gesonderten Boden selbständig zu entwickeln: immer einsamer wurde es um den Schwergeprüften: mehr denn je bedurfte er der Gesellschaft der treuen Gattin, die ihm die einzige Stütze fast seines Leidens und Alters geworden war. Allein auch diese Stütze sollte ihm genommen werden: ein Tod und Verderben bringender Wurm hatte sich in ihrem Innern eingenistet und sie jäh hinweggerafft von der Bildfläche. Hier erst entrang sich jener Weheruf, den wir in ergreifender Uebereinstimmung aus dem Munde Hiobs vernommen, der gramerfüllten Brust des Dulders; hier erst rief er verzagend aus: ,,Mein Geist ist gebrochen, meine Tage sind erloschen, für mich ist nur das Grab!“ Und nimmer wollte Lebensfreude beseelen den geknickten Geist, nimmer liess Lebenslust ihn eine Verlängerung seiner Tage wünschen, nimmer wich die Sehnsucht nach dem Grabe seinem Herzen. — Doch als empfände das Geschick — wie bei Hiob — dass seine Hand das Haupt des Dulders zu schwer getroffen, bereitete es ihm in den letzten Jahren seines Lebens manche Freude, die nicht jedem zuteil wird. Es ward ihm vergönnt, seine Kinder heranreifen zu sehen in bürgerlicher Tugend und Sitte und sich in ihrem Wohlergehen zu sonnen, so dass er zuversichtlich hoffen durfte, dass die Zweige allesamt sich zu lebenskräftigen, sturmtrotzenden Bäumen entwickeln würden. Und als das Ende seiner Tage gekommen war, durfte er des schönsten Todes sterben, der je einem Menschen ist beschieden worden: an einer Stelle, wo Kunst und Natur sich innig verbinden, um die Sinne der Menschen zu entzücken*), traf ihn der Schlag, der ihm einen raschen, schmerzenlosen Tod bereitete. — Wenn ich nun, geehrte Leidtragende, angesichts des Verlustes, der Sie betroffen, ein Wort des Trostes Ihnen spenden soll, so sei es zunächst an diejenige in ihrem trauernden Kreise gerichtet, die des Trostes und der Ermutigung in erster Reihe bedarf. Und Ihnen, werte Freundin, rufe ich zu: Schöpfen Sie Trost aus der Vergangenheit und der Zukunft für die Gegenwart! Aus der Vergangenheit sei Ihnen Trost das erhebende Bewusstsein, dass Sie ihrem Vater, zumal in den letzten Jahren seines Lebens, Gegenstand besonderer Liebe waren, dass Ihre Zukunft seine höchste, seine einzige Sorge war. Gar oft und gern beschäftigte sich sein Geist mit Ihnen, und in tiefer Wehmut gedachte er derZeit, da Sie von ihm gehen und ihn allein lassen, oder dass er Ihnen genommen werden und Sie einsam Zurückbleiben könnten. Und nun er Ihnen genommen worden, sind Sie wohl einsam, nimmer aber verlassen; denn — und dies sei der Trost, den Sie aus der Zukunft schöpfen mögen — all die Ihrigen, die mit unversiegbarer Liebe an Ihrem Vater hingen, — sie werden Ihrer gedenken (חסך נעוריך) des Opfermutes Ihrer Jugend; werden es Ihnen niemals vergessen, dass Sie sich liebevoll ihrem Vater weiheten, während Ihre Alters- und Standesgenossinnen sich an den mannigfachen Genüssen ergötzten, die das Leben der Jugend beut, auf welche die Jugend Anspruch hat. Und wenn ich die Gefühlsäusserungen der Ihrigen recht verstehe, so geloben sie an der Bahre Ihres Vaters, an dem Grabe Ihrer Mutter, die Liebe, die sie in so reichem Maasse für die Entschlafenen hegten, auf Sie zu übertragen und Ihnen zu sein Schutz und Stütze in den Fährnissen des Lebens. Und eben jene Liebe, die Sie, m. g. Freunde, Ihrem Vater weiheten alle Tage seines Lebens, möge Sie tröstend hinwegheben über die ersten Ausbrüche innern Schmerzes. Sie wissen, wie tief unglücklich der Entschlafene gewesen in seinem Leiden, wie sehr er sich nach der ewigen Ruhe sehnte; wollen Sie, nun er kampf- und schmerzlos das Ziel erreicht, ihm diese Ruhe missgönnen? . . ״Aber, ach“, werden Sie■ erwidern, ,,ihm ist wohl, er ist eingekehrt in eine Welt, in der es keine Schmerzen und keine Gebrechen giebt, uns aber, uns fehlt er auf Schritt und Tritt; denn er war uns nicht allein der liebende und geliebte Vater, er war uns mehr: — ein vielerfahrener, lebensweiser, hingebender Freund, der uns mit seinem Rate leitete; er war die Leuchte unseres engeren Familienkreises, um die wir uns oft und gern scharten!“ Hier bin ich mit den allgemeinen, menschHehen Trostgründen zu Rande; ich gebe Ihnen darum hehren, himmlischen Trost: den Trost der ReHgion: אנכי אנכי הוא מנחמכם wurde am gestrigen Sabbat in den *) In einem Parke.