Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1896
- Issue
- 1 (1.1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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kl seine grossen und schönen Eigenschaften zu beobachten. Da erscheint vor mir zunächst sein grosser Pflichteifer in seiner Lehrthätigkeit, ־wofür ihm mehrmals die Anerkennung und das öffentliche Lob seiner \orgesetzten zuteil geworden war, seine Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit als Beamter im Gotteshause. Da sehe ich ihn nach den Filialen eilen, die er übernommen, um sein kärgliches Einkommen, das zur Ernährung seiner Familie nicht hinreichte, zu erhöhen, und wie er dabei so häufig den Unbilden des Wetters und des nächtlichen Weges ausgesetzt war. Mit der treuen Ausübung seines Berufs verband der teure Dahingeschiedene eine fromme religiöse Gesinnung. ln dieser erzog er auch seine fünf Kinder, und die Folgen dieser Erziehung sind auch bei den Kindern haften geblieben, die nicht wie ich einen religiösen Beruf ergriffen haben. Selbst die Söhne, die schon lange jenseits des Oceans leben, sind gottesfürchtige Israeliten, treu den väterlichen Gesetzen geblieben. Ebenso lag dem Verewigten die Ausbildung seiner vier Söhne am Herzen, und für sie legte er sich im Bunde mit der teueren seligen Mutter die schwersten Entbehrungen auf. Mit gleich grossem Eifer übte der Verklärte die heilige Pflicht der Nächstenliebe. Er war überaus teilnehmend an der Not anderer. Ohne Rücksicht auf deren religiöses Bekenntnis suchte er ihnen, soweit er es vermochte, mit Rat und That beizustehen. Es wird mir wohl gestattet sein, den Teilnehmern hier einen Fall vorzuführen, der die Herzensgüte und allumfassende Menschenliebe des edlen Dahingeschiedenen am besten kennzeichnet. Es war vor zwölf Jahren, ln dem katholischen bairischen Orte, wo ich lebte, lag ein junges Ehepaar evangelischen Glaubens an einer langwierigen Krankheit schwer darnieder. Der Mann, Uhrmacher, hatte schon monatelang nicht arbeiten können, und da er in dem Orte nicht beheimatet war, so hatte er keinen Anspruch auf öffentliche Unterstützung, und der letzte Notpfennig war ausgegeben Da kam mein Vater in das Haus, und tief ergriffen von dem grossen Elende, das sich hier seinen Blicken bot, ging er sogleich zu seinen Glaubensgenossen, Haus für Haus, liess sich Gaben reichen und es war ihm gelungen, eine nicht unbeträchtliche Summe zusammenzubringen, die er den Unglücklichen einhändigte. Der Geistliche eines benachbarten Dorfes, jetzt Hauptpfarrer der evangelischen Gemeinde in Würzbürg, der in dem Städtchen die evangelische Seelsorge versah, hatte kaum von den hocherfreuten Kranken die That meines Vaters gehört, da begab er sich in meine Wohnung, um dankerfüllt dem siebzigjährigen Manne die Hand zu drücken. Derart war das Leben des Edlen, so wirkte und lebte er vorbildlich für andere und ganz besonders für seine Kinder. Er oblag den drei Hauptpflichten: חורה עבדה ג״ח Er lernte und lehrte Gottes Wort, er diente Gott mit ganzem Herzen und vollführte eine werkthätige Menschenliebe. Also lebt er, obgleich gestorben, in seinen Thaten fort bei all denen, die sie kannten. ״ ויקרבו ימי ישראל למותDie Tage Israels 5 — waren dem Tode nahe1‘, heisst es in der Schrift, und darauf sagen unsere Lehrer s. A., bei den Frommen sterben nur die Tage, aber nicht sie selbst. So hatte der Edle die Liebe und die Verehrung der sämtliehen Bewohner des unterfränkischen Dorfes, wo er 47 Jahre hindurch seine heiligen Aemter verwaltet hatte, sich erworben, und heute noch bewahrt man ihm dort ein treues Gedenken. Möge denn auch in dieser Stadt, wo er seine Tage beschlossen, sein Andenken ein gesegnetes bleiben! Hier aber an Deinem Grabe, heissgeliebter Vater, will ich Dir im Namen aller Deiner Kinder vor öffentlicher Versammlung nochmals heissen, innigen Dank zurufen für all die unendliche Liebe, all die Fürsorge und Hingebung, die Du uns zugewendet, für all die grossen Opfer, die Du uns in Deinem Leben gebracht hast. Und nun ziehe hin, geliebter Vater, in das Reich der Seligkeit, mögest Du dort all das Gute finden, das den Frommen aufbewahrt ist! Amen! 2. Trauerrede am Grabe eines Erblindeten. Geehrte Trauerversammlung! Unter den zahlreichen Gestalten, deren Lebensschicksale uns die heil. Sehr, zu unserer Belehrung mitteilt, nimmt keine unsere Teilnahme so sehr in Anspruch, wie die Gestalt des Hiob. Denn nichts bringt einen Menschen dem andern menschlich näher, als das Unglück; kein Ton erweckt in des Fühlenden Brust einen lebhafteren Widerhall, als der des Schmerzes, der Klage. Und sie ist eine Leidensgeschichte, ergreifend und erschütternd, die Lebensgeschichte Hiobs. Wir sehen den begüterten Mann im vorgerückten Mannesalter dessen beraubt, was er Sein nannte, was ihm Freude bereitete im Leben, sehen ihn mit grossen körperlich en Leiden behaftet. Schwer, schwer erträgt er die Hand des Geschickes, die mit Wucht sich auf sein gebeugtes Haupt niedergesenkt hatte, und gar oft entringen sich tiefe Seufzer seiner gramerfüllten Brust, Worte der Verzweiflung seinen Lippen. ,,Mein Geist ist gebrochen, meine Tage sind erloschen, für. mich ist nur das Grab!“ ruft er verzagend aus, ohne aber gegen die Gerechtigkeit der göttlichen Vorsehung zu murren. Allein des Lebens tiefstes Weh erfahren, ohne dass in unserem Innern sich etwas regte wider das geheimnisvolle Gesetz des Geschickes, widerspricht so sehr dem uns innewohnenden Triebe der Selbsterhaltung, ist so übermenschlich und darum unnatürlich, dass schon ein Talmudlehrer sagte, Hiob, wie die heil. Sehr, ihn zeichnet, sei gar nicht dagewesen; er sei vielmehr ein lehr- und sinnreiches Bild der Gleichnisrede. Mag sein! Aber kein Bild der Gleichnisrede ist der Dulder Hiob, der, von schweren Leiden verfolgt, sehnsüchtig ausschauet nach dem Grabe: der Stätte;der ewigen Ruhe nach zeitlichem Leiden. Ein solcher Hiob lebt und wandelt oft ungekannt unter uns; ein solcher Hiob lebte und wandelte in unserer Mitte: er liegf jetzt vor uns — auf dieser Bahre, und wird zur ewigen Ruhe gebettet in — diese Gruft. — Sie alle . kennen die Geschichte des Lebens und Leidens dessen, dem Sie hier die letzte Ehre erweisen. Sie wissen, welch׳ ergreifende Aehnlichkeit