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Jüdische Nachrichten · 1939-03-09 · 10 (9.3.1939) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Nachrichten
Volume
9 (1939)
Issue
10 (9.3.1939)
Date
1939-03-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 JUDISCHE NACHRICHTEN 9. März 1939 Abraham der Demütige. Auf dem Rabbinerstuhl zu Ostrau sass um dass Jahr 1570 der üblichen Zeitrechnung Rabbi Salomo Luria, in der üblichen Namens- Aubreviatur „Meharschal" genannt, ein grosser Gelehrter und Kabbaiist, der Verfasser des berühmten Buches ,,Das Meer des Schelomo". Rabbi Salomo bewohnte in Ostrau ein kleines schlichtes Häuschen in einer engen Gasse. Zu ebener Erde war ein finsterer, kellerartiger Laden, darin ein armer, bescheidener Mann, Abraham genannt, der Grünzeug feilbot. Oberhalb dieses Ladens befand sihh die Studierstube des Meharschal, in der er Tag und Nacht dem Studium oblag. Die Nachtwachen des Rabbi Salomon Luria sind berühmt. Es knüpft sich manche Sage daran. So hatte eines Abends sein Diener vergessen, den Rabbi mit Kerzen für die nächtlichen Studien zu versehen. Spät in der Nacht wird der Rabbi plötzlich gewahr, dass das Stümpfchen auf seinem Leuchter das einzige in seinem Hause ist. Doch das makkabäische Wunder wiederholt sich, den das Stümpfchen der Kerze reicht für die ganze Winter nacht aus, da es wie der Dornhusch in der Wüste brennt und immer nicht verbrennt. Eines Abends, nicht weit von Mitternacht, hörte der Rabbi plötzlich mitten in seinem Studium kräftigen Gesang ertönen. Es war die Stimme eines Lernenden. Lange konnte sich der Rabbi nicht vergewissern, woher die Stimme eigentlich komme, bis er endlich die Tür seiner Studierstube öffnete. Da erkannte er, dass sie aus dem Grünzeugladen hervortönte. Und es lag so grosse Hingebung in der Stimme des Lernenden, dass es den Rabbi unwillkürlich über die Treppe hinab in den Hausflur zog; da die Tür des Landes nur angelehnt war, konnte er deutlich die Stimme erkennen. Die Stimme des Lernenden Grünzeughändlers war bald schwer und gedehnt, wie wenn die Seele unter der Last schwerer Probleme eine steile Anhöhe im Gebiete der Erkenntniss nur mühsam hinanklimmt, bald wieder tönte sie in raschem und freudigem Tempo, wie wenn plölzlich die Höhe erreicht ist, wo das Auge die Neben durchdringt und die Landschaft sonnig vor den Augen liegt, bald endlich glich sie einer siegverkündenen Fanfare, die einen schweren verzweifelten Kampf beendet. So ging es viele Stunden fort, die ganze Nacht hindurch, die Stimme stieg unermüdet vor der Höhe zur Tiefe, von der Tiefe zur Höhe hinan — bis endlich der Morgen graute. Abraham hörte auf zu lernen und schickte sich an, das Haus des Herrn aufzusuchen. Rabbi Salomo hatte voll Staunen zugehört, und den ausgezeichneten Scharfsinn und die talmudische Belesenheit der armen schlichten Grünzeughändlers bewundert, von dem Morgeng-ttesdienst kam ein Schüler Lurias in den Grünzeugladen und befahl Abraham zum Rabbi. Nach dem üblichen Willkommengruss, den der Arme mit schüchterner Stimme beantwortete, fing Rabbi Salomo Luria also en : „Setzt Euch, Rabbi Abraham; ich habe da ein schwieriges talmudisches Problem. Ich bitte Ech, es mir zu lösen." Bei diesen Worten wurde der Grünzeugverkäufer noch bleicher als gewöhnlich. „Rabbi" — rief er — „was fällt Euch ein, Fragen an mich zu stellen? Ich bin ein armer, unwissender Mensch, der in seinem Leben nichts gelernt hat; woher sollte mir nun Weisheit kommen?" Doch der Meharschal liess sich dadurch nicht irre machen, sondern drang so unwiderstehlich in ihn und bot sein ganzes Ansehen über das schüchterne Gemüt Abrahams auf, bis jener endlich sein Wissen gestand u. über die aufgeworfene Frage nachzudenken begann. Allmählich röteten sich seine Wangen, seine schüchterne Stimme belebte sich, als er das Problem, mit wunderbarem Scharfsinn gelöst, dem Rabbi vortrug. Doch bald sank die Stimme und die Gestallt wieder zu ihrer früheren Schüchterheit hinab. „Ich bitte Euch, Rabbi," — sprach er — „lasst mich ferner vor der Welt als Unwissender gelten, auf dass sie mich meines geringen Wissens halber nicht aus meiner Verborgenheit hevorziehe und dann vielleicht Stolz und Hochmut mein Herz beschleiche!" Gerührt, von so seltener Bescheidenheit, gab der Rabbi das Versprechen, das er auch treulich hielt. Jedoch als seine letzte Stunde schlug und der Rabbinatsstuhl zu Ostra erledigt werden sollte, da tat er zum Staunen aller Welt dem Gemeindevorstande folgendes als seinen letzten Willen kund : „Als meinen Nachfolger im Amte könnte ich keinen würdigeren Mann euch anempfehlen — würdiger durch Talent, noch würdiger durch unvergleichliche Bescheidenheit, als meinen Nachbar, den Grünzeughändler Rabbi Abraham." Es kostete nicht wenig Mühe, den bescheidenen Mann zur Annahme dieses Ehrenamtes zu bewegen; und nur der Gedanke, daß der letzte Wille eines Mannes wie Rabbi Salomo Luria heilig gehalten werden müsse, veranlasste ihn, endlich seinen Grünzeugladen mit dem Stuhle des Rabbi zu vertrauschen. Vorbereitung der Neschomoh für E. Jisroel. „Das Land, nach dem der Ewige forscht, vom Anfange des Jahres bis zu seinem Ende." Grade dieser Posuk weist uns auf eine Hachscharah hin, an die wir bis jetzt noch wenig gedacht haben, oder vielmehr auf die wir noch nicht aufmerksam gemacht worden sind. Wenn wir uns fragen : waren sich alle orthodoxen Olim bewusst, wohin sie gehen? Waren sie sich bewusst, dass sie in ein Land gehen, von dem es heisst: Ständig sind die Augen G-ttes dahingerichlet. So müssen wir die Frage verneinen. Ich gebe zu, einige waren sich klar, welch vielseitigen Ansprüchen sie gerecht werden müssen, wenn sie in das Erez Hakdoschoh kommen. Nur eine von den vielen Antworten, die man bekommt, wenn man sich nach der Vorbereitung für Erez Israel erkundigt. „Erstens war icii ein und einhalb Jahr auf einer landwirtschaftlichen Haehschara und zweitens habe ich sogar ein halbes Jahr eine Jeschiwa besucht." Auf das letztere möchte ich etwas näher eingehen, obwohl dies nicht der Hauptteil des Themas ist. Jeschiwah. Leider finden wir sehr häufig, dass die Aguda Leute nach Erez Israel schickt, die zum Teil nicht oder nur ein halbes Jahr auf eine Jeschiwah gewesen sind. Bestimmungsgemäss sollten nur die Leute Zertifikate bekommen, die einige Jahre Thora gelernt haben. Lassen sich die Zustände mit unserem Gewissen vereinigen? Was ist es denn, was wir Agudisten den Zionisten voraushaben wollen und müssen? Unser Thorawissen. Ja, das wenige Wissen, welches wir von zu Hause mitbringen, reicht nicht aus, um „das Erez- Hakodosch" als „ein Land für die Juden" aufzubauen. Mindestens muss jeder, der genügend Verantwortungsgefühl dem „klall" gegenüber besitzt, in Erez Israel noch eine Zeitlang Thore lernen. Denn Thora geht vor Landwirtschaft. Es gibt aber noch eine Vorbereitung für Erez Jisroel ausser Jeschiwoh und Landwirtschaft Man kann ausser einer körperlichen u. geistigen Haehschara auch eine seelische hachscharah durchmachen. Und hier errinnere ich an den zuerst genannten Posuk. Diese Vorbereitung, man kann fast sagen diese dritte Hachscharah, ist die Vorbereitung unserer Neschomoh, unserer Jüdischkeit für Erez Jisroel. Es lassen sich hier im allgemeinen keine Theorien aufstellen. Die folgende Tatsache jedoch dürfte keine Ausnahme finden: „Jeder Jude hat in der Golah eine mehr oder weniger starke Assimilation durchgemacht, und verpflanzt diese durch sein Oleh-sein in das Erez Hakdoschah." Zwar ist dort schon von anderer Seile ausreichend für Assimilation gesorgt worden. Doch ist ein Schiff leck, so i giessen wir nicht mehr Wasser hinze, sondern versuchen das bereits eingedrungene Wasser herauszupumpen. Nicht, dass es im jetztigen Moment Sinn hätte, sich mit dem Gedanken abzuquälen : wir sind nicht die geeigneten Menschen, wir sind nicht würdig, nach Erez Jisroel zu gehen. Nein, absolut nicht. Denn gewiss sind es die Zionisten oder sonstige Reformjuden noch viel weniger. Aber jeder von uns muss sich prüfen, versuchen, schlechte Angewohnheiten in Bezug auf Jüdischkeit abzulegen und sich vornehmen, in Erez Jisroel mehr „medakdek" auf unsere Mizwoth zu sein, auch auf die, welche man hier, vielleicht wegen zu grosser Assimilation, nicht, ausüben will, oder kann. Um nochmals auf die Jeschiwa zurückzukommen. Es ist an sich schon traurig, wenn orthodoxe junge Menschen gezwungen werden müssen Thora zu lernen. Doch fiötpStfn ntivb xb&fr* Und gerade deshalb ist das Jeschiwalernen für den Oleh seinen Zweck in jeder Hinsicht erfüllt, wenn er dann von selbst mit einer Vorbereitung seiner Neschomoh für Erez Jisroel beginnt. G. T. £9Sg2aafigg88£3HaBM^B^B0n^^BHBBHHn^n^MB^^HB3UHlHB Perlen aus dem Talmud. I Drei Menschen gibt es, deren Ruhm gibt kund Der Ewige selbst den ganzen Erdenrund : Der Jüngling, sündenrein im Weltstadtschlund, Der Arme, ehrlich treu bei fremden Fund Der Reiche, wohltätig vom Herzensgrund. * Drei Menschen sind es, die der Ewige liebt; Wer niemals seinem Zorne sich ergibt, Wer niemals Trank und Rausch die Sinne trübt, Wer niemals Rachsucht und Vergeltung übt. Drei sind verhasst vor G-ttes angesicht: Wer anderes bei sich denkt u. anderes spricht, Wer Zeugnis künden kann und kündet nicht, Wer ohne Zweck verleumdet vor Gericht. Tausende Gäste in Kailö, anüssiieii des Jahrzeitstages des Kalioer Rebben. Seit Jahren waren nach Kallo nicht soviele Menschen zum Jahrzeitstage des dortigen Rebben sl. gekommen, wie in heurigen Jahre. Die ernste und düstere Gegenwart hat viele jüdische Menschen zur Tschüwo veranlasst und viele finden beim Grabe des Zaddik eine innere Befriedigung und ein seelisches Gleichgewicht. Erhebend und imposant war der heurige Jahrzeitstag. Schon am Donnerstag kam, der in der ganzen Umgebung bekannter Kasszonyer Rebbe mit vielen Begleitern. Mehr als zweihundert Gäste hahen gemeinssm mit dem Kasszonyer Rebben am Schabbos in der alten Schul ihre Tfilojs verrichtet. Viele Rebbes und Rabbinerkapizitäten waren ausserdem dort angelangt. Sonntag am Jahrzeitstage ging es in dem sonst sehr stillen Kallo ziemlich lebhaft zu. Bei dem Grabe des Zaddik waren mehrere Tausend Menschen anwesend und beteten dortselbst inbrünstig und sehr andachtsvoll, dass Bild widerspiegelt deutlich die traurige Lage der Judenheit. Jeder von den Anwesenden hatte nur einen Wunsch, dass der Allmächtige sich des schon so lange unterdrückten jüdischen Volkes erbarme und, dass seine Hilfe nicht mehr lange auf sich warten lasse. Beruhigt und in der Hoffnung, dass eine schönere und bessere Zukunft uns bevorsteht, verliessen die Anwesenden das Grab des Kalloer Zaddik s. z. 1. — Mehrere hundert Juden Opfer einer Schiffsgesellschaft. Eine jüdische Abordnung hat sich nach dem Hafen Constantza begeben, um den mehreren hundert Juden beizustehen, die Opfer einer Schiffsgesellschaft geworden sind, welche ihnen Einreisemöglichkeiten in andere Länder versprach, ihnen grosse Beträge abnahm, jetzt aber ihre Versprechungen nicht erfüllen kann. Mehr als 600 Juden, meist jüngere Leute, die ihr letztes Geld der Gesellschaft gegeben haben, irren jetzt obdachlos und mangelhaft bekleidet in Constantza herum.

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