Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 10 (9.3.1939)
- Date
- 1939-03-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9. Mäiz 1939. JÜDISCHE NACHRICHTEN 3 Juden der ganzen Welt protestiegegen die englischen Vorschläge. GLOSSEN. Von Bratislava nach Prag. Eine Reise wie viele andere. Man sieht einige schöne Landschaften, und hat Gelegenheit mit den verschiedenartigsten Menschen zusammenzukommen. Diesmal war es eine nette bulgarische Gesellschaft, die ein Gespräch mit uns angeknüpft hatte. Es war dies eine Gruppe von Kaufleuten und Industriellen, die zur Leipziger Messe fuhren, es braucht nicht betont zu werden, dass es sich um Nichtjuden gehandelt habe. Eine ältere Frau, sehr intelligent, klug und redselig unterhält die ganze Gesellschaft. Sie erzählt von ihren diversen Reisen, von ihren Eindrücken und nebenbei auch von den derzeitigen strengen Grenzkontrollen. Im Fluge der Erzählung kommt sie auch auf Palästina u. ihre dortigen Landsleuten zu sprechen. Der Ton ihrer Rede wird plötzlich ein höherer, sie ist sichtlich gerührt und wie sie zum ersten male das Wort Tel-Aviv ausspricht, kann sie sich der Tränen nicht mehr erwähnen. „Tel-Aviv, das ist die schönste Stadt der Welt, das können sie sich meine Herren nicht vorstellen, ich habe schon Nizza, Neapel, Paris, London und Scheweningen gesehen, aber es gibt nur ein Tel Aviv", dies waren ihre ersten mit weinender Stimme hervorgebrachten Worte. Auf unsere Anfrage was ihr eigentlich an Tel- Aviv so gut gefalle, gab sie ausführliche Antwort. Zunächst einmal bewundert sie an dieser Stadt den Scharfsinn und den Unternehmungsgeist der Juden. „Man sieht da deutlich, dass die Juden der ganzen Welt sich besonders angestrengt haben, ihr alles Beste und alles Möglichste, ihren Geist und ihr Vermögen im Dienste des Aufbaues dieser Stadt zu stellen." Und dann, — fuhr die Frau fort, — dieser Idealismus und diese Begeisterung, mit der die Menschen ans Werk gehen, ist unbeschreiblich, das ist das Herrlichste vom Herrlichen . . . Wir Hessen uns dann die anderen Teile Erez jisroels beschreiben, die Frau wussfce von jeder schönen Kolonie zu erzählen, von den herrlichen Plantagen und noch von vielen anderen zu berichten. Dann kamen wir nach „Jerusalem." Jerusalem ist eine historische Stadt. -Nie werde ich den Anblick vor der Klagemauer vergessen. Da hatte ich deutlich das Gefühl, dass der Boden, auf dem ich stehe ein heiliger sei. Da habe ich auch den Unterschied der drei palästinensischen Völker erkannt. Die Juden gehen nach getaner Arbeit zur Klagemauer, beten dort innbrünstig und gefühlvoll für ihre unterdrückten brüder in der Welt, der englische Polizist steht mit stoischer Ruhe beim Telephon, hält das gestreckte Gewähr in der Hand und die Araber lauschen nach Mord u. Zerstörung. Die Juden bauen, arbeiten und beten, die Engländer herrschen und die Araber Zerstören. . . Die Erzählung dieser klugen Frau war so lebendig, so wahrheitsgetreu, und so inhaltsvoll, dass sie auch uns Juden viel Neues sagte. Und wieder kam sie über Tel Aviv zu sprechen. „Noch einmal will ich Tel Aviv sehen und dann kann ich sterben". Dies war der letzte Satz einer Nichtjüdin in Palästina. Der Luganoer Chossid. Es kommt oft vor, dass die Wahrheit noch interessanter ist als das Erdachte und Erdichtete und, dass es sich lohnt auch wahre Geschichten niedersuschreiben. In Lugano leben nur einige jüdische Familien aber ihr Äusseres verrät wenig davon, dass es sich um Juden handelt. Ihre Kleidung und ihr ganzer Habitus unterscheidet sich nur wenig von den übrigen Schweizer In Lugano lebt aber auch ein Jude — wohl der Einzige —, der sich genau an die alten Traditionen hält auch bezüglich seiner Kleidung und seines ganzen Äussern. Er trägt Bart und Pejos, seinen Kaften und seine Stiefel hat er auch noch nicht abgelegt. Kein Schweizer, hat an dieser Tracht etwas auszusetzen. In der Früh, wenn der brave Mann auf dem Gemüsemarkt kommt, schaut ihn wohl jeder ziemlich verwundert an. Manchmal pflegen sich aber die Menschen in grösseren Scharen anzusammeln, dass sogar der Verkehr gestört wird. Der Mann wird zum Bürgermeister gerufen, auf die Frage ob er nicht seinen Dediensteten auf den Markt schicken könnte, hat der Die ren Der American Jewish Congress veröffentlichte am Dienstag, 28. Februar, eine Erklärung, in welcher der Jewish Agency vollste Unterstützung in ihrem Kampf um die Wahrung der jüdischen Rechte in Palästina zugesagt wird; an die Regierung der Vereinigten Staaten wird der feierliche Appel gerichtet, sich an „die Spitze der Nationen zu stellen, um diesen neuen grossen Verrat an den Juden zu verhindern". Das American Committee for the Protection of Minorities telegraphierte an Aussenminister Lord Halifax, in ganz Amerika würden Budapest. Auf einer anlässlich der Vereinigung der Christlichen Kommunalpartei mit der hauptstädtischen Regierungspartei veranstalteten Kundgebung ergriff Ministerpräsident Graf Paul Teleki das Wort, um die Judenpolilik seiner Regierung zu rechtfertigen. Der neue christliche Schwung, in dem wir jetzt leben — sagte der Ministerpräsident —, ist die Reaktion auf den Liberalismus und Materialismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Dies ist unser letzter Kampf mit dem Judentum. Der letzte, aber kein leichter Kampf; er wird sich nicht innerhalb drei oder sechs Monate abspielen, auch nicht innerhalb ein oder zwei Jahre, sondern er ist ein schwerer und langer Kampf. Wir haben die Versäumnisse von Jahrzehnten, ja fast eines Jahrhunderts, wiedergutzumachen. Man kann dieses Versäumnis heute nur mit sehr radikalen Massnahmen wiedergutmachen. Es ist etwas Grosses, das wir auf uns genommen haben. Wir müssen diesen Kampf hart ausfechten. Es muss dies Offen gesagt werden, denn wenn die christliche Gesellschaft es nicht empfindet, so wäre sie nicht imstande, sich in diesem Kampfe zu behaupten. Vielleicht in keinem Lande in Europa, fuhr Graf Teleki fort, ist die Lösung der Judenfrage mit solchen Schwierigkeiten verbunden wie bei uns in Ungarn : wegen der grossen Massen und auch mit Rücksicht auf die Verhältniszahl, aber auch wegen des Eindringens der Judenschaft in die christliche Gesellschaft. Vtel leichter ist die Lösung des Problems in Polen, wo eine scharfe Scheidewand die christliche Gesellschaft von der Judenschaft trennt und wo es keine derartige Vermischung gibt wie bei uns. Bei uns ist grade die Vermischung das schwerste Problern. Es bedarf grosser Kraftentfaltung und grosser Willenskraft, damit wir uns in diesem Kampfe behaupten. Doch ich vertraue darauf, dass ihn die ungarische Nation siegreich bestehen werde. Es fiel auf, dass diese Rede Telekis rassistisch untermalt war, indem er auf die gefahren der Vermischung hinwies und eine Kampfstellung gegen die getauften Juden und die von Juden abstammenden Christen einnahm. Nach ihm sprach der frühere Ministerpräsident Imredy, der Teleki als den ältesten Vorkämpfer des christlichen Gedankens feierte, auf die Judenfrage aber mit keinem Worte einging. Opposifion zum Judengesefz. Der Sozialdemokrat Karl Peyer erklärte, Man dürfe sich nicht immer darauf berufen, dass Deutschland Ungarns Nachbar sei; auch Holland, Dänemark, Schweden usw. sind Deutschland benachbart und raachen dennoch keine Judengesetze. Arme nur eine verneinende Antwort, die auch der Bürgermeister gleich einsieht. Nach kurzer Beratung beschliesst der Gememeinderat, dass ein Gemeindediener täglich das nötige Lebensmittel der armen Familie ins Haus bringen wer- Protestkundgebungen so lange dauern „bis die britische Regierung ihren Plan der Errichtung eines unabhängigen Staates zurückgezogen haben würde. Auf einer Konferenz sämtlicher jüdischer Gruppen wurde der Beschluss gefasst, den britischen Vorschlägen ,,mit allen zu Gebole stehenden Mitteln" sich entgegenzustellen. Aehnliche Protesttelegramme sandten an britischen Premierminister Newille Chamberlain, die jüdischen Organisationen Frankreich's, Polen's, die jüdischen Föderationen Australiens, die Weltunion der jüd. Jugend und viele andere. Die Vorlage bezeichnete der Redner als ungerecht und lehnte sie mit der Begründung ab, dass sie Tausende von Menschen arbeitslos gemacht habe und dass bereits viel wertvolle Arbeitskräfte Ungarn verlassen haben. Da man nicht wissen könne, was im April oder Mai in Europa geschehen werde, forderte er die Zurückziehung der Vorlage, die er als „Schandfleck der Nation" bezeichnete. Der Parteiloso Graf Anton Sigray erklärte, nicht nur Juden, sondern sehr viele Christen werden ihr Brot infolge Zurückdrängung jüdischen Unternehmungen verlieren. Im Namen der Liberalen Partei versagte Dr. Karl Rassay dem Ministerpräsidenten das Vertrauen. Das Judengesetz sei alles andere als eine Reform. Abgeordneter Eckhardt macht auf die Folgen aufmerksam. Die Judenfrage sagte Eckhardt, hat auch eine internationale Seite. Ministerpräsident Chamber lain hat nach seiner Rückkehr aus IXa? lien verkündet, das selbst Mussolini in der Judenfrage ein internationales Problem sieht. Warum nimmt Ungarn nicht an zwischenstaatlichen Besprechungen teil? Wenn Führer grosser Länder behaupten können, sie müssen exportieren oder sterben, um wieviel mehr gilt das für unser kleines armes Land, welches den gefährlichsten Retorsionen vom Ausland her ausgesetzt sein kann? Das Haus möge sich noch überlegen, ob nicht die Judenfaage auf bessere Art gelöst werden könne. (Grosser Beifall linke und in der Mitte.) Abg. Girtler (Oberländische Ung. Partei) brachte Argumente für die Rassentheorie vor und behauptete, die Juden in Oberungarn hätten unter cechischer Herrschaft das Ungartum im Stich gelassen. Die Juden hätten bei der Mobilisierung im vergangenen Herbst 100 Millionen Tschecho-Kronen für die cechische Arme gespendet. Modifizierungen der Judenvorlage. Das Präsidialbüro des Abgeordnetenhauses veröffentlichte die Abänderungsanträge zum Text des II. Judengesetzesentwurfes. Verschiedene Amendements stellen eine gewisse Lokkerung der Bestimmungen dar, wer als Jude zu betrachten sei. Für die Volljuden ist nur eine Abänderung zum Absatz 1 § 4 von Bedeutung, die besagt, dass nur die gewählten jüdische Seelensorger als Oberhausmitglieder fungieren dürfen. Abgeordnete, Vertreter der Munizipalausschüsse der Komiiate und Städfc können Juden nur dann sein, wenn sie nachweisen können, dass ihre Vorfahren seitdem 31. Dezember 1867 ständig auf dem Gebiete Ungarns gewohnt haben und sie selber in Ungarn geboren wurden. de. Eine kleine interessante Geschichte, allerdings ein Beweis, dass die Schweiz noch immer eine Insel des Glückes und des Friedens sei, denn nur so können wir das edle und humane Vorgehen des Luganer Bürgermeisters verstehen. Ministerpräsident Teleki zur Judenfrage.