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Jüdische Nachrichten · 1939-03-09 · 10 (9.3.1939) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Nachrichten
Volume
9 (1939)
Issue
10 (9.3.1939)
Date
1939-03-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 JUDISCHE NACHRICHTEN 9. März 1939 Palästina zur Entsendung von Vertretern in eine konstitutionelle Versammlung, die eine Regierung zu wählen hätte, welche ihrerseits die Verfassung des zu schaffenden unabhängigen Staates ausarbeiten soll. Zeit für endgültige Lösung ungünstig. Am Freitag, 3. März, nachmittags, fand wieder eine nichtoffizielle Zusammenkunft zwischen mehreren Mitgliedern der jüdischen Delegationen und Kolonienminister Mac Donald u. Unterstaatssekretär Buttler statt. In der mehr als eine Stunde dauernden Aussprache wurde über Möglichkeiten der Wiederaufnahme der offiziellen Verhandlungen debatiert. Die jüdischen Vertretür lehnten es auch diesmal entschieden ab, die britischen Vorschläge als Verhandlungsbasis zu akzeptieren. Für Montag, 6. März, wurde eine nerliche Zusammenkunft vereinbart. Die jüdischen Vertreter erklärten, wie verlautet, u. a., es sei augenblicklich nicht die Zeit für eine endgültige Lösung der Patästinafrage; eine solche Lösung könne nur in einem rvolutionärem Prozess in den nächsten 10 bis 15 Jahren gefunden werden, u. zw. im Rahmen des Mandates. Die Repräsentanten des lischuw beraten über die Schaffung einer einheitlichen Front. Jerusalem. Die augenblicklich in Tel Aviv tagende Konferenz der Repräsentanten des Jischuw befasste sich am Mittwoch, 1. März, eingehend mit der Frage der Schaffung einer alle politischen Parteien und Gruppen, einschliesslich der Agudas JisroeJ u. andere Organisationen umfassenden einheitlichen Repräsentanz des Jischuw. Die mit der Ausarbeitung von diesbezüglichen Vorschlägen betraute Resolutionskommission empfahl der Konferenz u. a., den Waad Leumi durch Koopiierung der Repräsentanten der in ihm nooh nicht vertretenen politischen Gruppen zu erweitern. Des weiteren schlug die Kommission vor, den Waad Leumi zu ermächtigen, 1. einen Generalstreik der jüdischen Bevölkerung zu proklamieren, 2. eine Zählung aller erwachsenen männlichen Juden in Palästina vorzunehmen, 3. an die jüdische Delegation auf der Kondoner Konferenz ein Ermutigungsielegramm zu senden, schliesslich 4. an die Juden in der ganzen Welt eine Proklamation zu erlassen, dass sie angesichts -der__dfm _ Jüdischen Nationalheim drohenden Gefahr nicht verzweifeln sollen. Die Vertreter der Judenstaatspartei unterbreiteten in der Kommission den Vorschlag, dass als Protest gegen die Vorschläge der britischen Regierung die palästinensisch-jüdische Delegation aus London abberufen und Dr. Weizmann und die anderen Mitglieder der Exekutive aufgefordert werden, ihre Demission zu geben. Dieser Vorschlag wurde aber abgelehnt. Warnung der Militärbehörden. Die militärischen Behörden in Jerusalem haben sowohl an die Vertreter der Judea als ruch an die der Araber in Palästina unter Hinweis auf die blutigen Terrorakte der letzten Tage die scharfe Warnung gerichtet, dass die britische Armee in Durchführung der Politik der Regierung jeden Unruheversuch, von welcher Seite er kommen möge, rücksichtslos unterdrücken werde. In den einzelnen Landesdistrikten gingen die Militärbehörden mit ähnlichen Warnungen vor. Der Mililärkommandat des Süddistrikts Colonel Wetherall lud den Tel Aviver Bürgermeister Israel Rokach und den Sekretär der jüdischen Kolonistenvereinigung Ghaim Arje zu sich und erklärte ihnen, wohl verdiene die besonnene Haltung der jüdischen Bevölkerung während der letzten drei Unruhejahre alles Lob, doch würden, falls die Juden diese Haltung aufgeben würden, alle notwendigen Schritte gegen sie un! ^nehmen werden; Ausehreitungen wie die am Montag dürfen sich nicht wiederholen. Bürgermister Rokach betonte in seiner Antwort, dass die Juden Palästinas infolge der Vorschläge der Londoner Regierung zur Lösung der Palästinafrage, und infolge des erneuten blutigen arabischen Terrors sich in einem begre fliehen Erregungszustand befinden. Doch hoffe er, dass jüdischerseits keine Demonstrationen veranstaltet würden. Die Lage der luden in Bukarest. Seit einiger Zeit erscheinen in europäischen und amerikanischen Zeitungen Meldungen aus Bukarest, die besagen, dass die rumänische Regierung ihre Judenpolitik gemildert und dass infolgedessen die allgemeine Lage der Juden in Rumänien eine Wendung zum Besseren genommen habe. Leider rechtfertigen die wirklichen Tatsachen nicht diese optimistische Meinung. So z. B. hat sich — wie aus Bukarest gemeldet wird — die Mitteilung der ausländischen Presse, dass den jüdischen Spiriluosenverkäufern das Recht, Getränke auszuschenken, wiedergegeben wurde, als unrichtig erwiesen. In Bukarest haben lediglich 20 jüdische Weingrosshändler die Erlaubnis erhalten, ihren Handel weiter zu betreiben, dies nur darum, weil sie rumänische Kleinhändler beliefern. Hingegen haben alle anderen 260 jüdischen Schankwirte in Bukarest ihre Existenzgrundlage engüllig verloren; sie wurden gezwungen, ihre Wirtschaften sofort zu schliessen und innerhalb eines Monats zu liquidieren. Von den aus den Kammern ausgestossenen jüdisehen Aerzlen und Ingenieuren wurde lediglich eine kleine Zahl, die man nicht entbehren kann, wieder aufgenommen. 150.000 Staatenlos. Nach jüd. Schätzungen wurde 150.000 rumänischen Juden die Staatsbürgerschaft abgesprochen. Diese haben keine Möglichkeit mehr, ihren Lebensunterhalt zu verdieneil, sie haben weder ein Recht auf Arbeit noch auf Ausübung irgend eines freien Berufes. Der weitaus grösste Teil derselben ist in Rumänien geboren, stammt von in Rumänien geborenen Eltern ab und hat ein unbestreitbares Recht auf die Staatsbürgerschaft. Betrügerische Schüffgesellschaften am Werk. Die infolge dieser Politik fortschreitende Verelendung der Juden in Rumänien führt dazu, dass immer wieder Gruppen von Juden sich in Bewegung setzen, um irgenwohin auszuwandern, ohne aber ein festes Ziel zu haben, da doch die Länder im aligemeinen jüdischen Einwanderern verschlossen bleiben, Betrügerische Schiffsgeseltscliaften nützten die verzweifelte Situation dieser Juden aus, um ihnen für teueres Geld Einreisemöglichkeiten irgendwohin zu versprechen. Zu spät erfahren die Unglücklichen, dass sie geprellt worden sind. Eine grössere Schiffsgesellschaft hat 700 Juden zur Zahlung von je 20.000 Lei veranlasst. Da sie natürlicherweise nicht in der Lage war, die Auswanderungswilligen zn plazieren, gab sie ihnen die eingezahlten Beträge, nach Abzug von 20 Proz. für fiktive Spesen, zurück. Rumänische Juden Amerikas protestieren. Am Sonntag. 26. Februar, fand in New York eine grosse Kundgebung der Union rumänischer Juden in Amerika statt, in der gegen die massenweisen ungerechtfertigten Ausbürgerungen sowie gegen die wirtschaftliche und moralische Diskriminierung der Juden in Rumänien protestiert wurde. Ausbürgerungs-Termin 31. März. Von den 900.000 Juden in Rumänien werden 150.000 bis znm 31. März d. J. ausgebürgert und „staatenlos" sein; die rumänische Regierung betreibt eine planvolle Politik, um diese Elemente zur Auswanderung zu bringen. Es wird ihnen, unbeschadet der bestehenden Devisenbestimmungen, erlaubt sein, ihr Kapital und sonstige Vermögen in das Einwanderungsland zu transferieren. Den im Lande verbleibenden 750.000 rumänischen Juden wird eine „liberale" Behandlung zuteil werden, wenn sie auch in die „Nationale Front der Wiedergeburt", der einzigen bestehenden Partei, nicht aufgenommen werden. Die Regierung hält dafür, dass es in Rumänien einen Antisemitismus nicht mehr gibt; eine jüdische Frage aber besteht, und sie wird der Regierung in legaler und durchdachter Weise gelöst werden. Unter keinen Umständen wird Gewalt gegen die Juden wie in den Tagen des Goga-Cuza-Regimcs angewendet werden. Einzelspenden für Auswanderung nicht gestattet. Der Arbeitsminister hat eine Warnung an die Juden erlassen, keinerlei Spenden an Einzelpersonen oder Organisationen zugunsten der Auswanderung zu geben; die Warnung wird so verstanden, dass demnächst eine von der Regierung autorisierte zentrale Körperschaft zur Koordinierung der gesamten Judenauswanderungstättgkeit gsschaffen werden soll. »Jüd. Ghetto-Parlament" erwogen. Die Juden werden also weder zum Parlament wählen noch im Parlflmeni vertreten sein_ können; als Ersatz für die politischen Rechte, derer sie beraubt werden, plane die Regierung die Schaffung einer Art Vertretungskörperschaft speziell für die Juden zur Merwaltung rein jüdischen Angelegenheiten. Diese Vertretungskörperschaft wird die Judenschafl des Landes gegenüber der Regierung und den Behörden repräsentieren. Ob die Juden den Vorschlag der Regierung auf Schaffung einer speziellen jüdischen Vertretungskörperschaft akzeptieren werden, ist fraglich. — Die Hicem zugunsten der österreichischen Juden. Die Presse hat über die Drangsal von 86 österreichischen Emigranten berichtet welche am Bord des ßackbotes „Caribia" von einem Land in das andere geschickt werden. Die Leitung der Hicem hat soeben die Mitteilung erhalten, dass dank den Intervencionen ihres Repräsentanten in Venezuela die Behörden dieses Landes die Ausbootung dieser Unglücklichen erlaubt und ihnen das Recht zu endgültigem Aufenthalt gewährt haben. — Flüchtlingschiffe irren auf dem Meere umher. Die von der Red Star Bine in Hamburg ausgegebene Nachricht, dass es dem Kapitän der *Königstein" gelungen sei, die Passagiere der „Königstein" zur Landung zu bringen, hat sich als unrichtig herausgestellt; die Passagiere befinden sich noch immer an Bord des Packbootes. Wie der „Pariser Tageszeitung" mitgeteilt wird, hat die Verwaltung der Red Star Lininie dem Kapitän der „Königstein" durch Radioielegramm die Weisung gegeben, nach La Guaira zu fahren; wenn auch dort eine Landung nicht erlaubt werden sollte, soll die Rückfahrt nach Hamburg angetrete werden. 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