Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 9 (2.3.1939)
- Date
- 1939-03-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 JÜDISCHE NACHRICHTEN 2. Mäiz 1939. Amtsgerichts aufgehoben und erklärt, der Name Esther könne nicht als bereits .eingedeutscht" empfunden werden» Der Pfarrer appellierte schliesslich an das Kammergericht als höchste Instanz. Aus der Entscheidung des Kammergerichts seien die folgenden Sätze festgehalten : »Es ist gerichtsbekannt und bedarf keiner weiteren Ausführung, dass der Name Ester babylonisch-persischen, demnach arischen Ursprungs ist. Wenn aber jetzt einem deutschen Mädchen ein derartige Vorname beigelegt werden soll, kommt es nich auf den sprachwissenschaftlichen Uisprung dieses Namens an, sondern vielmehr entscheidend darauf, wer die erste Trägerin dieses Namens gewesen ist, welche geschichtliche Bedeutung ihr zukommt, vor allem, ob und welche Bedeutung sie gerade für das Deutschtum gewonnen hat. Die geschichtliche Trägerin des Namens Esther ist eine Frau, von der das Buch „Esther" im Alten Testament handelt. Hiernach war Esther eine Vollblutjüdin die ursprünglich den jüdischen Namen Hadassa führte (Buch Esther, Kap. 2. 5, 7). Die Hadassa wurde unter dem arischen Namen Esther sowie unter bewusster Verschweigung ihrer jüdischen Herkunft durch ihren jüdischen Verwandten und Pflegevater Mordechai an den königlichen Hof in Susan in Persien fgebracht und dem König Ahasveros zugeführt. Es gelang ihr, durch ihre körperlichen Reize die des willensschwachen und sinnlichen Königs zu erringen und schliesslich Königin zu werden. Unter ständiger Beratung durch Mordechai wusste sie den König zu bestimmen, dass er seinen ersten Ratgeber und Minister, den Arier Haman, — der die gefährliche Wühlarbeit des Judentums im persischen Reiche erkannt hatte und deshalb zur Rettung des Staates energisch dagegen einschreiten wollte, — entfernte und hinrichten liess und an seiner Statt den Juden Mordechai in diese Stellung einsetzte. Eine solche Persönlichkeit wie Esther, die eine derartige geschichtliche Rolle gespielt hat, und zwar nicht durch ein offenes und klares Handeln, sondern durch List, Täuschung und Missbrauch ihrer körperlichen Reize sowie ihrer Stellung, eine solche verbrecherische Person jüdischer Rasse kann den deutschen Frauen unserer Zeit nichts bedeuten unsterslützen und zu erhalten und er wies ihre demütig gestellte Bitte mit Hohn zurück, und trieb diesen so weit, sie zu fragen, ob sie ihm nicht ihre Kramstelle, die ihr jetzt doch überflüssig geworden, zur notwendig gewordenen Vergrösserung seines Geschäftes überlassen wollte. Die wackere Frau schränkte ihre und ihrer Famtlie Bedürfnisse auf das Aeusserste ein. Als das kleine Sümmchen, der Rest des Erlöses für die Silbergeräte, aufgezehrt war, verkaufte sie alle überflüssigen Kleidungstücke, endlich ihre Feiertags-Goldhaube, versetzte ihres Mannez Leichengewänder und seidenen Gebetmantel, entließ ihr Ladenmädchen, ihren Dienstboten, sie arbeitete wie eine Magd, die Rationen wurden bei jedem Mittagmahle kleiner, die Jause ward mit dem Abendbrot in eine Mahlzeit verschmolzen und diese auf ein Minimum reduciert. Es begann an Brennholz zu mangeln, man zündete die dünne Talgkerze Abends so spät, als möglich an, und an einem Winterabend, der sich vor den andern dadurch unangenehm auszeichnetete, daß gar kein Holz im Ofen lag, gar nichts zu essen auf dem Tische stand und, als Vetter Kalmen in das Kästchen, das früher den Kerzenvorrat enthalten hatte, hineinblickte, sah, dass, wenn die Kerze im Leuchter ganz heruntergebrannt sein würde, sie durch keine zweite ersetzt werden könnte, proponierte er das Licht auszulöschen, man könnte, meinte er, im Dunkeln viel hübscher seinen Gedanken nachhängen. Kele folgte seinem Rate, legte die Kinder die vor Kälte und Hunger weinten, ins Bett, und löschte die Kerze aus. „Was nützt das Schweigen?" begann diese endlich im Dunkeln, „es muss ja doch und kann vor allem nicht als eine Persönlichkeit angesehen werden, nach der deutsche Eltern ihrer Töchter den Namen geben ..." Die Lage der Danziger Juden. Warschau. Aus Danzig treffen in den letzten Tagen erschütternde Nachrichten über das Schicksal der Juden in der Freien Stadt ein. Die Nachrichten lassen sich in folgendem zusammenfassen : Die Tragödie der in Danzig noch lebenden 5000 Juden isi in eine neue Phase getreten. Der Danziger Senat hat beschlossen, die Juden zu Zwangsarbeit zu pressen, sie sollen beim Bau einer Autostrasse zwischen Danzig und Ostpreussen und zu anderen Schwerarbeiten verwendet werden. Zu diesem Zweck werden sie, zusammen mit ihren Frauen und Kindern und den sonstigen nicht arbeitsfähigen Familienmitgliedern in Konzentrationslagern längs der Wegebaustrecken interniert werden, Noch ist nicht bekannt, ob alle Danziger Juden auf einmal und sofort interniert werden sollen, oder ob dieser Prozess in Einzelstadien vor sich gehen wird. Diese Neuorientierung der Judenpolitik der Danziger Regierung scheint darauf zurückzuführen zu sein, dass das frühere Projekt der Regierung sämtliche Juden der Freien Stadt innerhalb einer kurz bemessenen Frist nach einem unbekannten Bestimmungsort zu schicken, sich als undurchführbar erwiesen hat und fallengelassen werden musste. — Protest und Beschwerde der Prager isr. Kultusgemeinde gegen die Verhinderung der rituellen Schlachtung. Die Prager Isr. Kultusgemeinde hat beim Stadtrat gegen den Beschlnss der Verwaltung der Prager Schlachthäuser, den jüdischen Schlachtmeistern den Zutritt zu ihren Arbeitsstätten zu verwehren, Beschwerde erhoben. Sollte der Stadtrat sich als unzuständig erklären, wird die Kultusgemeinde ihre Beschwerde beim Landesrat einreichen. Ausserdem hat sich die Kultusgemeinde an die breitere Oeffentlichkeit mit einem Potest gegen die Verfügung gewandt. geredet werden . ■ . Reb Hirsch, hast du noch die Kasse von Mnachme Awelim bei dir?" „Ja" entgegnete dieser bedrückt, „warum fragst du?" „Weil du sie morgen den andern Gaboim übergeben musst." War. . . Warum?" wollte Hirsch nur aus Verlegenheit, nicht um eine Antwort zu erhalten, fragen, aber er brachte die kurze Frage nicht zu Ende. „Weil ein armer Mann, der nit Geld auf Brot und Holz für seinen unschuldigen, hungernden, frierenden Kinder hat, nit fremdes Geld im Hause haben darf. . . Das siehst du ja ein, nicht wahr Hirschleben? Du bist ja ein braver, ehrlicher Mann!" Der ruhige, milde Ton, mit dem seine Frau sprach, zerriß seine Seele, er konnte vor Bewegung nicht antworten. Da es stockfinster im Zimmer war, konnte Kele nicht erkännen, ob ihr Gatte mit ihr übereinstimme und sie fuhr etwas dringender fort: „Hirsch, mein lieber Mann, dass wir ins Unglück gekommen sind, dafür können wir nit, aber wenn wir, G-tt behüte! unehrlich würden, wenn du dich an fremdem Gelde vergreifen möchtest, um Brod für deine Kinder zu kau . . ." Kele mußte doch abbrechen, es war hart, sehr hart, — das was sie sprach und was sie dachte. „Dafür können wir nit!" schrie Hirsch plötzlich schluchzend auf, „wer anders hat dich und unsere armen, lieben, schönen, unschuldigen Kinden unglücklich gemacht, als ich dummer, unseliger Mensch!" und dabei schlug er an seine Brusst, dass es nur so dröhnte. „Hätie ich dir gefolgt und wär' zu Haus' geblieben, wir hätten ein Jahr von Baa- KORRESPONDENZEN. N. B. Nitra. Nicaragua. Auf Ihre w. Anfrage, welche Einwanderungsmöglichkeiten nach Nicaragua bestehen, wollen wir Ihnen zunächst mitteilen, dass die Einreisebewilligung nach Nicaragua nur von der Regierung selbst erteilt wird. Die diesbezüglichen Gesuche leitet die Gesandschaft von Nicaragua in London II, Qeen Victoria Street, an die zuständigen Behörden weiter. Die Einwanderungsbedingungen sind verhältnismässig günstig. Nach Nicaragua können sowohl Kapitalisten wie auch Minderbemittelte die Einreisebewilligung erhalten. Als Landungsgeld wird ein Betrag von hundert Dollar verlangt. Einreisen dürfen ohne besondere Schwierigkeiten Landwirte und solche Personen die eine Industrie zu errichten die Absicht haben. S. N. Topolcany. Betr. Kinderaktion nach England. Diese aktion wird gegenwärtig durch die „Hicem" Bratislava, Venturskä 3 in die Wege geleitet. In erster Reihe kommen deutsche österreichische polnische und staatenlose Kinder in Frage. Selbstredend wird darauf geachtet, dass Kinder religiöser Eltern nur in streng religiöser Häuser untergebracht werden. Auf alle Fälle ist es auch ratsam, dass die Eltern, nachdem die Aufnahme ihrer Kinder bestätigt wird, die Information über die betref. jüd. Häuser bei der „Agudas Jisroel" in London einholen. L. B. Chust. Betr. Auswandererpässe. Ein Visum gilt immer nur für einen einzigen Paß. Wenn ein Ehepaar auswandert und zwei Pässe hat, muss in jedem dieser Pässe ein Visum eingetragen werden. Hat das Familien überhaupt jedoch einen Familienpass dann fahren Frau und Kind mit seinem Pass und auf seinen Visum. G. L. Michalovce. Ecuador. W ie wir erfahren wurde in Mähr. Ostrau ein vorbereitender Ausschuss zwecks Auswanderung nach Ecuador gegründet. An der Spitze der Aktion stehen die Herrn Süsser und Dr. Spira. Beabsichtigt ist, die Zusammenstellung eines Kollektives, dem sowohl Landwirte wie auch die Vertreter industrieller Gruppen angehören werden. Die Adresse des Komitees : Mor. Ostrava, Strelnicna 17. rem gelebt, aber wir hätten den grössten Teil unseres Vermögens erhalten . . . Du hast Recht morgen geh' ich zu dem braven Reb Schmül Taußig, der mein Mitgabbe is, und geb' ihm die neunundfünfzig Gulden und sechsundreißig Kreuzer, die bai mir liegen, ich hab schon gestern zu ihm gehen wollen, — aber ich hab* mich geschämt!" „Das ist ja keine Schande, wenn du das Geld ehrlich ablieferst," beruhigte Kele. „Und dann," fuhr Hirsch kleinlaut fort, „Reb Schmül wohnt in der Fleischbank, und gestern war der Kazew da . . . er möchte gerne sein Geld haben . ., ich hab' dir's nit gesagt, Kele mein Kind! Warum soll ich dir dein armes Herz noch schwerer machen als es ohnehin schon ist, zahlen kannst du ihm ja jetzt so nit ..." Der Kazew ist schon bezahlt!" rief jetzt im Dunkeln aus der andern Zimmerecke der Vetter. „Wie so?" frug Kele erstaunt. „Ich hab' ihn bezahlt, — ich hab' doch auch von dem Fleisch gegessen — oder nit? Habt ihr mich durch die Jahr, was ich müßig bei euch im Haus herumschlendere, etwa hungern lassen?" Bresnitz erhod sich und wollte, das konnte man auch im Dunkeln an dem Aufschlagen seiner Krücke erkennen, dem weitern Verlaufe des Gespreches ausweichen und in sein Zimmer gehen, aber Kele zweifelte, das erstemal in ihrem Leben, an der Richtigkeit seiner Aufgaben. „Vetter" sagte sie und bemühte sieh durch Weichheit des Tones das Verletzende zu mildern, „du hast ja kein Geld — wie hast du den Fleischhauer bezahlen können?" (Fortsetzung folgt.)