Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 9 (2.3.1939)
- Date
- 1939-03-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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2. März 1939 JUDISCHE NACHRICHTEN 5 Was haben wir und was Die Bibel, ihr Geist und ihre Sprache haben auf das kulturelle Leben Englands ein viel grösseren Einfluss ausgeübt, als es der Allgemeinheit bekannt sein dürfte. Sie hat auch auf dessen politische Institution, welche den Stolz dieses Landes bilden, förderend eingewirkt. So wie die anderen grossen Völker der Gegenwart, sind auch die Engländer von den Errungenschaften der Römer, Griechen und Juden inspiriert wordrn. Den Griechen verdanken die Engländer die Pflege der Wissenschaften und den Sinn für schöne Künste, die Römer haben ihnen das Verständnis für Recht gegeben und die Juden haben durch die Bibel, durch diesen Urquell aller Weisheiten, die englische Moral geschaffen. Es ist zwar wahr, dass auch die übrigen Länder, in welchen die Reformation festen Fuss gefasst hatte, grosse Bibelkundige und sogar Talmudforscher hervorgebracht haben; aber nirgends ist die Bibel so zum Hausbuch geworden, wie gerade in England. Sie ist da ebenso von Arbeitern und Kaufleuten, wie von Forschern und Gelehrten gelesen worden und hat den Grundstein zur englische Mentalität von der geistigen und politischen Freiheit des Individiums gelegt. Es herrscht kein Zweifel darüber, dass auch die englische Literatur von den erhabenen Gedanken der Tora befruchtet wurde. Politische Grössen, — wie zum Beispiel Kromwell — pflegten sich immer zu rühmen, dass sie durch das Studium der Heiligen-Schrift Mut zur Durchführung ihrer kühnen Pläne schöpfen. Die politische und konfessionelle Freiheit hat es wieder andererseits den Juden ermöglicht, sich in Engtand emporzuarbeiten, ihre Energie und ihr Talent in den Dienst der englischen Nation zu stellen. Die Leistungen der Familie Rothschild auf wirtschaftlichem Gebiete und die Erfolge des weisen Staatmannes Disraeli auf politisch-strategischem Gebiete, beweisen zur Genüge, wie sehr die Juden zur kulturellen Hebung wie auch zur Vergrösserung des politischen Machteinflusses des englischen Imperiums, beitrugen. Undankbar wären wir, wollten wir nicht zugeben, dass auch das jü- England gegeben wir fordern! dische Volk Gegendienste von den Engländern erhielt. Als es ihm vorigen Jahrhundert unter der Terrorherrschaft des Zaren in Russland zu unmenschlichen Ausschreitungen gegen die Juden kam, war es eben dieses Inselvolk, welches im Namen der Menschlichkeit und Humaität das Gewissen der Welt aufrüttelte und die ganze zivilisierte Welt zu einem gewaltigen Protest bewog. Auch heute bemerken wir, dass sich England der Rechte der konfessionellen und nationalen Minderheiten — wenn auch nicht immer mit Erfolg — annimmt. Dieses einflussreiche und mächtige Volk war es auch, welches am 2. November 1917 den Juden gegenüber, durch die Balfour-Deklaration, Verpflichtungen übernommen hatte, auf dern 100 Proc. Einhaltung das jüdische Volk mit Recht beharrt. In dieser Deklaration ist uns bekanntlich versichert worden, dass England uns gestatten werde, eine Nationale- Heimstätte in Palästina zu errichten und ist es eben dasselbe England, welches uns seine moralische und materielle Unterstützung zum Aufbau dieses Lnndes in Aussicht gestellt hatte. Seit dieser Zeit ist aber leider Vieles in Palästina geschehen, das nicht zum Ruhme der Engländer gereicht. Wir wollen keine geschichtlichen Reminiscenzen anführen, es wird genügen die letzten drei Jahre des Araberterrors in Palästina und das laxe Vorgehen Englands zu diesen Ausschreitungen zu erwähnen. Wir wollen auch nicht stillschweigend über die derzeitige Round-Table-Konferenz hinweggehen. England macht Anstrengungen die jüd.-arabischen Gegensätze zu lindern; wenn wir auch zugeben wollen, dass es England sehr auf die Gunst der Araber ankommt, können wir trotzdem keine Einschränkung der uns zugesicherten Rechte mit ruhigem Gemüte hinnehmen. Erez Jisroel ist heute das einzige Land, welches uns moralische Kralft verleiht alles Leid der Gegenwart zu überwinden. Wenn wir noch heute die Kraft aufbringen, den jetztigen Schicksalsschlägen zu trotzen, so geschieht dies nur deswegen, weil wir einerseits unser G-ttvertrauen nicht verloren und andererseits noch immer an die Gerechtigkeit der humanen und zivillisierten Völker vertrauen, die unser, durch Tradition begründetes Anrecht auf Erez Jisroel anerkennen müssen. Erez Jisroel ist das einzige Land, in welchem sich der Jude vollkommen im Sinne der Thora ausleben kann, in welchem die sozialen und gesellschaftlichen Gesetze der Thora respektiert werden können. Noch Jahrhunderte vor dem Lintstehen des Zionismus war Erez Jisroel das einzige Auswanderungsland für thoratreue Juden, die wenigstens ihre letzten Jahre mit dem Thorastudium in Erez Jisroel zu verleben pflegten. Wir wollen hoffen, dass das englische Volk, welches Ehrfurcht vor Religion und Tradition hat, uns den moralischen Todesstreich nicht versetzen werde und die jüdische Einwanderung nach Erez Jisroel nicht beinträchligen werde. Wir appelieren an das Gewissen der Welt — wenn es soetwas noch heute gibt — und geben uns dem Glauben hin, dass der Sakro Egoismus der Engländer, sie bei ihren entschlüssen, was Palästina anbelangt nicht blenden wird und, dass sie einen gerechten und friedlichen Weg zur Beilegung des jüd.-arabischen Konfliktes finden werden. Die Persönlichkeit Esther's in der „Juristischen Wochenschrift". Die „Juristische Wochenschrift", Leipzig hat ein Urteil des Kammergerichts zu Berlin veröffentlicht, wonach dieses höchste Preussische Gericht einem Pfarrer verboten hat, seiner Tochter den Vornamen Esther zu geben. Der Standesbeamte hatte es abgelehnt, diesen Vornamen in das Geburtenbuch einzutragen, „weil es sich um einen typisch jüdischen Vornamen handelt". Gegen diese Entscheidung hatte der Pfarrer beim Amtsgericht Beschwerde eingelegt, worauf dieses Gericht den Standesbeamten anhielt, den Vornamen Esther in das Geburtenbuch einzutragen, und zwar mit der Begründung, „es handele sich nicht um einen speziell jüdischen Vornamen, sondern um einen Namen babylonischen Ursprungs". Auf die von dem Oberbürgermeister der betreffenden Stadt erhobene Beschwerde hat das Landgericht die Entscheidung des Durch Trauer zum Gluck. Erzählung aus dem 18« Jahrhundert. — Von S. Kohn, — 9 Von andern Glaubensgenossen im Geschäfte unterstüzt zu werden, war schon aus dem Grunde unmöglich, weil die meisten selbst schwer mit dem Leben zu ringen hatten — und die wenigen Reichen auch beim besten Willen nicht imstande waren die grosse Masse zu Grunde gehender Handelsleute in irgend einer Weise als solche zu erhalten. Kredit gab es zu jener Zeit fast keinem, die preeären, schwankenden Verhältnisse der Juden, die erst vor kurzem ohne erweisliches Recht aus ihren Wohnstätten vertrieben worden waren und über deren Haupt noch immer das Damoklesschwert schwebte, machten diesen schwer erhältlich, — und ohne Vermögen gab es daher kein Handel, keinen Erwerb, — und die Lage der ehrliebenden, an einen bescheidenen Wohlstand, an eine sorgenfreie Existenz gewöhnten Familie Lucka war in einem Momente eine trostlose, eine schreckliche geworden, die Armut hatte sie, um mit dem weisen König Salomo zu sprechen, „wie ein gewaffneter Mann" überfalfen 1 Die Grundverschiedenheit jener Zeit von der Gegenwart kann nicht genug betont werden. Diese ist in ihren Verhältnissen elastischer, beweglicher. Leicht verarmen können, — das war zu allen Zeiten möglich, aber die Tätigkeit der Menschen ist jetzt bei weitem erfolgreicher. Es gibt in der Neuzeit tausend Mittel sich durch Fleiß, Arbeit, Wissen, Fähigkeit wieder emporzuringen, — damals fehlten alle diese, ja nicht einmal die törichte Hoffnung eines großen Lotteriegewinnes, die sich jetzt der Besitzer einer üppigen Phantasie mit wenigen Gulden durch eine Loospromesse verschaffen kann, war damals unbekannt, da es grosse Verlosungen gar nicht gab, und das Zahlenlotto zwar 1752 in Wien eingeführt worden, aber in den Kronländern noch nicht gekannt war. Das schwere Unglück der Familie Lucka schien dieser noch dadurch verschärft, dass sie in ungewöhnlichster, ja in lächerlichster Weise verarmt war. Wenn jemand ohne sein Verschulden, etwa durch einen Brand, durch eine Ueberschwemmung, durch den Krieg um sein Vermögen kommt, erscheint dies tragisch, das Unglück erscheint in würdiger Gestalt, der auf diese Weise hart Betroffene findet Mitleid, Teilnahme, Entgegenkommen, und das bietet einen großen Trost, — aber die Lucka's waren nicht durch ein Elementarereignis, nicht durch eine allgemeine Handelskrise, nicht durch ein allgemeines Unglück, nicht einmal durch einen der in der Gesellschaftswelt häufig vorkommenden Unfälle, durch Verluste bei insolventen Schuldnern, oder plötzlichen Preisrückgang der Waren, — sie waren nur durch die bodenlose Dummheit Hirsch Lucka's in völlig beispielloser Weise zu Grunde gegangen, ihr Unglück konnte bei boshaften Menschen noch Spott und Hohn herausfordern, und Feiwel Oppermann, Kele Luckas Nachbar und Konkurrent, der sich durch etwas Geist und noch weit mehr Bosheit auzseichnete, hatte für Kele Luckas Unglück ein beißendes Witz wort: „Sie hat sich immer für klüger gehalten als ich," sagte er, „ich laß mir aber nicht gerne etwas weiß machen, — sie aber liesse sich gerne alles weiß machen 1" Es waren Tage bittern Elends, die jetzt für die ehrliebenden Leute Folgten. Hirsch ging in düsterem Schweigen wie ein Gespenst in seinem Hause herum, er schämte sich auf die Gasse zu gehen, es schien ihm als ob aller Blicke, noch höhnischer als bedauernd, an ihm hingen, — aber su Hause fühlte er sich noch unbehaglicher. Zu spät sah er ein, wie recht seine brave, kluge Frau gehabt hatte, als sie in seine kaufmännischen Fähigkeiten kein Vertrauen setzte, — er wagte vor ihr und dem Vetter nicht das Auge zu erheben, tausendmal des Tages wäre er vor Scham in die Erde gesunken, am allerliebsten wäre er gestorben! Kele Lucka war ein starkgeistiges Weib, eine redliche Frau, eine treue Gattin. Vor allem zahlte sie die fünfzig Gulden, die sich ihr Mann von dem Lederhändler Zoref ausgeborgt hatte, und da sie keine Freundin von halben Maßregeln war, verkaufte sie sofort ihre Silbergeräte, die sie, wenn sie sie verpfändet hätte, auszulösen keine Aussicht hatte. Von dem Reste des Erlöses zahlte sie die Hausmiete und bestritt, da ihr aus den unverkäuflichen Warenvorräten keine Geldeingänge einfliessen konnten, auch die Auslagen des Haushaltes damit. Sie ging täglich, da sie sehr wohl wußte, dass sie nichts zu verkaufen habe, schwer betrübt auf ihre Kramstelle hinaus. — Zuerst hatten sich ihre Käuferinnen eingestellt, aber da sie ihnen keine Waren vorzulegen hatte, verloren sie sich nach und nach. Sie hatte den vergeblichen Versuch gemacht, bei ihrem Konkurrenten Oppermann Waren aus zweiter Hand zu kaufen, sie hätte sich mtt dem allergeringsten Gewinn begnügt, nur um etwas zu verdienen, um nicht alle Käufer zu verlieren, endlich um nicht den ganzen Tag untätig und müssig auf der Kramstelle sitzen zu müssen, aber Filipp Oppermann fühlte nicht den Beruf in sich, eine sinkende Konkurrentin zu