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Jüdische Nachrichten · 1939-03-02 · 9 (2.3.1939) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Nachrichten
Volume
9 (1939)
Issue
9 (2.3.1939)
Date
1939-03-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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JUDISCHE NACHRICHTEN 2. März 1939 Eine Universalgenie. — Humoreske — Ihr fragt mich, was ich kann? Seltsame Frage. Fraget lieber, was ich nicht kann. Eigentlich bin ich Melamed von Beruf. Schon seit lange her, seitdem mein Schwiegervater, er sei nicht zum Guten genannt, meine Mitgift verlor und mir noch obendrein die ausgemachte Freikost aufkündigte. Damals wurde ich Melamed, das heißt, ich beschioss, mich selbständig zu machen und eine Chederschule zu eröffnen. „Du und ein Gheder?" söhnte meine Frau Ghana Deborah, die mich für einen ausgemachten Schlemihl hält. Also hatte ich einen Gheder, in dem alles zu haben war. Ich habe auch lange genug die Bank im Beshamidrasch gedrückt. In meinem Cheder konnte sich jeder nach Wunsch bedienen. Wollte jemand Gemoro, hier Gemore! Ghumisch mit Raschi? Warum auch nicht? Ein Anderer will gar Hebräisch mit Gramatik, Lesen und Schreiben in allen siebzig Sprachen. Ich sage immer ja. Nur Mut, anpacken! Es wird schon gehen. Da tauchte aber plötzlich wie aus der finsteren Nacht ein „Herr Lehrer" im Städchen auf, brachte ein Ding mit, das er „Methode" nannte, und alles im Städchen sprach auf einmal von dem „Herrn Lehrer" und seiner „Methode". „Hebräisch in Hebräisch", „Ibrit be Ibrit!" Er hatte ein glates Gesicht, eine Brille und einen kurzen Rock an, das machte Eindruck. Er sprach Hebräisch in einer Aussprache wie ein Karaite oder Türke. Ich laufe zu den Eltern und schlage Lärm : „Was wollt ihr, verbohrte Köpfe, mit der „Methode?" Wollt ihr, dass „nach hundert Jahren" eure Kinder auf türkisch für euch sagen : „Jithgadol we jithkadesch schmeh rabba?" Wer wird das oben verstehen? „Laßt doch eure Kinder lieber einen Perek Mischnajos lernen!" Sie lachen mich aus. Einige geben mir sogar recht, -aber was habe ich von dieser Zustimmung? Mein Cheder wird leer, wie ein Nest, aus dem die Vögel ausgeflogen sind. Nun muss es nicht gerade Melamed sein. Ich bin auch ein wenig Chasen, in der Schneiderklaus nämlich. Leicht ist es nicht, mit den Schneidern auszukommen. Sie wollen rasch fertig sein, und so entsteht mitten in meinen schönsten Gesängen ein Schreien und Klappen mit den Pultdeckeln, dass ich ganz aus der Melodie komme. So wollte ich ihnen doch eine Lektion erteilen und fuhr zu den hohen Feiertagen in ein nahe gelegenes Dorf, um dort vorzubeten. Viel kann dabei nicht heraus. Versprochen haben sie mir im Dorf viel weniger als in der Schneiderklaus, und gezahlt haben sie noch weniger. Aber die Schneider haben doch einmal gesehen, dass es ohne mich noch viel schlechter gehe, das genügte mir. . . Ich bin auch Baal Tokea. Den ganzen Monat Elul blase ich mich ein, dass von morgens bis abends die Stimme der Posaune in der Nachbarschaft nicht zum schweigen kommt. Viele kommen zu mir, um die Kunst des Schofarblasens zu erlernen. Nur am Rauschhaschoselbst, wenn ich auf dem Allmemor stehe, bringe ich keinen Ton heraus, als hätte sich Satan darinnen festgesetzt. Ich schwitze Blut, ich seutze, ich atme tief und blase mit aller Lungenkraft, der Vorsajjer weint: „Tekioh, Tekioh 1" und wieder „Tekioh!" und derSchofar wie zugetroffen, als hätten sich alle Geister gegen mich verschworen. Ich werde blau und weiss und rot und wieder weiss, und öffnete sich eine Grube vor mir, ich würde vor Scham und Schmerz hinabsteigen. Endlich gibt es Tekioh — nachdem mir ein anderer den Schofar aus der Hand gerissen hat. . . Ausserdem bin ich noch Sofer. Ich binde einen Tefillinknoten und kann auch einen Get unterschreiben. Zu Hause schreibe ich ganze Bogen voll, und alles bewundert meine Kunst. Kaum bin ich aber im Rabbinerhaus und soll einen Get unterscheiben, da zittern mir die Hände wie im Schüttelfroste. Die Unterschrift ist fehlerhaft, der Get Ist unbrauchbar, der Rabbiner ist ausser sich vor Zorn. Alle Arbeit umsonst. . . Es hat sich sogar schon ereignet, dass durch mein unglückliches Benehmen ein Ehepaar „ungeschieden" davon ging und sich wieder geeinigt hat. . . Abgesehen von all dem bin ich Schochet, dass heisst nicht von Beruf und das ganze Jahr über, nur aushilfsweise vor Jomkippur, da die beiden Schächter für die Kaporaus nicht ausreichen. Leider geriet ich mit den Schächtern in einen Streit und mache seitdem nicht mehr mit. Das ging so zu : Ich bin nämlich ein Mensch, der es nicht liebt, sich zu übereilen. Langsam, gemach. Aber die Schächter schreien mich an, ich sollte mich beeilen. Da beeilte ich mich und machte zwölf Hühner nacheinander trefe. Nun bricht ein ohrenbetäubendes Geschrei aus. Dazwischen schimpfen die Schächter und Gassenjungen lachen. Da werde ich ganz verwirrt und statt das Schächtmesser mit der Rückenseite in den Mund zu tun und das geschächlete Huhn hinzuwerfen, stecke ich das Huhn mit der Kopfseite in den Mund und werfe das Messer weit von mir, dass es in Stücke zerbricht. Dass sich nicht die erregte Menge wütend auf mich warf, um mich in Sticke zu reissen, halte ich nur dem Umstände zu verdanken, dass ich von oben bis unten stark blutete. Das Blut strömte mir aus Hals und Mund. . . Zum Glück rührte das Blut, ich wusste es erst selber nicht, vom geschächteten Huhne her, das ich in den Mund getan hatte. G-tt verlässt seine Gerechten nicht. Aber mit dem Aushilfsdienst bei den Scbächtern war es für immer aus, obwohl sie ein über das andermal beteuerten, „sie bräuchten mich auf Kaporaus. ." Nun hätte ich beinahe vergessen zu erzählen, dass ich schliesslich auch noch Schadehen bin. In Wahrheit gesagt, habe ich noch keine Partie zusammengebracht, dass heisst, einmal ja, aber das Pa r liess sich schon nach einigen Wochen scheiden, bevor ich meine Provision erhielt. Leider habe ich wenig Glück. Ich stosse entweder auf Mädchen, denen kein Schadehen in der Welt mehr helfen kann, oder auf solche, die keinen Schadehen brauchen. Einmal hätte ich schon um ein Haar etwas Rechtes zusammengebracht. Er wollte nicht, sie wollte nicht. Da schrieb ich ihm meine richtige Meinung, dass er nichts sei und nichts hätte und froh sein sollte, dass ihn überhaupt noch ein Mädchen anschaue. Und auch ihr schrieb ich, worauf sie sich eigentlich so einbilde, ob sie nicht wisse, wie alt und häßlich sie sei und noch obendrein nichts besitze als ihe böses Mundwerk. Da fügte es ein unglückliches Zusammentreffen, dass ich die beiden Briefe verwechselte, er den Brief erhielt, der für sie bestimmt war und umgekehrt sie den für ihn bestimmte. Nun erfuhr jeder Teil genau, wie der andere war und aussah, und damit war die Sache wieder aus. Aber es ist nicht das, was ich erzählen wollte. Ich wollte mich euch nur vorstellen, dass ihr wisst, dass nicht irgendwer vor euch steht, sondern ein Mensch von vielseitigen Talenten. Für Parnoso reicht es zwar nicht hin. Aber man lebt sich so durch, macht „Schabbos" und zieht neun Kinder gross, sollen alle leben und gesund sein. . ." Mein Frau behauptet zwar, ich sei ein ausgemachter Schlemihl. Aber man muss nicht alles glauben, was Frauen sagen. . ." Purim... Die unvergleichliche Beliebtheit des Purimfestes ist in seiner ewigen Aktualität, in seiner Allgegenwartsbedeutung begründet. Die Megillah ist nicht allein die Rolle, aus der die Esthergeschichte verlesen wird, sondern auch Bezeichnung für das Geschehen, das sich durch die Jahrhunderte vor uns abrollt. Die Esthergeschichte ist die Geschichte des Galuth, mithin die Geschichte eines Jeden, die Geschichte seines Sehicksals, seiner Furcht und seiner Hoffnung, eine Botschaft der Gefahr und Erlösung, die durch die ewige Wiederholung an Interesse nur gewinnt. Die anderen Feste strömen mehr Weihe und Heiligkeit aus, als der halbwegs werktätige Purim. Vielleicht aber gerade darum ist ihr Verhältnis zu unserem eigenen Ich weniger intim. Sie repräsent1 °ren Vergangenheitswert und Zukunftsgut. Es trocknen sich uns heute keine Meere, um uns an ein besseres Ufer hinüberzuführen, es erzittern keine Berge mehr in den Schauern der Offenbarung, denn das Sinaierleben war einmalig. Keine schützende Wolke läßt sich mehr sichtbar hernieder, um uns durch Wüsten und Oeden zu geleiten. Purim ist aber unser Tag im Galuth, demgegenüber wir keine respektvolle Distanz zu wahren brauchen — weil wir ihn einfach leben und lieben. Freilich ist auch der Gegenwartswert des Purim nicht für alle Zeiten und Zonen einheitlich. Es Hesse sich wohl auch vom „Purim im Wandel der Zeiten" sprechen, zumal jede Zeit ihre eigenen Sorgen und Gefahren, ihren eigenen Mordechai und eigene Esther hatte. Der Grundgedanke des Purim blieb und bleibt immer und überal der gleiche. Freude im Bewusstsein, dass „in jener Nacht" und in jeder Nacht „dem König der Schlaf entweicht", dass „nicht schläft noch schlummert der Hüter Israels! ..." Die Estergeschichte gliedert sich in zwei Hauptteile : Gestaltung des jüdischen Geschikkes nach den Wandlungen der Weltpolitik u. innere Erneuerung des jüdischen Volkes, als Reaktion auf die äusseren Geschehnisse. Wo hinsichtlich der Wandlung die Megilla aufhört, eine Gegenwartsgeschichte zu sein, da erfasst uns um so überwältigender das zweite Moment, das der jüdischen Erneuerung. Die Voraussetzungen der Erneuerung bleiben aber die gleichen, heute wie damals, da wie dort: Sammlung, äussere und innere; das Sichfinden der jüdischen Gesamtheit zu ihrem G-tte, dem Lenker aller Geschicke. Und damit ist die Bedeutung des Purimfestes für unsere Tage klar ausgesprochen. Purim ist so etwas wie ein Rosch Haschana der jüdischen Bruderliebe. Wie aber Rosch Haschana nicht für sich allein stehen kann, sondern Ausgangspunkt für die innere Erneuerung im ganzen kommenden Jahre ist» so muss uns auch Purim eine Quelle des Wohltuns sein, aus der das ganze Jahr hindurch der Segen ersprießt. Es warten auf uns die Menschen und Institute in Erez Israel. Es warten auf uns die Jünger und Anstalten der Thora in unserem Lande und in allen Ländern. Es wartet auf uns der Bruder und der Nachbar, dass wir ihm im schweren Kampf um seine Existenz helfen, dass er seinen Pflichten als Mensch u. Jehudi nachkommen kann. Man hat von jeher die Purimgelder nach Erez Israel geschickt — obwohl oder gerade deswegen, weil sich die Purimgeschichte nicht auf Erez Jisraels Boden abspielte. Denn wenn eine Begebenheit, so zeigt doch diese alte, immer neu bleibende Geschichte die genze Tragik der Heimatlosigkeit, in die Israel hinausgeschickt wurde. Pnrim, das Fest des Galuth, entflammt unsere Herzen für den Aufbau der Heimat. Man hat Purim zum Fest der Thora gemacht. Obwohl, im Gegensatze zum Chanukageschehen, hier die Gefahr in erster Reihe den Körper des jüdischen Volkes, weniger aber seine Seele bedrohte. Aber von der Thora geht die Geschichte aus und in die Thora mündet sie ein. Mit der Abkehr vom Thoragesetz beginnt die Gefahr, mit der Rückkehr zum Gesetz ist das Licht wieder erstrahlt. Stützen wir am und nach dem Feste dr jüdischen Wohltätigkeit die Stätten der Thora! Und denken wir an das Nächste, an den Bruder und Nachbar. Helfen wir dem Nächsten, durch Berücksichtigung und Bevorzugung seines Ladens, seiner Werkstatt, dass er auf bescheidener sozialer Höhe verbleiben kann, um damit dem BW2t6 flUnD vorzubeugen oder wenigstens das Heer derer, die auf sie angewiesen sind, zu vermindern. Gestalten wir Purim zu einem Feste der Gegenwart, und er wird eine Segensquelle für alle Zukunft. OPTIK Weinberger BRATISLAVA, Suche Myto (Dürre Maut) 3. Sorgfältige Ausführung. — Solide Preise — Reparaturen prompt. — Postaufträge umgehend MM mmWW

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