Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 9 (2.3.1939)
- Date
- 1939-03-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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2. März. 1939 JÜDISCHE NACHRICHTEN 3 Palästinabudget im englischen Unterhaus. GLOSSEN. Der Kellner und der Emigrationsleiter. Schon gleich am Anfange möchten wir betonen, dass wir nichts gegen den redlichen Kellnerberuf einzuwenden haben. Was wir hier vorbringen wollen, ist eine kleine Geschichte, die sich vor Kurzem in Rumänien zugetragen hatte und die das bekannte Sprichwort „Schuster bleibe bei deinem Leisten!" nur zusehr bestätigt. Wenn man sich nämlich nach diesen Lebensmotto nicht hält, so können oft tragische Erreignisse eintreten. So könnte es auch geschehen, dass ein rumänischer Kellnerjunge der unbedingt nach Palästina reisen wollte und — da er einerseits für die Reise keine Spesen aufbringen konnte und andererseits auch seinen Glaubensgenossen zur Verwirklichung ihres Palästinatraumes verhelfen wollte — sich vornahm eine Gesellschaftsreise nach Palästina zu organisieren. Wir müssen nicht betonen, dass der junge Mann absolute keine diesbezüglichen Fachkenntnisse oder Verbindungen besass und dass er bloss seiner allzureichen Phantasie freien Lauf Hess. Wenn man ihn zur Rede stellte, wieso er sich denn die Fahrt nach Palästina vorstelle, antwortete er ganz naive, „wenn es nötig sein werde, so werden wir halt schiessen auf die Araber und eventuell wenn es unbedingt sein muss, auch gegen die Engländer". . . Nun daran wäre ja nichts, schliesslich gibt es ja viele unschuldige Phantasten. Die Geschichte fing aber an tragisch zu werden in dem Momment, als der Kellnerjunge, der grossartig den „Schwarzen" zu servieren versteht, vielen hunderten Freunden und Bekannten vorgab, ein Schiff nach Palästina gemietet zu haben, alle Reiseformalitäten mit allen hiezu nötigen Garantien erledigt zu haben und auch die Massen zu dieser Reise bewegen wollte. Alsbald stellte sich aber hinaus, dass es absolute nicht möglich sei ohne regelrechte Dokumente das Land zu verlassen und dass die ganze Reise ein purer Phantasietraum des jungen Mannes war. Einige hundert Menschen wurden hiebei enttäuscht und unter Verlust von einigen hundert Lei konnten sie klar und nüchtern die Unmöglichkeit des Abendteuers einsehen. So ist es eben wenn ein Kellner statt eines „Schwarzen" seinen Kunden gleich das grosse „Schwarze Meer" präsentiert . . . Der Scheidungskuss und der liberale Rabbiner. Wer es glaubt, dass die Assimilation und der Liberalismus im jüdischen Leben schon ganz der Vergangenheit angehört, dem wird folgendes Ereigniss, das wir einer englischjüdischen Zeitung entnehmen, eines besseren belehren. Hier wird die Ehescheidung im Hause des liberalen Rabbinners ziemlich rührend geschildert . . . Nach Anfertigung des Get wird die Frau hereingerufen, Gerührte Familienszene. Sie legt ihre Ringe ab, presst die Ballen der Hände gegeneinander, sodass ein kleiner Zwischenraum bleibt, in den der Mann den Scheidungsbrief legt. Zum symbolischen Zeichen, dass sie das Dokument empfangen hat, steckt sie es in eine Tasche, wobei der Mann dem Rabbiner auf hebräisch die Formel nachspricht: Dies ist dein Scheidebrief. Empfange den Scheidebrief und durch ihn sollst Du von mir geschieden sein von nun an, und du bist frei für eine neue Ehe! Die Frau will das Symbol ihrer religiösen Scheidung behalten; es wird ihr aber bedeutet, dass das Dokument beim Rabbiner aufbewahrt bleibt und sie sich mit einer Uebersetzung begnügen muss. Eine kurze Ansprache des Rabbiners und der Austausch eines Scheidungskusses zwischen den ehemaligen Eheleuten beenden die feierliche Zeremonie. Wir haben im Talmud und „Eben Hoeser" nachgeschlagen, aber fanden dort nichts von einer „Ansprache des Rabbiners" und noch viel weniger von einem „Scheidungskuss". — Dr. Geza Fisch Augenarzt Bratislava, Sladkovicovä 11. ord. 10—12 u. 3—5. In der Unterhaussitzung erstattete Kolonienminisier Malcolm Mac Donald folgendes Exposee, mit dem er die Notwendigkeit von Zusatzbudgets für Zwecke der Verteidigung Palästinas begründete : Ich komme nun zu einer Gruppe von Budgetposten. Es sind dies insbesondere Posten, die sich auf die Aufrechterhallung von Gesetz und Ordnung in Palästina beziehen. Erstens handelt es sich um einen Posten in Höhe von 1,120.700 Pfund für Zwecke der Verteidigung Palästinas und Transjordaniens. Normalerweise würde die Palästinaregierung selbst einen beträchtlichen Teil dieser Kosten zu tragen gehabt haben; vor kurzem wurde jedoch beschlossen, dass die Palästinaregierung — in Anbetracht ihrer schlimmen finanziellen Lage — von der Bestreitung dieser Ausgaben befreit wird und dass die englischen Steuerzahler diese schwere Last tragen. Nötig ist ferner ein Zusatzbudget von 113.000 Pfund zur Deckung der Ausgaben für eine Sonder-Schwadrone das dem Transjordanischen Grenzkorps angegliedert werdnn müsste. Weiters sind 1,887.000 Pfund für umpfangreiche Polizeiverstärkungen nötig — In den letzten Monaten haben wir die Polizeikräfte um nahezu 2.000 Rekruten vergrössert, ausserdem haben wir neue Strassen gebaut, wie auch Strassenverbesserungen durchgeführt, damit sich die Truppen schneller und leichter bewegen können. Die Terrorakten sind im Schwinden. Da wird es wenigstens als gewisse Genugtung angesehen, daß dank diesen militärischen und Polizei-Verstärkungen, sowie den Sonderausgaben die Lage in Palästina sich in den letzten Monaten langsam aber sicher gebessert hat. Zur Zeit, als die Verstärkungen in Palästina eintrafen, gab es dort Zentren u. Gebiete, wo die Befehltsgewalt der Regierung praktisch nicht mehr galt. Selbst in Jerusalem war damals die Lage .so, ,da&s die Terroristen im Besitz oder jedenfalls teilweise im Besitz der Stadt waren; dank der Tätigkeit unserer Sicherheitskräfte aber ist die Autorität der Regierung allmählich im ganzen Lande wiederhergestellt worden und es gelang, die Terrorlätigkeit auf ein Minimum zu reduzieren. Jetzt äussert sich die Unruhe hauptsächlich in einer fortdauernden Kette von individuellen Terrorakten und Mordtaten, mit denen man viel Aus Berlin wird gemeldet : Auf Grund des Gesetzes vom November 1938 über die Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben sind bis zum Jahresende die jüdischen Unternehmungen entweder liquidiert oder in arische Hände übergeführt worden. Die deutschen Behörden gehen nun daran, auch diejenigen Firmen zu arisieren, bei denen massgebende jüdische Beteiligungen bestehen. Hierzu wurde eine neue Durchführungsverordnung erlassen, die u. a. besagt, dass jüdische Wohllährtseinrichtungen und Institutionen, die der Auswanderung von Juden dienen, nicht arisiert werden. Die neue Verordnung bezweckt die Veräusserung jüdischer Beteiligungen. Es wird in ihr betont, dass aus volkswirtschaftlichem Interessen keine völlige Entwertung jüdischen Vermögens eintreten soll und dass den Juden die Im Rahmen der von 102 amerikanischen Radiostationen verbreiteten Serie „Alle Amerikaner sind Emigranten" hielt der Bildungsminister der ASA. John W. Studebaker eine Rede über den jüdischen Beitrag zum Aufschwung Amerikas, in der er u. a. erklärte : Seil den Tagen von Louis Torres, des jüdischen Mitglieds der Golumbus-Mannschaft, der als erster Europäer den Fuss auf den Boden der Neuen Welt gesetzt hat, haben die Juden ohne Unterbrechung alle Ströme des schwerer fertig werden kann und zu deren restloser Unterdrückung lange Zeit erforderlich ist. Die Ordnung im Lande muss wieder hergestellt werden. In einer Rede, die ich vor kurzem über Palästina hielt, benutzte ich die Phrase, dass das Militär wohl die Ordnung in Palästina wiederherstellen kann, dass es aber nicht dem Lande Frieden geben könne. Was die Befriedung des Landes betrifft, so dienen diesem Zwecke die zurzeit im St. James Palace stattfindenden Besprechungen. Ich kann dem Hause versichern, dass die Regierung zur Wiederherstellung nicht nur von Ordnung, sondern auch von Frieden in Palästina in den nächsten Tagen und Wochen alle ihre Energien aufwenden wird, und wir hoffen, dieses Ziel restlos zu erreichen. Die Aufgabe der Guayana-Kommission. Schliesslich benutzte Kolonienminister Mac Donald die Einbringung eines Antrages auf Bewilligung von 1000 Pfund zur Deckung der Spesen für die beiden von der englischen Regierung nach British-Guyana entsandten Experten zu einer Erklärung über die Frage der Ansiedlung von Flüchtlingen in dieser Kolonie. Wir sind, sagte er, uns alle des Ernstes des Problems der Flüchtlinge aus Mitteleuropa bewusst. Die Regierung und das Parlament sind äusserst darauf bedacht, dass das britische Reich den grösstmöglichen Beitrag zur Lösung dieses Problems leistet. Britisch-Guyana scheint die Möglichkeit einer Ansiedlung von Flüchtlingen zu bieten. Es wurde eine Untersuchungskommission dorthin entsandt, mit der aufs Engste zusammenzuarbeiten die Regierung sehnlichst wünscht. In diesem Sinne haben wir beschlossen, in die durch das Präsident Roosevelt-Flüchtlingskomitee bestimmte Kommission unsererseits zwei Exporten zu entsenden. Zur Deckung ihrer Spesen bis 31. März sind die 1000 Pfund erforderlich. Diese beiden Kommissionsmitglieder sind am 4. Februar nach New York abgereist und trafen am 14. Februar in Britisch-Guyana ein. Die Kommission beginnt nun ihre Arbeiten und wir sehen ihrem Bericht entgegen. Ich hoffe, dass die Kommission schon in einigen Wochen imstanne sein wird, ihren Bericht abzufassen. zur Auswanderung nötigen Mittel verbleiben. Es wird angemeldet, dass infolge der Vorgänge am 9. und 10. November und den darauf folgenden Tagen das jüdische Vermögen sehr zusammengeschrumpft ist, wodurch auch das Deutsche Reich geschädigt wurde. Bei den künftigen Arisierungen, heisst es in der Durchführungsbestimmung weiter, ist darauf zu achten, dass die Juden ihre öffentlichen und privaten Verbindlichkeiten erfüllen können und das keine unerwünschte Grundstücksspekulation entsteht. Es wird darauf hingewiesen, daß „die Massnahmen zur Zurückdrängung des Judentums vielfach den Wert jüdischer Betriebe wesentlich vermindert haben". Trotzdem wird angeordnet, den jüdischen Verkäufer nur einen Preis in der Höhe des augenblicklichen Wertes des Betriebes zu zahlen. amerikanischen Lebens bereichert. Heute leben in Amerika über vier Millionen Juden die in einem grossen Masse zum amerikanischen Fortschritt in Wissenschaft, Kunst, Landwirtschaft, Industrie und öffentlichen Diensten beitragen. In der Geschichte Amerikas gibt es keine Episode, in der die Juden nicht eine Rolle gespielt haben. Die Mission des Columbus selbst zur Entdeckung des neuen Weltteils wäre ohne den Anteil spanischer und portugesischer Juden nicht zustande gekommen. Alle Amerikaner sind Emigranten. Die Liquidation jiid. Vermögens darf der deutschen Wirtschaft nicht schaden.