Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 8 (23.2.1939)
- Date
- 1939-02-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 JUDISCHE NACHRICHTEN 23. Februar 1939 Legendenstrauss. — Aus dem Talmud. — Der gelehrte Hillel war wegen seiner Sanftmut überall bekannt, und „Hillels Geduld" ist ein Ausdruck, dessen man sich auch heute noch im Volksmunde bedient. Einst ging ein Mann eine Wette ein, dass es ihm doch gelingen werde, den Weisen zum Zorne zu reisen. Der Preis war hundert Schekel. Um ihn zu gewinnen ging der Mann zum Hause Hillels, der damals nächst dem Könige der Vornehmste in Israel war, und rief mit fürchterlichem Ungestüm : „Wo ist Hillel? W7o ist Hillel?" ohne dass er dem Namen etwas zugesetzt hätte. Der Weise kleidete sich eben zum Sabbat an. Ohne die Unart des Fremden zu beachten, warf er sich schnell seinen Mantel um, ging zu ihm und fragte ihn, was ihm gefällig sei. „Ich möchte wissen", rief der andere, „warum die Termundier so böse Augen haben." „Weil sie in Gegenden leben, wo ihnen der Sand in die Augen fliegt und sie entzündet", belehrte ihn Hillel. Der Mann ging hinweg, kehrte aber nach kurzer Zeit wieder zurück, indem er schrie : „Wo ist Hillel? Wo ist Hillel?" Der hüllte sich abermals in seinen Mantel und fragte : „Was willst du, mein Sohn?" „Wissen will ich, warum die Afrikaner so breite Füsse haben," „Weil sie auf weichen Boden wandeln," lautete die Antwort. Der Fremde sah, wie sanft und gutmütig der Rabbi war, und ging hinweg. Doch entschloss er sich, noch einen Versuch zu machen, ihm zum Zorne zu reizen. Er ging hin und rief: „Wo ist Hillel? Ich will mit Hillel reden"! Dieser sprach aber ruhig : Was willst du jetzt, mein Sohn? Der Besucher stellte mehrere auffallende Fragen an ihn, und Hillel beantwortete sie wieder mit aller Ruhe und Gelassenheit. „Ich möchte dir wohl noch manche Fragen vorlegen", sprach der Fremde, Maber ich fürchte, du könntest böse werden." — „Sei ohne Sorgen", erwiderte der sanfte Lehrer Israels. „Frage nur, soviel du willst, und ich werde antworten, wenn ich kann." Der Mann war über Hillels unerschütterliche Gelassenheit erstaunt. Voller Furcht, sein Geld zu verlieren, wollte er nun noch ein letztes Mittel anwenden. In der Absicht, Hillel durch Bitterkeiten zum Zorne zu reizen, sprach er zu ihm: „Bist Du Hillel, den man den Ersten in Israel nennt?" — „Ich bin Hillel." „So gebe der Himmel, dass Israel keinen mehr hervorbringe, der dir gleicht!" — „Und warum denn?" — „Weil ich durch dich hundert Schekel verloren habe, antwortete er, und er erzählte darauf seine Wette. „Dein Geld ist nicht verloren," tröstete ihn Hillel lächelnd; denn du wirst in Zukunft vorsichtiger sein. Selbst wenn du das Doppelte verlieren würdest, so wäre das nicht so schlimm, als wenn Hillel seine Geduld verlire". * '. - i> 1 Der römische Kaiser Antonius unterhielt sich gerne mit Rabbi, dem Patriarchen. Einmal sprachen sie über das Verhältnis von Leib und Seele. Der Kaiser meinte, man könnte eigentlich nicht gut von einer Verantwortlichkeit der Menschen reden; denn wen solle man zur Rechenschaft ziehen 1 Der Körper könne sagen : „Die Seele ist es, die gesündigt hat; denn in dem Augenblicke, da sie aus mir entweicht, liege ich da, regungslos wie ein Stein, keiner Sünde fähig." Die Seele wieder könne sagen : „Der Leib hat gesündigt; denn in dem Augenblicke, da ich aus ihm entweiche, schwinge ich mich auf wie ein befreiter Vogel." Hierauf antwortete Rabbi mit einem schönen Gleichnis: Ein König hatte einen herrlichen Garten, in dem sich die seitesten Früchte befanden. Als Wächter bestellte er einen Lahmen und einen Blinden. Da sprach der Lahme zum Blinden: „Die kostbaren Frühfrüchte dort sind zu verlockend; komm, nimm mich auf deine Schultern, so werden wir beide gegeniessen können." Gesagt getan. Der Blinde lud den Lahmen auf, und so pflückten und assen sie. Als nach einigen Tagen der Besitzer des Gartens kam, vermisste er sogleich seine edelsten Früchte. ,.Wo sind meine Erstlinge? fragte er die Wächter. Da sprach der Lahme: „Kann ich denn gehen? Wie hätte ich zu ihnen hinkommen können?" Und der Blinde sagte : ttIch könnte sie ja nicht einmal sehen." Was tat aber der weise König? Erwiderholte was die Beiden selbst getan. Er hiess den Blinden den Lahmen aufladen und verurteilte sie wie einen Menschen. So verkettet auch G-tt die Seele mit dem Körper und nimmt sie zusammen ins Gericht. * Der gottlose Turnus Rufus sprach zu Rabbi Akiba : „Ihr sagt, euer G-tt sei der Freund der Armen. Warum sorgt er nicht für sie, indem er sie ernährt und unterstützt?" „Der Herr überlässt diese Sorge den Menschen," erwiederte der Gelehrte „damit sie sich dadurch ein Verdienst erwerben, das ihnen zur Sühne ihrer Vergehungen gereiche." ^In der Tat ein schöner Verdienst! Stelle dir vor, ein Fürst zürnt über einen Diener. Er lässt ihn ins Gefängnis sperren und verbietet allen, dem Gefangenen Speise und Trank zu reichen. Und nun nimmt sich ein anderer Diener heraus, dieses Verbot zu übertreten. Wird ihm das der Fürst als ein verdienstliches Werk anrechnen?" „Dein Vergleich stimmt nicht," antwortete darauf der Rabbi; „ ich will ihn abändern. Denke dir, der Fürst sei über den eigenen Sohn aufgebracht. Er lässt ihn einsperren und untersagt dem Aufseher, ihm zu essen und zu trinken zu geben. Da fühlt ein guter Mensch Mitleid mit dem Unglücklichen. Er bringt ihm Speise und rettet ihn so vom Tode. Wird der Fürst darüber ungehalten sein? Wird er nicht vielmehr den belohnen, der ihm das Kind erhalten hat? Und wir, wir sind zwar Knechte, aber doch auch Kinder G-ttes! Die polnische Orthodoxie für das heilige Land. Wie wir bereits vorige Woche kurz berichtet haben, fand in Warschau im Zusammenhange mit der Londoner Palästina-Konferenz eine grosse Versammlung statt, bei der 320 Delegierte teilnahmen. Es waren anwesend sämtliche Gemeindevorsteher, alle bedeutende Rabbiner und Rebbes aus Polen. Die Konferenz brachte folgende Resolution. „Die geschichtliche Verbundenheit des Judentumes mit dem Heiligen Lande basiert auf das g-ttliche Versprechen, welches unseren Ahnen gegeben wurde, wie wir dies so viele Mal in der heiligen Schrift erwähnt finden. Jeder Versuch, welcher das Judentum um dieses Recht auf Erez Jisroel, aus welchem politischen Grunde auch immer schmälern wollte; und welcher verhindern wollte, dass das jüdische Volk auf den Boden seiner Ahnen zurückkehre und die Ruinen Palästinas aufbaue, ist als Attentat gegen das Recht der Judenheit aufzufassen, welches Protest Schmerz und Empörung hervorrufen muss. Mit Rücksicht auf die heutige furchtbare Lage der Juden und mit Rücksicht auf die tragische Unterdrückung, der, ausserhalb Palästinas lebenden Juden, wendet sich das polnische religiöse Judentum mit dem folgenden, heissem und dringendem Wunsche an die Mandatarmacht, in deren Hand die Vorsehung das Schicksal Erez Jisroels gelegt hat und welche vor der ganzen Welt das Versprechen gegeben halte auf dem Heiligen Boden eine Heimat für das jüdische Volk zu schaffen : Effnet die Tore Palästinas, für die, die einmal bereits von dort vertrieben und die heute überall gequält und gepeinigt werden. Trotz der vielen Märtyrer, die den Terroraktionen zum Opfer der Araber fielen, ist das jüdische Volk geneigt mit den Arabern friedlich zusammen zu leben. Das Judentum ist davon überzeugt, dass das Problem der Palästina-Araber auch so gelöst werden kann, dass die Rechte der Judenheit nicht gekürzt werden. Wir sind tief überzeugt davon, dass der Neuaufbau Erez Jisroels auf feste Grundlage, nur auf Basis der Thora vor sich gehen kann, die die Säule des jüdischen Volkes und Landes bilden muss, Darum ist es die Aufgabe der orthodoxen Massen, grosse und bedeutende Taten für den Aufbau des Landes zu leisten, damit der Einfluss der Thora in Erez Jis^ roel gestärkt wurde und sie ihren Stempel aus das alltägliche Leben im Heiligen Lande aufdrücke. Der Kampf gegen den arreligiösen Einfluss kann nur dann mit Erfolg sein, wenn die religiöse Massen zielbewusst und aktiv an den Arbeiten und dem Aufbau Erez Jisroels sich beteiligen, teils durch Schaffung wirtschaftlicher Positionen für die Neueinwanderer und weiteres durch Errichtung von neuen religiösen Schulen und Erziehungsanstalten. Nur unter diesen Bedingungen können wir hoffen, daß die göttliche Vorsehung im Heiligen Lande das Leben und Vermögen der Einzelnen bewachen wird und auf diese Art alle Schwierigkeiten behoben werden, die bis nun dem Aufbau des Landes hinderlich waren. Die Konferenz spricht ihren tiefsten Dank den religiösen Gemeinschaften in Erez Jisroel und insbesondere den „Poale Agudas Jisroel" für ihre Pionierarbeit aus, und ermuntert sie zur Ausdauer und zur weitern intensiven Arbeit, denn sie leisten Historisches u. Bedeutendes für das ganze jüdische Volk. Von der rumänischen Orthodoxie. Klausenburg. Am 8. Februar fand in Klausenburg unter Vorsitz des Herrn Josef Freund, Vicepräses der Orth. Landeskanzlei eine Sitzung statt. Die Sitzung beschäftigte sich eingehend mit Emigrationsfragen und beschloss auf Antrag des Herrn Oberrabbiner Teitelbaum Szatmär, ein Komittee zu schaffen, dass von der Kanzlei unabhängig zu arbeiten haben wird. Für den 7. Adar wurde ein allgemeiner Fasttag anberaumt, aus welchem Anjas s die Rabbiner ihre Gemeindemitglieder zur T'schüwo und zum Ausharren im G-ttesvertrauen anspornen sollen. Herr Benjamin Gitron weist darauf hin, dass cca. 200.000 Seelen von der Revision der Staatsbürgerschatten betroffen sind, für die es nur einen Ausweg gibt, nämlich die Auswanderung, welche die Regierung wohlwollend behandelt. Die freigewordene präsidentensteile der orth. Landeskanzlei soll nach Pessach besetzt werden, Perlen aus dem Talmud. Was ein grosser Mann auch spricht, Lache seiner Worte nicht! * Voll Uebermut und Wollust brüllt der Leu, Beim Haufen Fleisch u. nicht beim Haufen Streu. * Von G-tt dir alle Gaben kommen, Nur eine einzige ausgenommen : Die innere G-ttesfurcht des Frommen. -fr Ist ohne Schätzung dein Juwel, Dein Rühmen dient ihm nur zum Fehl. Bewundere schweigend G-ttes Stärke; Denn Loben schmält nur seine Werke. — Der Lackenbacher Oberrabbiner Viet. Aus Jerusalem kommt die traurige Nachricht, dass R. J. Kraus, der gewesene Lackenbacher Oberrabbiner seine edle und reine Seele ausgehaucht hatte. Rabbi Jehuda Kraus war Jahrzehnte lang der Repräsentant wahrer Talmudgrösse. In der ganzen orthodoxen Welt verschaffte er sich einen Namen auch durch die Herausgabe seiner Werke, die alle in volkstümlichem und geistreichen Style geschrieben sind. Zeitgemäss hat er die „Zeenu Ureno" u. den „Pele Jaec" umgearbeitet. Erwähnenswert sind noch neben den „Dovor B'itoj" auch das die Sitten des jüdischen Volkes schildernde „Minhoge Jisroel."