Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 7 (16.2.1939)
- Date
- 1939-02-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9607246-9597272-9597318--50-9597321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16. Februar 1939 JUDISCHE NACHRICHTEN 3 GLOSSEN. Machen wir einen Tausch. Papst PIUS XI. Seligen Andenkens. Bratislava, Am Freitag, 10. Februar, früh, verstarb in der Vatikanstadt Papst Pius XI. In die Trauer der katholischen Welt wird sich das Mitgefühl der Judenheit mischen, welche nicht vergessen wird, dass der verstorbene Papst in den letzten Monaten mit ausserordentlichem Mut und mit absoluter Eindeutigkeit seine Stimme gegen des Rassismus und gegen die Verfolgung der jüdischen Menschen erhoben hat. Von dem soeben verstorbenen Papst Pius XI. (1922-1939) war bekannt, dass er, der den geistigen Tyb des gelehrten darstellte, jüdische Gelehrte zu seinen Freunden zählte, einen sehr intimen Kontakt mit dem verstorbenen Oberrabbiner von Florenz, der einst sein Hebräicsh-Lehrer war, unterhielt und erst vor einigen Jahren einen hervorragenden jüdischen Bibliographen zum Leiter der päpstlichen Bibliothek bestellte. Unter seiner Aegide gehörten zuweilen jüdische Gelehrte der päpstlichen Akademi an. Sein letztens Auftreten gegen den Rassismus und im besonderem, gegen die Verfolgungen der jüdischen Menschen in zahlreichen Ländern entsprang aber nicht den Rücksichten auf die katholischen Interessen allein, sondern es war — das fühlte man — eine Stimme reiner und hoher Menschlichkeit. Sein Leben entsprach seinem Namen „Pius" der Fromme, ein wahrhaft frommer und edler Mensch ist mit ihm verschieden. Der französische Innenminister über die Behandlung von Flüchtlingen. Paris. Innenminister Sarraut hielt eine Ansprache an die Fremdenpolizei in Frankreich. Wohl, sagte der Minister, wurden in letzter Zeit Massnahmen zur Eindämmung des Fremdenzuslrome getroffen, allein man habe Sorge zu tragen, dass diese Maßnehmen nicht das edelmütige und menschliche Antlitz Frankreichs entstellen. Frankreich bleibt Asylland, historische Zufluchtsstätte der Geächteten, ein Heim, in dem jeder Verfolgte Obdach findet. Wir fordern die Aufrechterhaltung der edelmütigen französischen Gastfreundschaft, aber wir fordern andererseits ein völlig ladelfreies Verhalten der Eingewanderten gegenüber der Republik und ihren Einrichtungen. Dem entspricht das formelle Verbot jeder Teilnahme an politischen oder gesellschaftlichen Bewegungen, die unser nationales Leben beeinträchtigen können. Innenminister Sarraut beschwor die Polizeibeamten, sich immer gegenwärtig zu halten, dass sie eine furchtbar drückende Verantwortung tragen, wenn sie die Situation eines Ausländers zu prüfen haben. „Sie haben", sagte der Minister, „eine Aktennotiz abzufassen, deren Schluss folgerungen fast immer entscheidend sein werden. Denken Sie also daran, was für ein Gewicht diese paar Zeilen in die Wagschale eines Schicksals werfen! Seien Sie gerecht und bleiben Sie menschlich. nBnEHBB^BHBn^BBHBBBI^B Drei Bestimmungen erhält das Memorandum, welches Ruhlee mitbrachte. Eine interessante Familiengeschichte. In Warschau coursiert ein Gerücht über eine Familienangelegenheit, die auch in religiöser Hinsicht etwas Interessantes an sich hat. Die Geschichte dreht sich um einen gewissen Herrn Rosenberg, seiner Frau und einem Trutthahn. Herr Rosenberg wollte mit seiner Frau nicht leben, diese aber wollte sich nicht scheiden lassen. Nach längerem Nachdenken kam Herr Rosenberg auf eine Idee, der er sich aber nicht allzusehr rühmen muss. Herr Rosenberg wusste nämlich, dass seine Frau allwöchentlich bei der Frau Grün einen Trutthakn kauft. Da kam er eines Tages zu der Frau Grün und ersuchte sie, sie möge ihm gestatten den Trutthahn seiner Frau mit einem Brief- Papier zu stopfen, was Frau Grün auch ohne weitere Bedenken einwilligte. Frau Rosenberg, nichts ahnend, öffnette den Hahn um ihm „koscher" zu machen, da fand sie zu ihrem grössten Erstaunen einen „Get" (Scheidebrief) darin, den ihr Gate ausgestellt hatte und den er ihr auf diese sonderbare Weise zukommen Hess. Voller Schrecken lief die arme Frau zum Rabbinat, welches konstatierte, dass der Scheidebrief allen Regeln des jüdischen „Gesetzes entspreche, dass aber die Form der Ubergabe selbstredend vom religiös-gesetzlichem Standpunkte aus unrichtig sei. Hierauf wurde der gute Mann zum Rabbiner geladen uud es wurde ihm nahegelegt, dass er als Betrüger dem Gerichte ausgeliefert werde, fals er nicht die ganze Angelegenheit auf gütllichem Wege erledigen werde. — Dr. Geza Fisch Augenarzt Bratislava, Sladkovicovä 11. ord. 10—12 u. 3—5. London. Das Memorandum, welches Rublee mitbrachte enthält im wesentlichen Folgendes: 1. Festsetzung einar bestimmten Zahl von Auswanderern jährlich. Die genaue Ziffer ist im Augenblick noch nicht festgesetzt, doch rechnet die deutsche Regierung mit einer Auswanderung von nicht weniger als 100.000 jährlich; eine Ziffer, die auch die Evian-Konferenz zur Grundlage ihrer Ueberlegungen genommen hat. Die Gesamte jüdische Auswanderungsarbeit wird von einem jüdischen Reichsauswanderungsamt geleitet, dieses Amt steht unter der direkten Kontrolle des Generalfeldmarschalls Hermann Göring. In dem Memorandum wird betont, dass die Zustimmung der deutschen Regierung zu einem Abkommen betreffend eine geregelte jüdische Auswanderung nicht bedeuten könne, dass die Regierung ihrer antijüdische Programm ändern wolle; die Nationalsozialisten sind im Gegenteil entschlossen, sämtliche Juden zum verlassen des Reiches, und zwar innerhalb einer stipulierlen Frist, zu zwingen. Der Unterschied gegenüber dem bisherigen Zustand wird nur der sein, dass von jetzt ab die Kontrolle der jüdischen Auswanderung von der Zentralbehörde ausgeübt wird. London. Im englischen Unterhaus fragte Abg. Wedgwood den Kolonienminister, ob er im Hinblick auf die Not der etwa 6000 in Niemandsland festgehaltenen polnischen Juden beiderlei Geschlechts und verschidenen Alters, die ohne Nahrung und Obdach sind, erwägen würde, das Leben dieser Opfer dadurch zu retten, dass er ihnen gestattet, in Palästina einzuwandern. Kolonienminister Mac Donald erwiderte : Soviel ich weiss, wurde vor kurzem zwischen 2. Es werden die Bedingungen festgesetzt, unter denen diejenigen Juden, die in absehbarer Zeit nicht werden auswandern können oder die warten müssen, bis die Reihe an sie kommt, weiter im Reich leben können. Man nimmt an, dass die zuständigen deutschen Stellen bereit wären, Zusicherungen zu geben, dass keine Gheto für Juden und auch nicht andere die jüdischen Menschen isolierende Handlungen durchgeführt werden. 3. In dem Memorandum werden einige Arrangements betreffend den Transfer von jüdichem Kapital und Besitz angedeutet, die allgemeine Frage des jüdischen Kapitaltransfers ist jedoch für weitere Verhandlungen offen gelassen worden. Von autorativer Seite verlautet, dass die im Memorandum angedeuteten Arrangements keineswegs so weit gehen, den Auswandern genügend Kapital für die Reisekosten und die Wiedersesshaftmachung aus ihrem in Deutschland zurückgelassenen Besitz in Devisen zur Verfügung zu stellen. Andererseits ist in dem Memorandum nichts mehr von den seinerzeitigen Vorschlägen Schachts betreftend Gewährung von Export- Garantien an Deutschland und Auflegung einer internationalen Anleihe enthalten. der deutschen und der polnischan Regierung ein Abkommen in dieser Angelegenheit geschlossen. Die Frage ist daher nicht aktuell. Abg. Banfield fragte den Kolonienminister, ob er die Zahl der Juden bezw. der Araber in Palästina in den Jahren 1918 und 1938 angeben könne. Mac Donald erwiederte : Im Jahre 1919, gab es in Palästina annähernd 635.000 Oraber und 58.000 Juden; 1938 gab es 1,004.000 Araber und 411.000 Juden. Äusserung des Kolonialministers im Unterhaus