Mannheim
Compact Memory

Jüdische Nachrichten · 1939-02-09 · 6 (9.2.1939) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Nachrichten
Volume
9 (1939)
Issue
6 (9.2.1939)
Date
1939-02-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9607246-9597272-9597309--42-9597313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 JÜDISCHE NACHRICHTEN 9. Februar 1939. Zarin Jekaterina und der Jude. Jekaterina, die Grosse, die legendenumwobene Zarin von Rußland, hatte Sinn und Verständnis für ein kluges Wort. Mit einem Anekdötchen, einer gelungenen Schnurre in guter Stunde konnte man bei ihr mehr ausrichten als mit allen Petitionen. So geschah es einmal, daß die lebenslustige Beherrscherin aller Ressen auf dem Wege von einem Volksfeste, an dem sie als einfache Bürgerin verkleidet inkognito sich beteiligt hatte, einen kleinen jüdischen Handelsmann antraf, ihn stellte und, gutgelaunt, ausfragte. „Wohin, Jude?" „Wohin denn sonst, als den Verdienste nach?" „Du arbeitest?" „Wie denn sonst? Umsonst wird mir keiner was geben." „Wieviel verdienst Du in der Woche? „Zwölf Rubel." „Das ist viel. Was machst Du mit soviel Geld? Der Jude machte ein langes Gesicht und sagte abweisend : „Es genügt mir, dass ich meinem Weibe Rechenschaft ablege und außerdem auch noch dem „Herrn der Welt" Rechenschaft schulde. Für Fremde habe ich wahrlich keine Zeit. Gehabt Euch wohl!" Sprachs und wollte sich aus dem Staube machen. Aber Jeketerina ließ ihn nicht los. „Weißt Du, Jude, mit wem Du sprichst?" „So soll ich von all meinen Leiden und Sorgen wissen." „Jekaterina, die Kaiserin von Rußland, spricht zu Dir." Da fuhr den Juden der jähe Schrecken in Hände und Beine und er fing an, mit nervöser Hast in der Tasche herumzuwühlen. „Was suchst Du da?" „Meinen Paß", antwortete er, vollkommen außer Fassung. „Ist nicht nötig", lachte die Kaiserin und wiederholte ihre Frage, auf die er ihr noch Antwort schuldig war, nämlich, was er mit zwölf Rubeln in der Woche mache. Der Jude habe inzwischen seine Fassung wiedergewonnen, und die Schwäche der Kaiserin für Witze und Worträtsel kennend, gab er folgende Auskunft : „Mit einem Drittel meines Einkommens bezahle Ich meine Geburt, ein zweites Drittel geht darauf, daß man sich nach dem Tode nicht verwünscht, mit dem letzten Drittel sättige ich meine hundertachtundzwanzig Kostgänger." Jekaterina fand Gefallen an dieser Redeart, aber dunkel blieb ihr der Worte Sinn. „Du mußt mir schon erklären, was Du damit meinst," befahl Sie. Und er erklärte : „Ich erhalte in meinem Hause meine alten Eltern, damit trage ich mit dem Drittel meines Verdienstes die Schuld ab an die, die mich geboren haben. Ich lasse meinen Sohn lernen und versorge meine Tochter mit ordentlichen Männern, damit die Nachwelt in meinen Kindern und Kindeskindern nich meinen Namen verflucht. Mit den hundertachtundzwanzig Kostgängern hat es folgende Verwandtnis: Wir zählen im Hause sechs Seelen. Mein Weib und ich und meine beiden Kinder; wir haben zusammen viermahl zweiunddreißig Zähne, die kauen wollen, das sind hundertachtundzwanzig Kostgänger. Meine alten Eltern essen auch an meinem Tische mit, haben aber keinen Zahn mehr im Munde." Das Rätsel und seine Lösung gefiel der Kaiserin gusnehmend gut, und sie versprach ihm eine Belohnung, jedoch nur unter einer Bedingung : Höre, Jude," sagte sie : „Deine Rede ist gut. Du bekommst eine Premie mitsamt meinem Bildnis und Unterschrift. Du mußt mir aber heilig versprechen, dass Du keinem Menschen in der Welt eher ein Wort von dieser Unterredung erzählst, als bis Du mein Bild mit Unterschrift erhalten hast." „Wie Majestät befehlen," verabschiedete er sich, der im Innern die hohe Frau für vollkommen verrückt hielt. Wie Kaiserin Jekaterina nach Hause kam rief sie ihre Minister zusammen und gab ihnen die Antwort des Juden als Rätsel auf. Aber keiner von den Ministern konnte es lösen. Was sollte das sein mit der Schuld für Geburt, der Angst vor dem Verfluchtsein nach dem Tode und den hundertachtundzwanzig Kostgängern?! Da einer der Minister von der Begegnung der Kaiserin mit dem Juden erfahren hatte, machte er sich zu ihm hin und fragte ihn nach des Rätsels Lösung. Der Jude weigerte sich natürlich, nach Abmachung mit der Kaiserin, die Lösung zu verraten. Da nahm der Minister einen neuen Hundertrubelschein und überreichte ihn dem Juden. Dieser öffnete seinen Mund, und er erzählte ihm die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende. Triumphirend eilte der Minister nach Hause und überbrachte den Kaiserin die von ihr gewünschte Lösung. Jekaterina war klug genug, um die Quelle für das Wissen des sonst wenig findigen Kopfes za ahnen und ließ den Juden kommen. „Habe ich Dir nicht strengstens verboten irgend jemand unsere Unterhaltung mitzuteilen." herrschte sie ihn an. „Gewiss," antwortete er. „Aber nur allsolange ich nicht das Bildnis der Kaiserin mit ihrer Unterschrift erhalte." „Und wer hat Dir mein Bild mit Unterschrift gebracht? Es ist mir nicht bekannt, Dir solches geschickt zu haben." Da holte der Jude den neuen Hundertrubelschein aus der Tasche. Darauf war das schöne Bildnis der Kaiserin und darunter ihre Unterschrift. „Dem Manne, der mir dieses überbrachte, dürfte ich nach Befehl ihrer Majestät die Geschichte erzählen." Damit war der Zorn der Kaiserin vollends besänftigt und sie entliess den Juden mit reichen Geschenken in Gnade. Impressionen aus Erez Jisroel. — S. G. Jerusalem. — Stille, Schweigen. Noch lagert über Stadt und Land das Dunkel der Nacht. Doch der Hahn sendet dem Morgen schon seinen Gruss. Wieder Stille, wieder Schweigen. Da steigt fahl und kühl die Dämmerung auf. Im gleichen Augenblick erwacht die Vogelwelt und erhebt zum Lobpreis ihres Schöpfers ein jubelndes Gezwitschter, Flöten und Trillern. Der Hymnus verstimmt, und die Sänger wenden sich zum Morgenmahl. Der Mensch schläft noch, ein, zwei Stunden, wie es dem und jenem sein Geschick erlaubt. Das eine und das andere Fenster öffnet sich. Hier und dort knarrt eine Tür. Den stillen Frieden beendet die unruhige Geschäftigkeit des beginnenden menschlichen Tageswerks. Plötzlich durchbricht das Geschrei der Zeitungsjungen die Luft. „Doar Hajom!" „Dawar!" „Haarez 1" * Was haben die letzten Tage gebracht? Platzten wieder Bomben, flogen wieder Kugeln und zerstörten Menschenleben? Züngelten wieder heimtückisch angelegte Feuerbände auf und i vernichteten die Mühen des jüdischen Bauern? Du liesst diese, liesst jene Tartarennachricht, die auch deine Existenz angehen, aber weisst nicht, wie nun das Gelesene in einen klaren, vernünftigen Gedankengang hinzustellen. Was will man von dem humanen, friedlichen, arbeitsamen Volke der Juden? * Die Politik der Diplomaten nach dem Weltkrieg öffnete den Juden die alte Heimat. Dort waren Jahrhunderte in die Ewigkeit hinübergegangen und hatten Wälder, Felderu" Weinberge in öde Wüsteneien verhandelt, zwischen denen in einer sengenden Sonne Sümpfe tötendes Fieber brüteten. Jetzt brachte die Einladung zur Rückkehr an die Juden das Wunder der Verwandlung der Wüsten und Sümpfe in grünende Fluren mit aufstrebenden Dörfern. Die Politik hatte die Tore geöffnet. Die Politik verfügte aber auch über die Kontrolle an den Toren und legte der freien Entwicklung im Lande selber Hemmungen auf. Denn die Politik rechnete mit gewissen politischen Führern der bisherigen Bevölkerung, trotzdem die jüdische Einwanderung deren Not und Elend immer mehr beseitige. Es war für das jüdische Volk ein Wagnis gewesen, sich den Versprechungen der Politiker anzuvertrauen und zu glauben, dass seine eigenen politischen Führer der auftauchenden Schwierigkeiten schon Herr werden würden. Doch trotz der trennenden zwei Jahrtausende lebte die Liebe zu der alten Heimat — wenn häufig auch nur im tiefsten Seelenwinkel — noch im jüdischen Volke; — Liebe aber ist optimistisch. Das jüdische Volk hätte optimistisch sein dürfen, wenn es nicht nur den Weg zur alten Heimat, sondern auch zu seinem alten G-tle genommen hätte. Soll Zion durch das Recht erlöst werden, dann muss von ihm die Lehre G-ttes wieder ausgehen. Diese einzige Politik sichern Erfolges sind aber die jetzigen zionistischen Führer nicht gegangen. Sie waren und sind keine Makkabäer, nicht Diener am Licht des G-ttestempels. * Nur als Volk der Bibel lässt sich die Sympathie der Völker erwerben, eine Sympathie, die sich endlich über Interessenpolitik hinwegsetzt. Nur als Volk der Bibel wird das Volk der Bibel über seine Feinde siegen. Moscheh, der Mann G-tles, der grösste Mensch und Jude aller Zeiten, der Führer, der begnadet war, das Volk aus der Sklaverei zur Ofienbarung G-ttes zu führen, gab am Schluss seines Leben den jüdischen Geschlechtern aller Zeiten das politische Testament, dass nur die Wahrung der G-tteslehre die Weisheit und Grösse des Volkes Israel in den Augen der Völker ist. Die zionistische Bewegung hat diese einzige Richtlinie jüdischer Politik bis heute nicht kennen wollen. G-ttes Propheten und ihr ethisches Pathos, das Erbgut des jüdischen Volkes, seine Traditionskette, seine Erhaltung in allem Wandel der Zeiten, sind auf den Tribünen der Oeffentlichkeit verfehml. Die Grossen des Volkes Israel hatten von Abraham an um das G-ttiiche in ihrer Seele gerungen. Als Israel, als um das G-ttliche Ringende, trat das Volk Israel unter die Völker. Als Israel erlebte es alle Höhenperfoden seiner Geschichte. Als Israel hat es im Altertum über kananitische und über hellenistische Na- Naturvergötterung gesiegt, als Israel die Hölle des Mittelalters überstanden. Nur mit G-tt wird es auch jetzt aus allen Fährnissen siegreich hervorgehen. G-ttes Herrlichkeit spricht zum Menschen am gewaltigsten in der Stille des aufgehenden Morgens. Drum, Volk G-ttes, wecke den Morgen! Dann wird der Glanz des Morgens Zion verklären und Zion auch das Höhenziel der Völker werden. — Holländisch-Gu/ana lässt keine Emigranten ZU. Das Parlament von Holländisch- Guiana beschloss, ausländischen Kaufleuten die die Etablierung zu verbieten. Im Einwanderungsamt für Holländisch-Ostindien liegen zahlreiche Gesuche jüd. Flüchtlinge aus Deutschland-Oesterreich und Italien um Erteilung von Visen bezw. Aufenthaltserlaubnissen vor, doch werden nur wenige von ihnen ins Land Aufenthaltserlaubnissen vor, doch werden nur wenige von ihnen ins Land gelassen; begründet wird dies damit, dass in den holländisch-ostindischen Gebieten Arbeitslosigkeit herrscht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.