Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 5 (2.2.1939)
- Date
- 1939-02-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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JUDISCHE NACHRICHTEN 2. Februar 1939 Der Psalmsager. — Ostjüdische Legende. — In Polen lebte einst ein sehr reicher Jude ebenso fromm wie wohltätig, Er erfüllte die Gebote der Thora und verteilte seine reichen Einkünfte unter die Armen und Bedürftigen. Eines Tages fasste er den Entschluß, eine eigene Thorarolle schreihen zu lassen. Diese Thorarolle sollte aber das Reinste und Heiligste sein, das es je gab. Er ließ ein Dutzend junger, kaum geborener Kälber kaufen, stellte diese unter die Aufsicht eines jüdischen, äußerst frommen Hirten, der strenge darauf achtete, dass die Kälber nichts Unreines und nichts geniessen, was nicht Eigentum des reichen Mannes sei. Als die Kälber groß geworden waren, liess er sie von einem besonders frommen Schochet schlachten. Das Fleisch wurde zur Gänze unter die Armen verleilt und die Felle einem frommen jüdischen Gerber anvertraut, der sie zu Pergament verarbeitete. Hernach suchte der reiche Mann im ganzen Lande den frommsten Thoraschreiber aus, richtete ihm ein besonderes Zimmer ein, damit er ungestört sich seiner heiligen Arbeit widmen könne. Er errichtete auch ein besonderes Tauchbad, in welchem der Soffer immer ein Bad nahm, so oft er den heiligen Namen G-ltes niederzuschreiben hatte. Acht Jahre nahm das Schreiben der Thorarolle in Anspruch. Es war ein selten schönes und ausserordentlich heiliges Exemplar. Als es fertig war, liess der reiche Mann dasselbe mit Gold aufwiegen und verteilte den Gegenwert unter Arme und Bedürftige. Er gab schließlich an dem Tage, an dem die Thorarolle der Synagoge übergeben werden sollte, für die ganze jüdische Gemeinde ein reiches Festmahl. Es wurde das Teuerste und Feinste vorbereitet, das überhaupt aufzutreiben war. Einer der Diener des reichen Mannes war ein einfacher, aber G-tt ergebener Mann. Da er kein Schriftgelehrter war und seine freien Stunden nicht dem Thorastudium widmen konnte, pflegte er bei jeder Gelegenheit Psalmen zu rezitieren. Immer, wo er stand und ging, psalmierte er und erhielt deswegen den Beinamen „Der Psalmsager". Am Tage des großen Festes wurde ihm die Aufgabe zugewiesen, für die Gäste Wasser bereit zu halten, damit sie sich vor dem Mahle wie vorgeschrieben, die Hände waschen. Da er bis zu diesem Moment nichts anderes zu tun hatte, begab er sich in ein besonderes Zimmer und verbrachte die Wartezeit mit seinen Psalmen. Er vertiefte sich so sehr in ein andächtiges Rezitieren, dass er ganz an seine Arbeit vergaß. Als die Gäste zu Tische gingen, war niemand da, der ihnen Wasser reichen sollte. Der Gastgeber geriet in einen heftigen Zorn, stöberte den Psalmsager auf und überschüttete ihn mit Vorwürfen. Dieser versuchte sich mit seinen lieben Psalmen zu entschuldigen, wurde aber noch heftiger gescholten, wobei dem Gastgeber die Worte entschlüpften : „Wegen Deiner sinnlosen Psalmsagerei ist mein Fest gestört." Das Mahl war im Gange. Der Gastgeber bemühte sich persönlich um seine Gäste und sorgte dafür, dass jedem sein Wunsch geschehe, als eine Kalesche vor dem Hause Halt machte und der reiche Mann gebeten wurde, hinauszukommen. In der Kalesche saß ein Fürst, der den Gastgeber einlud, in den Wagen zu steigen, da er mit ihm eine geschäftliche Angelegenheit zu besprechen hätte. Der Mann versuchte sich zu entschuldigen. Er habe jetzt Gäste im Hause und könne unmöglich abkommen. Aber der Fürst drängte und versicherte, es handle sich bloß um eine Unterredung von wenigen Minuten. Widerstehend b üeg der Gastgeber die Kalesche, die sich mit einer unerhörten Geschwindigkeit in Bewegung setzte. Bald entschwand die Stadt dem Auge der Reisenden. Binnen weniger Minuten waren sie in einen tiefen Wald hineingefahren und der Wagen blieb vor den Toren eines hohen Palastes stehen. Der Fürst und sein Diener führten den vor Ueberraschung außer Fassung geratenen Mann in einen großen Saal. In diesem befanden sich 71 Richterstühle um einen langen Tisch. Von der Decke verbreitete eine herrliche Lampe ein sonnenartiges Licht. Eine Bank stand vor dem Tisch und der reiche Mann wurde gezwungen, auf dieser Platz zu nehmen. Bald öffneten sich die Flügeltüren des Saales. Es erschienen drei prächtige Greise, weiß gekleidet. Ihnen folgte ein imposant aussehender Mann, in den Kleidern eines Hohepriesters. Dann kamen Richter, Schreiber und Gefolge, die die 71 Stühle besetzten. Nun öffnete sich wieder eine Tür und würde- und hoheitsvoll schritt eine blendende Erscheinung herein, mit einer herrlichen Krone auf dem Haupt, ein in Gold gebundenes Buch in der Rechten, ein Szepter in der Linken. Die Erscheinung trat vor die Richter und sprach : „Höret Ihr Patriarchen! Höret Ihr Priester! Höret Ihr Richter! Ihr wisst, dass unser Lehrer Mose seine Thora in fünf Büchern schrieb, Ihr wisst auch, dass ich meine Psalmen in fünf Büchern einteilte. Die Thora ist ein Gesetzbuch. Meine Psalmen sind ein Buch des Gebetes und der Erbauung. Wer ein schweres Herz hat, findet in meinen Psalmen Trost, wer in Not geraten ist, schöpft aus meinen Psalmen Hoffnung und Vertrauen. Nun hat der Mann, der vor Euch sitzt, meine Psalmen beleidigt. Er, der die heiligen Bücher der Thora hat schreiben lassen, hat seinen Diener dafür beschimpft, daß er in meinen Psalmen Trost und Erbauung findet. Unser Lehrer Mose soll nun den Frevler richten." Und wieder öffnete sich eine Türe und strahlend vor Herrlichkeit erschien Mose der Knecht G-ttes, und der Vater der Thora und der Vater der Psalmen standen sich gegenüber. Die Kalesche fuhr mit gewaltiger Geschwindigkeit. Bald blieb sie vor dem Hause des reichen Mannes stehen, der sich wieder zu seinen Gästen begab. Er ließ den Psalmsager rufen und bat ihn vor den Versammelten um Verzeihung. Dann lud er ihn ein, an seiner Seite am Festtisch Platz zu nehmen und erzählte den Gästen auf ihre erstaunte Frage das, was er in den letzten Minuten erlebte. Sabbatheiligung. In immer neuen Variationen schärft uns die Thora das Gebot der Sabbatheiligung ein. Bald als Befehl, den Ruhetag zu heiligen, bald als Verbot, ihn durch Werktätigkeit zu entweihen. Bald wendet sich die Schrift an den Einzelnen, bald an die Gesamtheit. Der Schabbos ist die Grundlage des jüdischen Lebens. Er ist die allwöchentlich wiederkehrende Huldigung Israels für seinen Schöpfer. Er ist das Zeugnis, das die jüdische Gesamtheit der ganzen Menschheit kündet, daß ein allgüüger G-tt die Welt erschaffen hat und sie erhält. Er ist das Zeugnis, das jeder einzelne Jude durch Wort und tat in seinem häuslichen Kreise und in dem Bereich seines Wirtschaftslebens ablegt für das Dasein G-ttes. Die Entweihung des Sabbats ist ein Treubruch gegen G-tt, der sein Volk Israel eingesetzt hat als den berufenen Künder G-ttes in der Schöpfung und ihrer Weiterwirkung und in der Menschheitsgeschichte. Eine Entweihung des Sabbats wird von unseren Weisen der G-ttesleugnung gleichgestellt. An jeden einzelnen Juden und an die jüdische Gesamtheit erging und ergeht der Ruf, durch Wahrung des Ruhetages den göttlichen Namen auf Erden zu heiligen. Jeder einzelne ist verpflichtet, sein ganzes Leben auf die Heilighaltung des Sabbats einzustellen. Bei der Berufswahl und in der Ausübung des Berufes ist die Sabbatfrage für den jüdischen Knaben und das jüdische Mädchen, für den jüdischen Mann und die jüdische Frau maßgebend. Heilige Pflicht ist es, sein eigenes Berufsleben dem G-ttesgebot der Sabbatruhe unterzuordnen und seinen Kindern den Weg zu zeigen und zuebnen, es zu tun. Doch es genügt nicht, für sich selbst und seine Familie zu sorgen. Auf dem ganzen Gebiete des jüdischen Pflichtenlebens gilt das Gebot des Arewus, der gegenseitigen Bürgschaft und Verantwortung ganz Israels. In der Praxis der Gegenwart hat sich dieser Arewusgedanke ganz besonders für den Schabbos auszuwirken. An jeden ergeht die Aufforderung, dem Bruder, der Schwester zu helfen, den von G-tt gebotenen Ruhetag zu heiligen. Und an jeden ergeht die Aufforderung, selbst nachzuprüfen, ob er dieser Pflicht gerecht wird. Man soll sich immer wieder prüfen, ob das göttliche Gebot, dem Bruder zu helfen, mit gleicher Gewissenhaftigkeit erfüllt wird, wie die anderen Gebote. Nicht Vorwürfe sollen gemacht werden, nicht utopische Idealforderungen aufgestellt werden. Jeder sei Richter über sich selbst, denn welches Recht hätten wir, mit der eigenen Familie am feierlichen Sabbattische zu sitzen, wenn wir Gelegenheiten nicht wahrnehmen, anderen zu helfen, den Sabbat zu feiern, wenn durch unsere Schuld andere am Sabbat darben müssen oder der Versuchung monatelanger Not unterliegen und den Sabbat entweihen! Der Fortbestand des Judentums ist untrennbar an den Schabbos geknüpft. Seine Heilighaltung durch Wort und Tat zu fördern, ist eine der vornehmsten Aufgaben des Klal Jisroel. Das Fest der Bäume. Es herrscht wohl eine Meinungsverschiedenheit im Talmud darüber, wann das Neujahr der Bäume beginnt; aber Hilels Ansicht^ dass dies der 15. Schewat wäre, wurde allgemein anerkannt. Und so feiert das jüdische Volk traditionsgemäss den fünfzehnten Schewat als das Neujahrfest der Bäume, als jenen Tag, an die die Sonne in Erez Jisroel wieder ihre Wärme zu spenden beginnt, und die Bäume ihre Säfte wieder gewinnen. Dieses schöne Volksfest hat aber auch seine tiefere Bedeutung. R. Chaim Vital teilt die Obstarten in drei grosse Gattungen und in dieser Dreiteilung findet er die drei Phasen des Weltcosmos. Es gibt Früchte, die das Höhere, rein geistige Leben symbolisieren, dies wären jene, die wir ganz so, wie sie G-tt schuf, geniessen können (Trauben, Feigen). Die Welt der Materie versinnbildlichen jene Fruchtarten, die nur nach Zerstörung der äusseren Hülle geniessbar sind (Nüsse, Mandeln etz.). Die Verbindungswelt zwischen der himmlischen Ethik und der irdischen Wirklichkeit symbolisieren uns diejenigen Obstgattungen, deren äussere Hülle wohl geniesbar sind die aber etwas ungeniessbares im Inneren enthalten (Datteln, Pflaumen etz.) Das Naujahrfest der Bäume, will uns in unseren Glaube an die Allmacht G-ttes stärken, es will uns zeigen, dass die Natur von G-tt beherrscht wird. Jede Naturerscheinung, jede Kreatur, hat ihre Gesetze, ihre vorgesehenen und vorgeschriebenen Bahnen, Der Gesetzgeber, Leiter unserer Geschicke ist G-tt. Das Chamischo-Ossor Fest enthält aber noch eine sehr wichtige Lehre für uns. Die Bäume machen alljährlich einen starken Winter durch. Frost und Schnee scheint sie oft zur Gänze zu Grunde zu richten. Es kommt aber der Frühling, die inneren Säfte der Bäume fangen sich an zu regen und ein neues Leben beginnt. Auch bei uns kommt es öfteres vor, dass wir verzweifelt dastehen. Wenn sich aber in uns die innere Wärme zu rühren beginnt, wenn wir unser seelisches Gleit! jewicht — gestützt auf festes G-ttvertrauen — wieder gewinnen, dann kann uns nicht mehr Böses zustossen, denn G-tt wird uns helfen.