Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 4 (26.1.1939)
- Date
- 1939-01-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 JUDISCHE NACHRICHTEN 26. Januar 1939. Die Tephillin*Hand. i. Es war in den letzten Tagen des Februar 1838, jenes verhängnisvollen Winters, welchem die Uebersehwemmung Pest-Ofens folgte, als ich einer chirurgischen Vorführung unter Professor Stahly anwohnte. Der allgeliebte Mann war eingetreten, und unter lautloser Stille harrten wir der Fälle, die kommen sollten. Der Assistent Dr. Hölbling trat sichtlich ergriffen ein. „Man hat soeben einen Schwerkranken vom Lande gebracht," sagte er; „wenn Sie, Herr Hofrat erlauben, so werde ich ihn ausser der Reihe vorführen." „Gleich, sogleich," versetzte Stahly mit dem ihm eigenen Zartgefühle, „in solchen Fällen dürfen wir keine Umstände machen" — und es öffneten sich die Flügeltüren, und drei Personen traten ein, die ein Bild boten, ergreifend und erschütternd, wie ich es früher nie gesehen hatte. In der Mitte ein etwa 30 Jahre alter bleicher, abgemagerter Jude mit erlöschenden Zügen, wie wir uns etwa einen von der Folterbank Weggetragenen denken, den linken Arm in eine Art Schlinge gelegt, links ein ärmlich gekleidetes, abgehärmtes Weib, rechts ein Bauer, der Kutscher, der den Ärmsten während einer langen Winternacht nach Budapest gebracht. Der Kranke wurde in einen Lehnsessel gesetzt, seine beiden Begleiter standen ihm zur Seite. Wir erfuhren, dass vor drei Tagen das Ellenbogengelenk des Unglücklichen vom Mühlrade erfasst, in die Radzähne gezogen und vollständig zermalmt worden war. Bis gestern hatte ihn der Wundarzt in seiner Heimat behandelt; wegen Verschlimmerung seines Zustandes hatte er ihm aber dann den Rat gegeben, sich in die Universitätsklinik nach Budapest zu begeben. Indes war der Verband gelöst und entfernt worden, und ein entsetzliches Anblick bot sich unseren Augen dar. Der Arm war gräßlich zugerichtet. Totenstille herrschte im Saale. „Nun, meine Herren," begann Stahly, „wir werden den Arm sogleich abnehmen. Sie begreifen, daß bei derartiger Zerstörung an die Erhaltung des Gliedes nicht zu denken ist." Und zum Kranken sich wendend, setzte er ihm mit wenigen Worten die Notwendigkeit der Operation auseinander und suchte ihm Mut einzuflößen. „Was sagen Sie, gnädiger Herr?" frug dieser. Stahly wiederholte das vorher Gesagte. „Gnädiger Herr, ich lasse mir meine Hand nicht abnehmen." „Ah, Sie fürchten, Sie werden sterben. Eürchten Sie nichts. Sie werden die Operation glücklich überstehen, aber ohne sie, da sterben Sie gewiß." „Gnädiger Herr, wie G-ttes Wille ist. Mein Leben ist in G»ttes Hand. Ich lasse mir meine Hand nicht abnehmen." „Aha", versetzte Stahly, „Sie glauben, daß die Operation Ihnen große Schmerzen verursachen wird. Fürchten Sie nichts. In wenigen Minuten ist alles vorüber, und dann werden Sie viel weniger Schmerzen haben als jetzt." „Gnädiger Herr, den Tod fürchte ich nicht, und die Schmerzen sollte ich fürchten? Aber ich lasse mir meine Hand nicht abnehmen." „Sagen Sie mir. mein Freund," frug Stahly, „haben Sie eine Frau?" „Ja, gnädiger Herr," antwortete der Jude, auf seine neben ihm stehende Gattin zeigend. „Haben Sie Kinder?" „Drei." Dann sind Sie schuldig. Ihr Leben für Ihre Familie zu erhalten, die sie ernähren müssen." „Gnädiger Herr, als ich zwei Hände gehabt habe, habe ich Frau und Kinder nicht ernähren können, und mit einer Hand soll ich Sie ernähren?" „Mein Lieber," antwortete Stahly, „Sie irren! So lange Sie ihre gesunden Glieder hatten, war die Welt hart mit Ihnen. Jetzt wird man Mitleid mit Ihnen haben. Ihre Glaubensgenossen haben viel Wohltätigkeitssinn. Man wird Sie gern etwas verdienen lassen." Und nach einer Pause : „Nun, sind Sie zur Operation entschlossen?" Aller Augen waren auf den Kranken gerichtet. „Gnädiger Herr, ich lasse mir meine Hand nicht abnehmen, sagte endlich dieser mit einer Festigkeil, die jedes fernere Zureden unnütz erscheinen ließ. Stahly wendete sich zur Hörerschaft: „Meine Herren, Sie wissen, der Chirurg ist verpflichtet, zu jedem Eingriff die Einwilligung des Kranken einzuholen. Ich war häufig in der Lage, meine ganze Beredsamkeit zur Bekämpfung des Wiederstandes gegen die Operation aufbieten zu müssen. Aber ich gestehe Ihnen, ich bin noch nie auf eine solch unbeugsame Hartnäckigkeit gestoßen wie bei diesem Menschen." Und nun fragte er den Kranken : „Warum wollen Sie sich den Arm nicht abnehmen lassen?" „Gnädiger Herr," antwortete ihm dieser, „es ist meine Tephillinhand." Alles stutzte, man verstand nicht, was er gesprochen. Ich ergriff das Wort und erklärte, das dies die Hand sei, auf welche der Jude beim Gebete die sogenannten Gebetriemen, ein heiliges Symbol, aufwickeln müsse. Ein helles Gelächter erscholl von den hintersten Bänken. Stahly erblaßte, und der Ausdruck höchster Entrüstung war in seinen Zügen zu lesen. „Wer kann einen unglücklichen Kranken," hub er an, ,, seines Glaubens wegen verspotten? In diesem armen Juden liegt viel mehr Seelenadel als in den Leuten, die sich über ihn lustig machen. Zu euch wende ich mich nun, ihr Besseren, die ihr berufen seid, dereinst der leidenden Menschheit zu dienen. Wir sind Chi' rurgen, unsere Aufgabe ist, zu lehren, wie man operiert. Der Verwundete vor uns verweigert aber seine Einwilligung zur Operation zu geben. Sollen wir nun den Unglücklichen in diesem Zustande in dieser Jahreszeit zurücksenden? Wir werden in hier behalten. Auch so werden Sie lernen. Sie werden lernen, wie man stirbt, wenn nicht operiert wird, wo es angezeigt ist. Auch das ist eine wichtige Lehre." Plötzlich hielt er inne; „Soeben fällt mir ein, dass dieser Kranke unsere Kost nicht essen mird." Und zu mir sich wendend : „Gehen Sie, lieber F . . ., melden Sie den Fall der jüdischen Gemeinde und bitten Sie in meinem Namen um Kost und Wein für den Armen." Ich versprach es. Der Kranke wurde in ein ruhiges Zimmer gebracht und mit dem nötigen Wärterpersonal versehen (auch seine Frau blieb im Spital). Die Wunde wurde nach den Regeln der Kunst versorgt. Auf mein Gemüt hatte der Vorfall einen tiefen Eindruck gemacht, und ich besuchte den Kranken fast täglich. Anfangs war der Zustand ein verzweifelter und drohte, ihn in kurzem aufzureiben. Ich hatte alle Hoffnung aufgegeben. Bald darauf ließ ich mich an einem anderen Platze als Arzt nieder, und so hörte ich nichts mehr von dem Bedauernswerten. Erst nach einigen Jahren kehrte ich wieder nach Budapest zurück. II. Im März 1843 wurde ich in der Dämmerung zu einem Kranken gerufen. Der Morgen war kühl, und auf der Waitznerstraße, die ich durchschritt, sah ich vor einem der Bauernwagen, die Viktualien zum Wochenmarkte gebracht, einen Mann stehen, dessen Gesichtszüge mir bekannt vorkamen. Die Gestalt zog mich an, ich mußte diesen Mann irgendwo gesehen, vielleicht behandelt haben. Ich trat an ihn heran. Er nickte freundlich. „Sie kennen mich?" rief ich. ,,Ja, Herr Doktor", war die Antwort, „Sie waren ja so oft bei mir im Spital." „Und dieses Ihr Arm?" „Ja, Herr Doktor, meine Tephillinhand, geloht ist G-tt. Ich bestürmte ihn mit Fragen : wie er geheilt worden, wie lange er im Spital zugebracht usw. Ich konnte aus seinen Antworten nicht klug werden. Noch denselben Morgen war ich bei einem Kollegen. „Wissen Sie, wen ich heute gesehen?" sagte ich ihm beim Eintritt ins Zimmer „den Juden mit der gebrochenen Tephillinhand." „Ach, der ist ja geheilt entlassen worden." „Das ist es eben, weswegen ich komme. Ich möchte gern das Nähere von Ihnen erfahren." „Ich erinnere mich bloß, dass der Zustand in den ersten Wochen ein verzweifelter war und wir jeden Tag sein Ende erwarteten. Aber das Fieber ließ nach, die losgelösten Knochensplitter wurden entfernt, und mit dem Ende des Studienjahrs konnten wir ihn entlassen. Interessant war die Ansprache, mit welcher Stahly ihn entließ. Er war der letzte, der damals vorgeführt wurde. „Meine Herren," sagte Stahly, „es sind fünf Monate, daß wir diesen Kranken aufnahmen. Wir wollten den Arm abnehmen und sagten : Tun wir es, kann er leben, tun wir es nicht, kann er nicht leben. Der Kranke willigte nicht in die Operation und blieb trotzdem am Leben. War unsere Lehre falsch? Nein! Wenn mir noch hundert solche Fälle vorkommen, werde ich hundertmal sagen : Operieren. Und dieser Fall? Der bildet eben die Ausnahme. Hier hat ein Umstand zur Heilung beigetragen, der Ihnen unter hunderten vielleicht nicht wieder vorkommt. Es war der Glaube, der den Kranken in die Operation nicht einwilligen ließ. Und derselbe Glaube an G-tt war es, der seine Schmerzen linderte, der ihm im seinem Leiden Trost und Hoffnung gab, der ihm im Kampfe ums Dasein neue Kraft zum Leben, Lebenskraft, verlieh." Die Wirtschaff im Heiligen Lande, Dreissigtausend Arbeiter sind derzeit in verschiedenen Gewerbszweigen Palästinas beschäftigt. Diese Zahl könnte um ein Vielfaches vergrössert werden, wenn der Entwicklung der Industrie und des Gewerbes die nötige Unterstützung seitens der Palästineregierung geboten würde. Für die Monate Feber-März rechnet man in den Kolonien, wo Orangen geerntet werden, mit einen grossen Arbeitermangel. Auch ausserdem bieten sich in Palästina grosse Arbeitsmöglichkeiten. Voraussichtlich wird bald mit dem Bau von neuen Verkehrsmitteln in den Kolonien begonnen werden. Neue und billige Arbeiterwohnungen werden errichtet werden. Man beginnt schon mit dem Vorarl „uen zu einer weiteren Koloniesierung des Landes. Der Tel-Aviver Hafen soll erweitert und ausgebaut werden. Die englische Gesellschaft „Consolidides Raffineries Limited" baut derzeit neue Petroleumraffinerien in Emek Sebulon. Die Raffinerien werden in einem Raum von 1.450 Dunam auf den Weg Haifa-Ako errichtet werden. Eine Zukunft hat noch in Palästina die Ghocoladenerzeugung, die Erzeugung von Spezialseifen, von verschiedenen Glyzerinsorten und vieles Aehnliche. Seit letzterer Zeit ist auch zu bemerken, dass die Diamantschleiferei, ein Gebiet auf welchem Juden Bedeutendes in Belgien leisten, nun auch in Palästina in grösseren Rahmen betrieben wird. Vieles könnte noch in Erez Jisroel, speziell was Industrie und Handel anbelangt, geschehen. Mit Leichtigkeit könnten 100.000 jüdische Arbeiter Beschäftigung finden.