Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 4 (26.1.1939)
- Date
- 1939-01-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9607246-9597272-9597291--23-9597294- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
25. Januar. 1939. JUDISCHE NACHRICHTEN 3 Tagung des administrative Commitee des jüdischen Weltkongresses. GLOSSEN. Verschiedene Reihen. Letztere Zeit konnten wir zwei ganz eigenartige Nachrichten in der Tagespresre lesen. Die eine Nachricht, die zuerst in den palästinensischen Zeitungen erschienen ist, kann unser jüdisches Herz mit Freude und Stolz erfüllen, die andere, die wir der ungarischen Presse entnehmen, ist aber für uns sehr betrübend. Die Stadt Tel Aviv beschloss 5000 jüdische Kinder, die vor kurzem Heimat- und Staatenlos geworden sind, zu adoptieren und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Vor den Amt, in dem diese humane Arbeit registriert wird, stehen die Menschen in Reihen — schon von frühen Morgen an — weil sie Angst haben, dass sie zu spät kommen könnten und dass sie sodann nicht mehr in der Lage wären, eines dieser Kinder in ihre Obhut zu nehmer. Die jüdischen Familien in Tel-Aviv wetteifern miteinander bei dieser edlen Aktion und kein Jude will hierbei fehlen. Etwas ganz anderes sehen wir in Budapest. Auch dort stehen die Menschen in Reihen und zwar vor dem Rabbinat. Jüdische Menschen kommen sehr früh, aber nicht etwa um eine humane Handlung zu forcieren; sie wollen nur je früher zum Herrn Rabbiner zugelassen werden, damit sie ihren Austritt aus dem Judentume je rascher anmelden können, damit sie die bitteren Früchte des Renegatentums je früher geniessen können. Da stehen die Menschen in Reihen, und dort stehen die Menschen in Reihen, „wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe". Eine moderne chassidische Legende. Nicht vor 100 Jahren, auch nicht vor zwanzig, sondern vor ganz kurzem hat sich unsere kleine Geschichte abgespielt. Es war dies am Freitag Abend beim Schabbostisch des „Rebben". Der Rebbe hat soeben etwas vorgetragen, die Zuhörer waren sehr gespannt, eine feierliche Stimmung herrschte im Saale, eine wahre, echt-jüdische und nicht gekünstelte Simcho. Die Wochentagssorgen wurden bei Seite geschoben, ein jeder — mag er noch so arm sein — empfindet in diesem Moment die Heiligkeit des Tages. Plötzlich wurde diese Festlichkeit unterbrochen, ein paar Huligans strömten in den Hof des Rebben und warfen eine Bombe durchs Fenster. Es war dies eine Bombe, die nicht klein war und die unter Umständen lebensgefährlich werden könnte. Im Zimmer des Rebben entstand eine Panik, diese war aber nur von ganz kurzer Dauer. Die Bombe wurde von einen heldenmütigen Palästinenser, den sie zufällig traf — ein Palästinenser, der zur Genüge die Wirkung der Bomben kennt — zurückgeschleudert und lag ohne weitere Gefährdung im Hofe. Alsbald beruhigten sich die Anwesenden, kein Mensch kümmerte sich mehr darum, die Chassidim tanzten und sangen herrliche Lieder, als ob nichts geschehen wäre. Die Polizei kam herbeigeeilt und konnte vor Verwunderung kaum sprechen. Die Juden, die vor einer Viertelstunde in ihrem Leben bedroht waren, jammern weder, noch klagen sie, ganz im Gegenteil, sie unterhalten sich. Das ist jüdische Lebensbejahung, das ist die vielgerühmte jüdische Vitalität. Ein solches Volk, mit solchen Eigenschaften kann nicht zu Grunde gehen. „Was Dir nicht gefällt, tue auch einen anderen nicht." Bei einer Gemeindesitzung in Budapest machte ein leitendes Mitglied darauf aufmerksam, dass in einigen Völksschulen Lehrerinnen ganz besondere und ziemlich eigenartige Abschreckungsmethoden benützen. Sie sagen des öfteren zu den Kindern : „Passet auf, seid brav, denn ansonsten werde ich Euch dem Juden übergeben." Nun schön, daran wäre eigentlich garnichts besonderes. In früheren Zeiten pflegte man den Kindern damit Schrecken einzujagen, dass man ihnen mit dem Wachmann drohte. Das Kind wusste, dass der Wachmann die Möglichkeit hat, es eines besseren zu belehren und, dass dies auch mit einer strengen Strafe verbunden sein könnte. Es ist demnach nichts Am Sonnabend, 14. Januar, abends, begann in Paris die Sitzung des Administrative Committee des Jüdischen Weltkongresses im Beisein von etwa 40 Delegierten aus den meisten europäischen Staaten. Seit der letzten Sitzung haben sich dem Jüdischen Weltkongress angeschlossen : die holländische Judenheit, die ungarische Judenheit, die luxemburgische jüdische Gemeinde, ausserdem die Judenheit des republikanischen Spanien. Die Vertreter dieser Länder nahmen bereits an der Sitzung teil. Die Rede Dr. Nahum Goldmanns Dr. Nahum Goldmann eröffnete als Vorsitzender die Sitzung und behandelte zunächst die Lage der Juden in Europa. Er wies auf die fortschreitende katastrophale Verschlechterung der jüdischen Situation in den meisten mittel- und osteuropäischen Staaten, insbesondere in den Ländern der großen jüdischen Massenansiedlungen. Ein Land nach dem anderen beginnt, durch legislative und administrative Massnahmen die Juden ihrer Gleichberechtigung zu entziehen, sie systematisch aus dem Wirtschaftsleben auszustossen und sie dadurch zu einer zwangweisen Emigration zu veranlassen. Die Kraft der Einheit. In einer solchen Zeit wäre es notwendiger denn je, dass die Judenheit der Welt sich zur Verteidigung der gemeinsamen Rechte und zur Erörterung der gemeinsamen Probleme zusammenschliesst. Die Erfahrung beweist täglich, dass die Entrechtung der Judenheit der Judenheit eines Landes die Lage der Juden in allen anderen Ländern beeinfiusst und dass es keine isolierten jüdischen Territorialprobleme gibt, da es sich letzten Endes um das gemeinsame Schicksal des jüdischen Volkes in der Welt handelt. Wichtige jüdische Organisationen stehen noch immer abseits und die innere jüdische Zersplitterung und das Chaos im jüdischen Leben haben oft katastrophale Folgen. Dr. Goldmann berichtete über seine zwei Reisen nach den Vereinigten Staaten und über die wachsende Inleressierheit des amerikanischen Judentums, der stärksten und wichtigsten jüdischen Gemeinschaft in der Welt, an dem Schicksal der europäischen Judenheit. Das Problem der Emigration. Das grosse Problem, mit dem sich die Sitzung beschäftigen müsse, sei die Frage der jüdischen Emigration. Diese Frage nimmt immer mehr einen internationalen Charakter an. Die Judenheit der Welt kann nicht zulassen, dass diese vitale Frage über die Köpfe der Juden hinweg entschieden wird. Wie jedoch das Beispiel des Evian-Comitees beweist, das heute über lebenswichtige Fragen des deutschen Judentums verhandelt, ohne dass offiziell ein Jerusalem. Zwischen dem Mufti und den zu ihm entsandten palästinensischen Araberführern fanden Besprechungen stall, bei welchen drei Fragen grundsätzlich behandelt wurden und zwar: 1.) Die Zusammensetzung der palästinensisch-arabischen Delegation zur Londoner Konferenz, 2.) die Forderungen, die aradabei, wenn derzeit den Wachmann der Jude spielen muss. Nur schade, dass hiemit nur die Kleinen, nicht aber die „Grossen" und Erwachsenen in Schrecken versetzt werden. Diesen müsste man es plausible machen, was es für sie bedeuten würde, wenn sie in unserer Zeit, nur für einige Monate gezwungen wären, als „Juden" zu leben. Diese Abschreckungsmetjüdischer Beirat dem Commitee zur Seite steht, wird die Judenheit nur dann ein Wort mitreden können, wenn sie eine autoritative Instanz für diese Fragen schafft, welche mit den Regierungen der Aus- und Einwanderungsländer als Mandatarin der Judenheit verhandeln kann. Die Exekutive des Weltkongresses wird dem Administrative Commitee vorschlagen, dass eine spezielle Sektion in der Exekutive für die Emigralionsfrage geschaffen wird. Der Abwehrkampf gegen Antisemitismus. Eine andere Frage, die zur Erörterung steht, ist die Organisierung des Kampfes gegen die antisemitische Hetze, die heute die öffentliche Meinung vieler Länder vergifiet. In seinen Erschliessungen gab das Administrative Commitee des Jüdischen Weltkongresses dem Willen Ausdruck, auf internationaler Basis den schärfsten Kampf gegen die jüdische Entrechtungspolitik zu organisieren. Der Weltkongress lehnt jede Kooperation mit Regierungen zwecks Organisierung jüdischer Auswanderung ab, solange nicht diese Regierungen das Prinzip der jüdischen Gleichberechtigung anerkennen. Ständiger Kontakt mit den jud. Organisationen nöttg. In einer weiteren Resolution appelliert der Jüdische Weltkongress an das Interstaatliche Komilee in London, einen ständigen Kontakt mit den zentralen jüdischen Organisationen herzustellen; es dürfe nicht das deutschjüdische Flüchtlingsproblem geregelt werden, ohne dass die Meinungen der autorisierten jüdischen Organisationen berücksichtigt werden. Die Executive des Jüdischen Weltkongresses wird Schritte einleiten, um gemeinsam mit anderen jüdischen Organisationen eine jüdisehe Emigrationskonferez einzuberufen; diese soll eine Instanz schaffen, welche im Namen der Judenheit zu den Fragen der jüdischen Emigration Stellung nehmen und mit den Regierungen Verhandlungen führen soll, damit den vielen unautorisierten Versuchen, Lösungen dieses Problems zu finden, ein Ende gemacht wird. Protest gegen Einwanderungsbeschränkung. Das Administrative Commitee des jüdischen Weltkongresses protestiert gegen die Beschränkung der jüdischen Einwanderung nach Palästina. Es erachtet es als die Pflicht der britischen Mandatarmacht, Palästina der jüdischen Einwanderung in weitestem Umfang zu öffnen, und fordert die Juden aller Länder auf, ohne Unterschied ihrer Parteizugehörigkeit für die Durchsetzung dieser Forderung zu kämpfen. Zum Schlüsse dankte der jüdische Weltkongress dem Papste. Nachher fand auch eine Pressekonferenz statt. bischerseits auf der Konferenz erhoben werden sollen, 3.) die Schritte, welche die arabischen Nätionalisten zu unternehmen hätten für den Fall, dass die Konferenz scheitert. Die zum Mufti entsandte palästinensische Araberdelegation kehrte am Sonnabend, 14. Januar, im Flugzeug aus Beyruth nach Kairo zurück. hoden würde wahrlich genügen und würde sie auch zur Einsicht bringen, dass die Grundlage eines menschlichen und gesellschaftlichen Lebens jener Grundsatz den Hilel bereits vor 2.000 Jahren, als die Zusammenfassung jüdischer Weltanschauung predigte, bilden müsste. „Was Dir nicht gefällt, tue auch einem anderen nicht". Der gewesene Jerusalemer Mufti verhandelt mit den palästinensischen Araberführeren.