Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 4 (26.1.1939)
- Date
- 1939-01-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 JUDISCHE NACHRICHTEN 26. Januar 1939. Aussenminister Bonnef über das Flüchtlingsproblem. Paris. Nach Begrüssungsworten des Senators Berenger hielt der Aussenminister eine grossangelegte Rede, mit der er die Arbeiten des Komitees eröffnete. Der Minister sprach zunächst den Mitgliedern des Komitees seinen Dank dafür aus, dass sie bereit gewesen seien, diese neue schwere Aufgabe auf sich zu nehmen. Das kürzlich beim Aussenministerium geschaffene Flüchtlings-Komitee ist am Nachmittag des Sonnabend, 14. Januar, unter dem Vorsitz von Aussenminister George Bonnet zu seiner ersten Sitzung zusammengetreten. Bonnet fuhr dann fort : „Wir haben die Pflicht, im vollen Masse unsere Könnens diesen Flüchtlingen, deren Los so erbarmswert ist, zu Hilfe zu kommen. Sie wissen, in welchem Geist und mit welch heissem Wunsch, im Rahmen ihrer Mittel an der Lösung des Flüchtlingsproblems mitzuwirken, die französische Regierung die edle Initiative des Präsidenten Roosevelt begrüsst hat. In Frankreich, das in der Metropole 40 Millionen Einwohner zählt, gibt heute im Innern seiner kontinentalen Grenzen 3,200.000 ausländischen Staatsbürgern u. 200.000 Flüchtlingen Asyl. Kein anderes Land hat ebenso viel getan. Indessen, unsere Bemühungen gehen täglich weiter. Das Recht zu vorübergehenden Aufenthalt in Frankreich wird Flüchtlingen gewährt,die, im Besitze der erforderlichen Dokumente, nach einer gewissen Frist ein endgültiges Asyl in den überseeischen Ländern finden können. Noch mehr : Frankreich weigert sich nicht, in Ausnahmsfällen und diese Ausnahmsfällen sind wegen der Gefahren die den Interessierten drohen, häufiger als man annehmen sollte — individuell ein Aufenthaltsvisum auszustellen. Indem ich die Arbeiten dieses neuen Organismus für eröffnet erkläre, wünsche ich von ganzem Herzem, dass sie, zum grössten Wohl für die leidende Menschheit, zu Lösungen führen mögen. Für die aufnähme jüdischer Kinder. Kardinal Verdier und Pastor Beogner sprachen die Bitte aus, dass man das Problem der Hereinbringung jüdischer Kinder aus Deutschland in Frankreich im Geiste der Barmherzigkeit und der Menschlichkeit behandeln möge. Das Komitee dankte dem Aussenminister für die Erleichterung der Herausgabe von Transitvisen für Flüchtlinge, die Einreisevisen in andere Länder haben. Präsident der tschechischen Akademie für Kunst u. Wissenschaften gegen Jugengesetze. Prag. Der Präsident der cechischen Akademie für Kunst und Wissenschaft nimmt in der Zeitschrift „Rytmus" zu dem jüdischen Problem in der Tschecho-Slovakei Stellung. Er schreibt u. a. : „Ich habe viele Schläge im Leben bekommen, aber unter denen, die sie mir gegeben haben, waren keine Juden. Ich habe während meines langjährigen Aufenthaltes im Auslande unter den Juden lauter ehrliche Charaktere u. grossherzige Förderer der Kunst gefunden. Noch heute, nach 40 Jahren, eainnern wir uns gern einander. Sollen diese Menschen Rassenprinzipien wegen aus dem Leben der Kunst ausgeschlossen werden? Niemals! Bei uns kann und darf es nicht zu diesen bösartigen antisemitischen Excessen kommen, welche die kulturellen Güter zerstören und G-tteshäuser niederreissen. Ebenso wie man den jüdischen Kaufmann seiner Tatkraft und Fähigkeilen wegen nicht aus dem öffentlichen Leben eleminieren darf, so dürfen die jüdischen bildenden Künstler nicht aus der Welt der Kunst ausgeschaltet werden." Ein neues Komitte für Flüchtlingskinder. In Paris ist unter dem Vorsitz der Baronin Edouard de Rothschild ein Komitee gegründet worden, das den Namen „Gomite Israelite pour lesz Enfants venant de l'Allemagne et d'Europe Centrale" trägt und seinen Sitz in Paris I, 38 rue de Mont Thabor hat. Das Komitee wird sich mit sämtlichen Fragen der Einreise und des Aufenthaltes von Flüchtlingskindern in Frankreich befassen. Beachtenswertes über San Domingo. Seit einigen Tagen ist die Tagespresse mit den Einwanderungsmöglichkeiten von San Domingo beschäftigt. Wir wollen unsere Leser mit der Struktur dieses Landes bekanntmachen. Die Republik San Domingo liegt auf der Oslhälfte der Insel Haiti, welche die zweitgrössle Insel der Grossen Antillen, der Inselgruppe zwischen Nord- und Südamerika, ist. Die dominikanische Republik oder, wie sie in der spanischen Landesprache heisst, die Republica Dominicana, ist 48.000 qkm gross und hat ca. 1,5 Millionen Einwohner. Auf der Insel Haiti, die zwischen dem 18. und 20. Grad nördlicher Breite liegt, herrscht ein ozeanisches Klima mit gleichmässigen tropischen Temperaturen. Das Klima wird von Europäern im allgemeinen gut vertragen. Das Küstengebiet ist ziemlich eben und von schiffbaren Flüssen durchströmt. Das Bergland im Innern der Insel steigt bis über 3000 m Höhe an. Im Gebirge finden sich Gold, Silber, Quecksilber, Zinn, Eisen, Kupfer, Schwefel, Steinkohle und Marmor, jedoch ist alles noch kaum ausgebeutet. Die Haupterwerbszweige bilden Land- und Waldwirtschaft, In den Küstengebieten, die zu den fruchtbarsten Landstrichen der ganzen Erde gehören, werden Zuckerrohr, Kakao, Tabak. Kaffee, Bananen, tropische Gewürze und Indigo angebaut. Neben Mahagoni und anderen wertvollen Hölzern aus den Bergwäldern bilden landwirtschaftliche Produkte die Hauptausfuhrartikel des Landes. Der grösste Teil der Ausfuhr geht nach den Vereinigten Staaten u. nach England, ein Teil nach Deutschland. Den Verkehr im Lande besorgen neben mehreren Plantagenbahnen zwei grosse Eisenbahnlinien, von denen eine in englischem Besitz ist. Die Hauptstadt des Landes, San Domingo, ist an eine grosse internationale Flugverbindung angeschlossen. Die Bevölkerung besteht grösstenteils aus Mulatten und anderen Mischlingen, ferner Negern, spanischen Abkömmlingen, Chinesen, Indern, Syrern und Türken. Die indianische Bevölkerung ist restlos ausgerottet. Staatsreligion ist die römisch-katholische, doch besteht Freiheit des religiösen Bekenntnissen. Die Währung des Landes ist der amerikanische Dollar. In seinem Buch „Die Juden in der Welt" gibt Dr. Mark Wischnitzer die Zahl der gegenwärtig in der dominikanischen Republik lebenden Juden mit 40 an. Eine Beratung der orth. Landeskanzlei in Ungarn. Unter der Leitung des Herrn Kahan-Frankl, des Präsidenten der ungarischen orthodoxen Judenheit, fand in Budapest am 18. Jänner eine Zentralratsitzung statt. Diesmal wurden neben den üblichen Gästen auch die Herren Rabbiner Tiegermann (Nove Zämky), Brach (Kosice), Buxbaum (Galanta;, Frey (Surany) u. Rabinovitsch (Mukacevo) geladen. Erschienen sind von die neuen Rabbinatsmitgliedern die Herrn Tiegermnnn, Frey und Rabinowitsch. Nachdem Herr Dr. Deutsch in Vertretung der Landeskanzlei zwei Wochen in Paris Aus Wanderungsangelegenheiten tätig war, wurde auch er zur Sitzung ad referendum eingeladen. Das Wesen seiner Ausführungen bestand darin, dass derzeit zu einer Massenauswanderung keine Möglichkeiten bestehen. Die jüdische Bevölkerung müsse auf diesen Umstand aufmerksam gemacht werden, damit sie von keiner Auswanderungspanik ergriffen wird und damit ein jeder nach Möglichkeit sein alltägliches Leben in seiner Heimat ruhig und bescheiden fortsetze. Ausführlich wurde auch über das einheitliche „Ungarisch-israelitische Amt" referiert, in welchem die Kongress, die Orthodox und Statusquo-Gemeinden vertreten sind. Die diesbezügliche einheitliche Arbeit wurde bereits Aufgenommen. Delegiertentag der „Zid. ustredna üradovna." Sonntag den 22. Januar fand in Zilina. eine Landeskonferenz der Zid. ustredna üradovna statt. Zu dieser Tagung waren sämtliche jüdische Gemeinden, beide Landeskanzleien u. alle jüdischen Landesorganisationen eingeladen. Bei einer Beteiligung von 350 Delegierten und rund 600 Gästen wurden die Konferenz um 9 Uhr Vormittags eröffnet. SsmtlicheReferenten betonten den Wunsch der slovakischen Judenheit, sich in den Wirtschaftsprozess der neuen Slovakei einzuordnen und alle ihre Kräfte den Aufbau dieses Landes zu widmen. Eine der gewählten Kommissionen erhielt die Aufgabe mit den Vertretern der Orthodnxie in Fühlung zu treten um die Einheit auf der wirtschaftlichem und sozialem Gebiete zu bewerkstelligen. Unter den vielen Resolutionen wäre jene vorgehobrn, die sich mit den — in letzter Zeit immer mehrenden — Talmudangriffen befasste wurde beschlossen, Broschüren und Aufklärungsschriften zu veröffentlichen, die diese Angriffe entkräftigen sollen. Die Agudas Jisroel sandte der Tagung ein Begrüssungstelegramm, indem sie zugleich ihren Bedauern Ausdruck verlieh, dass derzeit noch nicht alle Voraussetzungen geschaffen seien, die eine tatsächliche Einheitliche Vertretung der gesammten Judenheit ermöglichen. — Palästinaregierung rühmt dem Kampfesmut der jüdischen Hilfspolizisten. Jerusalem. Nach dem siegreichen Kampf, den jüdische Hilfspolizisten gegen eine ihnen an Zahl überlegene und gut bewaffnete Terroristenbande in der Nähe des Toten Meeres geführt haben, sandte der Oberstkommandierende der britischen Truppen in Palästina, General Haining, an die jüdischen Kämpfer ein Danktelegraram, in welchem er sie zu ihrer ausserordentlichen Tapferkeit beglückwünscht. — An Juden vermietete Bank-Safes müssen stets geöffnet sein. Auf Grund der im Dezember des Vorjahres erlassenen Verordnungen, waren die Juden in Deutschland ververpflichtet, ihre Wertsachen in Banken aufzubewahren. Eine soeben erlassene Verordnung verfügt nun, dass an Juden vermietete Bank- Safes stets geöffnet sein müssen, damit in jedem Augenblick eine Nachprüfung ihres Vermögens vorgenommen werden könne.