Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 3 (19.1.1939)
- Date
- 1939-01-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 JUDISCHE NACHRICHTEN 19. Januar 1939. Die Reinheit des jüd. Familienlebens. Die Ehegeselze der Thora bilden einen der wichtigsten Teile jüdischer Pflichterfüllung. Wollen wir die Bedeutung dieser Vorschriften richtig bemessen, so brauchen wir uns nur zu vergegenwärtigen, dass die Heilige Schrift die Uebertrelung der Ehegebote mit derselben Strafe ahndet, wie die Entweihung unseres Jomkippur-Festes. Es ist dies eine schreckliche Strafe! Die Seele wird befleckt, die Kinder kommen — vom jüdisch-moralischem Standpunkt aus gesehen — in Unreinheit zur Welt, eine völlige Ausrottung der Nachkommen steht bevor. Es gibt viefe unter uns, die zwar nur ein ganz kleines Fünkchen von Heiligkeit besitzen, viele die nur ganz wenig von Judentum halten und dennoch würden sie es bei weitem nicht wagen, den heiligsten Tag des Jahres, dem Jom-Kippur zu entweihen, während sie sich den jüdischnn Ehegesetzen gegenüber ganz gleichgültig verhalten. Die gebildeteren Kreise meinen: es sei dies von gesundheitlichen Standpunkt ein sehr wichtiges Gebot, dass den modernsten hygienischen Ansprüchen genüge leistet. Wir können aber dieses Ziel erreichen, — meinen diese Menschen — auch wenn wir uns nicht ganz strikte an die einzelnen Vorschriften der Thora halten. In Wirklichkeit ist dies ein ganz falscher Standpunkt, denn eine solche Auffassung rüttelt an der Göttlichkeit unserer Thora und ihrer Gebote. Es ist wohl wahr, dass die Vorschriften der Thora allen gesundheitlichen Anforderungen entsprechen. Berühmte Coryphäen auf medizinischen Gebiete haben bereits des öftern darauf hingewiesen, welche gesundheitliche Vorteile das jüdische Ehegesetz sowohl den Ehepartnern, als auch ihrer Nachkommen bietet. „Das Ehegesetz der Heiligen Schrift ist völlig vereinbart mit der menschlichen Natur. Das pünktliche und gewissenhafte Einhalten dieser Gesetze verhindert eine grosse Anzahl von Krankheiten und erklärt auch ihre angeborene Intelligenz und besondere geistige Veranlagung." (Sozialhygienie der Juden von Dr. Nossig). Nun dies ist ja natürlich, alles, was in der Thora von uns verlangt wird, dient letzten Endes den Menschen selbst. Wir dürfen aber keinesfalls die Nebenabsichten der Thora mit dem Hauptziel verwechseln. Es wäre ganz falsch, wollte man glauben, dass unsere Thora ein rein medizinisches Buch darstellt. Es gibt noch viel höhere Ideale, die die Thora mit den Ehegesetzen verfolgt. „Heiliget Euch, seid heilig, den ich bin heilig, der Ewige Euer G-tt." Mit diesen Grundsätzen werden die jüdischen Ehevorschriften eingeleitet. Heiliget Euch, erhebet Euch über alle tierischen Leidenschaften, veredelt Euch, beherrschet Euch und beweiset, dass ihr des Namens Mensch-Jisroel würdig seid," Ein höheres Ideal möge uns stets vor Augen schweben, wenn wir an die Erfüllung der jüdischen Ehegesetze schreiten. Eine höhere Ethik ist es also, die G-tt von uns fordert und daher können wir uns keinesfalls mit rein hygienischen Massnahmen begnügen. Eben aus diesem Grunde müssen wir die Ehegebote mit einer Obserwanz sondergleichen befolgen. Nichts auf diesem Gebiete darf uns überflüssig erscheinen und keines dieser Gebote dürfen wir vernachlässigen. Das Memorandum der N. Z. O. an die cechische Regierung. Die Judenfrage, so wird in dem Memorandum gesagt, ist ein internationales politisches Problem, das international gelöst werden muss. Wir gehen von der Erkenntnis aus, dass an der Lösung der Judenfrage Juden und Nichtjuden in gleichem Masse interessiert sind und dass sich aus der Paralellität dieser Interessen die gemeinsame politische Aktion ergibt. Die N. Z.O. verlangt die Einberufung einer Internationalen Staatenkonferenz zur Lösung der Judenfrage, an der die CSR. aktiven Anteil nehmen soll. Zwecks Durchführung einer geordneten Auswanderung schlagen die Neu-Zionisten eine enge Zusammenarbeit zwischen der Regierung und den Juden vor. Um zu verhindern, dass der Staat durch die Abwanderung der Juden etwa wirtschaftlichen Schaden erleidet, soll eine Liquidationsbank gegründet werden, welche die Liquidierung des jüdischen Vermögens (Uebernahme von Fabriken, Geschäften usw. durch entsprechende Kompensation) durchzuführen hätte. Das Memorandum betont, dass eine Auswanderung von Juden lediglich nach Palästina in Frage komme und das alle anderen territorialistischen Experimente die Lösung der Judenfrage, auch im Bereich der Tschecho- Slovakei, nur verzögern, ja vielfach sogar schädigen müssen. Darum ergebe sich für die CSR. die Notwendigkeit — ebenso wie z. B. für Polen und Rumänien — im Rahmen der Neu- Zionistischen Bündnispolilik für die Schaffung eines Judenstaates zu beiden Seiten des Jordan und für eine jüdische Masseneinwanderung in Palästina einzutreten. Die Tschecho-Slovakei, als Mitunterzeichner des Palästina-Mandates, könne Englend gegenüber diese Forderung umso energischer vertreten, als England dadurch, dass es durch aktive Mitwirkung an dem Zustandekommen des Münchener Paktes für die Beschneidung der Cecho-Slovakei mitverantwortlich ist, dazu beigetragen hat, dass das Judenproblem in der CSR. brennend wurde. — Japan nicht antisemitisch. London. Die Jüdische Telegraphen-Agentur hat von dem Präsidenten des Jüdischen Rates in Gharbin Prof. Abraham Kaufman ein Telegramm erhalten, in welchem dieser die am 17. Dezember in Londoner Blättern erschienenen Meldungen, wonach die japanischen Behörden in Nordchina und in der Mandschurei eine antisemitische Tätigkeit entfalten, als unrichtig bezeichnet. Die Juden in diesen Gebieten, heisst es in dem Telegramm, werden nicht unterdrückt, vielmehr erfreuen sie sich gleicher Rechte und Behandlung wie die Nichtjuden; die haltung der Behörden sei eine „sehr wohlwollende". Die Meldungen, auf die Prof. Kaufman in seinem Telegramm Bezug nimmt, lauteten dahin, dass Japan die jüdische Einwanderung in Nordchina und Mandschukuo verboten habe und dass in Dairen Pogrome und Massenverhaftungen unter den dort lebenden russischen Juden stattgefunden hätten. „Er hat mehr Glück an Ihr gemacht, als Sie an ihm!" meinte Ester Wehle. „Sie ernährt ja das ganze Haus. Sie is wirklich eine Esches chajil! „Deswegen braucht Sie sich gar keine Sorgen zu machen 1" rief Kele Neustadtl, die einen Augenblick nachgedacht hatte. „Ich weiß wie man mit den Mannsbildern umzugehen hat. Wenn mann's nur klug anstellt, und ihnen nur einredet man tut was sie wollen, tanzen sie so wie die Frau pfeift. . . Is nit Ihr Mann Wochengabbe in der Zigeunersynagoge?" „Freilich," entgegnete Kele Lucka mit einem Aufluge von Stolz, „und auch Gabbe bei der Menachem awelim chewre." „Ganz gut, lass Sie mich nur — meinetwegen gleich — mit Ihrem Manne und Ihrem Vetter reden, und ich gab' Ihr Tkias-Kaf Ihr Mann wird Ihrem Vetter noch zureden, er soll nur nach Leipzig fahren. Der kleine Frauenkreis war von dem bewusst- und energievollen Auffreten seines jüngsten klugen Mitgliedes ganz entzückt, und von dem wohlwollenden Bestreben geleitet, ihrer Gastfreundin einen grossen Dienst zu erweisen, drangen sie — nach Frauedart ungeduldig — darauf, die Angelegenheit sofort zu ordnen, u. Kele Lucka musste sich dem stürmisch und allgemein ausgesprochenen Wunsche fügen u. die beiden Männer hereinrufen. Kele Neustadll ergriff das Wort u. sprach ziemlich gewandt und fliessend. „Reb Hirsch, wir Alle wie wir hier sitzen sind gute Freundinnen von Eurem Weib, und wie so Rede auf Rede folgt, erzählt sie uns, dass gerade jetzt Leipziger Messe ist, und sie nit vom Haus abkommen kann, weil sie noch zu schwach is und auch das Kind nährt. Freilich am besten wär's, wenn Ihr, Reb Hirsch selbst hinfahren könntet, aber das sehen wir alle ein, das kann nit sein! . . ." Reb Hirsch, ein Mann von äusserst bescheidenen Geistesgaben, blickte etwas verblüfft auf, zu seiner Beschämung musste er sich's gestehen, da war er ja selbst der Einzige, der es nicht wusste, warum er nicht reisen könne, aber wenn's die kluge Kele Neustadtl sagte, musste es wohl wahr sein und er hoffte auch, schon im nächsten Augenblick, die Erklärung dieser rätselhaften Behauptung zu erhalten. „Ihr seid doch wie wir wissen," fuhr Kele Neustadtl fort, „Gabbe in der Zigeunersynagoge" (die Schlaue hatte sich absichtlich eine kleine, aber wesentlich sinnändernde Omission zu schulden kommen lassen, — Gabbe statt Wochengabe — etwa wie man umgekehrt einen Lieutenant als Oberstlieutenant bezeichnen wollte!) „und dann noch bei einer Chewre, da kann man nicht so leicht, mir nichts, fortlaufen und alles im Stiche lassen, nicht wahr?" Da die Sprecherin diese Frage auch an den Frauenkreis richtete, fand die Primatorswitwe Frankl Gelegenheit leicht hinzuwerfen : „Ich weiss dass am besten, mein Sohn Reb Jisroel, der eine grosse Seidenfabrik besitzt, sollte oft in seinen eigenen Geschäften reisen, aber dazu braucht er Urlaub vom böhmischen Landesgubernium, und ist auch sonst hier unentbehrlich, ebenso erging es auch oft meinem seligen Manne." Lucka errötete vor Vergnügen über den sahmeichelhaften Vergleich mit dem Primalor, dem ersten Juden des Landes, die kluge Neustadtl dankte der Primatorin mit einem verbindlichen Lächeln und einem leichten, nur dieser bemrkbaren Kopfnicken für ihre Unterstützung und fuhr fort : „Ihr seid doch ein gescheidter Mann, Reb Hirsch, wisst Ihr nit einen braven Menschen vielleicht einen Verwandten von Euch, dem man das viele Geld — es ist Euer ganzes Vermögön — ruhig anvertrauen kann, und der auch etwas vom Geschäft versteht?" Die Schilderung, die Kele Neustadtl von Luka's Stellvertreter machte, war eine so deutliche, dass selbst ein noch weniger Geislesbegabter als er, notwendiger Weise auf den Vetter, der da in Lebensgrösse neben ihm stand, verfallen musste, und von der Huld und Herablassung der vornehmen Gäste seiner Frau ganz entzückt, schrie er, in dem Bestreben seinen scharfen Geist rasch aufleuchten zu lassen, fast mit weniger Respect sls es der Aufstand in guter Gesellschaft gebot : „Ich hab' auch schon darüber speculiert, und habe grade morgen mit meiner Frau darüber reden wollen, — da gibt's ja keinen Bessern als den Vettern Reb Kalmen — und Ihr Vetter!" er wandte sich nun an diesen, „Ihr werdet es uns ja zu Gefallen tun, — nicht wahr?" „E Männerkopf is doch Stahl und Eisen!" rief Kele Neustadtl scheinbar ganz entzückt, „daß wir Frauen nicht darauf verfallen sind! — Das ist das Beste und Gescheidesie!" Einer so feierlichen i\ufforderung musste Bresnitz um so mehr Folge leisten, als er hindurch auch in der Tat seiner geliebten Pflegetochter einen grossen Dienst erwies, und die Angelegenheit schien in einer, für alle Beteiligte höchst zufriedenstellenden Weise erledigt. (Fortsetzung folgt)