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Jüdische Nachrichten · 1939-01-19 · 3 (19.1.1939) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Nachrichten
Volume
9 (1939)
Issue
3 (19.1.1939)
Date
1939-01-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 JUDISCHE NACHRICHTEN 19. JanuaJ 1939 Ihr Sohn. — Feuilleton — Rachel Blackvvel war eine enragierle Büchersammlertn. Auch heute stand sie wieder in dem Laden des alten Jakob Winte und stöberte die Folianten auf, ob sich vielleicht etwas Interessantes darunter fände. Richtig, da hatte sie was sie wünschte; eine alte Bibel mit vergilbten Blättern, in kostbaren Ledereinbande lag dort in der Ecke, doch was sie am meisten an dem Buche fesselte, waren die auf dem Titelblatt niedergeschriebenen Worte : »Meinem geliebten Knaben von seiner Mutter." „0," sagte sie leise mit schmerzlichen Blick, „wie konnte nur ein Mensch das thun?iS Es schien ihr so grausam, so herzlos, ein solch' kostbares Gut, ein solch' heiliges Pfand der Mutterliebe von sich zu lassen. Wer war wohl diese jüdische Mutter, die gebetet hatte und wo das Kind, das hinvveggewandert war und vergaß. Wer weiß, vielleicht war es auch tot und sein kostbar Kleinod war in fremde Hände gefallen und auf diese Weise hierher gekommen. Tief in Gedanken versunken verließ Rachel den Laden, die Bibel, die sie erstanden, fest an sich gepreßt. Sie sah es nicht, daß bei ihrem Herauskommen ein in schäbige Kleider gehüllter Mann sie mit starrem Blicke ansah und ihr dann langsam folgte. Fast schien er betrunken zu sein, so unsicher war sein Gang, doch strafte sein feines, intelligentes Gesicht diese Vermutung Lügen. Lange noch stand er unter dem Haus, in dem Rachel verschwunden war, lange noch harrte er dort, bis er vor Elend und Schwäche fast zusammenbrach und ein Schutzmann ihn mit barschen Worten hinwegwies. Einige Tage später erhielt Rachel einen Brief, und als sie ihn öffnete, las sie folgendes : „Vor zwei Tagen, Sie werden sich dessen erinnern, kauften Sie eine hebräische Bibel. Das Buch war mein Eigentum. Wenn ich Ihnen sage, daß es eine Gabe meiner teuren, verstorbenen Mutter war, daß sie meinen Namen in das Buch schrieb, und daß es mein einziges, köstliches Andenken an eine einst glückliche Vergangenheit gewesen, werden Sie verstehen, was es mir bedeutele. Ich verkaufte es, weil ich drei Tage nichts zu essen, drei Nächte keine Stätte hatte, wo ich mein Haupt niederlegen konnte. Wie ich um seinen Besitz kämpfte, wie ich mit dem in mir wühlenden Hunger stritt, ach, Sie können es nicht begreifen. Tag für Tag bewachte ich mein Gut, wollte ich es doch einst wiedererlangen, da kamen Sie und erstanden das Buch. An Ihrem Gesichtsausdrucke erkannte ich, warum Sie es getan; G-tt segne Sie dafür. Und nun muss ich sterben, man sagte mir so; meine letzte Bitte geht dahin, mein Buch mir zu überlassen, bis ich die Augen geschlossen habe, ist's doch meine Welt, alles was nur von Liebe, Hoffnung und Heimat zurückgeblieben." Durch die langen Betlreihen des jüdischen Krankenhauses führte die weißgekleidete Pflegerin Rachel Blackwell. Die ganze Atmosphäre war so sehr von Schweigen, Leiden und Tod erfüllt, daß das junge Mädchen leise erschauerte. Und dort lag der Schreiber des Briefes, die Augen geschlossen und das Gesicht halb hinweggewandt. Mit Staunen betrachtete Rachel Blackwell seine feinen, zarten Gesichtszüge. Die Krankheit schien alle Spuren, die Elend und unsläles Leben hinterlassen, hinweggewicht zu haben und nur das Zarte und Schöne war geblieben, der Mantel des Todes umhüllte ihn mit Ehrfurcht gebietender Würde. Leise berührte die Pflegerin seine Schulter, die arme, dünne Schulter. „Hier ist eine Dame, die Sie sprechen will," sagte sie. Er öffnete die fieberglühenden Augen und versuchte schwach lächelnd, sich auf die Seite zu drehen. Sein Blick fiel ängstlich suchend auf die Bibel. „Oeffnen Sie, bitte," flüsterte er hastig, „wo ist die Inschrift, ich kann nicht mehr sehen " Die Pflegerin hob ihn ein wenig in die Höhe und hielt ihm das Buch dicht unter die Augen. „G-tt segne Sie," sagte er mit einem Blick des denkbarsten Glückes zu Rachel, „o, meine teuere Mutter, meine Mutler." Einige Augenblicke lag er ganz still mit geschlossenen Augen uud dann kam es leise wie im Selbstgespräch über seine Lippen : „Es war so süß von ihr, daß sie gekommen ist, das Letzte was man auf Erden mir erwies, war eine gute Tat. Ich war auch einst gut, früher, da sie noch lebte und mich mit Mutterliebe umgab. Dann, als sie hinweggegangen und ich verlassen war"--plötzlich stockte er, die Schatten des Todes senkten liefer auf ihn berab.--- „Mutter," flüsterte er, „wie schön heute die Schabboskerzen brennen, so leuchtend und hell,--segne mich doch,--wo warst Du so lange und ließest mich allein--ach, Mutter, ich komme, ich komme--- Rachel Blackwell fühlte, wie sie Jemand bei der Hand faßte und hinwegführle. „Kommen Sie, Fräulein," sagte die sanfte, weiche Stimme der Pflegerin, „Ihre Mission ist erfüllt." Der Sehetbos im Gebete „Der Tag des Sabbat strahlt Jubel aus ins Weltall! Die Oberen und die Unteren empfangen gleichsam eine Krone und selbst der niederste Punkt verlangt zur Höhe, zum Strahlenglanz der Krone, der von der Herrlichkeit des Schöpfers ausgeht. Und wenn das heilige Volk in der Frühe ins G-tteshaus geht, festlich gekleidet und freudigen Herzens, da wird es mit der heiligen Himmelskrone geschmückt, während es in der Hingebung seiner Seele Lobgesänge und Huldigungslieder anstimmt u. sie zum Himmel emporsendet. Die Oberen aber, die gleich den Unteren jubeln u. sich schmükken, lassen ihre Stimme vernehmen und sprechen : Heil euch! Ihr heiliges Volk auf Erden, dass ihr die G-lteskrone euch zu erwerben wisst und dass um euretwillen alle heiligen Heerscharen mit der Krone geschmückt werden I" Mit diesen Worten schildert der Sohar (Parschas Wajakhel) den innigen, weihevollen und erhebenden Stimmungsgehalt des Morgengebetes am Sabbat. In der Stunde, da der Sabbat beginnt, soll dieses Gebet die Aufgabe vollbringen, in uns die rechte Einstellung zu erzeugen, die jeder Sabbat von uns erwartet. Das ist die Erhebung der Seele aus den Niederungen des irdischen Lebens mit all seinen Leiden und Sorgen und ihre Weihe für alles Heilige und G-ttliche. In diesem heiligen Aufschwung soll die Seele zur himmlischverklärten Reinheit sich zurückfinden, aus der sie hervorgegangen, und wenn ihr diese Erhebung nach vollzogener Losreissung aus irdischer Enge gelungen ist, dann empfängt sie gleichsam die Siegeskrone aus der Hand ihres Schöpfers. Die „obere Welt" aber, aus der die Seele gekommen und zu der sie nun zurückgefunden hat, jubeli dem heiligen Volk entgegen und beglückwünschl die Seele ob ihrer durch ihre Emporschwiru: ig erworbenen g-ttlichen Siegeskrone, und e feiert den Sabbat in jubelndem Zusamm« klang mit dem heiligen Volk. Und in dieser V ereinigung der „Oberen und der Unteren" erlebt der Sabbat seine eigene Krönung! Allein zu den Mitteln, durch die die Seele von ihrer irdischen Gebundenheit befreit u, zu den himmlischen Regionen emporgetragen wird, gehört in sehr wesentlichem Masse eben das Morgengebet das den Sabbat einleitet. Da fühlt sich der in seiner Religion wurzelnde Jude wie durch eine höhere Kraft gehoben, unsichtbar und doch unentrinnbar, und wenn er die für Sabbat bestimmten Lobpreisungen singt, da fühlt er, wie ihn die „Neschomoh jeseroh" die besondere Seele umfängt, die ihn von der Last des Daseins wohltuend befreit und ihn zugleich adelt, ihm gleichsam eine „g-ttliche Krone" aufsetzt, indem sie ihn innerlich besser und reiner macht. So geschieht es denn mit Hinblick auf diese seelische Erhebung, dass gerade der zweite Teil des Morgengebetes, der Psüke desümre umfasst und dessen Bestimmung im Gefühlsaufschwung zu G-tt liegt, in der Schilderung und Verliefung des Sabbatgedankens durch Psalmen und Lobgesänge länger verweilt, bis er in dem begeisterten Ruf an die „Seele alles Lebenden", „nischmas kol chai" seinan Gipfel erreicht. Doch auch den anderen Gebetteilen prägt der Sabbat seinen Stempel auf. Im ersten Teil bis „borüch scheumar" wird unmittelbar nach dem Opferabschnitt, „parsches hatomid" der Abschnitt „ibjeum hasabos" .Num. 28, 9—10, eingefügt. Er enthält die Vorschrift über die zusätzlichen Opfer des Sabbat, deren Erwähnung hier im Anschluss an die ständigen Tamidopfer erfolgt. An den Feiertagen werden die zusätzlichen Opter des Tages nicht erwähnt, weil sie späterhin in der Thoravorlesung zu öffentlicher Verkündung gelangen, was jedoch für die Opfer des Sabbat nicht möglich ist, weil deren Abschnitt die für eine Thoravorlesung erforderliche Mindestzahl von drei Schriftwersen nicht umfasst. An den Neumondstagen hingegen wird der Opferabschnitt „iwrosche chodscheichem" an dieser Stelle wohl gesprochen, obgleich er auch aus der Thora vorgelesen wird, da an den Neumonden, die häufig auf Werktage fallen, Viele die Thoravorlesung nicht hören. Im nächstfolgenden Teil der Psüke desimre werden die erwähnten Huldigungslieder unmittelbar nach dem als Einleitung dienenden Abschnitt ,,heudü lad' kirü bischmeu" eingefügt. Die Auswal der aus den Psalmen entnommenen Lobgesänge ist durch die drei Grundgedanken bestimmt, die der Sabbat verkörpert, als Denkmal des Auszuges Aus Aegypten, ,secher lizias Mizrojim* und als Vorbote des kommenden Weltsabbat, ,meen eulom habo'. Dem Gedächtnis an die Schöpfung sind die ersten Psalmlieder gewidmet. Zentralisierung des jüdischen Auswanderungs- und Flüchtlingshilfwesens in den historischen Ländern. Prag. Auf Initiative des Obersten Rates der Kultusgemeindeverbände in Böhmen und Mähren-Schlesien fand in Prag eine Konferenz von Vertretern der Kultusgemeinden in den historischen Ländern der CSR. statt. Die Konferenz beschloss, eine Zentralisierung der sozialen Institutionen auf den Gebieten der Berufsumschichtung, der Flüchtlingshilfe und der Auswanderung durchzuführen, wobei die Institutionen wie l>;sher autonom bleiben sollen. Die einheitliche Leitung wird sich aus Persönlichkeiten des jüdischen öffentlichen Lebens und aus Fachleuten auf dem zosialen Gebiete zusammensetzen. Ferner wurde beschlossen, Schritte zu unternehmen, um die Mittel zur Durchführung der Arbeit auf den genannten Gebieten aufzubringen. Zu diesem Zwecke sollen : die Kultusgemeindesteuern verdoppelt, grössere Sammelaktionen durchgeführt und die „öffentliche Hilfe" in Anspruch genommen werden; ausserdem sollen die zentralen Hilfsorganisationen im Ausland, wie das Joint Distribution Gommitee, die Hicem etc. um Subventionen ersucht werden.

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