Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 3 (19.1.1939)
- Date
- 1939-01-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE NACHRICHTEN__3_ Britische Erklärung über die Terroraktionen in Palästina. 19, Januar. 1939. GLOSSEN. Die Rede des Grafen Sigray Antal. Im ungarischen Parlament, hielt Sigray Antal einen Vortrag, der leider heute nicht mehr zu oft von Politikern zu hören ist. Er steht schon heute in der ungarischen Politik wie ein weisser Raabe da. Sigray sagte u. A.: Es gibt heutzutage einen Zeitgeist der darauf hinzielt, für die Fehler Einzelner ganze Völker, Rassen und Religionsgemeinschaften zu beschuldigen. Nach meiner Ansicht hätte vor der Verabschiedung des Judengesetzes das Parlament über die Bodenreform nicht nur verhandeln, sondern auch abstimmen sollen. Das Auslandskapital wird jetzt nicht mehr in unser Land fliessen, wobei wir doch sowohl für den Aufbau der Armee, als auch für die Bodenreform viel Geld werden benötigen. Die Judengesetze werden aber die entgegengesetzte Wirkung haben. Wenn die ungarische Regierung ein drastisches und unhumanes Judengesetz schafft, so muss sie sich darauf gefasst machen, dass die Volkseinnahmen ziemlich geschmälert werden —, es wird keine Deckung zur Durchführung von Reformen geben. Ein Land, welches arm ist, kann sich heute nicht den Luxus leisten, dass es 500.000 arbeitende und schaffende Menschen aus dem Wirtschaftskörper ausschalte." Wir glauben, dass man sich Sigrays und anderer rechtschaffener ungarischer Politiker noch mit Betrübtheit erinnern werde. Den Kurzsichtigen nützt aber all dies nicht, sie glauben, dass sie siegen müssen, vergessen aber dass dies ein „Pyrhussieg" sein wird. Wenn ein Tempel nicht als Kino prosperiert." Vor einigen Jahren, als die antireligiöse Welle in Russland all zu hoch schlug, kam es oft vor, dass Tempel demoliert wurden, dass Bethäuser in Partei- oder Vergnügungslokale umgewandelt wurden. Ein eigenartiges Schicksal erfuhr ein kleines Tempelchen einer "®id jnn (nicht onn sondern frn) Stadt. Es wurde dieses Bethaus zu einem Kino verwandelt. Dieses Kino wollte aber nicht prosperieren. Es gab in dieser Stadt roch viele gläubige Nichtjuden u. Juden, die unter keinen Umständen ein G-tteshaus zu Unterhaltungen benutzen wollten. Die Vorstellungen begannen zwar pünklich, aber die Sitze waren fast leer. Da kam die Behörde auf die Idee, sie werde das frühere Kino einstellen, dann werde es doch sicherlich genügend Besucher geben. Dies war auch ein Irrtum. Das ehemalige Kino war wohl eingestellt, und das Publikum kam doch nicht in das von der Regierung so sehr propagierte Kino. Es ist eigenartig aber doch wahr: Ein tiefreligiöses Gefühl kann nicht so leicht ausgemerzt werden, es ist dies noch bis heute nicht gelungen. Sonderbare Aussprüche des Talmud gewinnen an Aktualität. Ein Talmudgelehrter hat durch eine sonderbare Behauptung seine Zuhörerschaft in grosses Staunen versetzt. Er sagte nämlich, er wisse von einer jüdischen Frau, die an einem Tage 600.000 Kinder gebar. Bevor noch ein Gelächter im Bes-Hamidrasch ausbrach, ergänzte dieser Gelehrte seine These nachfolgend: Es handle sich um Jochewed, der Mutter Moses. Moses der Führer und Lehrer von 600.000 jüdischen Menschen involviert in sich den seelisch-geistigen Wert dieser 600.000. Wahrlich ein sonderbarer Ausspruch, ein Wunder, dass sich aber auch in unserer Zeit, — wohl in anderer Form — abgespielt hatte. Auch heute haben wir in einem Tage neue 500.000 jüdische Seelen bekommen. In Ungarn wurden am Tage der Herausgabe der Judengesetze neue 500.000 jüdische Menschen als „Juden" deklariert. Diese Menschen, die derzeit im geistigen Niemanslande umherirren, tun uns wirklich leid. — Vielleicht lernen sie was aus der Geschichte, vielleicht finden sie den Weg zum wahren Judentum noch zurück. — Dr. Geza Fisch Augenarzt Bratislava, Sladkovicovä 11. ord. 10—12 u. 3—5. Der Mufti als Hauptschuldiger an London. Das britische Kriegsministerium hat soeben eine umfangreiche Erklärung über die Terrortätigkeit in Palästina veröffentlicht. In dieser Erklärung wendet sich das War Office gegen „die absolut grundlosen Behauptungen darüber, dass sich die britischen Truppen in Palästina Grausamkeiten zuschulden kommen lassen". Es folgt eine eingehende Schilderung der „wahren Sachlage in Palästina", sowie eine ins einzelne gehende Aufzählung der Massnahmen, die ergriffen wurden und werden um der Lage Herr zu werden. Die gesamte Schuld an der Leitung der „erbarmungslosen Mordkampagne" wird dem Jerusalemer Exmufti zugeschoben. Dabei wird jedoch betont, dass in Palästina selbst die Haupträdelsführer der Terrorbewegung, Abdul Rahim und Aref Abdul Razzik, weitgehend selbständig vorgehen. Nach einer ausführlichen Darstellung der zur Niederschlagung der Terrorbewegung ergriffenen militärischen Massnahmen, äussert das War Office Bedauern darüber, dass es überhaupt nötig gewesen sei, zur Wiederherstellung der Ordnung in Palästina derlei Massnahmen zu ergreifen; es habe jedoch keinen anderen Ausweg gegeben. Jedenfalls werde man, nachdem alle Tatsachen über die wahre Sachlage bekannt sein werden, nun die absolute Notwendigkeit einsehen, dass der Terrorkampagne und der Gangsterherrschaft in Palästina ein Ende gemacht wird. Bukarest. Innenminister Armand Calinescu hat eine Verordnung erlassen, welche die Einführung von Identitätskarlen für diejenigen Juden vorsieht, denen im Zuge der Revision und Ueberprüfungen der Staatsbürgerschaften die rumänische Staatsangehörigkeit aberkannt wurde. Die Bedeutung der Identitätskarten besteht darin, dass ihr Inhaber nicht mehr als rumänischer Staatsbürger betrachtet wird, sondern dass er lediglich Asylrecht in Rumänien geniesst. Die Karte wird auch für Reisen ins Ausland gültig sein, doch wird sie — zum Unterschied von regulären Pässen — von den rumänischen Konsulaten im Ausland nicht verlängert werden können. Konkrete Vorschläge zur Ansiedlung von 10.000 Juden. Das unter dem Vorsitz von Aristide Blank stehende Initiativkomitee für jüdische Auswanderung und Siedlung hat einen konkreten Plan zur Ansiedlung von zehntausend rumänischen Juden jährlich in Palästina ausgearbeitet, der demnächst der Regierung übergeben werden wird. Man erwartet, dass die Regierung, wie sie versprochen hat, sowohl Barmittel als auch Transferbegünstigungen gewähren wird, während die Judenschaft den Rest des Finanzierungsfonds, wahrscheinlich in Form einer Zusatzbesteuerung der Mitglieder der jüdischen Gemeinden durch die Gemeindeverwaltungen, aufzubringen haben wird. Das Komitee wird sich sehr bald mit den grossen jüdischen Hilfsorganisationen im Auslande, vor allem mit der Jevish Agency, ferner mit der englischen Regierung und dem Evian- Komitee, schliesslich mit der Daniel Wolf-Aktion, in Verbindung setzen, um eine Berücksichtigung der Interessen der rumänischen Juden bei der Ueberführung von Juder» in Ueberseeländern zu erwirken. Selbstverständlich betrachtet das Komitee seine Mitarbeit an der Auswanderung nicht als Zustimmung zur Entrechtung der Juden in Rumänien; diese Juden sind vielmehr e.,1der Mordkampagne bezeichnet. Nur 1000-1500 Terroristen. In der Erklärung wird u. a. betont, dass die Gesamtzahl der Terroristen im ganzen Lande, die ein „stabiles Bandelement" darstellen, wahrscheinlich nicht grösser ist als 1000 bis 1500. Sie operieren in kleinen Einheiten unter dem Kommando Arerschiedener Führer. Der Exmufti berät sich mit den aus dem Exil zurückgekehrten Araberführern. Kairo. Die fünf palästinensischen Araberführer, die kürzlich aus ihrem Exil auf den Seychellen-Inseln zurückgekehrt sind und sich gegenwärtig in Kairo aufhalten, haben sich nachdem ihnen der französische Hochkommissar in Syrien, nach wiederholter Intervention seitens der ägyptischen Regierung schliesslich die Erlaubnis zu einem mehrtägigen Aufenthalt in Beyrut gegeben hatte, am Dienstag, 10. Januar, im Flugzeug nach Beyrut begeben, um mit dem Exmufti von Jerusalem insbesondere über die bevorstehende Londoner Palästinakonferenz zu beraten. Dem Mufti war erlaubt worden, sich zu diesem Zwecke nach Beyrut zu begeben, nachdem der Aegyptische Ministerpräsident persöhnlich sich mit den Hochkommissar telefonisch in Verbindung gesetzt hatte. schlössen, eine Respektierung ihrer erworbenen Rechte zu fordern und auf das Lebensrecht in Rumänien nicht zu verzichten. Bemühungen um Schaffung einer zentralen jüdischen Repräsentanz. Bukarest. Seit der Auflösung der Jüdischen Reichspartei und der Union rumänischer Juden, die im „Zentralrat der rumänischen Jaden" eine gemeinsame Repräsentanz hatten, sind in Rumänien Bestrebungen im Gange, eine neue zentrale jüdische Vertretung zu schaffen. Dieses Bedürfnis besteht in umso grösserem Masse, als die nach Auflössung sämtlicher politischer Parteien ins Leben gerufene „Front der Nationalen Wiedergeburt", die als einzige Partei heite erlaubt ist, den Eintritt von Juden als „unerwünscht" erklärt hat. Die „Front der Nationalen Wiedergeburt" ist alleinberechtigt, Listen für alle Vertretungskörpschaften aufzustellen, sowie eine zentrale Berufsorganisation ins Leben zu rufen. Die Bestrebungen auf jüdischer Seite gehen nun dahin, eine von der Regierung anerkannte zentrale Vertretung zu schaffen, die die analogen jüdischen Interessen wahrnehmen soll. Vorläufig besteht bei der Regierung keine besondere Neigung zur Legalisierung einer solchen jüdischen Vertretung, nichldestoweniger werden seitens der jüdischen Führer demnächst der Regierung diesbezügliche konkrete Vorschläge unterbreitet. — Die Besprechungen Monlagu Normans mit Dr. Schacht erfolglos? Der Berliner Korrespondent der „Neuen Züricher Zeitung" meldet seinem Blatte : Die Verhandlungen zwischen Montagu Norman und Dr. Schacht werden von allen Seiten streng geheim gehalten. Man gewinnt aus der Zurückhaltung, mit der der Besuch Normans behandelt wird, den Eindruck, dass die Besprechungen zwischen den beiden Notenbank-Leitern, bei aller persönlichen Wertschätzung und Freundschaft, keinen Fortschritt gebracht l aben. Die ausgebürgerten Juden Rumäniens bekommen Extra*Pässe.