Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 3 (19.1.1939)
- Date
- 1939-01-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 JUDiSCHE NACHRICHTEN 19. JanuaJ 1939 Times" verlangen die Ernennung eines Ministers für Flüchflingsfragen. London. In einem „Flüchllingspolitik" betitelten Leitartikel befassen sich die „Times" von 11. Januar mit dem Flüchtlingsproblem. Das Blatt begrüsst den immer noch wachsenden Erfolg des Baldwin- Fonds, äussert jedoch Zweifel daran, ob irgendeine private Anstrengung auch nur für die Anfangsaufgabe der Hilfeleistung genügen könne. Es sei absolut sicher, dass das fortdauernde Flüchtlings-Ansiedlungswerk Mittel und Kräfte jeder privaten Organisation, welcher Art immer sie auch sei, übersteigen müsse. Die Regierungen müssen aufgerufen werden, mehr als bloss akademisches Wohlwolen an den Tag zu legen. Wohien soll der Flüchtlingsström gelenkt werden. Auch Madagaskar, Abessinien, südamerikanische Republiken seien genannt worden, desgleichen Britisch-Guayana, Tanganayka, Kenya, Nord Rhodesien, Njassa-Land und Neufundland. Die praklische Frage aber sei, was wirklich geleistet wurde. Es bestehe kein Mangel an Personen mit grossen Erfahrungen in der Ansiedlung von Flüchtlingen. Die jüdische Bewegung z. B. habe in Palästina eine ungewöhnlich erfolgreiche Siedlungstechnik sich erarbeitet. Man sollte sich bemühen, die Mitarbeit einiger von diesen Sachverständigen zu gewinnen. „Times" wenden sich dann gegen die bisher übliche Methode, die Flüchtlinge provisorisch in verschiedenen Ländern unterzubringen, ebenso wie sie es ablehnen, die Flüchtlinge so lange in Deutschland zu lassen, bis ihre endgültige Uebersiedlung bewerkstelligt werden kann. Zum Schluss verlangen „Times" die Bildung eines Stabes von Sachverständigen : doch werde dies allein nicht genügen. Ein energischer Leiter müsse eingesetzt werden, der seine ganze Zeit dieser Frage widmet. Umschichtung vo» Flüchtlingen in England. London. Wie aus autorativer Quelle verlautet, hat die englische negierung ihre Zustimmung zur Errichtung eines Lagers erteilt, in welchem 5000 männliche jüdische Flüchtlinge im Alter zwischen 18 und 45 Jahren vor ihrer Weiterwanderung nach Uebersee zum Zwecke der Berufsumschichtung untergebracht werden sollen. Es handelt sich um jüdische Menschen, die gezwungen sind Deutschland zu verlassen, ehe noch die Formalitäten für ihre endgültige Auswanderung nach Uebersee erledigt sind. Es verlautet ferner, dass die britische Regierung bereit sei, Tausend jüdische Menschen aus Deutschland ins Land zu lassen, deren landwirtschaftliche Ausbildung für Palästina infolge der Schliessung der Schulungskurse in Deutschland unterbrochen worden ist. Sie sollen in privaten und in Ausbildungsgütern untergebracht werden und nach Vollendung ihrer Ausbildung England gleich verlassen. Belgien und die jüdischen Flüchtlinge. Die Regierung ist bereif sofort 250 Kinder zuzulassen, falls ihre Lebensunterhalt garantiert wird. Brüssel. In der letzten Zeit nimmt die belgische Oeffentl ichkeit neuerdings lebhaft Anteil an dem Los der Flüchtlinge. Insbesondere die Presse bekundet Mitgefühl mit den Unglücklichen und spricht Bedauern über die Massregeln der belgischen Regierung aus, welche die Flüchtlinge „unbarmherzig zurückschickt, wenn ihre Dokumente nicht vollkommen in Ordnung sind". Man hat mich in der Kammer gebeten, 2000 Kinder nach Belgien zuzulassen. Mit Zustimmung des jüdischen Komitees gab ich im November die Erlaubnis zur Zulassung von 250 Kindern. Dieses Kontingent wurde erst jetzt erschöpft. Was ich verlange, ist, dass diese Kinder Identitätspapiere besitzen und dass für ihren Lebensunterhalt gesorgt wird. Ich bin bereit, neuerdings 250 Kinder zuzulassen, falls das Jüdische Komitee sie aufnimmt. Im übrigen kann Belgien nur ein Transitland für die Flüchtlinge sein. Neue ultimative Forderung des Danzh ger Senats an die jüdische Gemeinde, Paris. Die zentralen jüdischen Organisationen in Paris haben von jüdischen Führern in Danzig Telegramme erhalten, in denen sie dringend ersucht werden, sofort eine Aktion zur Rettung wenigstens der am meisten gefährdeten Danziger Juden einzuleiten; der Danziger Senat habe an die Jüdische Gemeinde neuerdings eine ultimative Forderung gerichtet, wonach noch vor Ende Januar d. J. 1000 Juden, d. h. ein Viertel der jüdischen Bevölkerung Danzigs, das Gebiet der Freien Stadt verlassen müssen. Diese neue ultimative Forderung der Danziger Behörden kommt vollkommen überraschend, hatten diese noch erst kürzlich sich einverstanden erklärt, dass die Evakuierung der Danziger Juden, soferne sie bis Ende des Jahres 1939 vollendet sein wird, allmählich u. planmässig vor sich gehen dürfe. Die Danziger Jüdische Gemeinde hat die jüdischen Hilfsorganisationen um Bereitstellung von 150.000 Dollar für die Auswanderung ersucht. 6000 jüdische Familien wollen Flüchtlingskinder adoptieren, Jerusalem. Miss Henrietta Szold teilte der .Tewish Agency in einem Schreiben mit, dass bisher 6000 jüdische Familien in Palästina regustriert worden sind, die sich angeboten haben, Flüchtliugskinder zu adoptieren, Der Jischuw in Palästina setzte unermüdlich seine Bemühungen um die Zulassung voi; 10.000 Fiüchtlingskindern fort. Arbeitstagung der Agudajugend in Bratislava. Am 24 Tewes (15. Jänner) fand eine Tagung der Aguda-Jugend aus der Westslovakei statt. Die rührige Agudajugend, die immer ein besonderes Verständnis den Problemen der Zeit entgegengebracht hatte, behandelte auch diesmal alle, die orthodoxe Jugend unseres Landes betreffenden Fragen, mit einem besonderen Ernst und grossem Verantwortungsgefühl. Die Tagung wurde seitens der Jugendorganisation von Herrn Muc. A. Porges begrüsst, welcher einen umfassenden Tätigkeitsbericht erstattete u. die wichtigsten Gegenwartsfragen streifte. Referent betonte u. a. die Notwendigkeit einer diseiplinierten und straffen Einheit im orthodoxen Lager selbst, denn nur eine gutorganisierte und geeinte Orthodoxie könne sich heute die gebührende Geltung versöhn ffi n. Die Grüsse der Bratislavaer Jugendgruppe überbrachte Herr J. Schwarcz. Seitens des Keren Hajischuw-Direktoriums wohnte der Tagung Herr S. Frommer bei. Aus dem Kassabericht des Herrn J. Koth und der darauffolgenden Debatte war es deutlich zu ersehen, dass Vieles leider nur deshalb nicht geschehen konnte, weil der Agudas Jisroel die nötige materielle Unterstützung nicht zu Teil wurde. Die Delegierten der einzelnen Gruppen nahmen dies zur Kenntnis und versprachen Abhilfe zu schaffen. Die schöne und hoffentlich auch Früchte tragende Tagung, die um zehn Uhr Vormittag ihren Anfang nahm, wurde um 7 U. Abend durch Herrn E. Koth abgeschlossen. — Amerika will im Jahre 1939 20 Millionen Dollar auf Ueberseewanderung aufbringen. New York. Ita. Der Vorsitzende des United Palestine Appeal Rabbi Aba Hillel Silver, Agudaführer und der Vorsitzende des American Jewish Joint Distribution Committee in den Vereinigten Staaten Rabbi Jonah B. Wise, Zionisteuführer, haben in einer gemeinsamen Erklärung mi-geteilt, dass die gesamte jüdische Sammeltätigkeit in den Vereinigten Staaten für Zwecke der Ueberseewanderung und Ansiedlung vereinheitlicht worden ist. Es verlautet, dass der United Jewish Appeal i. J. 1939 20 Millionen Dollar aufbringen will. Hiervon soll das Joint Distribution Gommittee 5 Millionen Dollar erhalten, der United Palestine Appeal 2,5 Millionen Dollar und das National Coordinating Committee 2 Millionen Dollar. — Glückwunschtelegramm Macdonalds an Jüdische Äu wanderer nach Kenya. London. Der Minister für die Dominien und die Kolonien Malcolm Mac Donald hat an eine Gruppe von 15 jüdischen Flüchtlingen, die sich auf dem Wege nach Kenya mehrere Tage in in London aufhielten, ein Telegramm gerichtet, in welchem er ihnen „Glück und Erfolg in ihrer neuen Heimat" wünscht. Es handelt sich um die erste Gruppe von Auswanderern, die im Rahmen des Kolonisierungsplanes der Plough Settlement Association (Pflug Siedlungs-Gesellschafl), einer von jüdischenn Vereinigungen und Führern der jüdischen Gemeinde ins Leben gerufen Insli.ution, auf Kenya angesiedelt wird. — Nuri Pascha nach London abgereist. London. Der Bagdader „Times"-Korrespondent meldet, dass General Nuri Pascha sich am Sonnabend, 14. Januar, im Flugzeug nach London begeben hat, um an der Palästina-Konferenz teilzunehmen. — 100 jüdische Waisenkinder in der Schweiz eingetroffen. Basel. Von den 300 jüdischen Waisenkindern aus Deutschland-Oesterreich, denen die schweizerische Regierung die Erlaubnis zur Einreise in die Schweiz erteilt hat, sind jetzt die ersten 100 Kinder in in Basel eingetroffen. Es handelt sich durchwegs um Schüler des Waisenheims in Frankfurt a. M. 47 werden in das Kinderlager Büß bei Basel gebracht werden, 40 in das jüdische Kinderheim in Heiden; 10 Kinder bleiben in Basel. Sämtliche Kinder werden später nach Amerika auswandern.