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Jüdische Nachrichten · 1939-01-12 · 2 (12.1.1939) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Nachrichten
Volume
9 (1939)
Issue
2 (12.1.1939)
Date
1939-01-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 JÜDISCHE NACHRICHTEN 12. Januar 1939. Der Gilgul. — Eine ostjüdische Legende. — Ein gewisser Abraham war der eifrige Anhänger eines berühmten Rabbi, der sich besonders als Wundertäter einer grossen Popularität erfreute. Abraham pflegte alljährlich einige Samstage beim Rabbi zu verbringen. Eines Samstag abends, als sich Abraham vom Rabbi verabschiedete, sagte ihm dieser: „Abraham, wenn Du nächstens für Sabbat zu mir kommst, so bringe Barches mit!" Abraham wunderte sich sehr ob dieser Worte des Rabbi. Zu den Bräuchen der Chassidim gehörte es eben, von den Ghaloth des Rabbi zu geniessen. Aber der Rabbi war nicht gewohnt, nähere Aufklärungen über seine Worte zu geben und so tat Abraham das nächste Mal, wie ihm der Rabbi befohlen. Es war an einem Winterfreitag. Eisenbahnen gab es damala noch keine, ebensowenig Automobile oder gar Luftfahrzeuge. Die Reise geschah mittels eines ßauernwagens. Spät nachmittags, als der Sabbat bereits heranrückte und Abraham schon nahe seinem Ziele war, stürzte der Wagen in einen Sumpf und es dauerte eine Weile, bevor der Bauer sein Vehikel wieder in Bewegung setzen konnte. Inzwischen ist es Abend geworden, Sabbat. Die Fortsetzung der Fahrt war für den frommen Abraham unmöglich. Und so ließ er den Bauer bis zur nächsten Dorfchenke fahren und er selbst begab sich in den nahen Waid, um dort über Sabbat su bleiben. Jetzt wurde ihm plötzlich klar, warum ihn der Rabbi beauftragte, Chalolh mitzunehmen. So hatte er wenigstens das Allernotwendigste mit sich für die drei Sabbat-Mahlzeiten. Nachdem er sich bei einem kleinen Waldbächlein die Hände gewaschen, stellte sich Abraham neben einen Baum und begann das Abendgebet zu verrichten. Plötzlich hörte er Schritte hinter sich und bevor er sich umsehen konnte, fühlte er sich am Halse gepackt und zu Boden geworfen. Mit aller Kraft entwand er sich und sah sich einem Banditen gegenüber, der von einem zähnefletschenden Hunde begleitet war. „Nun hat Deine letzte Stunde geschlagen", sagte der Bandit. „Verrichte Dein letztes Gebet, dann wird dich der Hund in Stücke reissen!" Abraham vermochte vor Schreck kaum die Bitte vorzubringen, der Bandit möge ihn noch den Sabbattag leben lassen. „Schenke mir noch für 24 Stunden das Leben", flehte er, „ich möchte noch den letzten Sabbat feiern. Morgen abends kannst Du mich töten." „Ich habe noch nie eines Mensehen Blut vergossen", erwiderte der Bandit. „Mein Hund ist es, der auf meinen Befehl dies besorgt. Da Du soviel Gewicht darauf legst, so sei Dir die Frist von 24 Stunden gewährt." Damit entfernte er sich, rief aber dem Hunde einige Worte zu und dieser legte sich in der Nähe Abrahams nieder, gleichsam um ihn zu überwachen. Schweren Herzens verrichtete Abraham das Gebet. Die Angst benahm ihm die Lust zu essen. Aber er erinnerte sich, dass es Sabbat sei und die drei Mahlzeiten zu verzehren ein Gebot. So sprach er das Kidduschgebet über die mitgebrachten Ghaloth und verzehrte ein Stückchen Brot, nur um nicht zu fasten. Der neben ihm liegende Hund schaute mit gierigen Augen auf das Weißbrot und so warf ihm Abraham ein Stück zu. Am Morgen wiederholte sich dieselbe Geschichte. Abraham verrichtete das Morgengebet, sprach den Kiddusch und teilte sich mit dem Hunde in einige Bissen Brod. Dasselbe geschah auch Vorabends. Wählend der Vorabendmahlzeit kam der Bandit herangeschlichen und rief: „Nun Jude, bist Du fertig?" Abraham bat, ihn noch die üblichen Sabbatgesänge rezitieren zu lassen. „Dummer Jude", spottete der Bandit, „wenige Minuten vor deinem Tode bist Du noch in der Stimmung, zu singen." Abraham überhörte den Holm und sang die Hymnen in der üblichen Weise. Neben ihm lag der Hund und hörte anscheinend zu, ohne sich um seinen Herrn zu kümmern. Nun ist es wieder Nacht geworden. Abraham verrichtete noch das Sabbatabendgebet und sagte dann zu dem Banditen : „Jetzt bin ich fertig, ma> geschehen, was in G-ttes Ratschluß entschieden worden ist!" Der Bandit rief dem Hunde einige Worte zu. Der Hund rührte sich aber nicht. Der Bandit wiederholte seine Aufforderung mit demselben Misserfolg. Das Tier schaute bald auf seinen Herrn, bald auf den Fremden, ohne Miene zu machen, den erhaltenen Auftrag auszuführen. Der Bandit wurde immer wütender. Er schimpfte und drohte. Als alles erfolglos blieb, sprang er dem Hund an die Kehle mit den Worten : „Donner und Blitz, gemeine Bestie, warum verweigerst Du mir den Gehorsam!" Aber in diesem Moment fletschte der Hund die Zähne, fuhr dem Banditen an den Hals und zerfleischte ihn in furchtbarer Weise. Er ließ erst locker, als der Bandit eine Leiche war. Abraham stand wie versteinert da. Er konnte sich keine Rechenschaft darüber abgeben, was vor seinen Augen geschah. Er kam erst zur Besinnung, als der Hund nach der Vollendung seiner Arbeit sich hinlegte und tot blieb. Wie von Furien getrieben, eilte Abraham zum Rabbi. Dieser wusste bereits alles und erklärte, in dem Hunde befang sich ein „Gilgul", die Seele eines großen Sünders, die bis zur Abbüßung ihrer Strafe keine Ruhe finden konnte. Damit, dass der Hund dreimal vom geweihten Sabbatbrod, über welches der Kiddusch gesprochen wurde, genossen hat, ist der Seele Erlösung zuteil geworden. Der Schemen Rokeach und die Reformbewegung. — Anlässlich seiner Jahrzeit am 24. Tebet. — Der erste grössere Tempel, in dem der Geist der Reform zur Herrschaft gelangte, wurde im Jahre 1818 in Hamburg errichtet. Das Programm, weiches die Reformpartei bei der Umgestaltung des G-ttesdienstes aufstellte, bestand seinem wesentlichen Inhalte nach in drei Punkten. Es sollten ernstens die seit altersher üblichen Gebete abgeändert und aus denselben alles entfernt werden, was auf die messianische Hoffnung und Erlösung Bezug hat; es sollten zweitens viele deutsche Gebete, teils Uebersetzungen der alten hebr. Gebete, teils ganz neu verfasst, in den G-ttesdienst aufgenommen werden, und es sollte drittens nach dem Muster der nichtjüdischen Gebethäuser auch in den jüdischen Tempel die Orgel eingeführt werden. Als diese Tendenzen der Reforniparlei bekannt wurden, entstand unter dem weitaus grösseren Teil der alten ehrwürdigen Hamburger Gemeinde eine gewaltige Erregung, und das Rabbinatskollegium erklärte die geplanten Neuerungen für ein Vorhaben, das mit den Religionsgesetzen des Judentums in Widerspruch steht und dessen Geist verleugnet. Da die Entscheidung der religiösen Behörde, von den Neuerungssüchtigen nicht beachtet wurde, wandte sich das Rabbinatskollegium in Hamburg an die berühmtesten Rabbiner der damaligen Zeit, um von ihnen Gutachten über die betreffende Frage zu erlangen. Zu den drei grossen talmudischen Autoritäten, von denen das Hamburger Rabbinat Gutachten einholte, gehörte auch Rabbi Eleaser in Trietsch, Schemen Rokeach genannt. In der Sammlung der Gutachten, die das Hamburger Rabbinat in der bezeichneten Angelegenheit im Jahre 1819 erscheinen liess, finden sich zwei Gutachten, die vom Schemen Rokeach abgegeben wurden. In dem ersten Schreiben erklärt er unter Hinweis auf die religionsgeselzlichen Bestimmungen des Judentums mit kurzen und entschiedenen Worten, dass die beabsichtigten Neuerungen im G-ttesdienste verwerflich und unzulässig seien. In dem zweiten längeren Schreiben sucht er durch Vernunftsgründe zu überzeugen, dass keine Sprache für das jüdischen Gebet so geignet sei wie die hebräische, und dass Abänderungen der überlieferten Gebetsformeln und namentlich die Auslassung der auf die Messiashoffnungen bezüglichen Stellen ganz unzulässig seien. Die Meinung, dass wir durch die Ausschaltung der Messiashoffnung aus den Gebeten die Gunst der anderen Völker erlangen würden, weisst er ferner als irrig und falsch nach. Sodann bietet Rabbi Eleaser die ganze Kraft seiner rhetorischen Begabung auf, um mit ergreifenden, eindringlichen Worten die Reformsichligen zu überreden und auf ihr Gemüt einzuwirken. „Und nun, lasset uns mit einander rechten — so redet er die Anhänger der neuen Richtung an—saget an und rechtfertigt Euch! Warum sondert Ihr Euch ab von der Gesamtheit? Warum zerstört Ihr die Grundsäulen der Religion? warum leget Ihr die Hand an den Gesalbten des Ewigen? Warum soll die Tochter der Magd, eine der profanen Sprachen, ihre Fürstin, unsere köstliche, heilige Sprache, beerben, die vorzüglichste aller Sprachen? Warum findet Ihr gefallen an den fremden Bräuchen, die Orgel beim Gebete zu spielen. Wenn Ihr Macht besitzet, so macht von dieser, teure Brüder, keinen üblen Gebrauch; denn Ihr werdet auf dem Wege, den Ihr betreten, nicht zu Ruhm gelangen. So erweiset Ehre dem Ewigen, Eurem G-tte; gebet Euren Willen auf, dem Willen Eures himmlischen Vaters gegenüber. Erbarmet Euch über Eure teuren Seelen und über die Seelen Eurer Frauen, Eurer Söhne und Eurer Töchter und entweiht nicht seinen heiligen Namen, wendet Euch von G-tt nicht ab, sondern dient dem Ewigen mit ganzem Herzen und ganzer Seele, wie in den früheren Zeiten." Am Schlüsse seines hochinteressanten Sendschreibens wendet sich Rabbi Eliaser an die massgebenden Persönlichkeiten der frommen, gesetzestreuen Welt und erteilt ihnen Ratschläge über die Anordnungen, die unter den obwaltenden Verhältnissen zu treffen seien. Er empfiehlt ihnen streng darüber zu wachen, dass im G-tteshause keine leeren, profanen Gespräche geführt werden und dass jede Störung, jede Unruhe ferngehalten werde. Er legt ihnen ferner ans Herz, allsabbatlich von gelehrten, frommen Männern g-ttesdienstliche Vorträge halten zu lassen, um mit eindringlichen Worten die Herzen für die Religion zu gewinnen und zu einem frommen Lebenswandel anzuleiten. In diesen Vorträgen sollen neben den religiösen Pflichten mit besonderen Nachdruck die Morallehren des Judentums hervorgehoben und das Volk ermahnt werden, im Verkehr miteinander der Tugend und Gerechtigkeit sich zu befleissigen und vom Gebote der allgemeinen Menschenliebe sich leiten zu lassen. Die von den berühmtesten rabbinischen Autoritäten und unter ihnen von Rabbi Eleaser abgegebenen Gutachten übten eine bedeutende, nachhaltige Wirkung aus. Zwar vermochten sie nicht, diejenigen Männer im Hamburg, die vom Geiste der Reformsucht ganz erfüllt waren, von ihrem Vorhaben abzubringen; sie hatten aber unstreitig den Erfolg, daß sehr viele, die schwanken Sinnes leicht der Reformpartei sich angeschlossen hätten, über die schwebenden Fragen aufgeklärt und dem gesetzestreuen Judentum erhalten wurden. Der Einfluss, den diese Gutachten ausübten, erstreckte sich aber noch weiter. Die von den Parteien in Hamburg angeregte Kultusfrage hatte die weitesten Kreise des Judentums interessiert und in Bewegung gesetzt. Die Stellung, die der fromme, treue Bekenner des Judentums zu den neuen Bestrebungen zu nehmen habe, war nun ein für allemal von autoritativer Seite konstatiert. Die Anschaffung, die damals zur Geltung gebracht wurde, verbreitete sich allenthalben und verpflanzte sich leider in den frommen Kreisen fort.

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