Jüdische Nachrichten
- Journal
- Jüdische Nachrichten
- Volume
- 9 (1939)
- Issue
- 2 (12.1.1939)
- Date
- 1939-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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12. Januar. 1939. JUDISCHE NACHRICHTEN 3 In der Bukovina werden Juden gezwungen ihre Geschäfte am Schabbos offen zu halten. Aguda protestiert scharf beim rumänischen Gesandten in London. Der Gesandte versprach den Protest sofort weiterzuleben. GLOSSEN. Es gibt noch Menschen. In einer so düsteren Zeit wie die unsrige, freut es einem umso mehr, wenn man feststellen kann, dass es noch Volksgruppen gibt, die wie das holländische Volk. Dieses Volk, das zwar nicht den geringsten Verwandschaftgrad zum jüdischen Volke aufweist, bekundet dennoch ein besonderes Verständnis und Mitgefühl Die Holländer äussern aber ihre Gefühle keinesfalls bloss in Symphatiekundgebungen, sondern in aktiver und sogar aufopferender Hilfe. Ein einziger Satz der dortigen Kundgebungen zugunsten der verfolgten Juden wird genügen um die edlen und erhabenen Charakterzüge dieses Völkchens kennen zu lernen. „Eine Gruppe arbeitsloser Holländer haben beschlossen eine volle Woche vom trockenen Brode zu leben, und die Arbeitslosenunterstützung zu Gunsten der jüdischen Flüchtlinge zu spenden" Auch so etwas gibt es noch auf unserer sündigen Erde! Holländische Arbeitslose — also die Aermsten dieses Landes — hungern eine ganze Woche und sparen sich ihr kleines Stückchen Brod vom Munde ab. In einigen Fabriken haben die Arbeiter ihre Arbeitgeber ersucht, einen bestimmten Protzentsatz ihres Gehaltes dem Flüchtlingsfond zufliessen zu lassen. Die Künstler haben einen speziellen Abend für diesen Zweck veranstaltet. Sämtliche Kinobesitzer haben ihre ganze Tageslosung hergegeben. Einige Unternehmungen haben einen Teil ihres vierteljährigen Einkommens bereits zugunsten der Flüchtlinge gespendet. Einige Städte haben im Jahresbudget einen separaten Posten als Flüchtlingsfond aufgestellt. Die Parole des Tages lautet hier : helfet, spendet, es geht um Ertrinkende, rettet sie vor dem Untergang, und so ähnlich. Die Kinderaktion macht in Holland herrliche Fortschritte. Man sieht hier Tausende Kinder die aus Deutschland kommen. Baracken werden im ganzen Lande errichtet. Weisenhäuser und Kinderheime werden immer wieder neu erbaut. Die holländische Regierung macht Anstrengungen, die darauf hinzielen, eine grosse europäische Aktion zur Plazierung von tausenden jüdischen Menschen zu bewerkstelligen. Welch ein menschliches Dokument! Welch ein Lichtstrahl in dieser so dicht bewölkten Zeit! Das gefühlvolle und barmherzige holländische Volk kann mit unserer ewigen Dankbarkeit und Ergebenkeit rechnen. Lessing und die Rassenfrage. Die Exekutive der Weltorganisation Ag. Jisroel hat dem rumänischen Gesandten in London einen scharfen Protest gegen die Verordnung des Kgl. Residenten der rumänischen Provinz Bukowina, Alexianu, übermittelt, welche die Juden der Bukowina zwingt, ihre Geschäfte am Sabbat offen zu halten. Durch diese Verordnung, so wird in der Protestnote gesagt, werden die Betroffenen gezwungen, eine der fundamentalen Institutionen ihrer Religion zu entweihen; die Verordnung verletzt das Prinzip der religiösen Toleranz und der Gewissensfreiheit, das von den zivilisierten Nationen allgemein angenommen worden ist. In einem von der Aguda ausgegebenen Kommunique wird erklärt, der Gesandte habe der Aguda-Abordnung versichert, dass die Massnahmen, welche die rumänische Regierung hinsichtlich der Juden treffen, weit davon entfernt sind, den Charakter religiöser Verfolgung zu tragen, sondern dass sie auf die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung gerichtet sind. Erzbischof von Czernovitz für Religionsfreiheit. Der Erzbischof von Czernovitz empfing eine Deputation von Rabbinern aus der Provinz Bukowina. Die Deputation ersuchte den Erzbischof, bei den Behörden dahin zu intervenieren, dass die Verordnung des kgl. Residenten Alexianu, welche die Juden zwingt, am Sabbath ihre Geschäfte offen zu hallen, rückgängig gemacht werde. Der Erzbischof erwiderte der Abordnung, er sei gegen jede Bestimmung, welche die Juden zwingen könnte, den Sabbath zu entweihen, und versprach, In einem Schreiben an den „Spectator" tritt der Kolonialfachmann und Herausgeber der Zeitschrift „Crown Colonist" W. E. Simuett für die Umwandlung von Brilisch-Honduras in einen jüdischen Staat unter dem Schutz und der Garantie Englands und der Vereinig- Leon Archimbaud, Mitglied der französischen Deputiertenkammer, erhebt in der französischen Presse den Ruf zur Bekämpfung des Antisemitismus in Frankreich, dessen Formen der Propaganda an „Landesverrat" grenzen. Es gibt, schreibt er, im gegenwärtigen Augenblick in Frankreich eine antisemitische Kampagne, gegen die wir mit aller Energie auftreten müssen. Wie ist es möglich, dass grade in Frankreich, in dem traditionellen Lande des Asyls und der Menschlichkeit, gewisse Kreise es fertig bekommen, den Antisemitismus zu alles in seiner Macht liegende zu tun, um die Annullierung des Dekrets zu erwirken. Friedliche Lösung der jüdischen Auswanderung. Der neue rumänische Aussenminister Gafencu erklärte in einem dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur gegebenen Interview, die rumänische Regierung und er selbst sehen das Problem der jüdischen Auswanderung als ein solches an, das durch friedliche Methoden und ohne Gewalt gelöst werden müsse. Auf die Frage, welche Juden werden auswandern müssen, erklärte der Aussenminister, die Regierung denke ledeglich an jene Juden, die illegal in Rumänien weilen, keine gesicherte Existenz haben und „von der Hand in den Mund leben". Keinesfalls werde die Emigration jene Juden erfassen, die an Rumänien durch patriotische Bande, ebenso wie die nichtjüdischen Bürger, gebunden sind. Es liege im Interesse der illegal im Lande lebenden Juden selbst, nach Kolonialländern auszuwandern, wo sie endgültig sesshaft werden können und wo ihr gegenwärtiges Wanderleben sein Ende findet. Auf die Frage, ob die Zeituugsmeldung richtig sei, wonach die rumänische Regierung wünsche, dass in den nächsten drei Jahren je 50.000 Juden aus Rumänien auswandern, erklärte Aussenminister Gafencu : Eine Auswanderung in der genannten Höhe ist undurchführbar und darum illusorisch. Gewiss ist eine jüdische Emigration aus Rumänien eine Notwendigkeit für das Land, jedoch nicht eine Emigration in einem solchen Ausmass und Tempo,__.__ ten Staaten ein. Die Verwaltung soll verantwortlichen jüdischen Behörden übertragen werden. Simnett weist darauf hin, daß Honduras, umfänglich gleich gross wie Palästina, eine Bevölkerung von nur 56.000 Seelen, zumeist Eingeborene, hat. unterstützen? Franzosen, die immer wieder lesen und hören müssen, dass die Juden für die Krise verantwortlich sind und das die Juden den Krieg wollen, lassen sich gutgläubig in die antisemitische Bewegung einspannen. Archimbaud fährt fort: Wenn man ständig wiederholt, dass die Juden den Krieg wollen und dass sie die schuldigen Urheber der internationalen Spannung seien, so täuscht man die öffentliche Meinung. Man züchtet den Dafailismus. Die Republikaner dürfen nicht müde werden, die Gefahren des Antisemitismus zu denuzieren, — zu sagen, woher er kommt und welchen Interessen er dient. Bekämpfung des Antisemitismus in Frankreich. Britisch Honduras soll Jüdischer Staat" werden