Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 2 (1929). Bestand LBI
- Issue
- 1 (3.1929) Sonderheft: Soziale Woche in Seesen
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 23 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Es gibt eine «Schicksalsfrage der Jugendpflegearveit. Sie muh dem pmgen Menschen ein Gesamthetiserlebnis vermitteln können, durch das er in seiner ganzen Lebenshaltung geformt und gestaltet werden kann. Wird die Schaffung dieses Erlebnisses bei uns erreicht? Die Frage ist nicht immer ohne weiteres mit „ja" zu beantworteil. Bestimmt macht der Jugendliche in der Zeit, in de>r er sich in der Jugendpflegegruppe aufhält, keine besonders grohen Dummheiten. Es bleibt iym hierfür noch Zeit genug übrig. Die Frage der Beeinflußbarkeit und somit der Verschaffung des Gesamtheitserlebens ist sehr stark eine Fsrage des Alters. Eine Beeinflussung kann erst dann vor sich gehen, wenn zwischen dem Führer und seiner Gruppe ein innerer, geistiger Kontakt geschlossen ist. Die „Übertragung" muh sich vollziehen: d. h. der Jugendliche muß Liebesbindungen, die bisher zwischen ihm und einzelnen Famtltengliedern bestanden haben, auf den Führer übertragen. All das kann nur gelingen, wenn die Arbeit bereits während der Pubertätszeit begonnen wird. Die geistige Konstitution des Jugendlichen in dieser Zeit kann durch eine Anschlußbereitschast (Ergänzungsbedürftigkeit) charakterisiert werden. Eines kommt noch hinzu. Während die Älteren Surrogate für eine echte Geselligkeit sehr leicht haben, fehlen oiese bei den Jüngeren fast völlig. Unsere Gesellschaft berücksichtigt fast ausschließlich den Erwachsenen. Alle Vergnügungen, Theater, Kino, Tanz sind auf den Erwachsenen eingestelst. Außerdem ist der Erwachsene, wenn auch unzufrieden, so doch abgefunden, während der Jugendliche in der Pubertätszeit die Unvollkommenheit des Daseins, soweit er sie persönlich erfährt, als fein persönliches Unglück empfindet. Daher ist er für Versuche einer kollekriven Sinngebung des Daseins leichter empfänglich. Träger der Jugendpflegearbeit müssen Menschen aus der Jugendbewegung sein. Sie kennen die Mentalität des Jugendlichen. Sie können ihn noch einigermaßen verstehen. Allerdings werden der freien pädagogischen Entfaltung des Führers noch starke Widerstände entgegengesetzt. Die meisten Gruppen stehen in jeder Beziehung in Abhängigkeit von Vorständen und Kuratoren, die diese Gruppen finanzieren, ihnen Gesinnungen oder besser Gesinnungslosigkeit, Zielsetzungen und alles andere vorschreiben. Aber das Jntereffante ist dabei, daß dies alles unter dem Anspruch der Neutralität vor sich geht. Neutralität bedeutet in unserer jüdischen Gesellschaft die Meinung der jeweils herrschenden Mehrheit, und diese ist bürgerlich und meist nicht zionistisch. Was sozialistisch oder zionistisch ist, ist nicht neutral. Neu. tralität wäre zu definieren als die Gesinnung, des jeweiligen Vorstandes, vereinfacht — soweit es noch erforderlich ist — für den Gruppengebrauch geistig nicht sehr regsamer Jugendlicher. Dabei ist die Behandlung eines sozialen Problems bei uns noch nicht so gefährlich wie die Behandlung des nationalen Problems. Man sieht eben, daß der Sozialismus trotz zehn Millionen sozialdemokratischer Wähler in Deutschland im wesentlichen die Ruhe des Bürgers nicht stört, während der Zionismus ja in Wirklichkeit Familien auseinanderreißen kann Man würde aber den Jugendgruppen das größte Unrecht tun, wenn man es versuchen wollte, ihnen künstlich Probleme des sozialen und nationalen 23