Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 2 (1929). Bestand LBI
- Issue
- 1 (3.1929) Sonderheft: Soziale Woche in Seesen
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Die Waisenhäuser mit innerer Reform, denen nicht mehr Ziel ist, dem Kinde nur beizubringen, was es als Erwachsener braucht, denn „die Natur will, daß die Kinder erst Kinder sind, bevor sie Männer werden" (Rousseau). Man versucht durchaus, den Kindem die fehlende Familie zu ersetzen und umgibt sic mit Liebe und Vertrauen. Das Problem der gesellschaftlichen Erziehung wird aber auch hier nicht erkannt, „die Kinder müssen für die Not des Lebens vorbereitet werden", Auflehnung gegen bestehende, verlogene gesellschaftliche Zustände darf nicht verstärkt werden. Der Versuch der Einordnung der Kinder in einen Gemeinschaftskreis, der ihrem Können und Wollen entspricht, wird nicht unternommen. In diesen Heimen — nicht Anstalten — lügen die Kinder nicht. Sie sind nicht in Kampfstellung gegen den Erwachsenen. Aber es fehlt ihnen eine freie innere Haltung. Man wird an Kinder bürgerlicher Eltern erinnert, mit denen es die Eltern gut meinen, die aber ruhig ihren eigenen inneren Weg gehen, den sie dem Älteren verschweigen. 3. Die wenigen revolutionären Heime (früher Baumganen, setzte Kowno, Ben-Schemen, Ahawah), in denen die Er'enktnis des Eigenwertes der Jugend im Sinne der revolutionären Jugendbewegung durchgedrungen ist. Die Atmosphäre des Hauses ist durch Wärme und Vertrauen gekennzeichnet. Das einzelne Kind wird Gegenstand intensiver Betreuung; weist es Besonderheiten auf, so versucht man, ihm mit den Mitteln modernster psychologischer Erkenntnisse gerecht zu werden. Der Erfolg ist, daß die Kinder sich nicht nur wohl in ihrem Heim fühlen, sondern stolz auf ihr Heim sind. — Nach einer Vorstellung in einem Kindertheater, zu der verschiedene Waisenhäuser geladen waren, sagte abends beim Waschen die neunjährige Sophie zu ihrer Nachbarin: Hast Du dahinten die armen Waisenkinder gesehen? Nee, ich möchte nicht in einem Waisenhaus sein! — Sophie ist aber bereits, seit sie vier Jahre alt ist in einem großen, modemen, jüdischen Waisenhaus. Gattungsmäßiges Erziehungsideal ist nicht die Einordnung in das heutige gesellschaftliche Leben, sondem die Vorbereitung für das „zukünftige, bessere Leben" (d. h. die Vorbereitung für die kommende Generation, deren Träges die Kinder ja sind), ist ausschlaggebend. (Ziel jeder revolutionären Erziehung: Kant, Fichte, Wyneken.) Nicht Rechte der Erwachsenen gegenüber den Kindem, sondem Pflichten und Verantwortungen herrschen innerhalb der Gemeinschaft. Die Selbstverwaltung der Kinder entwickelt durch ihre Anforderungen die persönlichen Kräfte der sozialen Verantwortung und der Hilfeleistung des Kindes durch praktische Übung. In den Kindersitzungen der Ahawah werden alle wichtigen Dinge, die das Gemeinwesen angehen, besprochen. Es gibt nächste Woche Oktoberjirrien, was wollen wir tun? Drei Tage eine Fahrt der Größeren; die Kleineren, die sich auch beteiligen, verlangen nach einem Tag — Kochen — Spielen. Die Kinder fetzen mit den Erziehern in freier Aussprache zusammen 'est, daß die Pflichten geändert werden müssen, es wird käst. Wer wird Kohlen ttagen? Pkötzlich merkt ein Kind, daß es Hunger hat — man ,,sitzt" ja aber auch schon wieder drei Stunden. — keiner merkt, wie die Zeit verging.