Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 2 (1929). Bestand LBI
- Issue
- 1 (3.1929) Sonderheft: Soziale Woche in Seesen
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Oberste Instanz ist aber der Ktnderrat. In ihn gewählt zu werden — höchste Ehre! Er funktioniert nicht immer gleich gut, aber erstaunlich ist doch der Emst, mit dem die Kinder in ihm arbeiten. Oben in der Toilette ist es nicht sauber. Kein Erwachsener kümmert stch darum. Die Kinder bestimmen Nachtwachen, immer je zwei Stunden zwei Jungen. In der zweiten Nacht entdecken ste den Übeltäter. Rohes Verprügeln — nein — nur Kinder, die selten das Recht zum Bemrteilen haben, strafen grausam. Der Übeltäter ist ein schwächlicher Junge — der Kinderrat beschließt, ihn zum Arzt zu bringen. Im unmodernen Heim wäre das so verlaufen: Keiner geht eher nach Hause, bis sich der gemeldet hat, der.I Es ist selbstverständlich, daß das sich-nicht-kümmern der Erwachsenen nur scheinbar ist, daß sie im Gegenteil in besonders hohem Maße von den Kindem beansprucht werden. Ist der Erzieher einmal oben in seinem Zimmer, weil er traurig ist über einen dummen Streich der Jungen, so ist sem Fehlen bei der Arbeit und beim Spiel empfindlichste Strafe. Selbstverständlich ist auch, daß die Erwachsenen vor keinem Eingriff scheuen, wenn ein Kind in realer Weise auf sein falsches Tun aufmerksam gemacht werden muß. Nur, daß das Kind auch beim härtesten Eingriff weiß: der Eingriff kommt vom Freund und nicht vom Feind! Leider muß festgestellt werden, daß es in der Ahawah nicht möglich ist, die freiwerdende Aktivität des Kindes voll in Posiltves umzuwerten: Großstadt, unmodeme Schulen, vor allem aber mangelndes, besähig es Erziehermaterial. Die Erziehcvgemeinschaft wird nicht durch ein einheitliches, gemeinschaftliches Erziehungsziel zusammengehalten, denn sie entstammen nicht einer Gemeinschaft mit gleichen Zielen. Hinzu kommt der starke Wunsch der Erzieher nach häufigem Wechsel dasebst und nach „komplizierten" Aufgaben. Nur wenige begnügen sich z. B. damit, auch in der jahrelangen Hingabe :md Aufopferung in der Arbeit am kleinen Kinde Genüge zu finden. Als Zusammenfassung des bisher Gesagten ergibt sich als theoretische Forderung für das Erziehungsziel in Heimen: Organische Synthese der Rouffeau'schen Forderung „Zurück zur Natur" (in moderner Form, Eingehen aui den Lebensrhythmus des Kindes, Jnbetrachtziehen seiner individuellen Schwierigkeiten) mit dem gesellschaftlichen Ziel allgemeiner Fassung: Schaffung des neuen Menschen, das Kind hinauswachsen lasten über den Erzieher, nicht den neuen Inhalt in alte Geistes- und Dillensform Hineinpressen. Das zwischengestellto gattungsmäßige Erziehungsideal muß den Idealen der Schichten entsprechen, denen die Kinder entwachsen (also möglichst bei Kindern proletarischer ostjüdischer Schichten sozialistisch, zionistisch gerichtet sein). Die Berechtigung für den Zwang zur Erziehung zu einem bestimmten gattungsmäßigen Ziel ist nur dann gegeben, wenn es dem Erzieher selbstverständlich ist. daß die Erziehung nicht mit dem Aufbau einer Maschine verglichen werden kann, an der man Teil auf Teil zosammenfügt, damit ste dann mechanisch ablausen kann, sondem nur darin, daß man den lebendigen Organismus des Kindes zu seiner möglichst größten Entfaltung verhilft, auf daß er sein eigenes Leben lebe ,md dadurch mithelfe am Leben der kommenden Gemeinschaft. 17