Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 2 (1929). Bestand LBI
- Issue
- 1 (3.1929) Sonderheft: Soziale Woche in Seesen
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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mit größerer Betonung des: „Er soll ein guter Verdiener werden". Mi:tel zur Erziehung war in der Regel kasernenhafter Drill, große Betonung des Erlernens mechanisch-intellektueller Dinge. Charakteristisch für das Leben der Kinder in vielen jüdischen Waisenhäusern um diese Zeit ist die hartherzige Form der Strafen. Du hast Dein Taschentuch verloren — einen Strich. Heute hast Du eine 3—4 im Aufsatz wieder einen Strich. Am Sonntag werden die Striche der verschiedenen Vrzieher zusamt,,engezählt: Jeder Strich bedeutet: eine Stunde später nach Hause gehen. Bei schweren Vergehungen bekommt man gleich drei Striche oder — ganz. Ganz: dann sitzt man am Sonntag in der Anstalt, strickt Strümpfe und Mutier wartet zu Hause ve:gebens auf ihr Kind. Hat einer etwas Schlimmeres ausgefressen, bekommt er Strafsonntag, d. h. die Striche werden auf den zweiten Sonntag zusammengezogen, an jedem zweiten Sonntag darf man eo ipso nicht fortgehen. Strafsonntag dauert ein halbes Jahr! Trude R., ein gjähr'ges, zartes Mädchen, wurde 1814 in «inem der größten jüdischen Waisenhäuser uniergebracht. Sie erhielt dort keine besondere körperliche Pflege — das Waisenhaus verfügte über einen besonders hohen Etat, sondern sie bekam besonders viel Prügel. Jeden Morgen gab es Schläge für das tägliche Bettnässen und jeden Mittag, weil Trude nicht pünktlich aus der Schule kam — ihr siel der weite Weg schwer —, gab es noch extra Ohrfeigen. Und das alles konnte geschehen, obwohl eine Reihe wohlmeinendster Männer und Frauen der jüdischen Gemeinde im Kuratorium dieses Waisenhauses faßen. Das blinde Vertrauen, das sie den Leitern schenkten, rächte sich an den Kindern. Heute können wir drei Formen von Waisenhäusern unterscheiden: 1. Die „historischen" Waisenhäuser mit nur äußerer Reform, die zwar der körperlichen Erziehung des einzelnen Kindes Beachtung schenken (Sport, Wandern), in denen aber die individuelle Erziehung des Kindes nicht berücksichtigt wird. Der Drill weicht geordnetem Befehlen, „man muß ja modem fein", man übermittelt alle, überlebte Werte; das Wesentlichste ist der äußere Erfolg. Daß nur einzelne äußere Formen moderner Erziehung übemommen werden, ohne den Sinn und den Geist zu erfassen, aus denen sie entspringen, ist an vielen Symptomen deutlich erkennbar. (Völliges Versagen gegenüber psychopathischen Kindem, unaufrichtige Haltung der Kinder gegenüber den Erwachsenen.) Es ist wohl kein Zufall, daß in zwei Heimen dieser Art gleiche Dinge passieren. Ein psychopathischer, neunjähriger Junge wird von dem Direktor des einen Hauses Gauner lü betitelt; dies ist der Domame des Jungen geworden. In einem anderen nennt der Direktor einen psychopathischen Jungen: der Verbrecher. Spricht man mit Kindem dieser Anstalten, so muh man erschrecken, weil man spürt: hier wachsen Kinder in einer kalten Atmosphäre auf; sie lehnen die Erwachsenen bewußt ab und lemm in geschickter Form lügen, um sich Vorteile zu erringen. 15