Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 2 (1929). Bestand LBI
- Issue
- 1 (3.1929) Sonderheft: Soziale Woche in Seesen
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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glaubt, das Heim geradezu pauperisteren zu müssen, „weil die jungen Men. schm später ja mit noch weniger, mit noch Schlechterem, mit noch Unschönerem usw. auskommen müssen"! Deshalb ist man auch gegen die Auf. stellung von Blumen in den Zimmern. Ganz abgesehen davon, daß man sich auf diese Weise der besten Möglichkeit einer pädagogischen Beeinflussung beraubt, die Strafen weitgehend überflüssig macht, indein man zum Betspiel prinzipiell Selbstverwaltung gewöhn, und diele „als Strafe" nötigem falls fchrittwei e entzieht (zumeist haben die Mädchen zu ihren Schränken keine Schlüssel, dürfen ihre Sachen nicht selbst verwallen, mit der Begründung: man darf sie nicht über ihre Sonntagskleider gehen lassen, weil sie sonst durchbrennen), abgesehen von dieser pädagogischen Erschwerung ist die FE. meines Erachtens eine unethische Angelegenheit, solange sie bei dem Erziehungsbedürstigen prinzipiell von einem Minimum an Qualitätm ausgeht. Eine Schwierigkeit wurde im Laufe der Diskussion besonders hervorgehoben: gewöhnlich sei die Durchsetzung des Standpunktes einer jungm Erzieherin gegen die Ansichten der Leiterin so gut wie unmöglich. Die Schilderung eines Hamburger Jugendgefängnisses überzeugte davon, daß dieses Gefängnis ein Maß an Freiheit gewährt, iür das unsere Fürsorgezäglinge dankbar wären. Korreferat Dr. H a n n a h Eisfelder. Erziehung hat als Hilieleistung am Kind zweierlei Aufgaben: Sie soll einmal die Anlagen des Kindes zur höchstmöglichen Entwicklung bringen und sie soll als Hilfeleistung an der Gattung, das Kind bereit machen für das Ziel, das sich eine bestimmte Gemeinschaft gestellt hat. Infolge der stärkeren oder schwächeren Betonung des gattungsmäßigen Erziehungsideals (lei es parteipolitisch, national, rassenhast oder religiös betont) erhält die Erziehung mehr oder weniger gestalteten Inhalt, aber auch mehr oder weniger Zwang. Welches individuelle Ziel wird in jüdischen Erziehungsheimen verfolgt und mit welchen Mitteln? Welches gattungsmäßige Erziehungsideal wird in jüdischen Erziehungsheimen verfolgt und mit welchen Mitteln wird versucht, dieses zu erreichen? Die Antwort, die zwar keineswegs auf alle jüdischen und auch keineswegs etwa nur auf die jüdischen Anstalten zutrifft, stellt sich im wesentlichen so dar: Seit 1830 gibt es in Deutschland — zuerst in Berlin und Breslau — jüdische Waisenhäuser. Die ersten Anstasien wolsten meist die Kinder lediglich vor der äußeren Not schützen. Das einzelne Kind war nicht Gegenstand besonderer Betreuung. Das gattungsmäßige Erziehungsideal war die Erziehung zum brauchbaren Staatsbürger (in anderen konfessionellen Heimen: Erziehung zum Kleinbürger). Der Geist der Häuser war kein spezifisch Mischer, er war von pietistisch-puritanischer Färbung (Einfluß Franckes). Mittel zur Erziehung: engherziger Zwang mit gutartigen Zügen Um 1900 herum verschob sich wesentlich die Erziehungsmethode in der» jüdischen .Heimen. Das gattungsmäßige Ziel blieb zwar unverändert, jedoch