Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 2 (1929). Bestand LBI
- Issue
- 1 (3.1929) Sonderheft: Soziale Woche in Seesen
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Unhaltbar ist natürlich die jahrelange künstliche Absperrung der jugendlichen vom anderen Geschlecht. Ich halte die Einführung der Koedukation, der ganzen oder zumindesten der teilweisen, für unumgänglich notwendig. Mit der Andersgeschlechtigkeit des Erziehers ist m. E. nichts getan. Erinnert sei nur an den Bericht, den Schlosser anläßlich der Schulungswoche der Z.W.St. von seinem damaligen Heim in Wakenitzhof bei Lübeck gab. — Nur kurz möchte ich die unerhört große Bedeutung der Berufsausbildung der Fürforgezöglinge streifen. Im Nepziner Heim, auf das ich nicht näher eingehen will, weil es gottseidank bald das Zeitliche getegnet haben wird, ist die Frage der Berufsausbildung sehr unbefriedigend gelöst. In Wolzig werden drei Werkstätten gebaut werden, in denen Ausbildung mit Gesellenprüfung möglich ist; außerdem ist landwirtschaftliche Beschäftigung vargesehen. Hoffentlich erreicht man bald, daß in Köpenick außer der Ausbildung in der Schneiderei auch für die Ausbildüng im Haushalt eine geprüfte Meisterin angestelst wird und daß man den Mädchen die Möglichkeit der Ausbildung im Kaufmännischen gibt. Beelitz plant seit langem die Einrichtung von Lehrwerkstätten; es wäre höchste Zeit, daß auch Isenburg sich diesen Fragen ernsthafter zuwendet. So wenig ideal Ealmenhof in Idstein in mancher Hinsicht ist: bedenken Sie, daß dieses Heim über 23 Lehrwerkstätten verfügt. Ungenügend organisiert und durchgesührt ist die Frage der Unterbringung der Zöglinge in geeigneten Stellen, wobei ich unter „geeignet" verstehe, daß die Arbeit den Jugendlichen persönlich nicht schädigt und daß sie ihm eine wirtschaftlich« Position sichert, wozu notwendig ist, daß man mehr als bisher die allgemeine und die jüdische Arbeitsmarktlage berücksichtigt. Eine sehr bedeutsame Mitarbeit der Iugendverbände in der F.E. sehe ich in der Gestattung der Freizeit. Es ist beschämend, wenn man immer wieder den Eindruck bekommt, daß in vielen Heimen Freizeit lediglich Ntchtarbeit ist. Es muß darauf hingcwirkt werden, daß die Geschlossenheit der Heime so weit gelockert wird, daß die Verbindung mit Iugendbünden religiöser, politischer oder sonstiger Art selbstverständlicher wird, in dem Sinne, daß Jugendliche in das Heim kommen und Zöglinge an dem Leben der Verbände teilnehmen dürien. Das traurigste Kapitel der F.E. ist meines Erachtens, daß man in der Einstellung zum Zögling von vornherein von einem Minimum an Qualitäten ausgeht. Das bekundet sich, um das drastischste Beispiel zu wählen, in folgendem: man muß zweifellos in Mädchenheimen hie und da bei einzelnen Mädchen verhindern, daß sie sich nachts gegenseitig besuchen. Die Konsequenz, die man in einer Anstalt daraus zieht, ist die, daß man, häufig genug, mit Hilfe eines Generalriegels sämtliche Einzelzimmer, die, nebenbei gesagt, besser Einzelzellen genannt werden, abschließt*). Von einer andern Anstalt ist folgendes Beispiel zu erwähnen: man ist der Ansicht, daß die Eitel.eit etwas ist, was junge Mädchen gefährdet. Die Folge davon ist, daß man ke ne Spiegel anschafft. Diese negative Einstellung zum Leben und zu dem, was das Leben für jeden Menschen, jogar" für den Fürsorgezögling, bieten kann, geht so weit, daß man Dieser Generalriegel ist inzwischen gefallen