Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 1 (1927-1928). Bestand LBI
- Issue
- 4 (1.5.1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen des Reichsausschusses der jüdischen Jugend verbände Dies ist der Plan, den der Vorstand des Reichsausschusses gutgeheißen hat und der nur dann verwirklicht werden soll, wenn diejenigen, die er angeht, von sich aus mündlich oder schriftlich uns erklären, daß sie ihn verwirklichen wollen. Der Begriff der Jugendbewegung soll dabei nicht allzu eng ausgelegt werden. Zur Teilnahme sind auch solche Menschen aufgefordert, die der Jugendbewegung selbst nicht angehören oder angehört haben, dafür aber das, was man ungenau als Geist der Jugendbewegung bezeichnet, haben. Wir fragen also hiermit alle jungen Erzieher und Erzieherinnen in jüdischen Anstalten, alle Kindergärtnerinnen oder Hortnerinnen, alle in der offenen Fürsorge stehenden Berufsarbeiter und alle freiwilligen Helfer: wollt Ihr die soziale Gilde? Es wäre noch zu erwägen, ob wir die Einladung zur Mitarbeit auch an die jungen Lehrer und Lehrerinnen in bezug auf ihre sozialpädagogische Arbeit richten sollen. Auch darüber erbitten wir die Stellungnahme aller. Zuschriften sind zu richten an den Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände, Berlin N 24, Oranienburger Straße 69. VORLESUNGSREIHE ÜBER JUGENDBEWEGUNG IN DER FREIEN JÜDISCH. VOLKSHOCHSCHULE IN BERLIN Wir setzen nachstehend die Berichterstattung über die oben angegebene Vorlesungsreihe fort: Am 4. Abend sprach Dr. Siegfried B e r n f e 1 d über die gesellschaftliche Funktion der Erziehung und der Jugendbewegung. Bernfeld ging von dem seit der Schaffung der Pädagogik bestehenden Gegensatz zwischen gewolltem und erreichtem Erziehungsziel aus. Die Pädagogik bemüht sich in komplizierten Auseinandersetzungen darum, ein Erziehungsziel zu statuieren. Sie erweist sich immer als unfähig, dieses Erziehungsziel in Wirklichkeit zu erreichen. Und trotzdem kommen unsere Erziehungsinstitutionen Schule und Familie doch dazu, gesellschaftlich brauchbare Menschen heranzubilden, die in ihrer Tatsächlichkeit zwar weit von dem Idealbild der Pädagogik entfernt sind, die sich aber andererseits als durchaus fähig erweisen, diejenigen Funktionen zu erfüllen, die die Gesellschaft ihnen zuweist. Welche Art der Erziehung in den verschiedenen Zeiten auch immer angewandt wurde, die überragende Masse der Menschen war ein Nichts im Vergleich zu den Zielen der Pädagogik. Die typische Differenz zwischen einem von der Pädagogik entwickelten Erziehungsideal und dem tatsächlichen gesellschaftlichen Zustande fällt mit der Schaffung der Pädagogik bei den einzelnen Völkern zusammen. Die Pädagogik wird sowohl bei den alten Völkern wie auch bei den modernen geschaffen in dem Augenblick des Eintrittes des Volkes in seine Periode der Neuzeit. Die Erziehung in der heutigen Zeit ist dadurch charak terisiert, daß das Erziehungsziel — und zwar das praktisch erreichte Erziehungsziel — von der herrschenden Klasse diktiert ist, und zwar verschieden normiert wird, für die Kinder der herrschenden und für die Kinder der unterdrückten Klasse. Für die Kinder der herrschenden Klasse kommt es darauf an, sie wiederum fähig zu machen, späterhin der herrschenden Klasse anzugehören. Zunächst bildet jedes neugeborene Kind einen Schlag in das Gesicht der guten Gesellschaft seiner Umgebung. Die Kräfte der Umgebung sind aber sehr stark wirksam und machen in schneller Zeit aus dem kleinen Kinde einen fertigen Bürger. Für die Kinder der unterdrückten Klasse war in früheren Zeiten Erziehung, d. h. systematische durch eine besondere Institution vermittelte Wissensübermittlung überhaupt nicht üblich. Erst die kompli zierten Erfordernisse der kapitalistischen Wirtschaft, die ein gewisses Wissensminimum zur unerläßlichen Voraussetzung der Fähigkeit zu gesellschaftlicher Arbeit machen, führten zu einer Erziehung auch der unterdrückten Klasse. Dabei muß diese Erziehung immer so dosiert werden, daß das Wissen wohl zur Arbeit ausreicht, aber möglichst wenig zu anderen Dingen „mißbraucht" werden kann. Bernfeld ging dann kurz auf die gesellschaftliche Funktion der Jugendbewegung ein, die ebenfalls nichts weiter ist, als eine Erziehungsinstitution der bürgerlichen Gesellschaft. In dem Augenblick, in dem die alten Erziehungsmethoden des Bürgertums nicht mehr wirksam waren, entstand zunächst revolutionär die Jugendbewegung, aber schnell wurde auch sie ein konservierendes Prinzip, sie versuchte eine frühere Ideologie des Bürgertums, die Romantik, zu neuem Leben zu erwecken. Heute bereitet sich eine Revolution in einem anderen Teile der Jugend vor. Es ist die Revolution, die ihren literarischen Ausdruck in Lindsey gefunden hat und die nach Bernfeld die Auflehnung der bürgerlichen Jugend gegen die bürgerliche Geschlechtsmoral zum Inhalt hat, die dieser Jugend den geschlechtlichen Verkehr bis zur Vollendung der Schulzeit, also bis zum 18. oder 19. Lebensjahr verbieten will. Bernfeld ging in diesem Zusammenhang auf den Steglitzer Kranz-Prozeß ein und erinnerte daran, daß in demselben Gymnasium in Steglitz, von dem aus vor 30 Jahren der Wandervogel seinen Weg durch Deutschland nahm, nunmehr eine andere Revolution der Jugend ausgegangen ist, die alledem entgegengesetzt ist, was der deutsche Wandervogel seinerzeit gewollt hat. In eine ganz andere Gedankenwelt führte das Referat von Ernst Heinrich S e 1 i g s o h n über die Frage der Aelteren in der Jugendbewegung. In allen Bünden, besonders aber in denjenigen, die schon eine gewisse Zeitlang bestehen, tritt nach einiger Zeit die sogenannte Aelterenfrage auf. Sie ist jedem, der in der Jugendbewegung steht, geläufig und bedeutet, daß eine Reihe von Menschen, die den Weg durch den Bund gegangen sind, selbst nicht zur Führung einzelner Gruppen gelangen, oder sich nach einiger Zeit von dieser Führung zurückziehen, ohne daß sie damit ihre Periode der Zugehörigkeit zur Jugendbewegung abgeschlossen wissen wollen. Die Aelterenfrage besteht aber auch darin, daß die Menschen, die nicht mehr zur Jugendbewegung gehören, und die schon voll und ganz im Beruf stehen, auch späterhin etwas, der Jugendbewegung gemäßes verwirklichen wollen. Seligsohn sprach in diesem Zusammenhang von der besonderen menschlichen Prägung, die allen durch die Jugendbewegung intensiv hindurchgegangenen Menschen anhaftet und die sie sich untereinander auch schon äußerlich erkennen läßt. Auf die Frage, wie diese übrig gebliebene Gemeinsamkeit nutzbar zu machen wäre, gab Seligsohn gerade für die jüdische Jugendbewegung die Antwort, daß diese besondere menschliche Form vielleicht zu einer intensiveren Verbindung aller Aelteren aus der Jugendbewegung führen müßte, die unabhängig von ihrer politischen und religiösen Ueberzeugung sich zusammenzuschließen hätten. Diesem Zusammenschluß sei als Programm z. B. die Leistung sozialer Arbeit zu geben, wie sie der Reichsausschuß propagiert. Aber auch der Gedanke eines Lehrhauses sei durch solch einen Kreis der Aelteren zu fördern. Endlich hätten gerade die Aelteren aus der Jugendbewegung die Aufgabe, das jüdisch-politische Leben zu entgiften. In der Aussprache wurde Seligsohn die Frage entgegengehalten, ob nicht vielleicht die sogenannte Aelterenfrage nur gerade diejenige Generation der Jugendbewegung anginge, die jetzt zwischen 22 und 25 Jahren alt sei, denn die nachfolgende Generation der Jugendbewegung, die die Revolution nicht mehr bewußt miterlebt habe, stelle auch menschlich einen ganz anderen Typus dar, der viel unsentimentaler, viel mehr durch die Wirklichkeit gebildet sei. Die Frage blieb an diesem Abend offen. Das wesentlichste Ergebnis des Referates von Seligsohn war vielleicht, daß der Zusammenhang zwischen allen Menschen, die der jüdischen Jugendbewegung angehört haben, oder noch angehören, gerade vom Menschlichen her deutlich gespürt wurde und daß der Wille, diesen Zusammenhang fruchtbar zu machen, allen Zuhörern trotz des Wissens 'um die Problematik des Weges deutlich wurde. Das letzte der sechs Referate, das Referat von Edith Cohn über soziale Arbeit, geben wir aus Raummangel in der nächsten Nummer wieder. 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