Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 1 (1927-1928). Bestand LBI
- Issue
- 4 (1.5.1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ßiosr? MITTEILUNGEN„ REICHSAUSSCHUSSES DER JÜDISCHEN JUGENDVERBÄNDE WfiffllfliilMnillM^ GESCHÄFTSSTELLE: BERLIN N 24, NACHDRUCK MIT QUELLENANGABE ERWÜNSCHT UND ORANIENBURGER STR. 69 / FERNSPR.: NORDEN 12745-46 GESTATTET / VERANTWORTL. FÜR DIE SCHRIFTLEITUNG: DR. GEORG LUBINSKI, BERLIN NUMMER 3 BERLIN, 1. MAI 1928 EINE SOZIALE GILDE DER JÜDISCHEN JUGENDBEWEGUNG Anläßlich der Schulungswoche, die die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden im März dieses Jahres in Berlin veranstaltet hat, und an der in allererster Linie soziale Berufsarbeiter teilgenommen haben, fand auch eine Zusammenkunft aller in sozialer Berufsarbeit stehenden Menschen sattt, die sich mit der Frage der Schaffung eines Bundes jüdischer Sozialbeamter und Beamtinnen beschäftigte. Die Bestrebungen zur Schaffung einer derartigen Organisation sind nicht neu, man hat schon im Jahre 1925 in Düsseldorf einen ähnlichen Versuch gemacht. Beide Versuche haben zu keinem Ergebnis geführt. Auf Grund einer Abstimmung, die in der Zusammenkunft in Berlin vorgenommen wurde, ergab sich, daß die jüdischen Sozialarbeiter zurzeit für die Schaffung einer Berufsorganisation keine Notwendigkeit sehen. Diese Tatsache ließ in uns einen Plan entstehen, der zentral in die Aufgabengebiete des Reichsausschusses gehört: den Plan der Schaffung einer sozialen Gilde der jüdischen Jugendbewegung. Der Name, der übrigens noch in keiner Weise feststeht, ist von der in der allgemeinen Jugendbewegung geschaffenen sozialen Gilde, an deren Spitze Justus Ehrhardt, Curt B o n d y und andere stehen, entlehnt. Die soziale Gilde der jüdischen Jugendbewegung soll nach Möglichkeit alle aus der Jugendbewegung kommenden, in intensiver freiwilliger oder beruflicher sozialer Arbeit stehenden Menschen umfassen. Es soll sich hier nicht um eine neue, festgefügte Organisation handeln, sondern es soll ein Arbeitskreis innerhalb des Reichsausschusses geschaffen werden, der als Kerntruppe die sozialen Ziele des Reichsausschusses verwirklichen soll. Wir denken daher nicht darin, ein festes Mitgliedschaftsverhältnis zu begründen, Mitgliedsbeiträge und ähnliches zu erheben, sondern es soll sich um eine Art Gesinnungsgemeinschaft handeln, die im wesentlichen auf der Gemeinsamkeit der Arbeit beruht. Fast alle Menschen, die aus der Jugendbewegung zur sozialen Arbeit gekommen sind, sind diesen Weg nicht nur gegangen, um auf diese Weise zu einem Beruf zu kommen. Sie sind ihn auch deshalb gegangen, weil sie glaubten, dadurch in bestimmter Weise auf die soziale Arbeit und damit auch auf das Schicksal der jüdischen Gesamtheit Einfluß nehmen zu können. Sie haben gerade aus dem Leben in der Jugendbewegung bestimmte Vorstellungen von der Art und Möglichkeit menschlichen Zusammenseins mitgebracht, in ihnen ist ein Wissen vorhanden, wie man sich auf eine besonders nahe Weise dem anderen Menschen stellen kann, sie haben endlich auch einen Begriff von Methoden, denen sie in ihrer Berufsarbeit zum Durchbruch verhelfen wollen. Bei dem Eintritt in die praktische Arbeit erweisen sich gewöhnlich alle diese Vorstellungen und Methoden als nicht in die Praxis übersetzbar, sei es, daß diejenigen, die die Arbeit zu bestimmen haben, sich der Einführung dieser Methoden widersetzen, sei es, daß die jungen Sozialarbeiter selbst den Ansatzpunkt nicht finden, von dem aus die neuen Methoden in die Arbeit getragen werden können Wir haben hier eine ganz ähnliche Erscheinung, wie wir sie besonders oft und deutlich bei allen neuen pädagogischen Versuchen beobachten konnten, in denen z. B. der Versuch mit einer autoritätslosen Erziehung gemacht worden ist: entweder scheiterte man nach den allerersten Versuchen und kehrte dann automatisch zu den alten Methoden der Autoritätserziehung zurück, oder man gelangte nicht zu einer inneren Ordnung der Beziehungen zwischen Erzieher und Zögling und der pädagogische Prozeß blieb unfruchtbar. Nur selten gelang die Uebersetzung der pädagogischen Theorie in das Leben. Eine ganz ähnliche Erfahrung macht, wie gesagt, auch der junge Sozialarbeiter, sowohl in der offenen als auch in der geschlossenen Fürsorge. Gerade im Anstaltsleben drängt sich diese Erfahrung mit besonders starker Eindruckskraft auf: die Nähe der Menschen zueinander, das starke Angewiesensein aufeinander, die über die Arbeitszeit hinausgehende fast ununterbrochene Hausgemeinschaft, machen den Gegensatz zwischen der von dem jungen Erzieher gewollten Methode und der in der Praxis geübten besonders spürbar. Fernerhin beginnen auch sogenannte „Standesfragen" vor allen Dingen aber auch wirtschaftliche Fragen eine Rolle zu spielen. Oft genug ist die Bezahlung gerade von jungen sozialen Kräften derartig niedrig, daß auch hier eine Erweckung des allgemeinen Interesses für diesen Uebelstand erforderlich erscheint. Daneben steht noch der Kreis, der in freiwilliger Sozialarbeit stehenden jungen Menschen. Wir denken hier besonders an diejenigen, die gerade durch die Anregung des Reichsausschusses allgemeine Jugendpflegegruppen übernommen haben und sich nunmehr einem sozialpädagogischen Problem von ganz bedeutender Schwierigkeit mehr oder weniger hilflos gegenüber sehen. Wir denken ferner auch an diejenigen, die ebenfalls der Parole der Sozialarbeit folgend, Zugang in Wohlfahrtskommissionen gefunden haben, und, weil sie dies als eine Stätte wirklicher Arbeit und nicht als „Ehrenamt" ansehen, sich Klarheit über die einzuschlagenden Wege verschaffen wollen. Endlich ist auch an die Schaffung einer öffentlichen Tribüne für Sozialarbeit gedacht, von der aus besonders auffällige Mißstände und Alterserscheinungen innerhalb der jüdischen Wohlfahrtspflege besprochen werden können. Die geplante soziale Gilde der jüdischen Jugendbewegung soll all die Aufgaben, die sich aus der geschilderten Sachlage ergeben, übernehmen. Sie soll dem da und dort vereinzelt arbeitenden jungen Menschen einen Rückhalt bei der Durchsetzung einer fortschrittlichen Sozialarbeit gewähren, sie soll durch Aussprachemöglichkeit mit Menschen in der gleichen Situation und mit gleichen Aufgaben die Uebertragung der Jugendbewegung gemäßer Methoden in die Praxis erleichtern, sie soll ferner, ohne gewerkschaftliche Ambitionen zu haben, die Rechte besonders schlecht gestellter Sozialarbeiter wahrnehmen, sie soll weiterhin die Arbeit der freiwilligen sozialen Kräfte systematisieren, und sie soll endlich „das gute Gewissen" der jüdischen Wohlfahrtspflege darstellen. Die praktischen Methoden der Durchführung dieser Arbeit wären etwa folgende: es müßte ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Menschen durch die Zentrale des Reichsausschusses geschaffen werden, da wo mehrere in ein- und derselben Stadt zusammen sind, hätten sie sich öfter zu treffen, ein jährlich einmal zu berufender Bundestag würde die Möglichkeit zu einer allmählichen ideologischen Fundierung, die „Mitteilungen des Reichsausschusses", das Organ der Mitteilung an die Außenwelt werden.