Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Journal
- Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
- Volume
- 1 (1927-1928). Bestand LBI
- Issue
- 3 (15.2.1928)
- Date
- 1928-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hungen des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände Erkenntnis kann aber zu einer wirksamen Erziehung fuhren Es macht sich hier das eigentümliche Spannungsverhaltms bemerkbar, das darin besteht, daß der Erzieher m der Jugendbewegung sich selbst noch im Zustande des Reifens befindet. Vermehrte pädagogische und psychologische Kenntnisse sind daher auch für den Erzieher in der Jugendbewegung erforderlich. Der Unterschied zwischen Jugendpflege und Jugendbewegung verwischt sich immer mehr. Auch die Jugendpflege wählt die Erziehungsgemeinschaft der Gruppe, auch sie überträgt die Leitung der Gruppe solchen Führern, die aus der Jugendbewegung hervorgegangen sind. Andererseits hat die Jugendbewegung längst ihre Forderung nach Autonomie aufgegeben. Weite Teile der Jugendbewegung wollen ebenso wie die Jugendpflege zu bestimmten gesellschaftlichen Zielsetzungen hin erziehen. Als einziger Unterschied zwischen Jugendbewegung und Jugendpflege bleibt eine revolutionäre Auflehnung der Jugendbewegung gegen die bestehende Ordnung. Der zweite Abend war mit einem Referat von Dr. Siegfried Lehmann, dem Leiter des jüdischen Kinderdorfes Benschemen, der Frage der „Psychologie des jüdischen Jugendlichen" gewidmet. Dr. Lehmann wollte in seinem Referat nur einen Spezialbeitrag zu diesem Problem liefern, indem er von der erzieherischen Bedeutung der Beziehung zu Volk und Erde sprach und dabei im wesentlichen von der neuen jüdischen Jugend in Palästina ausging. Lehmann gründete sein Referat auf der Feststellung, daß es darauf ankäme, für den Einzelnen Möglichkeiten der Befestigung im Leben zu schaffen. Solche Möglichkeiten müssen libidinös sein, d. h. das Triebleben des Menschen muß auf die Erringung dieser Inhalte gerichtet sein. Nur dann, wenn eine solche libidinöse Bindung an eine Sache vorhanden ist, kann man allen Schwierigkeiten zum Trotz ihr anhängen und für sie leiden. Die Situation des jüdischen Menschen ist dadurch zu charakterisieren, daß ihm die Liebesbeziehung zum Boden völlig fehlt. Die palästinensische Jugend ist im Begriff, sich diese Liebesbeziehung zum Boden wieder neu zu erwerben. Es geht hier nicht um ein romantisches „zurück zur Natur", sondern darum, eine Beziehung herzustellen, die den Grundcharakter des Menschen verändert, indem sie aus einem Großstadtmenschen einen Bauern macht. Unsere Zeit, die nach Entbundenheit strebt, die im Interesse der möglichst weitgehenden Durchsetzung des Einzelnen sowohl religiöse als auch soziale Bindungen negiert, ist auch dem realen Verbundenheitsstreben mit der Volksgemeinschaft entgegengesetzt. Nur im Proletariat gewinnt das Verbundenheitsstreben in dem neuen Erlebnis der Masse wieder Gestalt. „Bildungsarbeit in der Jugendbewegung" war der Gegenstand des dritten Referates, das Dr. Prinz hielt. Dr. Prinz begann seine Ausführungen mit einer Kritik des Begriffes der Bildung. Der Referent lehnte den Begriff der heutigen allgemeinen Bildung ab und bezeichnete als gebildet denjenigen Menschen, der seine persönliche Art in irgend einer Form der Kultur darzustellen weiß. Jeder Einzelne trifft eine bestimmte Auswahl aus dem Kulturgut, erst dann, wenn er seine Tätigkeit so gestalten kann, daß sie in dauernder Beziehung zu dem Kulturschaffen bleibt, ist ein Mensch gebildet. Prinz wandte sich dann dem besonderen Problem der jüdischen Bildung zu und wies darauf hin, daß jüdische Bildung in dem vorher geforderten Sinne heute fast gar nicht mehr anzutreffen Ist. Wichtigste Bildungsmittel sind jüdische Geschichte und die Bibel. Keine Gemeinschaft ist zur Darstellung ihres Wesens so sehr auf die Geschichte angewiesen, wie das Judentum. Für keine ist daher Beschäftigung mit der eigenen Geschichte ein so dringendes Bedürfnis, wie für die jüdische Gemeinschaft. Von ebenso großem bildenden Wert ist die Beschäftigung mit der Bibel, und zwar mit der hebräischen Bibel, wofür die Uebersetzungen von Luther und neuerdings von Buber- Rosenzweig einen, wenn auch nicht zureichenden Ersatz, bilden. Die Bibel ist für jedes Lebensalter geeignet. Mit Kindern soll man die Abenteurergeschichten aus der Bibel besprechen und lesen: der starke Simson, der kriegerische Jephta, die Freundschaft zwischen David und Jonatan usw. Für Aeltere ist die Bibel als das „heilige Buch" zu besprechen. Ein besonderer Reiz liegt in der Aufzeigung dieses Heiligen in der Bibel. Wirkliche Bildungsarbeit kann nur von Menschen geleistet werden, die sich durch Arbeit und Studium Kenntnisse erworben haben. Die Versuche, Bildlingsarbeit im eigenen Kreise der Jugendbewegung zu leisten, sind fast durchweg gescheitert. Prinz kam daher zu der bedeutungsvollen Forderung einer Schule der Jugendbewegung. An dieser Schule müssen hauptamtliche Lehrer tätig sein, die der Jugendbewegung jüdische Bildung zu vermitteln haben. Die weiteren 3 Vorträge behandeln die Fragen: „Die gesellschaftliche Funktion der Erziehung und der Jugendbewegung" (Dr. Bernfeld); „Die Aelteren in der Jugendbewegung" (Dr. Ernst Heinrich Seligsohn); „Die soziale Arbeit der Jugendbewegung" (Edith Cohn). AUS DEM LEBEN DER VERBÄNDE Wir bringen nachstehend zum ersten Male kurze Berichte über die Tagungen der uns angeschlossenen Bünde. Wegen der Kürze der Vorbereitungszeit mußten wir uns teilweise von den Bünden an anderer Stelle veröffentlichter Berichte bedienen. Immerhin sollen diese Berichte im wesentlichen den Außenstehenden eine knappe Uebersicht über die wichtigsten Ereignisse in der jüdischen Jugendbewegung geben. FÜHRERKURSUS DES JUNG-JÜDISCHEN WAN D E R B U N D ES Der J.J.W.B, versammelte seine Führer und Führerinnen zur Abhaltung des Führerkurses auf dem Städtischen Jugendland in Zossen. Während der vorherige Führerkursus vorwiegend der Uebermittlung von Wissen diente, war der diesjährige Führerkursus hauptsächlich der Befestigung und Klärung von Anschauungen gewidmet. Das Erfreuliche dabei war, daß man es mit einer neuen Führerschaft zu tun hatte, daß dem Bunde neue Kräfte nachgewachsen waren, die nunmehr für die Bundesarbeit verantwortlich sind. Zwei Reihen von Themengruppen durchzogen die Tagung. Eine pädagogische Gruppe, die durch zwei ausführliche Referate von Dr. Curt Bondy (Hamburg) eingeleitet wurde und eine zionistisch-sozialistische Gruppe, deren Kernreferate Vorträge von Kurt Blumenfeld und Alfred Berger waren. Es wurde zum erstenmal auch der Versuch gemacht, Fragen der Lebenshaltung des Einzelnen im Verhältnis zur sozialistischen Idee systematisch zu durchdringen. Das Hauptgewicht der Auseinandersetzung wurde aber auf die Stellung zum Chaluzproblem gelegt, d. h. auf die Frage: können und sollen wir in der gegenwärtigen schweren wirtschaftlichen Situation Palästinas noch ebenso stark für den Gedanken der Berufsumschichtung und der Ergreifung produktiver Berufe werben wie früher? Die Antwort war eine ] ositive, wenn man sich auch des Umstandes bewußt war, daß in den Zeiten der Krise jede derartige Parole eine nicht so starke Gefolgschaft finden wird, wie in der Zeit der, Aufschwungs. Hervorzuheben ist noch der äußere Rahmen des Führerkurses, der in den schönen Räumen des Jugendlandes in Zossen einen Ort fand, wie er in ähnlicher Weise in der Nähe von Berlin künftighin als eigenes Heim der jüdischen Jugend zur Verfügung stehen sollte. FÜHRERLAGER DES KADIMAH In der Zeit vom 25. Dezember bis 1. Januar fand in Schmiedeberg im Riesengebirge das erste Führerlager des Kadimah statt. An ihm nahmen etwa 60 Führer und Führerinnen des Bundes teil. Im Gegensatz zu früheren Tagungen wurden bundesideologische Fragen nicht besprochen; dagegen standen im Mittelpunkt der geleisteten Arbeit pädagogische Fragen. In dreitägiger intensivster Arbeit im Plenum und in kleineren Kreisen wurde unter Leitung von Dr. Bondy (Hamburg) zu folgenden Fragen Stellung genommen: Grundfragen der Pädagogik und Psychologie, Grenzen der