Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- April 1939
- Date
- 1939-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492429-9991069-9588267--977-9588343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Während Automobile bis jetzt in Rhodesien nicht hergestellt werden, bestehen Autowerkstätten, wo Wagen zusammengesetzt und repariert werden. Die Nachfrage sowohl der Minen als auch der Farmen hat die Blechbearbeitungsindustrie gefördert. Von der Marmeladenbüchse bis zum Benzintank, vom Maschinen-Abdichtblech bis zur Windmühle wird alles im Lande hergestellt. Cakes und Süßwaren werden in nicht geringem Maße erzeugt. Seit mehreren Jahren wird Bier gebraut, das einen Teil der heimischen Nachfrage befriedigt. In jüngster Zeit ist die Fabrikation von Fruchtsäften in Angriff genommen. Die Fabrikation von Desinfektionsmitteln, Insektenstiften u. ä. entwickelt sich zu einem nicht unbedeutenden Produktionszweig. Die Bekleidungsindustrie, die die wachsenden Bedürfnisse der Eingeborenen berücksichtigt, macht Fortschritte und beginnt, die weiße Bevölkerung zu erobern. Das Druckwesen steht auf bedeutender Höhe. Es erscheinen in jeder größeren Stadt größere Tagesblätter. Der Verbrauch von Reklamedrucksachen, Geschäftsbüchern u. ä. ist nicht gering. Buchbindereien sind gut beschäftigt. Die Papier- und Kartonagenindustrie ist in der Entwicklung begriffen. Die Heimindustrien der Eingeborenen erzeugen Matten, Körbe, Fell-, Leder-, Schmuck- und keramische Waren. Die Regierung schützt die einheimischen Industrien. Die Stadtverwaltungen wetteifern in der Herabsetzung der Tarife für Kraft, Licht und Wasser zu industriellen Zwecken. IV. Aussichten für Einwanderer und Lebenshaltungskosten Als Grundlage für die Prüfung der Aussichten der Einwanderer zur wirtschaftlichen Eingliederung mag folgender Satz aus einem Brief der Jüdischen Gemeinde in Salisbury gelten: „In dieser Hinsicht warne ich Sie, nicht etwa Leute vorzuschlagen, die ,alles anpacken'. Hierzulande wird genau unterschieden, welche Arbeit ein Weißer, welche ein Schwarzer macht. ,Allesc kann man hier nicht machen." Im weiteren Verlauf des Briefes wird noch betont, daß die Einwanderer gesund, arbeitsfähig und nicht zu alt sein müssen, und daß sie englisch können müssen. Für die einzelnen Berufe läßt sich etwa folgendes sagen: vor allem haben gut ausgebildete, junge, gesunde Landwirte gute Aussichten, ferner Angehörige von Berufen, die im Bergbau angesetzt werden können, also Ingenieure, Chemiker, Techniker, Mechaniker, Schlosser, einige Gruppen der Bauhandwerker und ähnliches, — jedoch nur wirklich gelernte Kräfte, keine „Alles-Könner". Die Ansprüche, die die Gewerkschaften an die Qualität der Arbeiter stellen, sind hier, wie in allen englischen Ländern, sehr hoch. Die Regierung wünscht auch Industrieunternehmer, die neue Industriezweige begründen können. Die Möglichkeiten für derartige Gründungen sind vorher mit Hilfe des Hilfsvereins bei den in Frage kommenden Stellen in Süd-Rhodesien zu klären. Aerzte, Zahnärzte und Apotheker dürfen ihren Beruf nur ausüben, wenn sie einen englischen Universitätsgrad haben. Für Kaufleute bestehen kaum Aussichten; sie erhalten im allgemeinen auch nicht die Einwanderungsgenehmigung, da die schon dort ansässigen Europäer ihre eigenen Kinder diesen Beruf nicht mehr ergreifen lassen können. Vertreter haben kaum Aussicht, ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Zum Betrieb des Kleinhandels ist viel Geld nötig. Die Möglichkeit, als Hausierer tätig zu sein, ist durch die hohen Lizenzgebühren praktisch ausgeschlossen. Motormechaniker, Elektrotechniker usw. erhalten einen Wochenlohn von £ 6, Zimmerleute, Maurer und Stuckateure £ 9—10. Lehrlinge erhalten £ 5 Monatslohn bis £ 2 Wochenlohn, dem Alter und den Kenntnissen entsprechend. Die genannten Arbeitslöhne sind durch die Gewerkschaften festgesetzt. Verkäufer und Büroangestellte. Gehälter für junge Männer etwa im Alter von 18—23 Jahren betragen durchschnittlich £ 20 pro Monat, für ältere und erfahrenere Kräfte £ 25 bis £ 40 pro Monat; das gilt für die Städte. In den country-stores, die zumeist im Besitz von Juden sind, erhalten Verkäufer und Büroangestellte durchschnittlich £ 12.10.0 bis £ 25, sowie Unterkunft, Verpflegung, Zigaretten und Wäsche. Eisenbahnangestellte werden sehr gut bezahlt. Ein Eisenbahnschaffner bekommt beispielsweise £ 35 Monatslohn, ein Rangierer £ 27 bis 30. Die Lebenshaltungskosten entsprechen ungefähr den englischen. Der Lebensstandard ist hoch. Ein Arbeiter, ein kleiner Ladenverkäufer lebt mit Frau und Kind auskömmlich von £ 25 den Monat. Eine drei- bis vierköpfige bürgerliche Familie braucht £ 35 bis £ 40. Die Mieten sind der teuerste Posten im Budget. Ein Häuschen mit 3—4 Zimmern in den billigeren Stadtvierteln kostet £ 7 bis £ 8 monatlich Miete. Eine Etagenwohnung mit 1—2 Zimmern kostet in einer billigen Gegend £ 8 bis £ 9 im Monat. Eingeborene Hausangestellte sind sehr billig. Hausdiener erhalten 15—35 sh im Monat, Verpflegung und Unterkunft. Der Brot preis ist höher als in Europa. Ein Laib Brot (2 engl. Pfunde) kostet 6 d (1 engl. Pfund 454 Gramm). Fleisch kostet 4 d bis 8 d pro engl. Pfund. Hammelfleisch ist teurer. Zucker ist ziemlich billig, etwa 3 d pro engl. Pfund im Einzelhandel. Mehl kostet zirka 3 d pro Pfund, Milch 3 d pro Pint (1 Pint 0,57 Liter). Kleidung ist teuer, da sie importiert wird. Ein Mann muß mit mindestens £ 15 im Jahr rechnen, um anständig angezogen zu sein, eine Frau mit mindestens £ 20. V. Ein Brief aus Süd-Rhodesien Bulawayo, den 19. Dezember „Die Wohnverhältnisse sind hier so, daß ein großer Teil der Immigranten in Boardinghäusern wohnt, weil das am billigsten ist. Man zahlt für ein Ehepaar für volle Pension ca. 15 £, bei hohen Ansprüchen auch mehr. Das Essen ist nach englischer Art. Ich muß allerdings ehrlich zugeben, daß man, wenn es die pekuniären Verhältnisse gestatten, ein eigenes Heim, wenn auch noch so klein, vorzieht. Man hat dann die Möglichkeit, so zu kochen, wie man es gewöhnt war, denn nicht jedem wird die englische Kost zusagen. Das ist aber, wie gesagt, abhängig von der Geldbörse. Die bisher hier Eingewanderten haben sich Möbel nur in sehr geringem Umfange mitgenommen, denn die Bahnfracht ist teuer und, da man nicht weiß, ob man am Orte Beschäftigung findet oder irgendwo anders hinfahren muß, müßten die Möbel eventl. wieder weiter verfrachtet werden, was wieder mit großen Unkosten verknüpft ist. Vorausschicken möchte ich, daß es ratsam ist, das Gepäck nach Bedra zu schicken, denn der Weg von dort nach Bulawayo ist viel näher als der von Kapstadt. Während eine Fahrt Kapstadt—Bulawayo z. B. 166,6 sh kostet, bezahlt man von Beira bis hierher nur 87 sh. Die Sätze für Frachtstücke sind besonders teuer. Wir zahlten für ca. 14 Ztr. fast 22 £. Andererseits ist es angenehmer, wenn man schon in Kapstadt aussteigen kann und mit der Bahn hierher fährt. Montag und Mittwoch vormittags fährt von Kapstadt ein D-Zug mit allen Bequemlichkeiten ab, der am Mittwoch, resp. Sonnabend gegen 9 Uhr vormittags hier eintrifft. — Wir nahmen an Möbelstücken nur eine Bettstelle mit, zumal uns unser Verwandter darauf aufmerksam gemacht hatte, daß die Fracht teuer sei, und wir auch von ihm abhängig waren. Wenn Sie aber Gelegenheit haben, in Deutschland die Fracht für Möbel und Kisten bis Bulawayo abzuschließen, was aber wohl nicht mehr erlaubt ist, würde ich selbstverständlich Kleinmöbel mitnehmen, denn die Wohnkultur ist mit der von uns gewöhnten bei weitem nicht zu vergleichen und wirklich gute Möbel sind hier teuer. Auch das Geschirr und Porzellan würde ich mitnehmen, sofern Sie eben die Fracht nicht stört. Was Sie hier später nicht brauchen können, ist hier jederzeit gut abzusetzen. Das Klima ist hier subtropisch bis tropisch, augenblicklich ist hier Sommer und sehr heiß. Da sind leichte Sommersachen angebracht, auch für den Herrn nuir leichte Anzüge. Man sieht hier zum großen Teil kombinierte Anzüge. Im sogenannten Winter sollen wärmere Sachen angebracht sein. Manche erzählen, sie hätten sogar ihren Winterüberzieher heraussuchen müssen, weil das Blut sich mit der Zeit verdünnt und man dann gegen die kühle Witterung empfindlicher ist. Augenblicklich aber ist es ganz ordentlich heiß. Ohne Kopfbedeckung kann man jetzt nicht gehen, ein leichter Hut und Sonnenschutzbrille sind deshalb zu empfehlen. Wir haben unsere Kisten bei der Zollnachschau in Bulawayo sämtlich öffnen müssen, und man ging sehr streng vor. Wir zahlten für eine gebrauchte Schreibmaschine 2 £ Zoll. Im allgemeinen werden alle neuen Gegenstände verzollt, aber — wie man es gerade trifft. Mitunter wird auch auf jede Nachschau verzichtet, wie man uns erzählt." 76