Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- April 1939
- Date
- 1939-04-01
- Page
- Seite 68 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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jetziger Chefingenieur seinen Posten aufgeben wird. Die Minenindustrie hier ist erst im Entstehen; die Company, für die ich arbeite, ist eine der größten im Lande. Für Leute, die ihr Fach verstehen, gibt's hier noch viele Möglichkeiten; denn das Land ist erst in der' Entwicklung, Eine Industrie ist vorläufig noch nicht vorhanden; auch für Landwirte ist es ein aussichtsreiches Land. Mit näheren Informationen kann ich Ihnen leider nicht dienen, dazu habe ich keine Gelegenheit. Unsere Mine liegt 65 Meilen von der nächsten Stadt entfernt, das sind 120 km. Ich komme nur sehr selten dahin; die Stadt, Kisii, ist keine Stadt in unserem Sinn, sondern nur der Sitz der Bezirksverwaltung; — eine Postanstalt, ein Hospital und ein Hotel. Die Geschäfte sind alle in Händen von Indern, die die größte Konkurrenz für die Europäer sind. Sie verkaufen alle billiger und machen auch handwerkliche Arbeiten, viel viel billiger, als ein Europäer dazu imstande ist. Nur wer wirklich etwas leisten kann, hat hier Aussichten. Kürzlich schrieb mir W., ich sollte ihm doch Auskunft über verschiedene Fragen geben; ich habe ihm aber den Rat gegeben, nur dann auszuwandern, wenn er seinen Beruf auch völlig ausfüllen kann. Für Dilettanten und Stümper ist kein Platz, und solche Leute bringen nur Mißstimmung unter die Engländer und erschweren dadurch die Auswanderung wirklicher Könner; darum halte ich es für sehr wichtig, eine gründliche Auswahl zu treffen, bevor Sie Leute nach hier senden. Unsere Glaubensgenossen im Lande sind meist Polen; die englischen Juden sind sehr hilfsbereit. Ich habe den Lebenslauf von E. unserem minig captain gezeigt. Der hat mir gesagt: wenn E. imstande ist, mit Preßluftmaschinen selbständig zu arbeiten, wie da sind: Jachhammer, Drifter und Stopper und wenn er mit Sprengstoffen umgehen kann, um Sprengungen vorzunehmen, hat er hier Aussicht; aber da der Minenbetrieb hier anders gehandhabt wird als in Europa, müßte er völlig von vorne anfangen zu lernen. Dafür ist in unserer Mine keine Zeit; denn hier heißt es: Time ist money! Es ist nicht nur damit getan, daß man Englisch lernt, man muß es auch beherrschen. Noch wichtiger ist es, wenn man hier Suaheli sprechen kann, die Sprache der Eingeborenen. Ich habe mich die ersten 3 Monate völlig darauf konzentriert, Suaheli zu lernen und spreche es jetzt schon ziemlich geläufig. Die Arbeit wird hier nur von den Schwarzen gemacht, während die Weißen nur die Anweisungen geben und die Ausführungen überwachen. Ich selbst habe 146 boys zu beaufsichtigen, daß sie die Dieselmaschinen, Pumpen und andere Maschinen bedienen, sämtliche Reparaturen machen, und so weiter. Ich muß natürlich komplizierte Reparaturen selbst machen, da die Eingeborenen dazu nicht imstande sind; auch die 16 Inder, die ich beaufsichtige, müssen nur das machen, was ich ihnen Stich für Stich zeige. Ich bin sehr froh, daß ich mein Fach verstehe und soviel während meiner Seefahrzeit gelernt habe; mein Vorteil war auch der, daß ich schon vorher Englisch beherrschte und mich anpassen kann, sonst wäre ich wohl nicht imstande gewesen, diesen Posten auszufüllen. Daß der General-Manager mit mir und meinen Leistungen zufrieden ist, beweist mir, daß ich schon nach 3 Monaten eine Gehaltsaufbesserung erhalten habe, ohne daß ich darum nachsuchte." Der dritte Brief unterrichtet über die Aussichten für einwandernde Mädchen und Frauen: Kikuyu, den 23. Juni 1938 „Schauen Sie sich bitte die Leute genau an, die Sie nach hier senden. Sie wissen, die Colony hat eine kleine weiße Bevölkerung; Sie werden über die Probleme von Südafrika wohl besser unterrichtet sein als ich selbst. Praktisch veranlagte, disziplinierte Menschen braucht man hier, Leute, die fähig sind, nicht für sich allein, sondern für jeden ihrer Arbeiter zu denken. Von mir selbst kann ich nur Gutes berichten. Ich bin nun 5 Monate auf dieser Farm, 12 Meilen von Nairobi, war in der ganzen Zeit zweimal in der Stadt und bin jedesmal gerne wieder nach Hause gefahren. Ich bekomme aber nun seit einiger Zeit regelmäßig Besuch übers Wochenend. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, daß ich eine so schöne Farm in unmittelbarer Nähe der Stadt leite, gesündeste Lage, 18 holes golf course, selbst ein ganz passabler Mensch bin und nicht zuletzt einen ganz vorzüglichen Koch habe; nun ist mir nicht mehr langweilig an Sonntagen. Vorher kam niemand, a little snobism, never mind. Ich habe deshalb auch die sogenannten Newcomers gebeten, zu kommen, so oft sie können; sie haben es manchmal mehr als notwendig, andere Leute als die der township zu sehen. Nun aber zu Ihrer Hauptfrage. Ich kann die Mädels^ zu Hause nicht verstehen. In jeder Ausgabe des „East African Standard" sind Mädels gesucht, für Büro, fürs Haus, zum Unterricht usw. Ich kenne eine Dame ohne englische oder Suahelikenntnisse, die für sich eine Stellung suchte; sie bekam 20 Anfragen auf ein Inserat. Mit jedem Schiff kommen eine Anzahl Mädels, aber keine jüdischen, die ohne weiteres eine Anstellung haben, viele schon im voraus. Von manchen weiß ich, daß sie sich nach London um Adressen wandten und sich auf diese Weise schon in Europa ohne Unkosten ihre Anstellung verschafften. Ich bin der Meinung, daß für Mädels, die etwas können und sich ihres Wertes bewußt sind, ohne große Schwierigkeiten Stellungen zu beschaffen sind. Die Stellungen sehen natürlich anders aus wie in Europa. Die Aufgabe der Frau hier im Haushalt ist, die Aufsicht zu führen, den Haushalt zu leiten; fast alle Arbeiten, die in Europa durch die Hausfrauen selbst oder durch Hausangestellte ausgeführt werden, sind hier Aufgabe der Boys. Gerade aber die ganz andere Stellung der Frau hier setzt voraus, daß sie ihren Aufgabenkreis verstehen muß, um den Boys bei jeder Gelegenheit zeigen zu können, wie etwas gemacht wird und wie nicht. Aber für tüchtige Mädels wird dies eine Spielerei sein, besonders wenn sie sich etwas in der sehr leicht zu erlernenden Eingeborenensprache auskennen. Natürlich können die Stellungen sehr verschieden sein; man kann es gut antreffen, man kann auch zu weniger sympathischen Leuten kommen, aber das ist auf der ganzen Welt so. Neben freier Station kann ein Mädel im Haushalt mindestens mit £ 5/— im Monat rechnen; in vielen Fällen werden wesentlich höhere Gehälter gezahlt. Und besonders auf den Farmen haben diese Stellungen auch eine ganz andere persönliche und gesellschaftliche Note; die Mädels sind weit mehr Gesellschafterinnen als Hausangestellte. Nicht zuletzt die Heiratsaussichten hier sind natürlich hervorragend, da wir — in dieser Hinsicht leider — Kolonialland sind. Von den Damen, die mit mir nach hier kamen, weiß ich, daß die meisten nach kurzer Zeit sich verheiratet haben. Ich weiß, daß sich mehrere Herren hier bemühen zu heiraten, aber alle Versuche, in der Colony selbst eine Frau zu finden, sind vergebens, mangels Masse. Nach meinen eigenen Erfahrungen haben die Damen zu Hause ganz furchtbare Vorstellungen von diesem schönen Land, seinen Sitten und Gebräuchen und seinen weißen, farbigen und schwarzen Bewohnern. Sagen Sie bitte den Damen, wenn sie nach hier gehen, kommen sie in das Land der besten englischen Siedler, in das Land der Lords. Ich wüßte eigentlich nichts, was tüchtige und zielbewußte Mädels abhalten könnte, nach hier zu gehen. Arbeitsmöglichkeiten sind m. E. mehr als genügend vorhanden, das Klima der highlands ist einwandfrei, und an Unterhaltungen ist soviel geboten, als irgendwo in der Welt, sei es in den Städten mit städtischem Zuschnitt oder auf den Farmen als country-life. Und wenn der Komfort in manchen Fällen nicht ganz auf der Höhe ist, so braucht man darüber auch nicht vor Kummer zu sterben. Es ist überhaupt gut, wenn die Leute, die nach hier gehen, über eine gute Dosis Humor und Lebensfreude verfügen und nicht gleich alles von der tragischen Seite nehmen. Damit kommt man auch am besten über das schwierige Anfangsstadium, das besonders die Männer, die nach hier gehen, erwartet, hinweg." Schließlich aber wollen wir nicht unterlassen, auch eine warnende Stimme zu Gehör kommen zu lassen, — weil der Brief zeigt, wie durch Zuwanderung ungeeigneter Personen die an sich günstigen Chancen der besser qualifizierten Leute verdorben werden können: Kikuyu (Kanya-Colony), den 9. Oktober 1938 „Durch die Einwanderung ohne Ueberlegung hat sich die Lage für die Immigranten sehr verschlechtert, ja ist zum Teil aussichtslos geworden. Während Frauen verhältnismäßig leicht Arbeit finden, ist die Lage eines großen Teiles der Neuankommer trostlos. Es ist nicht einmal mehr einfach, daß sie gegen Bezahlung von £ 4—5 monatlich auf Farmen untergebracht werden können und eine ganze Anzahl Leute sitzt in Nairobi ohne Arbeit und ohne Aussicht auf eine noch so kleine Stellung. Ich sprach einen Mann, der nun seit 14 Monaten im Lande ist und £ 2 monatlich verdient. Ich hörte von anderen Fällen dieser Art. Sicher, die einzelnen Leute mögen manchmal versagen oder nicht in der Lage sein, sich umzustellen und vor allem Sprachen zu lernen, aber im albgemeinen gesehen hat sich eben die Lage durch die große und ungeeignete Einwanderung sehr ungünstig gestaltet. Ich bin mir natürlich genau darüber im klaren, daß es leicht ist, von hier aus zu urteilen, und es mag manchen als ein Mangel an Gemeinsinn erscheinen, aber man muß mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und den Möglichkeiten. Mir selbst war es eine Freude, meinen Gemeinsinn dadurch zu beweisen, daß ich den maßgebenden Herren in Nairobi £ 50 zur Verfügung steUte für die Einwanderung eines Mädels. Für Männer sehe ich zur Zeit absolut keine Möglichkeit." 68