Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- April 1939
- Date
- 1939-04-01
- Page
- Seite 67 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492429-9991069-9588267--968-9588334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
V. Briefe aus Kenya Nachstehend geben wir einen besonders instruktiven Brief eines aus Deutschland stammenden Auswanderers wieder, der sich auf einer Farm in Kenya befindet: Rongai (Kenya-Colony), den 30. Juli 1937 „Ich bin natürlich nur in der Lage, die Dinge von meinem Gesichtsfeld aus zu beurteilen. Ich bin nun genau 4 Monate hier auf dieser Farm und war ein einziges Mal in der 17 Meilen entfernten Kreisstadt Nakuru zu einer Chinininjektion während meiner achttägigen Malaria, die aber Gott sei Dank keine weiteren Folgen zu haben scheint. Sonst gibts die ganze Woche über nichts als Arbeit, und an den Sonntagen zur Abwechslung meistens noch mehr. Von den ca. 16 Sonntagen, die ich nun hier verbracht habe, dürfte ich bestimmt an ca. 12 gearbeitet haben. Mein Einkommen beträgt bisher £ 3 im Monat, es ist mir noch nicht gelungen, dieses zu steigern. Dabei bemerke ich, daß ich z. B. im letzten Monat über 3 Wochen die Farm mit ca. 3500 acres allein führte, d. h. die Zeit, in der mein Chef for wedding and honeymoon (Hochzeit und Flitterwochen) abwesend war. Ich führe dieses Moment quasi als Basis an, daß ich wohl nicht der schlechteste Mann bin, dem man nach 21/2 Monaten einen solchen Betrieb allein überläßt. Dabei ist noch zu bemerken, daß ich natürlich in keinerlei Kranken- oder Krankenhausversicherung bin, d. h. also, daß ich das ganze gesundheitliche Risiko allein zu tragen habe. Sie können daraus wiederum ersehen, daß der Kampf um die Existenz hier, d. h. in den Kolonien, vielleicht noch härter ist als sonstwo. Andererseits bestehen für Monteure, Mechaniker, Drechsler und sonstige Handwerker und für Ingenieure gute Möglichkeiten. Ich lese in der führenden Zeitung, im „East African Standard", Nairobi, advertisements (Anzeigen) von Gold-Minen. Diese suchen Handwerker verschiedener Art zu einem Pfund und mehr täglich. (Zur Zeit ist die Lage des Arbeitsmarktes nicht so günstig — siehe den Brief vom Oktober 1938. — Anm. d. Red.) Nun weiter. Diejenigen Leute, die nach hier kommen und auf eine Farm gehen, sollen alles mitnehmen, was sie haben. Alle alten Hüte, Anzüge, Kleider, Schuhe, Gürtel, Feldflaschen, Fahrtenmesser, Radio - Apparate mit Batterien, Werkzeuge usw. Erwähnenswert ist vielleicht, daß möglichst Philipps-Radioapparate mitgenommen werden. Diese Firma hat ja auch in Deutschland einen Verkaufsapparat oder eine Fabrik, und sie ist nach meiner Erfahrung die einzige Firma, die sowohl in Deutschland wie auch hier auf dem Markt ist. Es ist dies wichtig wegen der Ersatzteilbeschaffung, von anderen deutschen Marken habe ich nichts gesehen oder gehört. An Motorrädern sind in der Hauptsache die großen englischen Marken bekannt, Norton, B. S. A., dann hat aber auch Zündapp eine Vertretung in Nairobi, außerdem sind die Leichtmotorräder wie Wanderer, Fichtel und Sachs nicht unbekannt hier. Der deutsche Diesel-Lastkraftwagen ist gut eingeführt, Mercedes-Benz und NAG-Büssing machen ein großes Geschäft in Diesel-Lastkraftwagen, in Personenkraftwagen ist Opel etwas eingeführt, auch Mercedes ist vertreten, doch machen hauptsächlich die Amerikaner darin das Geschäft. Der meistgekaufte Personen- und Lastkraftwagen dürfte aber wohl Ford sein, aber nur die kräftigen Typen. Die Leute sollen ja genügend Werkzeug mitnehmen, es ist dies wohl mit das wichtigste. Voraussetzung ist für alles natürlich: nur englische Maße. Dabei ist zu betonen, daß hier ein Spezialmarkt ist. Die Handwerker — Fundi genannt — sind zum größten Teil Inder, die eben wieder ihre Typen an Werkzeug haben. Damit sich die Leute das Richtige kaufen, ist es wohl am besten, Sie lassen sich einmal durch Ihre Freunde einen Katalog der beiden maßgebenden Firmen in Kenya schicken. Das ist Gailey and Roberts Ltd., Nairobi, und North and Son Ltd., Nairobi. Beide Firmen haben in allen bedeutenderen Städten, so auch in Nakuru, Niederlassungen. Dabei ist zu bemerken, daß auf die Katalogpreise bei Kassezahlung ein Nachlaß von 20 °/o in Betracht kommt. Die in Deutschland bekannten Hand- und Brustbohrmaschinen werden auch hier gebraucht, ferner sind die zu Hause gangbaren Feilen auch hier eingeführt. Ich betone nochmals, daß jeder, der nach Kenya geht, nicht schlecht fährt, wenn er sich einen zweckmäßigen und guten Werkzeugschrank mitnimmt mit allem, was benötigt wird. Ich bin in unserer Farm schon mehr als hundertmal froh an meinem eigenen Werkzeug gewesen. Auch andere Dinge sind notwendig, so z. B. Taschenlampen mit zwei und drei Batterien, dann vor allem gutes Schuhwerk, Gummischuhe. Ich bin seit vier Monaten nun hier und habe allerhand an Regen erlebt. Einmal in etwa V2 Stunde annähernd 2 inches (= 6 cm) Regen. Die Leute sollen all ihr altes Zeugs mitnehmen, alte Hüte, dicke und dünne Mäntel usw., alte Schuhe, Hemden, Hosen, alles, was sie sich nur denken können, d. h. alles, was sie evtl. zu Hause herumliegen haben. Die Neger lieben europäische Sachen, und man kann immer ein paar Schilling erhalten. Vor allen Dingen liegt aber der Grund darin, daß die hier in den indischen Dukas verkauften Sachen mehr oder weniger schlecht, aber auch sehr billig sind. Ein Hemd, das auf ca. 2 Schilling kommt, hält ungefähr acht Monate. Dann soll jeder möglichst viele kurze Kniehosen — möglichst in Khaki oder feldgrau — mitbringen, man kann nicht genug davon haben. Ich habe leider viel zu wenig, d. h. nur vier weiße, kurze Hosen, die nicht praktisch sind. Die in Deutschland gebrauchten Weißputzeranzüge sind auch hier ohne weiteres zu gebrauchen. Sie haben lange Hosen und sind daher besonders auch als Sonnenschutz sehr praktisch. Der Schutz der Haut, bis sie an die Aequatorsonne gewöhnt ist, ist sehr wichtig. Ich saß vom zweiten Tag an auf dem Traktor und hatte nun immer mit meiner nicht sehr zweckmäßigen Kleidung zu tun, d. h. zu ergänzen, da meine dritte Box noch in Nairobi zwei Monate lag. Kam Regen, so mußte ich schnell sehen, daß ich einen Sack über meinen Tropenhelm stülpte, der sich sonst in nichts aufgelöst hätte; brannte aber wieder für einige Zeit die Sonne, wurde derselbe Sack als Sonnenschutz über die Knie gelegt. Mr. G., der ebenfalls mit mir nach Kenya fuhr, war nicht so vorsichtig; er besuchte mich eines Tages und erzählte mir, daß er schwere Verbrennungen davongetragen habe. Als Kopfbedeckung ist das einzig richtige ein Doppelhut, d. s. zwei Filzhüte übereinandergestülpt. Ich denke, daß diese Hüte wohl in Tropenspezialgeschäften zu haben sind. An Medikamenten ist zu empfehlen — nach meiner bisherigen Erfahrung — Chinin in Pillen und flüssiger Form und Atebrin. (Fabrikat Bayer-Leverkusen-I. G. Farben). Ferner ein Moskitonetz; ich habe Angst vor Malaria, unter dem Netz habe ich meine Ruhe und kann schlafen. Zu bemerken ist, daß alles, was hier gekauft wird, unverhältnismäßig teuer ist; wenn man in eine Apotheke geht, kommt man unter 6 bis 8 sh. kaum heraus. Auch viele andere Dinge sind unverhältnismäßig teuer. So kostet z. B. ein ganz normaler Schnellhefter — nicht etwa ein großer Ordner in der bekannten Leitz-Art — in der Kreisstadt Nakuru 75 cts. Ein Artikel, den man zu Hause um 10 oder 15 Pfg. kauft. Schreibmaschinen sind immer sehr nützlich, mit englischen Zeichen natürlich. Zum Schluß: der Kampf hier ist nicht leicht, einen sozialen Schutz gibt es nicht und jeder wird gezwungen sein, oft zu schweigen, bis er sich einigermaßen emporgearbeitet hat. Schicken Sie ja nur Leute, die anpassungsfähig sind und etwas aushalten können. Ich gebe Ihnen noch ein kleines Bild zur Illustration. Die Arbeit beginnt um 6 Uhr, etwa um 10 Uhr komme ich zum Frühstück, vorher ist nichts, d. h. ist gar keine Zeit für Tee oder sonst etwas, um 2, 3 oder 4 Uhr nachmittags, wie man gerade Zeit hat, ist ein kurzer Lunch und um 8 Uhr abends Dinner. Das ist alles. Von zu Hause sind die meisten eine andere Einteilung gewöhnt." Von einem Einwanderer, der im Bergbau Arbeit gefunden hat, erhielten wir folgende Schilderung seines Lebens: Kis (Kenya-Colooy), den 7. Joü 1938 „Ich bin hier völlig zufrieden; ich verdiene sehr gut, habe sehr nette Kollegen und meine Arbeit macht mir Spaß. Ich habe hier solche Aussichten, mir eine Lebensexistenz zu gründen, wie ich sie dort nie hätte haben können. Ich bin jetzt als zweiter Ingenieur tätig, habe aber die beste Aussicht, in 2—3 Jahren die Stelle eines Chefingenieurs zu bekleiden, da dann unser Beste Existenz ohne Vorkenntnisse billig 20 gründen durch gründliche Erlernung der Gesamtfabrikation kosrnet. Erzeugnisse in kürzester Zeit. Tages-, Abend- und Eilausbildung für jüd. Volontärejiiwien). Auch für Mediziner. Beratender Chemiker BERLIN W 1 5 ADOLF ISRAEL LEWIN, Chemiker Fabrikation ehem.-pharm. Präparate BAYERISCHE STRASSE 28 Gth. r. II * TELEFON: 92 72 70 &• 67