Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- April 1939
- Date
- 1939-04-01
- Page
- Seite 62 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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vorsichtig die Einwanderungsfrage behandelt und zielbewußt die Eigenart des Landes schützen will ... Bei der geringen Einwohnei'zahl würde eine zu starke Einwanderung, so wird befürchtet, hier oder dort eine Aenderung zur Folge haben." Recht instruktiv ist auch der folgende Brief: Dunedin NZ., 27. Mai 38 „Am 15. XI. 37 landeten wir in Auckland. Ich habe beide Inseln vom Norden bis äußersten Süden mir .angesehen' und mich entschlossen, in Dunedin zu setteln, der südlichsten jüdischen Gemeinde der Welt. Auckland, die am meisten wachsende Stadt der Insel (nächster Hafen von Canada und USA.) mit subtropischem Klima, also nicht geeignet für Leute, die mit Lunge und Herz nicht ganz fest sind; Wellington, die Hauptstadt, mit gutem Klima. Auf der südlichen Insel Christchurch die 110 o/o englische Stadt, flach, einige Kilometer vom Meer entfernt. Ihrer Eigenart wegen am wenigsten von Emigranten besiedelt. Dunedin, fast nur von Schotten bewohnt, am rückständigsten und am solidesten. Rheuma bekommt fast jeder, da die Luft auf der schmalen Insel sehr feucht ist. Endemisch ist auch der Kropf, Asthma und die spinale Kinderlähmung soll auch hier immer ihren Zug durch die Welt beginnen. — Das religiöse Leben in den vier Gemeinden ist recht mäßig; außer dem Gottesdienst, hier ist er am Samstag von 10—11 Uhr. Wir kommen alle aus einer Kultuirzentrale, sind alle an Kampf gewöhnt; jetzt die Reaktion: ein friedliches, rulliges Leben mit absolut anständiger Bevölkerung. Um die ,gewohnte' Verpflegung innezuhalten, hat es die Hausfrau nicht leicht, da die Gemüsearten nicht so reichlich und ziemlich teuer sind, das gute, billige Fleisch zu verlockend ist. Dabei wächst hier alles, was man in den Boden steckt. Die Wohnungsnot ist sehr groß, die Löhne sind enorm hoch, Facharbeiter kaum vorhanden (deshalb Schwierigkeiten mit Fabrikation), für Alleinstehende, der Verpflegung wegen, sehr schwierig. Die Menschen unglaublich anständig und hilfsbereit. Trotzdem dauert alles schrecklich lange; man kann leicht den Rest seiner Nerven verlieren, besonders, wenn man finanziell schwach ist. Das Kulturniveau (gute Büchereien und Kinos, Radio) und soziale Leben gleicht sehr der englischen Kleinstadt. Sonst merkt man absolut nicht, daß man am Ende der Welt ist. Kein giftiges Tier, keine Schwarzen auf der Insel. Die paar Maoris gelten in einem Badeplatz nur als Attrappen. Das Bestreben der meisten Eingewanderten ist, 110 o/o Neuseeländer zu sein, deshalb die kleine Abweichung mit den meisten Berichterstattern. Seit einigen Monaten ist die Einwanderung sehr erschwert. Vertreter werden wohl auch späterhin kein Permit bekommen. Für die meisten Branchen wäre es auch zwecklos, denn immer ist zu bedenken, die Aufnahmefähigkeit des Landes, I1/2 Millionen Einwohner, ist zu klein. Ich muß deshalb die traurige Prognose stellen, daß man immer nur Einzelnen wird hier die gastlichen Tore öffnen können." Der folgende Brief stammt von einem 1935 eingewanderten, früher kaufmännisch tätigen Juden aus Deutschland, der sich als Farmer in Neu-Seeland glücklich fühlt. Riverhead b. Auckland, Anfang 1937 „Unsere Beschäftigung ist recht abwechslungsreich. Früh und abends Melken der Kühe. In der Zwischenzeit sind die Zäune der einzelnen Koppeln für die Kühe in Ordnung zu halten. Zweimal im Jahre alle Kuhweiden mit künstlichem Dünger zu bestreuen. Ich habe z. Zt. zirka 50 acres (das sind 80 deutsche Morgen) Grasfläche, und diese mit der Hand zu düngen, erfordert schon eine gute Spanne Zeit, zumal nur mein Sohn und ich zur Verfügung stehen. Fremde Hilfskräfte sind hier sehr teuer und müssen wir uns, bis wir die Farm auf die gewünschte Höhe gebrächt haben, allein behelfen. Weiter muß die Grasfläche jeden Monat geeggt werden, damit der Kuhdung gut verteilt bleibt. Des weiteren gibt es viele kleine Arbeiten, wie Fütterung der Kälber, Schweine und des Geflügels, Beaufsichtigung der Kühe und des Bullen, zur gegebenen Zeit auf das Kalben der Kühe achten, zur rechten Zeit die Kühe auftrocknen usw. Eine weitere sehr wichtige Arbeit besteht darin, die noch vorhandenen 100 Morgen Grasland urbar zu machen. Hier stehen großer, sehr dicht bewachsener buschartiger Gorse (Stechginster) und Brombeeren, deren Ausrodung große Ausdauer und Kraft beansprucht. Ich denke, jedes Jahr nebenbei 20 Morgen freizulegen und dafür 2—3 Koppel in Gras zu legen, so daß ich dann stets 10 neue Kühe anschaffen kann, bis die Höchstzahl von 100 Stück erreicht ist. Dann will ich noch einige hundert Schafe anschaffen, welche das von den Kühen verschmähte Futter verzehren sollen. All diese Arbeit ist recht gesund und kann ich behaupten, daß wir uns jetzt körperlich bedeutend wohler fühlen, als bisher im Geschäftsleben. Wir haben das Farmerleben lieben gelernt und würden wir nicht mehr eine Existenz wie früher haben wollen. Wir sind glücklich, daß wir mit unseren wenigen Tonnen Butter beteiligt sind, den Weltmarkt zu beliefern, und hoffe ich, daß in wenigen Jahren unsere Produktion verdoppelt werden kann. Erwähnen möchte ich noch, daß Auckland eine sehr schöne und große Synagoge hat, mit einem sehr erbaulichen Gottesdienst, der vom Rabbiner Alexander Astor vorzüglich geleitet und ausgebaut ist. Bei unserem ersten Besuch in der Synagoge waren wir zu Tränen gerührt, ob der Liebe und Güte aller Anwesenden, die uns zuteil wurde." Derselbe Einwanderer berichtet auch, daß er in ge- ' sellschaftlicher Hinsicht keinerlei Schwierigkeiten gefunden habe und sowohl mit der Landesbevölkerung wie mit seinen jüdischen Schicksalsgenossen aus Deutschland Verkehr pflege. Diese Leichtigkeit des gesellschaftlichen Anschlusses heben auch andere Einwanderer rühmend hervor. 62