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Jüdische Auswanderung · 1939-04-01 · April 1939 · p. Seite 61

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
April 1939
Date
1939-04-01
Page
Seite 61 (sequence 61)
Language
German
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Die Lebenshaltungskosten müssen in Neu-Seeland als hoch bezeichnet werden, was csich aus den hohen Löhnen, den Steuern und den durch hohe Frachten verteuerten Importwaren erklärt. Obwohl Neu-Seeland wirklich von „Milch und Honig fließt", sind selbst Lebensmittel mit Ausnahme von Fleisch durchaus nicht billig, ja Butter und Käse sind in Neu-Seeland nicht billiger als in London. Die Wohnungen sind in den beiden Hauptstädten Neu-Seelands knapp und teuer, aber das Leben in den kleinen Bungalows oder Eigenheimen ist sehr angenehm, sofern man sich an gewisse Eigenheiten gewöhnt, zum Beispiel an die offenen Kaminfeuer, die fast überall vorherrschen. (Die wenigsten Häuser haben Zentralheizung oder auch nur Oefen, wie wir sie gewöhnt sind.) Man kocht in der Stadt im allgemeinen auf Gasherden, manchmal sind auch elektrische Herde vorhanden. Wegen der schon erwähnten hohen Preise für importierte Industriewaren wird den Einwanderern dringend empfohlen, alle Küchengeräte, Haushaltungsgegenstände usw., sowie Eßgeräte, Trinkgefäße, Wannen usw. mitzubringen. Elektrische Stromverhältnisse: Vorwiegend 230 Volt Wechselstrom und 110 Volt Gleichstrom. Nach Auskunft des obengenannten Deutschen Auslandsinstituts braucht ein lediger junger Mann monatlich £ 10 bis 15 bei bescheidener Lebenshaltung. Für ein möbliertes Zimmer ohne Pension sind £ 2 bis 3, mit Pension £ 6 bis 10 zu zahlen. Eine Familie mit 4 Köpfen soll mit £ 16 bis 25 monatlich auskommen können. Auch diese Angaben werden von Einwanderern ungefähr bestätigt. VII. Briefe aus Neu-Seeland Wir geben zuerst einen Brief wieder, der das Land selbst, die Wohnverhältnisse u. dgl. schildert. D u n e d i n, Anfang 1937 „Fast alle Landschaften Europas finden sich hier auf einem verhältnismäßig kleinen Raum vereint, wenn auch immerhin Neu-Seeland die Größe Englands, Schottlands und eines Teiles von Irland hat: die rauhe Küste von Süd-Wales, die harte Schönheit der norwegischen Fjorde, die milde deutsche Mittelgebirgslandschaft, das ansprechende Vorgebirge Bayerns mit seinen Seen, die grandiose Pracht der Schweizer Alpen', die blauhimmelige Küstenlandschaft Süditaliens, alles das kann man auf einer Reise vom Nordkap, dem nördlichsten Punkt Neu-Seelands, bis Stewart Island, dem südlichsten Punkt des langgestreckten Landes, entdecken. Allerdings ist das- Reisen nicht so bequem wie in Europa. Wohl gibt es Flugzeuge, Bahnen und Autos, aber die Zahl der Flugzeugverbindungen ist noch spärlich, die Bahnen sind kurvenreiche Schmalspurbahnen, die mich an eine Fahrt durch den südslawischen Karst erinnern, und die Autostraßen sind wohl auf den Hauptwegen gut, auf den Nebenstraßen aber noch recht ausbaubedürftig. Die Hotelverhältnisse sind zum großen Teil recht primitiv, nicht nur was das Wohnen, sondern auch was das Essen betrifft. In allem kann man eben immer wieder spüren, daß das Land noch recht jung und in vielen Beziehungen auszubauen ist. Als ich vor nunmehr drei Jahren als einer der ersten jüdischen Einwanderer seit März 1933 hier ankam, fand ich überall eine freundliche Aufnahme und konnte mich in Dunedin rasch eingewöhnen. Durch meine frühere Tätigkeit in meiner Heimatstadt München fand ich rasch den Anschluß an die hiesigen Universitätskreise, mit deren medical school ich noch jetzt verbunden bin. Leicht war mir das Eingewöhnen auch dadurch, daß das Landschaftsbild in und um Dunedin an meine Heimat mich erinnert und die hier lebenden Menschen — meistens Schotten — ein „homely people" (ein schlichtes Volk) sind. Dunedin liegt äußerst hübsch an einer tief ins Land gehenden Meeresbucht und erinnert stark an die Lage von Zürich mit seinen an den Ufern des Zürich-Sees sich hinziehenden Vororten. Allerdings hat Dunedin einen Nachteil gegenüber der Inlandsstadt Zürich: die rauhen Winde, die vom Südpol kommen, dessen Landmasse ja nur durch Wasser von Neu-Seeland getrennt ist, bringen kalte Regenschauer, die zusammen mit der durch das Meer bedingten Luftfeuchtigkeit eine Atmosphäre schaffen, die für rheumatische Erkrankungen günstig ist. Nicht nur hier auf der Südinsel, sondern auf der teilweise subtropischen Nordinsel haben die Leute darunter zu leiden. Die Straßen Dunedins muten europäisch an, es gibt hier Straßenbahnen, Autos, Asphaltstraßen, moderne Läden und Hochhäuser. Die Wohnverhältnisse können nicht einheitlich beurteilt werden. Wer das Glück hat, in einem modernen Eigenheim zu wohnen, findet dort alle Bequemlichkeiten, die er von Europa her gewöhnt ist, schöne, helle Räume, gute Tapeten, elektrischen Kochherd, hübsche Gärten und ähnliches mehr. Aber diese Häuser sind selten, und Bauen kostet hier viel Geld, da die Arbeitslöhne hoch sind und sehr viel Material importiert werden muß. Die älteren Häuser lassen viele Bequemlichkeiten vermissen und geben gar oft den kalten Winden ungehinderten Zutritt durch schlecht schließende Fenster und Türen. Viele Häuser auf der Nordinsel sind aus Holz gebaut, die Erdbebengefahr ist der Grund dafür. Wer in einem boarding-house zu wohnen gezwungen ist, muß erst lernen, dieser Art des Lebens einen Geschmack abzugewinnen. Die besondere Schwierigkeit fast aller Häuser ist das Heizungssystem, das uns von Deutschland Kommenden durch das offene Kaminfeuer so ungewohnt ist. Selten wird dabei das ganze Haus warm, oft empfindet man nur in nächster Nähe des Feuers eine erträgliche Wärme. Und wie nötig wäre oft eine behagliche Wärme, vor allem wenn der „liebe Südwind" bläst!" Ueber sein eigenes Einleben und über berufliche Eingliederungsmöglichkeiten berichtet der Schreiber des folgenden Briefs: A u c k 1 a n d, den 17. XI. 38 „Ich bin erst vor 6 Monaten ausgewandert und habe s. Zt. das Permit durch meinen Schwager, der in der Nähe eine Farm hat, erhalten. Ich habe einen Laden in einer ziemlich lebhaften Straße in Auckland übernommen (Porzellan usw.). Nach verschiedenen Aenderungen hat sich das Geschäft so gut entwickelt, daß es mir schon heute möglich ist, meine Familie zu ernähren. Meine älteste Tochter (15 Jahre) hat eine Freistelle an einer Technical School. Sie lernt dort gut englisch und wird auch für das praktische Leben vorbereitet. Meine zweite Tochter (9 Jahre) besucht zunächst die Volksschule und lernt überraschend schnell. Ich selbst und meine Frau hatten einige englische Vorbildung der englischen Sprache von der Schule, doch war solche absolut ungenügend. Wir haben ein Jahr vor unserer Auswanderung wöchentlich eine Stunde Unterricht genommen. Wenn trotzdem unsere Kenntnisse anfänglich mangelhaft waren, so lernten wir im Lande doch schnell genug, um uns im Geschäft und im täglichen Umgang mit der Bevölkerung behaupten zu können. Ich glaubte Ihnen diese Mitteilung machen zu müssen, da doch gewiß sehr viele Menschen in ähnlicher Lage sind und sich für diese Fragen interessieren. Sie fragen nach der Entwicklung des Landes in den letzten zwei Jahren ... Es ist Ihnen bekannt, daß Neuseeland eine ausgesprochene Arbeiterregierung hat. Diese Regierung ist kürzlich bestätigt worden. Es wird 40 Std. in der Woche gearbeitet. Die Arbeiter verdienen ausnahmslos recht gut. Der durchschnittliche Mindestlohn ist £ 4.10, doch werden für Facharbeiter weit höhere Löhne gezahlt. Wochenlöhne von £ 9 bis 10 erhalten z. B. Zimmerleute usw., auch Hafenarbeiter, die aber streng organisiert sind und nur eine genau registrierte Zahl aufnehmen. Es ist durchaus keine Seltenheit, daß Arbeiter mit eigenem Auto zur Arbeit fahren. Aucklands Bevölkerung wohnt ausnahmslos in kleinen Häusern mit Gärten. Bei einer Einwohnerzahl von 225 000 hat es eine Ausdehnung wie Berlin. So kann man sich erklären, daß bei den weiten Entfernungen ein Auto kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist. Neuseeland hat nach Amerika die größte Anzahl Autos ... Infolge der hohen Mindestlöhne ist es fast unmöglich, eine Industrie zur Blüte zu bringen, die mit Löhnen rechnen muß! Nur ein Land wie Neuseeland kann sich diese Politik erlauben. Die Arbeiter, das heißt alle Arbeitnehmer, genießen den größten Schutz; es ist erklärlich, daß auch die Geschäfte usw. infolge des hohen Standards gut gehen. (Ich habe noch gestern die Bilanz von Woolworth gelesen und hat dieses Unternehmen auch hier bedeutende Summen verdient.) Kaufleute haben keine Aussicht, ein Permit nach Neuseeland zu bekommen. Dagegen würden nach meiner Ansicht Facharbeiter, z. B. Schlosser, Mechaniker, Tischler, Elektriker und Zimmerleute (letztere werden stark gesucht) die Einreise erhalten und auch schnell Arbeit finden. Farmer genießen besonderes Ansehen und würde ein Farmer jeden Tag Beschäftigung finden. Auch die Entlohnung auf den Farmen ist nicht schlecht. Die von Deutschland eingewanderten Juden haben fast ausnahmslos Arbeit und Beschäftigung gefunden. Sie fühlen sich recht wohl in diesem schönen Lande. In Auckland wohnen mehr wie 100 Juden aus Deutschland, doch ist mir die genaue Zahl der im Lande und in anderen Städten wohnenden Juden nicht bekannt. Die Aerzte haben fast ohne Ausnahme guten Erfolg. (Jetzt ist mit weiteren Zulassungen nicht zu rechnen. Anm. d. Schriftleitung.) Doch ist mir bekannt, daß auch die Menschen, die sich geschäftlich betätigen konnten oder Facharbeiter sind oder auch irgendeine Arbeit in einer Fabrik oder Betrieb angenommen haben, sich ernähren und zufrieden sind. Zweifellos könnte das Land noch sehr vielen Menschen Arbeit und Brot geben, doch habe ich den Eindruck, daß man sehr 61

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