Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- April 1939
- Date
- 1939-04-01
- Page
- Seite 60 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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Die neuseeländische Judenheit gehört fast durchweg einer sozial gehobenen Schicht an. Zahlreiche führende Männer des neuseeländischen Dominions stammen aus jüdischen Kreisen. Ungeachtet ihrer hervorragenden Beteiligung am öffentlichen Leben zeigen aber die Juden Neu-Seelands viel Zusammengehörigkeitsgefühl und Interesse an jüdischen Dingen. Eine jüdische Zeitung, die in Wellington erscheint, „The Jewish Times", ist das Sprachrohr der jüdischen Interessen. VI. Aussichten für Einwanderer und Lebenshaltungskosten Die Einwanderungsmöglichkeiten in Neu-Seeland sind in doppelter Weise beschränkt; einmal durch die Politik der Regierung, die schon früher vor allem auf die Hebung und den Schutz des Lebensstandards bedacht war und deshalb jede lohndrückende oder möglicherweise die Arbeitslosigkeit vergrößernde Einwanderung fernzuhalten strebte; diese Tendenz hat sich seit der Herrschaft der Arbeiterregierung noch verschärft, so daß die Behörden nur von Fall zu Fall, wenn überhaupt, Einwanderungserlaubnis erteilen. Sodann aber bildet auch die geringe Bevölkerungszahl von 1V2 Millionen eine Schranke gegen jede größere Einwanderung: der Markt ist klein, dementsprechend sind auch die Absatzmöglichkeiten, und jede Erweiterung des Wirtschaftslebens kann nur vorsichtig und allmählich vorgenommen werden. Wo gerade noch für einen Einwanderer in einem bestimmten Berufe eine gute Chance sein mag, ist schon der zweite zuviel. Gerade bei einer Einwanderung wie der jüdischen, die sich leider zum großen Teil auf bestimmte Berufe konzentriert, muß auf diese Schranke nachdrücklich hingewiesen werden. Diese Kleinheit und Enge der heutigen Verhältnisse in Neu-Seeland — die nicht im Widerspruch zu den großen, aber erst allmählich erschließbaren Möglichkeiten des Landes steht — gebietet vor allem die Beachtung zweier Regeln bei der Einwanderung. Erstens ist jeder Einwanderungsfall nach Neu-Seeland ganz individuell zu behandeln; auch die unten aufgeführten Angaben über die Chancen der einzelnen Berufe sind nur als ungefähre Anhaltspunkte zu verstehen; schon eine Einwanderung von wenigen Menschen kann die Unterkunftsmöglichkeiten in bestimmten Berufen erschöpft haben, so daß für Nachzug kein Platz mehr bleibt. Es liegt deshalb im dringendsten Interesse aller, die sich für eine Auswanderung nach Neu-Seeland interessieren, vorher über den Hilfsverein jeweils die nötigen Erkundigungen einzuziehen. — Zweitens ergibt sich aber aus den genannten Verhältnissen, daß gerade in einem Lande wie Neu-Seeland es auf das Verhalten des einzelnen unendlich viel ankommt. In Neu-Seeland bleibt kein Einwanderer lange unbekannt oder „eine bloße Nummer"; es stellt sich sehr schnell heraus und spricht sich herum, ob er „fair" ist oder nicht; ist er es, so wird er nicht nur von den einheimischen Juden, sondern auch von der christlichen Landesbevölkerung oft in rührender Weise gefördert; ist er es nicht, so kann er der gesamten Sache der jüdischen Einwanderung den schwersten Schaden zufügen. Diese Situation legt natürlich den jüdischen Organisationen, welche die Einwanderung nach Neu-Seeland zu betreuen haben, bestimmte Verpflichtungen auf. — Wenn man endlich noch einen allgemeinen Grundsatz aussprechen kann, so ist es der, daß in diesem Lande, das „britischer als Britannien" sein will, die Beherrschung des Englischen Voraussetzung für jeden beruflichen Erfolg und jeden gesellschaftlichen Anschluß darstellt. Der Einwanderer mache sich klar, daß die Zahl der bisher aus Deutschland eingewanderten Juden kaum 100 betragen dürfte, so daß er hier nicht, wie etwa in Säo Paulo oder Johannesburg, wenigstens in der ersten Zeit, genügend Verkehr mit Schicksalsgenossen findet. Im einzelnen ist über die Berufsaussichten auf Grund des uns vorliegenden Materials folgendes zu sagen: 1. Für Akademiker ergeben sich in Neu-Seeland nur geringe Möglichkeiten. Insbesondere ist die Niederlassung von Aerzten und Zahnärzten jetzt — nachdem einige zugelassen worden sind — an schwere Bedingungen geknüpft; es ist entweder ein anerkanntes britisches Aerztediplom oder ein dreijähriges Nachstudium in Neu- Seeland (Universität Duncclin) oder Australien notwendig. Im übrigen gilt der Stand der Medizin in Neu-Seeland als up to date, und für viele Aerzte dürfte auch — abgesehen von der Frage der Zulassung — rein wirtschaftlich nicht mehr Raum sein. Zahntechniker können ohne weiteres als Angestellte registrierter Dentisten oder als selbständige Leiter von Reparaturanstalten tätig sein. 2. Für industrielle Unternehmer sind zweifellos gswisse Chancen vorhanden, da, wie früher erörtert, die Industrialisierung des Landes im Zuge der Entwicklung liegt. Doch muß auf das genaueste geprüft werden, ob die Enge des Marktes, die Schärfe der Konkurrenz durch eingeführte Produkte, vor allem aber die sehr hohen Löhne, Steuern und Generalunkosten samt der Belastung durch die 40-Stunden-Wöche usw. die Rentabilität des Betriebes nicht allzu sehr in Frage stellen. Endlich ist nicht zu vergessen, daß die Errichtung neuer Betriebe in vielen Branchen von einer Regierungslizenz abhängig ist, die nicht ohne weiteres gewährt wird. Sind all diese Fragen geprüft, so dürfte Kapital für aussichtsreiche neue Gründungen in einem so reichen Land gefunden werden können, vorausgesetzt, daß der Unternehmer wirklich ein erstklassiger Fachmann ist. 3. Kaufleute haben im allgemeinen in Neu-Seeland sehr wenig Chancen; der Verteilungsapparat — Grossist, Importeur, Agent, Reisender, Detaillist, zahlreiche Kaufhäuser und Einheitspreisgeschäfte — ist durchaus genügend organisiert und besetzt. Es muß dringend davor gewarnt werden, als kaufmännischer Angestellter ohne festes Angebot von Freunden oder Verwandten ins Land zu kommen. Daß vollständige Beherrschung des Englischen und Branchekenntnisse unumgängliche Voraussetzungen jeder AnsteEungsmöglich'reit sind, braucht nicht besonders betont zu werden; für „all-round"- Kaufleute dürfte überhaupt kein Platz sein. 4. Landwirte haben im allgemeinen verhältnismäßig günstige Chancen, und zwar gilt dies sowohl für selbständige Landwirte mit etwas Kapital, wie für landwirtschaftliche Arbeitskräfte. Doch ist bei den ersteren sehr auf das früher über die Ueberwertung der Güter Gesagte zu achten; es liegt auf der Hand, daß überbezahlte Güter nachher nicht rentabel sein können. Im übrigen erfordert selbstverständlich die Umstellung von einem landwirtschaftlichen Betriebe in Europa auf die sehr anders gearteten Verhältnisse in Neu-Seeland ein erhebliches Anpassungsvermögen. Was die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte angeht, so sind besonders geübte Melker sehr gesucht; der Wochenlohn beträgt für solche 3 bis 6 £. Infolge des oben erwähnten Zuges zur Stadt in Neu-Seeland herrscht überhaupt ein Mangel an landwirtschaftlichen Kräften aller Art. Auch weibliche Hilfskräfte für Farmen sind begehrt. 5. Ausgesprochen gute Aussichten haben weibliche Hausangestellte und Kellnerinnen, an denen ständiger Bedarf vorliegt; die Entlohnung beträgt etwa 1 £ die Woche bei freier Station. 6. Relativ günstig sind auch die Aussichten für die meisten Arten von gelernten Handwerkern und Facharbeitern; besonders günstig liegen die Verhältnisse für Schlosser, Elektriker, Mechaniker, Bauhandwerker, Schreiner, Maurer, aber auch Fleischer usw. Doch ist nicht zu vergessen, daß auch hier jedesmal vorherige Anfrage geboten ist. Nach Angaben des Deutschen Auslands-Instituts in Stuttgart betragen die Arbeiterlöhne etwa £ 15 bis 20 im Monat; Handwerker verdienen durchschnittlich £ 20 bis 30 monatlich. Die Gehälter von kaufmännischen Angestellten schwanken zwischen £ 20 und 30. In diesen Rahmen Liegen auch die von Einwanderern berichteten Löhne. Im allgemeinen ist Neu-Seeland nur geeignet für Menschen mit naturnaher bescheidener Lebenseinstellung, nicht für überfeinerte Großstadtmenschen mit hohen Ansprüchen. 60