Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- April 1939
- Date
- 1939-04-01
- Page
- Seite 46 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine wertvolle Ergänzung der Ausführungen in den ersten beiden Briefen gibt der Verfasser folgender Zeilen: Kilda, den i. 9. 1938 „Um Auswanderer vor Schaden zu bewahren, ist m. E. notwendig, nur in ihrem Fach gut ausgebildete Handwerker zur Auswanderung zu bringen. Erste Voraussetzung ist die Kenntnis der Sprache. Ein erheblicher Teil der Auswanderer muß sich mit geringem Verdienst zufrieden geben. Sie haben es nicht leicht. Der hiesige Hilfsverein hatte mit einigen Leuten viel Mühe, weil sie vorgaben, eine bestimmte Arbeit leisten zu können, aber an vielen Arbeitsstellen nur Stunden arbeiteten, da sie eben nicht in der Lage waren, die Arbeit zu leisten. Sie erhielten Spezialunterricht in dem Fach. Die Kosten für Schule und Leben verauslagte zwar der Hilfsverein, sind aber zimickzuzahlen. Diese Leute starten ihr neues Leben mit einer großen Summe von Schulden. Ich kenne Auswanderer, welche etwa 1 Jahr hier sind, die Sprache schlecht beherrschen und keine Arbeit haben. — Die Verdienstspanne zwischen Handwerker, Vorarbeiter und leitendem Ingenieur ist nicht sehr groß. Von einem Vorgesetzten wird ein erhebliches Maß von Schulbildung verlangt. Ein mir bekannter Architekt verdient nur 3 £ pro Woche, jedoch lernt er fleißig und kann dadurch in etwa 2 Jahren zu einem besser bezahlten Posten kommen. Für Buchhalter ist die Lage ziemlich trostlos. Selbst bei Beherrschung der Sprache sind sie vielfach Gelegenheitsarbeiter, z. B. Nachtwächter, für einige Nachtstunden bei einem Verdienst von pro Woche 2 £. Die Australier sind sehr freundlich und entgegenkommend, im allgemeinen zu konservativ, um sich an die Landfremden anzuschließen. Hier kann nur die Zeit helfen; wir sind noch zu weit entfernt von den Sitten. Die Kinder haben keine Hemmungen, schließen schnell Freundschaften und fühlen sich im allgemeinen sehr wohl." Daß man außerhalb der großen Städte ebenso gut, vielleicht sogar leichter leben kann, bestätigt der folgende Brief r Bacchus Marsh (Victoria), den 24. 7. 33 „Ich bin am 12. November 1937 hier in Melbourne angekommen. Unglücklicherweise kam ich in einer schlechten Saison an, so daß ich nicht sofort Arbeit fand. Nach 14 Tagen fand ich Arbeit als Mechaniker. Nach 3 Tagen flog ich hinaus, da ich mich nicht verständigen konnte. Das soll die Warnung für Nachkommende sein, nicht ohne genügende Sprachkenntnisse loszufahren. Nach weiteren 14 Tagen fand ich wieder Arbeit, und wurde eine Woche vor Weihnachten entlassen mit 27 anderen, da die Firma sonst verpflichtet ist, die Weihnachtsfeiertage mit zu bezahlen. Das war Pech! Zwischen Weihnachten und Neujahr fand ich dann Arbeit für 4 Monate; Entlassung: Arbeitsmangel! Nach weiteren 3 Stellungen für kurze Zeit als Aushilfe, hatte ich dann die Nase voll von Melbourne und ging aufs Land, wo die Arbeitsbedingungen etwas besser sind, und wo ich bis heute bin. Australien gefällt mir heute großartig, heute, wo ich die Sprache spreche und mich erst dadurch richtig eingelebt habe. Das Land (nicht die Städte!) ist fähig, Menschen aufzunehmen, die allerdings erstklassige Fachleute sein müssen. Es wird hier wahnsinnig schnell gearbeitet, das richtige amerikanische Tempo! Wer mit dem Tempo nicht mitkommt, und das sind wir alle von Europa, fliegt unbarmherzig raus. Das sind eine unserer größten Schwierigkeiten, die wir hier haben. Eine andere Schwierigkeit: selbst wenn wir schon englisch sprechen können, so wissen wir nicht die Fachausdrücke für Werkzeuge und Autoteile. Die Lebensbedingungen sind nicht sehr schwer, obwohl man vieles zu Hause lassen muß. An die englische Küche wird sich erst jeder gewöhnen müssen. Schriftmaler (Signwriter) werden täglich in der Zeitung gesucht. Köche, die die australische Kochkunst kennen, haben große Chancen. Die Konfektion ist überfüllt, und ich würde keinem raten, als Konfektionär herüber zu kommen. Auch Verkäufer jeder Branche sind in Massen da. Schofföre sind aussichtslos, da jeder hier seinen Wagen selbst fährt. Keine Chancen haben Sprachlehrer. Große Chancen haben Sportlehrer, die eine Gymnastikschule eröffnen." Zum Abschluß bringen wir den Brief einer Hauslehrerin, die die australische Landschaft und ländliches Leben dort sehr interessant und lebendig schildert: Braehour, den 20. August 1938 „Ich hatte mich entschlossen, eine Stellung als governess auf dem Lande anzunehmen, mit 2 £ Wochenlohn, während ich in Melbourne nur 25/— hatte. Und da bin ich nun 300 Meilen von Melbourne entfernt, auf halbem Wege nach Sydney, eine halbe Autostunde von der nächsten Stadt entfernt, mitten im Busch auf einer ,station' (einer Schaffarm), und meine Tätigkeit besteht darin, für 2 Kinder zu sorgen und deutsch zu sprechen. Die Kinder haben bei mir deutsche Stunden, ihren englischen Unterricht bei ihrer Mutter nach Lehrbriefen, die 14tägig von der State Correspondence School geschickt werden. Die Arbeiten werden dorthin geschickt, um korrigiert und zensiert zu werden. Schön ist's hier draußen. Weite Wiesen, hohe Eukalyptusbäume im grünen Laub, dazwischen immer wieder die für die australische Landschaft so charakteristisch kahlen Stämme der ,geringbarkten' Bäume — Bäume, die durch einen ringförmigen Einschnitt zum Absterben gebracht und später gefällt oder verbrannt werden, um Weideland zu schaffen für die Schafe, den Reichtum des Landes. Im Hintergrund baumbestandene Berge, felsige Hügel und durch die Landschaft windet sich der Murrumbidgee. Da das Haus fast direkt am Fluß liegt, gibt es Wasser in Fülle. Das Trinkwasser nehmen wir aus einem großen, am Haus gelegenen Tank, der das über das Dach abfließende Regenwasser sammelt. In den letzten anderthalb Jahren hatte es in dieser Gegend kaum geregnet, zu wenig, um das Gras wirklich grün zu machen. Und erst in den letzten Wochen haben Regen mit größeren Niederschlagsmengen eingesetzt. Ich habe mir erzählen lassen, daß man in Sydney nur erlaubte, Schauer an Stelle des Bades zu nehmen, und verbot, die Gärten zu sprengen. In den Orten, die nicht an einem Fluß liegen, werden dann in den heißen Sommertagen, wenn das Regenwasser im Tank versiegt ist, tiefe Löcher in den Boden gegraben und das tiefe Grundwasser wird irgendwie vom Schlamm gereinigt, gekocht und getrunken. Es soll Striche in Nordaustralien geben, in Queensland und der Nordterritorium, wo es seit Jahren überhaupt nicht geregnet hat, wo die jüngeren Kinder nicht wissen, was Regen ist. Nichts davon hier in Braehour. Es ist eine komfortable ,station' mit Bad, Warmwasser, Telephon und elektrischem Licht. Ein flaches langgestrecktes Holzhaus, wellblechgedeckt (in den Doppelwänden und im Dach rascheln freilich die Ratten und Mäuse, oder sind's wirklich nur die Opossums?) — trotz allem Komfort von einer langen Veranda umzogen, mit einem fliegendrahtversehenen sleepout (manche Australier schlafen selbst im Winter, sicher aber im Sommer im Freien), von einem großen Garten umgeben, der sich bis zum Fluß herunterzieht, und dann meilen- und meilenweit der Besitz, Weideland für die 5000 Schafe. Die kleinen Iläuserchen der Arbeiter haben freilich weniger Bequemlichkeit, kleine Wellblechhäuschen — ohne elektrisches Licht. Wir fahren oft im Wagen nach Wagga, der nächsten Stadt, mit seinen 12 000 Einwohnern von beträchtlicher Ausdehnung wieder wegen der flachen kleinen Häuser und der vielen Gärten — mit großen Geschäften und einer beträchtlichen Anzahl Kinos (Kino, Pferderennen und Kricket sind die hauptsächlichsten Interessen der Australier), Treffpunkt der Farmer und besonders einmal in der Woche, wenn die Sheepsales sind, buntbelebt. Dort werden dann alle notwendigen Einkäufe gemacht und die Post abgeholt. Denn nur dreimal in der Woche kommt der Postbote, freilich nicht ins Haus. Er legt die Briefe in die ,mailbox', eine am Wege aufgestellte alte Holzkiste, 3 Meilen immerhin entfernt vom Haus. Ja wenn man nicht das Auto hätte. Selbst George, — einer der Arbeiter, der die Kühe und den Geflügelhof besorgt —, hat seinen Wagen, mit dem er zur Stadt fährt. Sonst tut's a*ich ein Motorrad, sehr schlecht schon ein Rad, und hat man auch das nicht, so muß man reiten, und ich sehe oft Kinder, die zur nächsten Schule reiten." 46