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Jüdische Auswanderung · 1939-04-01 · April 1939 · p. Seite 45

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
April 1939
Date
1939-04-01
Page
Seite 45 (sequence 45)
Language
German
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(im Augenblick keine mehr da) 3—4 Pfd. 1 sh. Erdbeeren gibt es nur sehr wenig, dafür aber viele andere Früchte, z. T. unbekannt in Europa. Gemüse gibt es hier sehr wenig, Erbsen und Bohnen 2—3 Pfd. 1 sh, Kohl 4—5 d pro Kopf, Salat 2—4 d pro Kopf, Tomaten 2i/2—6 Pfd. 1 sh, Kartoffeln 12 bis 18 Pfd. 1 sh, Eier Dutzend 1 sh 3 bis 1 sh 8, Butter 1/8 per Pfund, Margarine 1/2—1/4 per Pfd., Milch 3—4 d per pint (d. i. ca. 1/2 Liter). Mehl 5—6 Pfd. 1 sh, Zucker 3 Pfd. 1 sh. Alle anderen Sachen als Lebensmittel sind verhältnismäßig viel teurer. Schließlich muß man noch das Fahrgeld berücksichtigen, denn nur sehr wenig Leute brauchen kein Fahrgeld aufzuwenden. Ich brauche z. B. täglich 1 sh, habe jeden Tag ca. 8/4 bis 1 Std. mit der Straßenbahn zu fahren; aber auch Leute, die wesentlich näher wohnen, haben nicht viel weniger. Um nochmals zusammenzufassen: für Miete 30—35 sh, Lebensunterhalt für 2 Personen 25—30 sh, Nebenauslagen ca. 10 sh. Man kann also schon bei einer kleinen Wohnungsmiete mit 65—70 sh auskommen, jedoch braucht man vielfach 4 £, kann aber davon wesentlich besser leben als in Deutschland mit dem äquivalenten Betrag. Die Arbeitsmarktlage, soweit ich sie beurteilen kann: Man hat hier nicht auf uns gewartet; es ist zwar stellenweise ein Mangel an Fachkräften vorhanden, jedoch wird im allgemeinen von Facharbeitern hier mehr verlangt als in Deutschland. Ein sehr wichtiger Faktor ist das Arbeitstempo; man braucht sehr viel amerikanische Methoden, Fließarbeit, amerikanische Maschinen. Die meisten Einwanderer können auf ihren ersten Stellungen nicht länger als 8—14 Tage arbeiten, da sie das Tempo einfach nicht mithalten; erst nach längerer Uebung kommen die meisten mit und auch nur dann, wenn es wirklich sehr gute Fachleute sind. Mit Umschichtlern hat man hier sehr schlechte Erfahrungen gemacht; diese haben zum großen Teil vollkommen versagt, aber auch Leute, die in Deutschland lange selbständig waren, können hier nicht richtig mit. Zu verstehen ist das, wenn man bedenkt, daß Lehrlinge hier 4 bis 5 Jahre lernen müssen. Jüngere Leute mit sehr guten Fachkenntnissen und einigen Spezialkenntnissen können aber noch ziemlich gut unterkommen. Nur wenige bekommen in den ersten Tagen gleich Arbeit; die meisten müssen 4—6 Wochen warten, um dann in der ersten Stellung nur kurz zu bleiben. Schlecht sind die Aussichten für Maurer, Anstreicher und Tapezierer; diese finden nur tageweise Arbeit. Angestrichen wird laier fast gar nichts. Gut sind die Aussichten für Schlosser, Mechaniker, Elektriker. Radio-, Eisschrankfachleute u. dgl. sind sehr gesucht, auch alle Arten von Ingenieuren. Tischler und Schreiner sind ganz gut; ebenso Bäcker und Konditoren, sowie Pralinenmacher; überhaupt alles, was mit Süßigkeiten zusammenhängt, da hier ein enormer Konsum ist. Von diesen guten Berufen sind natürlich die meisten schon vertreten, so daß es von Tag zu Tag schwerer wird. Leute aus der Schwerindustrie sind sehr gesucht und verdienen glänzend, wenngleich die Lebensbedingungen da sehr schwer sind. Nun etwas über die Löhne: die niedrigsten Löhne sind in der Textilindustrie; jedoch verdienen wirklich perfekte Weber und Wirker, die auch eine Ahnung von den Maschinen haben müssen, 5—6 £ in der Woche. Ebenso sind die Löhne für Schlosser, Schreiner, Mechaniker meistens zwischen 5 und 6 £ wöchentlich. Landwirte und landwirtschaftliche Arbeiter sind natürlich immer gesucht und können ganz gut verdienen. Ebenso ist Hauspersonal aller Art sehr gesucht und verdient zum Teil 2 £ wöchentlich bei freier Verpflegung. Dabei sind die Arbeitsbedingungen hier sehr gut. Die Arbeitswoche umfaßt 44 Stunden, in vielen Betrieben wird von 8 bis 17 Uhr gearbeitet mit 1/2 Stunde Lunchpause, andere Betriebe arbeiten kürzer, dafür aber Samstags bis 12 Uhr. In den meisten Zweigen gibt es eine Union, d. i. eine Art Gewerkschaft, die mit der Regierung zusammen die Löhne und Arbeitsbedingungen festlegt, die aber auch keinen Streik scheuen, um eine Forderung durchzusetzen. Wohl die meisten Arbeiter gehören dieser Union an. Für Kaufleute ist es natürlich nicht besonders; die meisten hier kaufen nach einiger Zeit ein kleines Geschäft, oft Delikatessen oder Lebensmittel (aber kein Obst u. dgl., das ist in Händen der Italiener und Griechen). Man kann auch schon ganz hübsche Geschäfte für 200 £ kaufen, muß jedoch auch noch etwas Betriebskapital haben, wenigstens 50 £. Andere wieder, aber nur solche, die Geld haben, nehmen Vertretungen; d. h. sie kaufen im Ausland auf eigene Rechnung und verkaufen dann hier. Bei genügend Kapital ist das ein ganz gutes Geschäft. Für Provisionsvertreter ist es hier enorm schwer. Aerzte müssen ihr Examen hier machen. Akademiker, vielleicht mit Ausnahme von Architekten, können hier absolut nichts anfangen." Das folgende Sehreiben behandelt vor allem die beruflichen Aussichten von Kaufleuten und Angehörigen ähnlicher Berufe: Sydney, den 9. 10. 1938 „Allgemein möchte ich folgendes bemerken: Die Situation zur Zeit unserer Einwanderung war erheblich günstiger. Im Zusammenhang mit der allgemeinen Weltlage ist eine Depression zu spüren, die alle Berufe trifft. Die Einwanderung gleichgelagerter Berufsschichten aus Deutschland und Oesterreich erschwert den Aufbau einer Existenz für jeden einzelnen. Das bedeutet: für die bereits Eingewanderten verschlechtern sich die Aussichten; für die Neuangekommenen sind noch viel weniger Chancen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus ist es auch zu verstehen, wieso nur so wenige Landing-Permits bewilligt werden. Australien braucht auf der einen Seite Bevölkerungszuwachs. Auf der anderen Seite kann das Land gerade die Berufsklassen, aus denen sich die deutsche und österreichische Emigration zusammensetzt, nicht mehr aufnehmen. Abgesehen davon kann Australien gar nicht eine solche Menge Menschen auf einmal absorbieren, wie zur Zeit Gesuche in Canberra einlaufen. Zum kaufmännischen Beruf speziell möchte ich noch bemerken, daß selbst für junge Leute Anstellungsmöglichkeiten so gut wie ausgeschlossen sind. Man arbeitet hier mit cheap labour, d. h. man beschäftigt billige, junge Kräfte zwischen 14 und 18 Jahren. So merkwürdig es klingt, finden sogar Australier oft schon keine Stellung mehr, sobald sie älter als 18 Jahre sind. Viele Tätigkeiten, die in Deutschland nur von Männern ausgeübt werden, wie Buchhalterei, Sekretärposten usw. werden zudem nur von jungen Mädels ausgeübt. Es ist ein ganz besonderer Glückzufall, daß ich in meinem Alter eine Anstellung gefunden und bis heute gehalten habe. Für mein Gehalt könnten 21/2 Leute in meinem und anderen Posten beschäftigt werden. Für Kaufleute in meinem und höherem Alter, aber auch in jüngeren Jahren, liegt daher die Chance für ein Vorwärtskommen nur in Selbständigkeit. Detailhandel und „Wholesale" ist ziemlich übersetzt.; es werden kaum irgendwelche Lücken noch zum Ausfüllen vorhanden sein. Das gilt für die großen Städte. In den kleinen Städten schaltet Großhandel aus; Einzelhandel soll dort nicht aussichtslos sein. Aber die Kettenläden (Selfridges, Woolworth usw.) beobachten alle kleinen Plätze, und wo auch nur die kleinste Entwicklungsmöglichkeit ist, wird eine neue Filiale von ihnen errichtet, wozu sich dann von der Konkurrenz ein gleicher Laden gesellt. Damit schrumpfen die Aussichten für ein kleines Einzelhandelsgeschäft wieder zusammen. Bleibt nur die Fabrikation. Auch hier ist es schwer, den richtigen Artikel zu finden. Bis jetzt habe ich noch nicht etwas genügend Aussichtsvolles für mich entdecken können. Herstellung von Damenkonfektion, wie ich es vor 6 Monaten plante, war damals bestimmt aussichtsvoll; nachdem aber in der Zwischenzeit immer mehr solche Unternehmungen durch Einwanderer in Schwung gekommen und die Preise sehr gedrückt sind, würde ich heute davon Abstand nehmen. Das klingt nun alles ziemlich pessimistisch. Wie muß es erst in anderen Ländern sein, wenn man immer wieder von Leuten, die viel in der Welt herumkommen, hören muß, daß die Verhältnisse hier immer noch besser als anderswo seien. Sehr erstaunt bin ich, daß meine akademische Bildung, die sich in meinem Doktortitel dokumentiert und die ich längst zum Alteisen werfen wollte, mir hier außerordentlich zustatten kommt. Ich muß jedenfalls die Beobachtung machen, daß gute bürgerliche australische Kreise Wert darauf legen, mit uns Verkehr zu pflegen (kaum ein Drittel davon sind Juden). Wir können uns kaum der Einladungen zu Lunch, Dinner oder Autopartien erwehren, und alle Leute sind ganz besonders nett zu uns. Das erleichtert uns das Einleben natürlich außerordentlich, kostet uns aber auf der anderen Seite unsere gesamte Freizeit und manche Repräsentationsspesen. Aber wir hoffen, uns dadurch nicht nur Freunde, sondern auch gute Beziehungen für die Zukunft zu schaffen." WILHELM GRASSOW ^ift-ßefördernng l-REINICKEN •MAR.KSTR: 49091?

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