Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- April 1939
- Date
- 1939-04-01
- Page
- Seite 44 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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Als verhältnismäßig günstig kann ferner die Lage auf dem Arbeitsmarkt für weibliche Kräfte gelten, und zwar für sehr verschiedene Zweige. Wie schon früher erwähnt wurde, besteht in Australien ein ausgesprochener Mangel an Hauspersonal, d. h. an Dienstboten, aber auch an Kindermädchen und wohl auch an Haushälterinnen, welche selbst Hand anlegen. Köchinnen, die zugleich als „Alleinmädchen" arbeiten, dürften die besten Möglichkeiten haben unterzukommen. Das Gehalt beläuft sich auf 30 bis 40 sh je Woche bei freier Station. Doch ist darauf' hinzuweisen, daß ein erheblicher Teil der in Frage kommenden Stellen auf dem Lande ist, so daß in erster Reihe solche Personen Aussicht auf Berücksichtigung haben, die bereit sind, aufs Land, und unter Umständen sogar sehr weit hinaus aufs Land, zu gehen. An städtischen Arbeitsmöglichkeiten für weibliche Kräfte sind vor allem auch noch die Stellungen für Stenotypistinnen zu erwähnen; Sekretärinnen mit guten fremdsprachlichen Kenntnissen und tadelloser Beherrschung der englischen Stenographie haben zeitweilig günstige Aussichten gehabt. Gelegentlich finden sich Stellungen für Facharbeit erinnen, z. B. gelernte Weberinnen und Maschinennäherinnen. Auch handwerkliche Ausbildung — Schneiderinnen, Putzmacherinnen u. dgl. — gibt bei gründlichem Können und Geschmack Chancen zur Einordnung. Bei der Betrachtung der Aussichten der verschiedenen Berufe darf nicht außer acht gelassen werden, daß Australien im Grunde ein hauptsächlich von der Urproduktion lebendes Land ist, und daß an sich auch die größten Arbeitsmöglichkeiten noch hier liegen. Für geübte landwirtschaftliche Arbeitskräfte ist Platz vorhanden; doch sollte sich hier jeder Bewerber darüber klar sein, daß die Landwirtschaft in Australien anders betrieben wird als in Europa, und daß selbst für die Arbeit auf den Farmen des Ostens und Südostens — geschweige denn auf den Viehstationen von Queensland oder Westaustralien — eine sehr weitgehende Umstellung und ein Verzicht auf mancherlei Annehmlichkeiten notwendige Voraussetzung ist. Robuste Gesundheit und ausreichende landwirtschaftliche Praxis sind unbedingt notwendig für derartige Einwanderer; für Umschichtler dürfte kein Platz sein. Für selbständige Landwirte sind an sich zweifellos Möglichkeiten gegeben, und die australische Regierung sucht mehr als jeden andern Typus von Einwanderern gerade Farmer mit etwas Kapital. Doch wäre es ganz falsch, sich deshalb Illusionen über die realen Möglichkeiten für jüdische Einwanderer zu machen; denn die Betätigung in der australischen Landwirtschaft setzt im allgemeinen ein recht erhebliches Kapital voräus. Es ist denkbar, daß Einwanderer, die etwa 700 bis 1000 Pfund nach Australien bringen können und geübte Landwirte sind, sich eine Farm, etwa in der Nähe von Sydney, kaufen können, um dort Gemüsebau, Blumenzucht, Obstbau und Geflügelzucht zu treiben. Nach Ansicht des australischen Komitees wäre die Möglichkeit gegeben, sich bei harter Arbeit auf diese Weise eine gute Existenz aufzubauen. Doch muß es sich um geübte und doch umstellungswillige Landwirte handeln. Mit weniger Kapital als 700 Pfund dürfte eine selbständige Betätigung in der australischen Landwirtschaft aussichtslos sein; bei den großen Viehstationen, etwa in West-Australien oder Queensland, müßte das Kapital sehr viel höher sein; auch sind dort die Existenzbedingungen unerhört hart. Alis all diesen Gründen dürfte für unsere Auswanderer vorwiegend die der europäischen ähnelnde Landwirtschaft auf den Farmen des Südostens in Frage kommen. Wie weit der tropische Nordwesten (Kimberley- Distrikt), der als Ansiedlungsgebiet für die Juden zur Zeit empfohlen wird, wirklich Möglichkeiten bietet, bedarf noch gründlicher fachmännischer Klärung. VIII. Briefe aus Australien Als ersten geben wir einen Brief wieder, der sich ganz besonders ausführlich mit den Lebenshaltungskosten und den Arbeitsbedingungen befaßt: Sydney, den 13. 2. 1938 „Wie schon erwähnt, wurden wir bei einer jüdischen Familie in Bondi untergebracht. Am Tage nach unserer Ankunft bekamen wir Nachricht, daß unsere Möbel angekommen seien. Jetzt gab es für uns natürlich nur eins, daß wir uns so schnell wie möglich eine leere Wohnung suchten und uns wieder einrichteten. Die beiden anderen Familien, die mit uns kamen, haben sich ebenfalls schon nach einigen Tagen leere' Wohnungen gesucht, obwohl sie nur sehr wenig Möbel hatten, haben jedoch dann Geld vom Comite bekommen, um sich Möbel anzuschaffen. Die Wohnungssuche war allerdings um diese Zeit nicht sehr einfach, denn man kennt Etagenwotmumgen hier erst seit 5—6 Jahren, es sind also noch nicht allzu viele da; und es ist im Sommer sehr schwer, in einem Vorort etwas zu finden, was nicht zu teuer ist. Ein kleiner Bungalow (Häuschen) ist zwar auch nicht teurer, jedoch macht er viel mehr Arbeit, und ein Fiat (Etagenwohnung) ist auch angenehmer. In der Stadt kann man nicht wohnen, da es zu heiß ist. So haben wir es in verschiedenen Vororten versucht, konnten jedoch in der Nähe der Fabriken nichts finden, ganz abgesehen davon, daß dort eine ganz unerträgliche Luft ist. So sind wir schließlich hier in North-Bondi gelandet, wo wir in ein halbfertiges Haus einzogen. Wir sind heute so froh, daß wir unsere Möbel trotz aller Schwierigkeiten mitgebracht haben. Alle Leute beneiden uns, daß wir uns nicht haben überreden lassen; es war wirklich richtig so, wie wir es gemacht haben. Bitte, raten sie allen Leuten, die hierher kommen wollen, daß sie ihre Möbel, soweit es nicht zu große Stücke sind, oder zu alt sind, mitbringen. Hier Möbel zu kaufen, hat verschiedene Schwierigkeiten: 1. hat man in den ersten Monaten kein Geld dazu, 2. sind die Möbel hier ganz anders gebaut als in Deutschland und 3. sind sie' sehr schlecht gearbeitet1). Nur in ganz seltenen Fällen bekommen die Leute Geld vom Comite, um Möbel zu kaufen und dann muß man immer noch berücksichtigen, daß man jeden Penny, den man vom Comite bekommt, quittieren und zurückzahlen muß, sobald man dazu in der Lage ist. Aber zurück zu unserer Wohnung: Sie besteht aus einem großen Schlafzimmer, einem großen Wohnzimmer, einem kleinen Zimmerchen, einer Küche und einem Badezimmer, das hier in keinem Hause fehlt. In der Küche sind eingebaute Schränke; man kann einen großen Teil des Geschirrs unterbringen, jedoch fehlt vollständig eine Ablage für Putzmaterial, Besen, Eimer usw. Dann gehört zur Küche noch ein Gasherd, gewöhnlich 5 Flammen, und ein Backofen. Gasöfen gehören zur Wohnung und schließlich haben wir einen elektrischen Eisseihrank in der Küche. Durch diesen Eisschrank kostet zwar die Wohnung 2 sh 6 mehr, aber wir haben bald herausgefunden, daß sich dies doppelt und dreifach bezahlt macht. Das Badezimmer wäre für europäische Begriffe äußerst modern, eingebaute Wanne, Wandschränkchen mit Spiegel, Waschbecken, Clo und alles mit Platten ausgelegt, jedoch sind diese Badezimmer hier nichts Besonderes. Die Wohnung kostet 37 sh 6 d je Woche. Jetzt noch kurz, was man mitnehmen soll. Also z.B.: Kleinere Möbel; eine Couch; Fliegenschrank (zusammenlegbar aus Blech und Fliegendraht); Polstermöbel kann man hier auch brauchen. Dann vor allen Dingen Fußbodenbelag, Linoleum oder Teppiche und Brücken, Gardinen, wenn sie nicht für zu schmale Fenster sind, Bettzeug, Daunendecken, soweit vorhanden, aber keine Federplumos, da zu warm. Natürlich Haushaltwäsche und sehr viel Geschirr, da diese Sachen hier enorm teuer sind. Für die erste Zeit sind Toilettenartikel sehr anzuraten. Radio kann man unter Umständen mitnehmen; aber bei allen elektrischen Geräten ist es empfehlenswert, darauf zu achten, daß die Sachen für 240 Volt Wechselstrom zu gebrauchen sind. Elektrisch ist hier billiger als Gas. Teurere Wohnungen haben aber auch elektrische Herde und freien Warmwasserdienst; der Strom zum Eisschrank ist immer* frei, auch Gas-Refrigerators sind hier zu gebrauchen. Die Preise von Lebensmitteln kann man nur dann vergleichen, wenn man den Verdienst zugrunde legt. Als Vergleich möge folgendes dienen: ein ungelernter Arbeiter wird hier immer ca. £ 4 wöchentlich verdienen, davon muß man 1/4 bis 1/3 für Miete rechnen. Die Lebensmittel sind zwar im Moment etwas gestiegen durch die 150-Jahrfeier Sydneys, aber ich kann ungefähre Durchschnittspreise angeben. Das Hauptnahrungsmittel Obst: Bananen 3—4 Pfd. 1 sh, Aepfel 1—2 Dtz. 1sh, Birnen ebenso, Pflaumen je nach Größe 2—6 Dtz. 1 sh, Ananas 6 d pro Stück, Weintrauben 3—4 Pfd. 1 sh, Kirschen *) Ein anderer Auswanderer schreibt uns — unserer Meinung nach mit Recht — folgendes: „Ein Problem ist das Mitbringen der Möbel. M. E. ist folgendes richtig: Wenn der Verkaufswert der Möbel, welche Auswanderer besitzen, ca. 2000 Mark oder mehr beträgt, ist die Mitnahme empfehlenswert. Dabei ist nicht zu vergessen, daß der Transport auch nicht billig ist. In Anbetracht dessen, daß die Möbel hier nicht sehr teuer sind, ist die Mitnahme nicht so dringend notwendig. Ich gebe hier einige Preise an: Z. B. Schlafzimmer für Ehepaar £ 17 Wohnzimmer „ £ 12 Speisezimmer n £ H Küche „ „ £ 8 Die Preise sind einer vor mir liegenden Zeitung entnommen," 44