Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- April 1939
- Date
- 1939-04-01
- Page
- Seite 43 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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lichkeiten bieten, doch immer nur ein sehr beschränkter Bedarf vorliegt, der durch den Zuzug einiger oder höchstens einiger Dutzend Personen schnell gedeckt sein kann. Sobald aber dies geschehen ist, verringert sich für den Einwanderer nicht nur die Aussicht, bald in seinem Fach Arbeit zu finden, sondern bei der Eigenart der australischen Einwanderungspolitik, die durchaus jede Gefährdung des Lebensstandards der Arbeitnehmer verhindern will, schwindet auch meistens die Bereitwilligkeit der Regierung, einem Angehörigen dieses Berufes das Einreisepermit zu geben. Aus diesen Gründen sind die folgenden Angaben absichtlich ziemlich allgemein gehalten; denn sie sollen nur dazu dienen, ungefähre Anhaltspunkte zu geben. In jedem Fall liegt es durchaus im Interesse des Einwanderungswilligen, sich durch den Hilfsverein vorher genau zu erkundigen, wie die Aussichten für Angehörige seines Berufes im Moment in Australien beurteilt werden, und ob es sich daher für ihn empfiehlt, sich um die Erlangung des Einwanderungs-Permits zu bemühen. Der Hilfsverein bearbeitet jeden Fall individuell im Einvernehmen mit den Londoner und australischen jüdischen Stellen, wodurch die beste Gewähr für genaue Erkundigungen an Ort und Stelle und Förderung aller aussichtsreichen Fälle gegeben ist. Unter den gegebenen Umständen ist die von den jüdischen Organisationen eingeschlagene Methode die einzige, die sowohl im Interesse der jüdischen Gesamtheit, wie in dem unmittelbaren Interesse des einzelnen liegt. Bevor wir nun auf die Chancen der einzelnen Berufe eingehen, ist noch nachdrücklich auf zwei allgemeine Punkte hinzuweisen. Ist in jedem Einwanderungsland die Kenntnis der Landessprache von großer Bedeutung — wie in dem einleitenden Aufsatz dieses Heftes dargelegt wird — so gilt dies in ganz besonderem Maße von Australien. Die Beherrschung des Englischen ist hier nicht nur eine unentbehrliche Voraussetzung des beruflichen Fortkommens, sondern schon bei der Erteilung der Einwanderungserlaubnis, ja noch vorher bei der Auswahl, welche die Londoner und australischen jüdischen Stellen unter den Einwanderungswilligen vornehmen, ehe sie sich zur Förderung ihres Falles entschließen, spielt die Kenntnis des Englischen eine oft geradezu entscheidende Rolle. Neben der Sprachbeherrschung ist aber noch ein anderer Faktor von großer Bedeutung. Nahezu in sämtlichen Briefen, die der Hilfsverein aus Australien erhält, kehrt die Mahnung wieder: Schickt nur vollkommen einwandfreie erstklassige Menschen in das Land. Die Frage der rechten Haltung — im innern wie im äußern Sinne — ist gerade in angelsächsischen Ländern, und besonders in Australien, von weit größerer Bedeutung als etwa in manchen südamerikanischen Ländern, wo die Gesellschaft erst im Werden ist und sich noch nicht so feste moralische Maßstäbe gebildet haben wie in einem gesellschaftlich im Grunde so konservativen Lande wie Australien. Bescheidenes zurückhaltendes Benehmen, sportliches Wesen, der unbedingte Wille, sich dem Lande anzupassen und es zu einer zweiten Heimat zu machen, vor allem strikte „fairness" im beruflichen wie im gesellschaftlichen Verhalten ist in Australien absolut notwendig; niemand soll glauben, in diesem Lande mit Skrupellosigkeit schneller zum Erfolg zu kommen! Ist der Einwanderer einmal als unfair erkannt, so ist er gesellschaftlich ein toter Mann; dagegen wird immer wieder betont, mit welcher oft rührenden Freundlichkeit die Australier dem Einwanderer entgegenkommen, den sie als einen wünschenswerten und tadellosen Typ empfinden. Gehen wir nun zur Betrachtung der einzelnen Berufe über, so ist zunächst festzustellen, daß Australien für Kaufleute ohne erhebliches Kapital und gute Sprachkenntnisse kaum irgend welche Aussichten bietet, es sei denn, die Betreffenden besäßen ganz besondere Branchenkenntnisse, für die in Australien zufälligerweise Bedarf wäre. An kaufmännischen Arbeitskräften besteht durchaus kein Mangel, und unter diesen Umständen haben Fremde, selbst wenn sie die englische Sprache beherrschen, wenig, ohne gute Sprachkenntnisse aber überhaupt keine Aussichten. Bezüglich der selbständigen Kaufleute ist zu betonen, daß in einem verhältnismäßig reichen Lande wie Australien die Branchekenntnisse zum Erfolg noch wichtiger sind als das Kapital. Einzelhandel kommt nur in kleineren Orten in Frage. Vertreter verdienen nur schwer ihr Brot. Wie in den Vereinigten Staaten von Amerika wird auch in Australien ein Mann ohne gründliche Fachausbildung und ohne Geld meist als ungelernter Arbeiter sein Leben fristen müssen — was um so schwerer ist, als Arbeitslosigkeit fast nur im Kreise der Ungelernten auftritt. Günstiger sind die Chancen für industrielle Unternehmer zu beurteilen. Fachleute mit gründlichen Kenntnissen auf einem Gebiet, auf dem die australische Industrie noch ausbaufähig ist, können bei ausreichender Beherrschung der englischen Sprache auf verhältnismäßig günstige Aussichten zählen. Selbstverständlich bedarf es der genauesten Erkundigung nach dem Stand und den Entwicklungsmöglichkeiten der betreffenden Industrie in Australien, und vor allem muß sich jeder Unternehmer von vornherein darüber im klaren sein, welche Belastung die hohen Löhne und die unendliche Kompliziertheit der tarif- und arbeitsrechtlichen Verhältnisse für die industrielle Produktion bedeuten. In der Industrialisierung Australiens liegen auch gewisse Chancen für Ingenieure, Techniker und Chemiker. Auch für Architekten und Innenarchitekten waren wenigstens zeitweise Möglichkeiten vorhanden. Dagegen bestehen für die übrigen akademischen Berufe im allgemeinen kaum irgendwelche Aussichten. Es sind zwar eine Reihe von Aerzten und Zahnärzten ins Land gekommen und haben die Erlaubnis zu praktizieren erhalten, doch sind diese Möglichkeiten im Moment nicht mehr gegeben. Pharmazeuten müssen ein Nachstudium von 3 Jahren absolvieren. Für sonstige freie Berufe, wie Schriftsteller, Redakteure, Schauspieler, Musiker sind die Aussichten sehr schlecht, was zum Teil mit der oben geschilderten Veräußerlichung der Kultur zuammenhängen dürfte. Verhältnismäßig günstig sind dagegen im allgemeinen die Aussichten für handwerkliche Berufe und Facharbeiter zu beurteilen. Freilich darf es sich hierbei nicht um „Umschichtler" handeln, sondern um gut ausgebildete, tüchtige Kräfte, die den hohen Ansprüchen, die die trade unions (Gewerkschaften) an Qualität und die Arbeitgeber an Qualität und Tempo stellen, wirklich gewachsen sind. Besonders gesucht sind verschiedene Kategorien von Bauhandwerkern und Metallarbeitern, wie z. B. Autogenschweißer, Bogenschweißer, Spritzer, Blechstanzer, ferner Maschinenschlosser, Dreher, Kesselschmiede, Werkzeug- und Schablonenmacher, Mechaniker und Feinmechaniker, technische Zeichner; auch erstklassige Kunsttischler usw. Alle elektrotechnischen Berufe können nur nach einem besonderen Zulassungsexamen betrieben werden. Dagegen scheinen die Aussichten in der Konfektion nicht gut zu sein; nur erstklassige Zuschneider und Zeichner für Damenkleidung haben im Moment Aussichten. Für manche andern Arten von Handwerkern und Facharbeitern, zum Beispiel für Müller und Zigarettenarbeiter, ist zeitweilig Bedarf. Friseure, Barbiere, alle mit Schönheitspflege zusammenhängende Berufe sind aussichtslos. Doch ist auf das oben grundsätzlich Gesagte zu verweisen, daß die Lage in jedem Beruf sich schnell ändert und immer neu festgestellt werden muß. -^ Reisebüro „Traversum" INHABER: A. BAJAN Generalagentur der Cunard White Star Schiffskarten für alle Linien nach allen Teilen der Welt zu Originalpreisen BAHNKARTEN . FLUGSCHEINE Berlin W 8, Kronenstraße 54 Telefon: 16 37 92 (Eckhaus Charloftenstra6e) L__) 43