Mannheim
Compact Memory

Jüdische Auswanderung · 1939-04-01 · April 1939 · p. Seite 42

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
April 1939
Date
1939-04-01
Page
Seite 42 (sequence 42)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/6492429-9991069-9588267--943-9588309
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

größere nicht-christliche Religionsgemeinschaft ist die jüdische, die damals 23 553 Angehörige zählte, und von der an anderer Stelle die Rede ist. Bezeichnend für die australische Religionsstatistik ist, daß es neben 11600 Personen, die angaben, keiner Religion anzugehören, rund 850 000 Menschen gab, die die Frage nach der Religion überhaupt unbeantwortet ließen. VI. Jüdisches Leben Die Stellung der Juden in Australien ist ähnlich ihrer Stellung in den übrigen englischen Dominions. Sie werden als loyale Staatsbürger empfunden, aber man tritt ihnen mit. einem gewissen Gefühl der Fremdheit entgegen, was sich nicht in ihrer Stellung im öffentlichen Leben, wohl aber in ihrem gesellschaftlichen Ansehen und im sozialen Verhältnis zur Umwelt auswirkt. Für die willige und weitgehende staatsbürgerliche Einordnung der Juden ist der hohe Prozentsatz der jüdischen Frontkämpfer Australiens ebenso bezeichnend, wie die Tatsache, daß der Höchstkommandierende der australischen Wehrmacht im Weltkriege, Sir John Monash, Jude war und sich dessen ungeachtet einer außerordentlichen Popularität erfreute. Sir John Monash war übrigens der Sohn eines Einwanderers aus Deutschland. Hierher gehört auch, daß Sir Isaac Isaacs, der als Generalgouverneur den König von England im australischen Bundesstaat von 1931 bis 1936 vertrat und der erste in einem Dominion selbst gebürtige britische Generalgouverneur war, sich stets stolz zum Judentum bekannte. Auch noch in allerletzter Zeit ist eine Reihe Juden in Australien mit Orden und anderen Ehrungen bedacht worden. Andererseits darf man aber nicht vergessen, daß die gesellschaftliche Distanzierung von Juden — seien sie auch in noch so hohen Stellungen — sehr weit geht. Die vornehmen Klubs, insbesondere die Golfklubs, schließen Juden stillschweigend von der Aufnahme aus. Hinzu kommt, wie schon an anderer Stelle angedeutet, noch eine gewisse Empfindlichkeit der standesbewußten und organisierten australischen Arbeiterschaft gegen alle Einwanderer aus Osteuropa, also auch gegen Juden, die das Lohnniveau drücken könnten. Die Juden in Australien bekennen sich im allgemeinen selbstbewußt zu ihrer Gemeinschaft. Ihre Geschichte reicht wenig mehr als 100 Jahre zurück. Um 1817 kamen die ersten jüdischen Einwanderer nach Sydney, und 1832 entstand dort die erste Gemeinde. Posener Juden hatten, neben englischen, einen großen Anteil an der Entwicklung des Gemeindelebens. Von dieser ersten Einwanderungswelle, die um 1850 mit der Entdeckung der Goldfelder ihren Höhepunkt fand, ist heute nur wenig übriggeblieben. Viele einst blühende Gemeinden sind inzwischen eingegangen. Die zweite Einwanderungswelle setzte kurz vor dem Kriege ein, als zahlreiche Juden, hauptsächlich aus Rußland, sich in Australien, vor allem in Brisbane, niederließen. Die dritte Einwanderungswelle begann erst nach dem Kriege und hielt solange an, bis die australische Regierung die finanziellen Bedingungen zur Einwanderung erschwerte. Aus Deutschland endlich sind Juden nach 1933 bisher nur in ganz geringer Anzahl nach Australien gelangt. Die Volkszählung des Jahres 1933 ergab, daß 2 3 5 5 0 Einwohner Australiens sich zum Judentum bekannten, wenig mehr als V30/0 der Gesamtbevölkerung. Von diesen Juden leben über 85% in den Hauptstädten des Landes. Die Gemeinden in den Landstädten gehen WIRTSCHAFTSBERATUNG LIQU I DATION EN VERMÖGENSBERATUNG HILFE IN AUSWANDERUNGSSACHEN LUDWIG ISRAEL DEUTSCH POTSDAM SEESTRASSE 45 Besprechungen nur nach vorheriger Anmeldung allmählich ein. Die größten Gemeinden sind die von Sydney und Melbourne. Sydney, die Hauptstadt von New-Südwales, hat etwa 8700 jüdische Einwohner; der ganze Staat Neu-Südwales hatte' 1930 10 305 jüdische Einwohner, umfaßte also fast die Hälfte aller in Australien lebenden Juden. In Sydney bestehen vier Synagogen, deren älteste bereits 1832 gegründet wurde. Die jüdische Gemeinschaft unterhält dort zwei jüdische Schulen und eine Fülle von Wohltätigkeitsvereinigungen. Die zweitgrößte Gemeinde befindet sich in' Melbourne, der Hauptstadt des Staates Victoria und der zweitgrößten Stadt des Kontinents. Etwa 7000 Juden dürften dort wohnen. Die Gemeinde von Melbourne unterhält drei Synagogen, darunter eine mit liberalem Ritus. Diese liberale Gemeinde wird jetzt von einem jungen, aus Deutschland eingewanderten Rabbiner geleitet. Von den einzelnen Synagogengemeinden werden Religionsschulen unterhalten. Der Wohltätigkeit sind eine ganze Anzahl von Organisationen gewidmet, und auch die Jugend findet sich zu Bünden zusammen. Wenn auch die beiden eben genannten Gemeinden den Großteil der Juden Australiens umfassen, so sind doch gerade die Gemeinden in den übrigen, kleineren Städten wegen ihrer Aktivität auf religiösem und charitativem Gebiet besonders hervorzuheben. Die Gemeinde von Adelaide, die etwa 700 Seelen umfaßt, unterhält eine Synagoge, die (1848 errichtet) das Zweitälteste jüdische Gotteshaus des Kontinents ist. Die Gemeinde von Brisbane, der Hauptstadt von Queensland, umfaßt etwa 750 Seelen, und die Gemeinde in P e r t h im Staate Westaustralien, die mit 1600 Angehörigen die drittgrößte Gemeinde Australiens ist, zeichnet sich durch die Vielfalt ihrer Organisationen und die damit verbundene Lebendigkeit des jüdischen Lebens besonders aus. „Gemeinden" in dem Sinne, wie sie bis zum Frühjahr 1937 im Deutschen Reich bestanden, gibt es in Australien nicht; d. h. die Juden sind nicht in einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zusammengeschlossen und verfügen auch über keine zentrale zusammenfassende Organisation. Es handelt sich vielmehr um freiwillige Zusammenschlüsse; diese entsenden einige Vertreter zu den Tagungen des Board of Deputies in London. Zur Zeit sind allerdings Bestrebungen im Gange, die bestehenden Einzelgemeinden in einer Gesamtvertretung zu vereinigen. In sozialer Hinsicht gehören die Juden Australiens hauptsächlich dem Mittelstand an. Der Prozentsatz der Nichtselbständigen ist, hier wie in anderen Ländern, bei den Juden niedriger als bei ihrer Umwelt. Die Berufe der selbständigen Kaufleute sind bei den Juden bedeutend stärker vertreten. Sie haben vielfach führende Stellungen im Handel, in der Industrie, im Bank- und Versicherungswesen inne. Die Zahl der jüdischen Aerzte ist groß, und den höchsten Stellen der Justiz gehören zahlreiche Juden an. Auch im Kulturleben spielen Juden eine bedeutende Rolle. So wurde z. B. das Theaterwesen Australiens von einem Londoner Juden gegründet. Die Juden Australiens pflegen aber auch ihr eigenes kulturelles Leben, wovon eine Anzahl von Organisationen und regelmäßig erscheinenden jüdischen Zeitschriften zeugen. Für die künftige Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Australien ist von Bedeutung, daß die Geburtenrate der Juden Australiens sehr niedrig ist und daß die gegenwärtige Einwanderungsgesetzgebung Australiens in Zukunft höchstens eine ganz allmähliche Vergrößerung der jüdischen Gemeinschaften gestatten wird. VII. Aussichten für Einwanderer Die vorstehenden Ausführungen sollten ein möglichst anschauliches Bild der allgemeinen klimatischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse Australiens geben. Darüber hinaus Näheres über die Aussichten zu sagen, welche sich dort für Einwanderer der verschiedenen Berufe eröffnen, ist mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Denn Australien zeigt, trotz seiner ungeheuren räumlichen Ausdehnung, in wirtschaftlicher Hinsicht infolge seiner geringen Bevölkerung eine gewisse Enge der Verhältnisse, die sich darin äußert, daß selbst in den Berufen, die an sich noch Mög- 42

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.