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Jüdische Auswanderung · 1939-04-01 · April 1939 · p. Seite 40

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
April 1939
Date
1939-04-01
Page
Seite 40 (sequence 40)
Language
German
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t Ordnungen, teils auf Schiedssprüchen der - Arbeitsgerichtshöfe der Einzelstaaten beruhen. Das gesamte australische Lohnsystem baut sich auf dem Gedanken des „Grundlohnes" (basic wage) auf. Der Grundlohn bedeutet „den niedrigsten Lohn, der an einen ungelernten Arbeiter auf Grund der normalen Bedürfnisse eines durchschnittlichen Arbeitnehmers als eines in einer zivilisierten Gemeinschaft lebenden Menschen bezahlt werden darf." (Nach der Definition in der ersten arbeitsgerichtlichen Formulierung des Grundlohnes vom Jahre 1907.) Dieser Grundlohn ist nicht nur auf die Deckung der Bedürfnisse des Arbeiters selbst berechnet, sondern schließt auch die seiner Ehefrau mit ein. Besondere Körperschaften setzen den Grundlohn, je nach Schwankungen der Lebenshaltungskosten, für bestimmte Zeitabschnitte fest. Außerdem ist er für die Einzelstaaten und für die verschiedenen Industrien verschieden. Daneben wird ein besonderer Grundlohn vom Bunde festgesetzt, der für solche Arbeiter gilt, die nicht Mitglieder der zuständigen Gewerkschaften sind. Zu dem Grundlohn kommen im Einzelfall noch Zuschläge, die erstens nach der Kinderzahl des Arbeiters (5 sh wöchentlich pro Kind) und zweitens nach seinen Fähigkeiten (ob gelernt oder ungelernt usw.) bemessen sind. So kommt es, daß die Durchschnittslöhne zum Teil erheblich über den Grundlöhnen liegen. Die Löhne und Gehälter stehen in einem guten Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten. Der übliche Lohn für ungelernte Arbeiter beträgt 3 £ bis 3 £ 10 sh je Woche; der gelernte Arbeiter erhält — je nach Industriezweig — zwischen 5 £ und 9 £ je Woche. Diese Löhne gelten jedoch erst vom 21. Lebensjahre ab; als gelernter xArbeiter wird zudem erst angesehen, wer eine 4- bis 5jährige Lehrzeit hinter sich hat. Die Löhne und Gehälter der Vorarbeiter, Angestellten usw. liegen nicht viel höher als die der Arbeiter; dagegen ist, wie überall, die Bezahlung der weiblichen Arbeitskräfte niedriger als die der Männer. V. Gesellschaft und Kultur 1. Die sozialen Grundlagen der australischen Kultur Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika und manchen anderen überseeischen Ländern ist Australien bisher kein „Rassenmischtopf" (melting pot) gewesen, in dem sich aus den verschiedensten Elementen erst ein neues Volk und eine neue Kultur bilden mußten, sondern Australien ist durchaus britisches Kulturgebiet mit einer fast rein britischen Bevölkerung; so hat es britische Traditionen und Einrichtungen übernommen und hält mit Stolz an ihnen fest. Aber andererseits ist Australien doch ein junges Kolonialland, dessen soziale Grundlagen ganz anders sind als die eines dicht bevölkerten europäischen Staates wie England, und der Einfluß dieser Tatsache auf seine Kultur ist stark und unverkennbar. Da Australien — etwa im Gegensatz zu einem Land wie Südafrika, mit dem es sonst manche Aehnlichkeit hat — keine farbige Unterschicht besitzt, sondern seine ganze Wirtschaft ausschließlich auf weißen Arbeitskräften aufbaut, so hat die australische Arbeiterschaft bei der geringen Bevölkerungsdichte, der beschränkten Einwanderung und dem unerschlossenen Reichtum des Landes von vornherein eine sehr starke Stellung, und ihre vorzügliche Organisation in den Gewerkschaften verstärkt noch ihre Macht außerordentlich. Unter diesen Umständen hat man nicht mit Unrecht Australien das „Arbeiterparadies" genannt; und wirklich .geht es wohl in keinem Lande den Arbeitern besser als hier. Der gesetzliche Arbeiterschutz ist in Australien — im Gegensatz etwa zu den Vereinigten Staaten — schon längst stark ausgebaut; die Arbeitszeit ist zwar nicht einheitlich geregelt, beträgt aber im Durchschnitt weniger als 46 Stunden, und die gesetzlich festgelegten Mindestlöhne sind recht auskömmlich. Infolgedessen ist der Lebensstandard auch der breiten Masse für europäische Verhältnisse erstaunlich hoch und wird kaum von irgendeinem Lande der Erde übertroffen. Der Arbeiter hat vielfach sein eigenes Auto und meistens sein eigenes Häuschen und nimmt an den meisten Genüssen des Lebens fast genau so teil wie ein Angehöriger des Mittelstandes oder selbst der Oberschicht. So ist der Unterschied in der Lebenshaltung zwischen den verschiedenen Klassen viel geringer als in irgendeinem europäischen Lande; in Australien herrscht die Demokratie nicht nur im politischen Leben, sondern sie ist auch gesellschaftlich und kulturell weitgehend zur Tatsache geworden. Dies zeigt sich u. a. in dem außerordentlichen Selbstbewußtsein des australischen Arbeiters, dem nichts ferner liegt als Servilität, ja der sogar viele in Europa selbstverständliche kleine Dienstleistungen einfach ablehnt, wenn sie nicht zu seinem vereinbarten Arbeitsgebiet gehören. Mit dieser großen Selbstachtung der unteren Schichten hängt auch der hohe Stand der Ehrlichkeit zusammen, der einen erfreulichen Zug des australischen Lebens bildet. Doch haben diese Verhältnisse auch sehr bedenkliche Folgen, unter denen in erster Reihe die Landflucht zu erwähnen ist. Das städtische Leben mit Acht-Stunden- Tag, auskömmlichen Löhnen und den noch zu schildernden typischen Formen des modernen Massenvergnügens übt auf die Australier eine so außerordentliche Anziehungskraft aus, daß heute das ungesunde Wachstum der Riesenstädte weniger daher kommt, daß Personen aus dem unwirtlichen Innern, etwa aus der Einsamkeit der großen Schafstationen des Nordens, die Flucht in die Stadt ergriffen haben, als vielmehr daher, daß die Landwirte aus den klimatisch günstigen und keineswegs weltabgelegenen Gebieten in der Nähe der Städte in diese selbst abströmen! Welche Bedeutung diese Zustände für die australische Gesamtheit haben, kann man an der Entwicklung im Staate Victoria deutlich sehen. Dort hat man, wie Colin Ross erzählt, zwischen 1904 und 1928 insgesamt 15 000 Siedler größtenteils mit öffentlichen Mitteln als „assisted emigrants" von England auf dem Land untergebracht, während gleichzeitig allein in den Jahren 1922—1927 14 000 Menschen vom Lande in die Stadt zogen! Dabei gehört Victoria zu den klimatisch und in jeder Hinsicht besonders günstigen Gebieten Australiens! In diesen Erscheinungen zeigt sich das verhängnisvolle Fehlen eines wirklichen Bauerntums in Australien. Denn der australische Farmer ist keineswegs mit dem Boden verwurzelt, sondern er ist sozusagen ein landwirtschaftlicher Unternehmer, der nicht immer auf dem gleichen Fleck bleiben will, sondern im allgemeinen auch nach der Stadt strebt. All diese Verhältnisse prägen nun der städtischen Kultur ihren Stempel auf. Das Denken und Fühlen der australischen Massen kreist in erster Reihe um die Erlangung und den Genuß eines möglichst hohen Lebensstandards; und hierbei steht, viel stärker als in den Vereinigten Staaten, nicht etwa das Geldverdienen mit dem Zweck der Anhäufung von Reichtum im Vordergrund, sondern vielmehr der Genuß des Lebens in solchen Formen, die ohne besondere geistige Anstrengung zugänglich sind. Sport und Kino vor allem spielen eine ungeheure Rolle in der Oeffentlichkeit, während die geistigeren Probleme der Kunst und Wissenschaft wenig Beachtung finden. So enthält auch die australische Durchschnittszeitung im wesentlichen nicht viel anderes als Sportberichte, Kinokritiken und Gesellschaftsnachrichten. Von Politik und Wirtschaft ist darin wenig, von Kunst und Wissenschaft fast nichts zu finden. Die Neigung der Australier zum Sport wird außerordentlich begünstigt durch das einladende Klima, — ist doch Australien Sonnenland, in dem die Betätigung im Freien meistens Bedürfnis und Genuß ist. Außerdem aber ist die Umgebung der großen australischen Städte oft von besonderer Schönheit, so daß es an idealen Sportgelegenheiten, besonders am Strande, mitunter aber auch im Gebirge (z. B. bei Sydney) nicht fehlt. Auch die Tatsache, daß die meisten australischen Familien sich ein Auto halten können, begünstigt selbstverständlich den Sport und überhaupt die Verbringung des Weekend im Freien. Das Auto ist in Australien in der Anschaffung nicht viel billiger als bei uns, wohl aber in der Haltung. Steuer, Versicherung, Garage kosten verhältnismäßig wenig, ja eine Garagen-Frage gibt es überhaupt kaum. Und was die Pflege des Wagens angeht, so waschen selbst hochgestellte Persönlichkeiten ihr Auto meist selbst; dies hängt mit den hohen Arbeitslöhnen und dem Mangel an dienstbaren Geistern zusammen. Neben den genannten Umständen trägt zur Veräußerlichung der Kultur in Australien aber noch ein anderer Faktor wesentlich bei: der Dienstbotenmangel und 40

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