Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
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tende Ausfuhrüberschüsse. Da jedoch der Petroleumbergbau, der etwa 90 o/0 des Ausfuhrwertes aufbringt, zu einem großen Teil in ausländischer Hand liegt, ist die Zahlungsbilanz nicht ebenso günstig wie die Handelsbilanz. Die Ausfuhr ist in den verschiedenen Abschnitten geschildert worden; die Einfuhr umfaßt fast alle Warengruppen. Ihre wichtigsten Posten sind (in der Reihenfolge der Werte von 1936): Eisenwaren, Maschinen, Baumwollwaren, Chemikalien, Drogen und Seifen, Kraftfahrzeuge, elektrotechnische Erzeugnisse, Weizenmehl u. v. a. Deutsehland bezog im Jahre 1937 für 23,6 Millionen RM. Waren aus Venezuela, wovon Kaffee, Erdöl, Kakao und Häute die wichtigsten sind. Die Ausfuhr nach Venezuela im Werte von 42,7 Millionen RM. setzte sieh fast ganz aus Fertigwaren zusammen, unter denen Metallhalb- und Fertigwaren, Gewebe, Kleidungsstücke, Glaswaren, ehemische und pharmazeutische Erzeugnisse die hervorragendsten sind. 5. Wirtschaftliche Entwicklung der letzten Zeit Nach dem Tode des Diktators Gomez hatte Venezuela längere Zeit unter inneren politischen Schwierigkeiten zu leiden gehabt. Inzwischen jedoch hat sich die Lage beruhigt, und auch die wirtschaftliche Entwicklung ist in ruhigere Bahnen gekommen. Zu einem Teil ist dies der Weltkonjunkturentwicklung zu verdanken, anderseits aber hat die neue Regierung durch vielfältige Aufbaumaßnahmen das ihre getan, um Venezuela wirtschaftlich zu entwickeln. Sie hat durch Einsatz öffentlicher Arbeitsbeschaffungsmittel nicht nur die Arbeitslosigkeit stark verringert, sondern auch das Lohnniveau kräftig gehoben. Die ehedem (unter einseitiger Bevorzugung der Petroleumindustrie) stiefmütterlich behandelte Landwirtschaft ist durch die Gewährung von Exportprämien, Lohnbeihilfen usw. wettbewerbsfähig geworden. Vor allem aber bemühen sich der neue Präsident und seine Regierung, das Prinzip der Gewerbefreiheit und der Wirtschaftsgleichheit zu Ehren zu bringen, wo früher in Handel, Verkehr und Industrie zahlreiche, zum Teil mit öffentlichen Mitteln gegründete Privatmonopole oder privilegierte Einzelunternehmer geherrscht hatten. Ueberhaupt versucht man die Wirtschaft von den zahllosen Nachwirkungen der unter dem Präsidenten Gomez weit verbreiteten politischen Korruption zu befreien. — Von den weiteren Wirkungen dieser politischen Faktoren sind vor allem folgende hervorzuheben: Die Einfuhr hat durch die im Regierungsprogramm (3-Jahres- Plan) angekündigten großen öffentlichen Aufträge einen Auftrieb erfahren. Dagegen haben sich in der Verbrauchsgüter-Industrie die Spuren der politischen Ereignisse, insbesondere der Streiks und der erzwungenen Lohnerhöhungen, nachteilig bemerkbar gemacht; doch scheint auch dies überwunden zu sein. Insgesamt kann kein Zweifel darüber bestehen, daß das Land wirtschaftlich große Entwicklungsmöglichkeiten bietet. IV. Kultur und Jüdisches Leben Die vorherrschende Religion Venezuelas ist der Katholizismus, doch werden alle anderen Bekenntnisse geduldet. Die katholische Kirche gilt aber als Staatskirche und ist insofern bevorrechtigt, als sie allein Staatszuschüsse empfängt. In den Volksschulen wird Religionsunterricht nur denjenigen Schülern erteilt, deren Eltern dies ausdrücklich wünschen. Die Landessprache ist in Venezuela, wie in ganz Latein-Amerika außer Brasilien, das Spanische. Was das Bildungswesen angeht, so ist in den Volksschulen der Unterricht frei; für Kinder von 7 bis 14 Jahren besteht Schulzwang. Doch hatte das ganze Land 1933 nur 2810 öffentliche Volksschulen, die zusammen mit ein paar Privatschulen ungefähr 121 000 Schüler zählten. Bei einer Bevölkerung von drei Millionen ergibt sich daraus, daß der Schulzwang nur auf dem Papier steht. Den bestehenden Schulen fehlt es sehr an brauchbaren Gebäuden. — Nicht besser als um die Volksschulen ist es um die höheren Bildungsanstalten bestellt, deren man 47 (öffentliche und private) zählt. Endlich bestehen zwei Hochschulen, die Zentral-Universität in Caracas mit etwa 710 Studenten und eine kleinere Universität in Merida. Der Bildungsstand der breiten Masse in Venezuela ist ziemlich niedrig; sowohl unter der Bauernschaft wie unter der Arbeiterschaft ist das Analphabetentum sehr verbreitet und wird jetzt unter der neuen Regierung durch Abendschulen und ähnliche Maßnahmen bekämpft. Es gibt aber eine gebildete Oberschicht, die lebhaftes Interesse für Kunst, Wissenschaft und Forschung zeigt und sich rühmt, bedeutende Gelehrte und Schriftsteller hervorgebracht zu haben. Im ganzen bleibt das Niveau der allgemeinen Bildung in Venezuela erheblich hinter dem des columbianischen Nachbarstaates zurück. Die Zahl der Juden in Venezuela ist gering; man schätzt sie auf etwa 100 0. Der größte Teil von ihnen ist schon lange dort ansässig und besitzt die venezolanische Staatsangehörigkeit. Außer der Hauptstadt Caracas zählen noch die Städte Miranda, Zulia, Trujillo und Sucre eine nennenswerte Anzahl von Juden. Die Haupterwerbszweige der jüdischen Bevölkerung sind der Hausierhandel (besonders in der Gegend um Maracaibo), sowie der Exporthandel und die Plantagenwirtschaft; aber auch zahlreiche Ladengeschäfte und Fabriken sind in jüdischen Händen. Der Herkunft nach sind die venezolanischen Juden teils Sephardim, die ursprünglich aus Nordafrika und Vorderasien kamen, teils Aschkenasim aus verschiedenen, vorwiegend osteuropäischen Ländern. — Sehr ungesund ist das zahlenmäßige Verhältnis der Geschlechter unter den dortigen Juden. Sind doch mehr als 60 o/o Männer, während die Gesamtbevölkerung des Landes einen Frauenüberschuß aufweist. Unter den jüngeren Mitgliedern der Judenheit von Caracas ist vor einigen Jahren ein stärkeres Interesse an jüdischen Dingen, verbunden mit dem Wunsche nach einer jüdischen Einwanderung nach Venezuela, erwacht. Zeitweilig erschien auch eine besondere jüdische Monatsschrift in spanischer Sprache, doch mußte diese ihr Erscheinen wieder einstellen. Gegen Ende 1937 machten sich stärkere antisemitische Strömungen bemerkbar, denen die Regierung jedoch fernsteht. V. Aussichten für Einwanderer Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß das zum großen Teil noch menschenleere, an Naturschätzen so reiche Land aus einer stärkeren Einwanderung von Europäern großen Nutzen ziehen könnte. Auf Grund der heutigen Lage dürfte sich folgendes über die Aussichten der einzelnen Berufe sagen lassen: Akademiker haben im allgemeinen in Venezuela keine Aussichten, es sei denn, sie würden dorthin berufen, wie es in einigen wenigen Fällen bei Juden aus Deutschland geschehen ist. Die Universitäten bilden genügend Juristen, Aerzte und Ingenieure aus, um die normalen Bedürfnisse des Landes zu befriedigen. Dies schließt jedoch nicht aus, daß gewisse Spezialisten (etwa bestimmte Ingenieure usw.) im Staatsdienst oder in der Wirtschaft Anstellung finden mögen. Die Niederlassung ausländischer Aerzte ist zwar nicht ausdrücklich verboten, wird aber von seiten der einheimischen Aerzte fast unmöglich gemacht. Die ausländischen Aerzte müssen ein schwieriges medizinisches Examen in spanischer Sprache ablegen. Ist dieses bestanden, dann bieten sich wirkliche Niederlassungsmöglichkeiten fast nur auf dem Lande, wohin die einheimischen Aerzte nicht gern gehen. Für Kaufleute und Industrielle, die etwas Kapital besitzen und die spanische Sprache wenigstens einigermaßen beherrschen, dürften sich aus der fortschreitenden Industrialisierung des Landes mancherlei Möglichkeiten ergeben; vor allem spricht die ziemlich gute Wirtschaftslage der schon länger ansässigen, größtenteils im Handel tätigen Juden für die Existenz solcher Möglichkeiten. Im einzelnen bedürfte es jedoch jeweils sorgfältiger vorheriger Erkundigungen im Lande, um die Chancen eines geplanten Unternehmens festzustellen. Für mittellose kleine Kaufleute, kaufmännische Angestellte scheinen zur Zeit nur ganz geringe Aussichten vorhanden zu sein; dagegen soll nach Steno- 92