Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 94)
- Language
- German
- Belongs to
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La Guaira, das mit seinem prachtvollen Gebirgshinterland als einer der schönsten Häfen der Welt gilt, ist der Haupthafen Venezuelas. Es zählt nur 8500 Einwohner, besitzt aber moderne, teilweise mit englischem Kapital gebaute Hafenanlagen und treibt regen Handel besonders nach dem mittleren Teil der Republik. Die wichtigsten Handelsartikel sind Kaffee, Kakao, Häute und Felle. Es gibt dort Brauereien sowie Schuh-, Seifen- und Kerzenfabriken und Sagemühlen. In der Nähe von La Guaira liegt Macutq, das in der Saison (November bis März) als Badeort benutzt wird. Puerto Cabello mit 23 000 Einwohnern, der zweitwichtigste Hafen des Landes, liegt auf einer schmalen Halbinsel. Es hat einen ausgezeichneten Hafen, zwei Forts und gute Verbindungen mit anderen Landesteilen. Es ist der Sitz von Getreide- und Baumwollmühlen, Sägewerken, Marmorwerken und Zigarettenfabriken. B. Die L 1 an o s oder Ebenen des Orinokostromes erstrecken sich vom Flusse Guaviare in Columbien nördlich und östlich bis zum Delta des Orinoko. Diese ungeheuren tropischen Ebenen, die etwa ein Drittel des gesamten Wirtschaftsraumes Venezuelas ausmachen, eignen sich am ehesten zur Viehzucht, aber auch dies nur mit großen Schwierigkeiten. In der Regenzeit, d. h. von April bis Oktober, stehen große Teile des Landes unter Wasser, während in der Trockenzeit sich oft Wassermangel fühlbar macht. Die Llanos sind größtenteils nur spärlich bevölkert. Die wichtigste Stadt dieses Gebietes ist Ciudad Bolivar, der Haupthandelsplatz für etwa die Hälfte des venezolanischen Staatsgebietes. Die Stadt zählt etwa 20 000 Einwohner und liegt am rechten Ufer des Orinoko, der bis hierher — 400 km von der Mündung entfernt! — für Seedampfer schiffbar ist. Die Stadt ist ein beachtlicher Markt für billige Importware. Ihre wichtigsten Exportartikel sind Gold, Häute und Felle und Tonka-Bohnen. Die Stadt gilt trotz ihres tropischen Klimas als ziemlich gesund. Sie ist durch eine Straße von 960 km Länge mit Caracas verbunden; eine neue Straße bis zur brasilianischen Grenze ist im Bau. C. Das Hochland von Guayana ist im allgemeinen heute noch so gut wie unerforscht — abgesehen von ein paar Punkten. Dort leben Ueberreste einiger Indianerstämme. Die Bevölkerungsdichte des 450 000 qkm großen Gebiets beträgt noch nicht eine Seele auf 2 qkm. Wenige Farmen und Plantagen und einige Bergwerke sind fast alles, was das große Gebiet an menschlicher Wirtschaft aufzuweisen hat. Venezuela besitzt das beste und größte Straßennetz Südamerikas. Dieses Land des billigen Petroleums wird von vielen guten Autostraßen durchzogen, so daß es möglich ist, in weitem Maße den früher üblichen Transport mittels tierischer Kraft jetzt durch Lastkraftwagenverkehr zu ersetzen; doch werden auch heute noch Esel- und Maultierkarren viel benutzt. 2. Klima und Gesundheitsverhältnisse Das Klima Venezuelas ist einerseits durch seine Lage nahe am Aequator, andererseits durch die beträchtliche Höhenlage großer Landesteile bestimmt. Dementsprechend teilt man das Land in drei Klima-Zonen mit sehr abweichenden Durchschnittstemperaturen. Von der Küste bis zu einer Höhe von zirka 600 m über dem Meeresspiegel erstreckt sich die für Europäer auf die Dauer kaum erträgliche heiße Zone, deren Durchschnittstemperatur 26—28° Celsius beträgt; die gemäßigte Zone, die zwischen 600 und 2200 m Höhe liegt, weist Temperaturen von 18—25° Celsius auf; bei 2200 m beginnt die kalte Zone mit Durchschnittstemperaturen von 2—4° Celsius. Im allgemeinen wird man davon ausgehen können, daß die gemäßigte Zone, wenigstens soweit sie über 1000 m liegt, für den gesunden Europäer klimatisch geeignet ist, — wenn auch mit der doppelten Einschränkung, daß das Fehlen wesentlicher Temperaturschwankungen auf den Europäer, dessen Körper an den Wechsel der Jahreszeiten gewöhnt ist, etwas ermüdend wirkt, und daß das Leben in Höhen über 2000 m Anforderungen stellt, denen nur Menschen mit sehr anpassungsfähigem, kerngesundem Herzen und kräftiger Lunge gewachsen sind. Die Gesundheitsverhältnisse des Landes gelten als mittelmäßig. Die Kindersterblichkeit ist außerordentlich hoch; aber auch die allgemeine Sterblichkeitsziffer ist erschreckend; soll sie doch zwischen 40 pro 1000 in den größeren Städten und 138 in einzelnen Teilen schwanken. Trotz alledem ist aber in letzter Zeit eine erhebliche Bevölkerungszunahme zu verzeichnen, die nur zu einem ganz geringen Teil auf Einwanderung zurückzuführen ist. Die hohe Sterblichkeitsziffer liegt zweifellos in hohem Maße an der unhygienischen Lebensweise der Eingeborenen. Für Europäer wird empfohlen, möglichst wenig Fleisch zu essen und kein ungekochtes oder ungefiltertes Wasser zu trinken. Die ärztliche Versorgung des Landes .gilt als nicht schlecht. Die Aerzte sind nahezu ausschließlich Venezolaner, sollen aber gut ausgebildet sein. 3. Bevölkerung Die 3,45 Millionen Seelen zählende Bevölkerung besteht aus Weißen, Indianern, Negern und vor allem aus Mischlingen aus diesen drei Rassen. Die Zahl der reinen Weißen wird auf nur etwa 60 000 Personen geschätzt, die der Indianer soll etwa 100 000 betragen; die Neger dürften etwa 10 bis 12 v. H. der Bevölkerung ausmachen. Demnach besteht die große Masse aus Mischlingen, und zwar sind es in der Hauptsache Mestizen (also Abkömmlinge von Indianern und Weißen). Die Zahl der Ausländer in Venezuela beträgt nur etwa 32 000, davon 1100 Deutsche. Der große Strom der modernen Einwanderung hat Venezuela bisher noch nicht erfaßt, was einerseits auf die wenig einwanderungsfreundliche Politik der Regierung, andererseits auf die vorläufig stärkere Anziehungskraft solcher Länder wie Argentinien, Brasilien und Chile zurückzuführen ist. Es erscheint aber nicht zweifelhaft, daß weite Teile des Landes, die in der gemäßigten Klima-Zone liegen, alle natürlichen Voraussetzungen für die Aufnahme großer Massen von europäischen Auswanderern besitzen und diese früher oder später wohl auch anziehen werden. 4. Verfassung und Innenpolitik Venezuela ist ein Bundesstaat, der aus 20 Einzelstaaten, einem Bundesdistrikt und zwei Territorien besteht. Das Land hat eine republikanische Verfassung mit einem Senat und einem Abgeordnetenhaus, die in jedem Jahr im April zum Kongreß zusammentreten. Tatsächlich war aber die ganze Macht im Lande 27 Jahre hindurch in der Hand eines Mannes vereinigt — in der Hand des überaus tüchtigen, besonders als Wirtschaftspolitiker erfolgreichen, aber auch selbstsüchtigen und in der Wahl seiner Mittel skrupellosen Generals und Staatspräsidenten Juan Vicente G o m e z. Nachdem seine eiserne Energie jeden Parteistreit, aber auch fast jedes politische Leben lange Zeit hindurch unterdrückt hatte, mußte sein Tod im Dezember 1935 das Land vor eine Wende seines Schicksals stellen. Es folgte eine recht unruhige Zeit, und große Streiks erschütterten das Land. Doch hat sich der mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählte General Contreras, gestützt auf die wohlorganisierte Armee, allmählich durchgesetzt. Der neue Präsident will das Land einer freieren Entwicklung zuführen und hat auch schon eine Reihe entsprechender Maßnahmen getroffen. Sein weiteres Programm umfaßt vor allem die Reform des Arbeitsrechtes (mit der Schaffung eines nationalen Arbeitsamtes), ferner dringend notwendige Maßnahmen zur Hebung der Volksgesundheit, neue Verbesserungen der Straßen- und Hafenbauten, Reformen im Erziehungswesen usw. Auch eine energische Förderung der Kolonisation wird beabsichtigt, doch ist hierbei weniger an die Besiedlung des Landes mit Ausländern als an „innere Kolonisation" gedacht. III. Die Wirtschaft 1. Währung und Finanzen Währungseinheit ist der Bolivar 100 Centimos. Die ursprüngliche Goldparität des Bolivar betrug 9V2 englische d; 1 englisches £ war 25,25 Bolivares. Demnach betrug die Goldparität des Bolivar in deutschem Gelde etwa 80 Pfennig. Infolge des Goldausfuhrverbotes von 90