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Jüdische Auswanderung · 1939-01-01 · Januar 1939 · p. Seite 81

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
Januar 1939
Date
1939-01-01
Page
Seite 81 (sequence 85)
Language
German
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Brot, nur Brötchen, auch sehr wenig Butter. 1 Liter Milch kostet 15 Cent. Von koscher weiß man hier nicht viel, Peßach wird sich hier nur durch die Mazzes unterscheiden, sonst durch nichts. Ich kann mich schon mit den Kunden verständigen, ich gehe schon selbst verkaufen. Die ersten zwei Wochen ist ein Verkäufer mitgegangen, der bekommt 10 o/o vom Verkauf, und jetzt gehe ich schon allein, und ein Junge, ein Schwarzer, trägt den Koffer." Aus neuerer Zeit bringen wir folgenden Brief aus Lima vom 13. Juli 1938: „Die Wohnungen liier sind verhältnismäßig billig; es gibt sehr viele nette kleine Neubauwohnungen, die man z. B. hier im Vorort Miraflores, 20 Minuten Omnibus bis Lima, für 70 bis 100 Soles findet, d. h. zwei bis vier Zimmer mit Küche, Bad und manchmal Gärtchen. Heizung gibt es hier nicht. Wasser kostet etwa 3 Soles monatlich, und Licht kommt dazu. Gekocht wird entweder mit Petroleum, Gas oder elektrisch; letztere Arten sind natürlich zu teuer für den Anfang, und die meisten kochen anders. Möbel bringt man nicht mit, da der Zoll zu hoch ist; wenn man also nicht möbliert wohnt, was etwas teurer ist, schafft man sich nach und nach die Sachen billig an. Lebensmittel kosten etwa: also Rindfleisch 1,— bis 1,10 je kg, Kalb etwas teurer, Hammel etwa ebenso. Obst je nach der Jahreszeit billiger oder teurer. Man ißt halt das, was gerade billig ist. Zur Zeit kosten die Ananas etwa 20 Cent, Gemüse etwas teurer, aber im großen und ganzen so wie drüben. Schwarzbrot kennen die Hiesigen nicht; man bekommt gutes, das jemand für die Ausländer backt, das kostet 60 Cent; Butter 4,40 je Kilo; also verhältnismäßig teuer. Aufschnitt etwa gleich, Käse teurer. Man ißt hier abends meist warm, da es vor allem bei größeren Familien billiger ist. Sie fragen, ob das Klima Bedürfnisse mit sich bringt, die Sie drüben nicht haben? Ich glaube, da ist kaum ein Unterschied, außer, daß alle, wenn sie längere Zeit hier sind, bedeutend mehr essen, als drüben; der Körper braucht das eben. Schlaf braucht man auch viel, aber sonst ist da wohl eigentlich nichts Erschütterndes zu melden. Die Kinder gedeihen hier alle gut. Die Luft ist hier im Sommer heiß, und abends und nachts kühl; im Winter ohne Sonne und feucht. Man friert im ersten Jahr nicht, versteht nicht, wenn die Leute sich so warm anziehen, sogar in der Mittagssonne, die im Herbst und Frühjahr erscheint, im zweiten Jahr schüttelt man nicht mehr den Kopf über die verfrorenen Mitbewohner und im dritten Jahr friert man schon mit und trägt eine Wolle über der andern, aber das verdirbt die Laune weiter nicht. Man braucht hier selbstverständlich leichte Wollunterwäsche und die gleichen Wollkleidungsstücke wie drüben, wenn auch keine schweren Pelze oder Mäntel. Aber ich muß gestehen, daß ich jetzt mehr und wärmere Unterwäsche trage als drüben, wo ich niemals ein Stück Wollwäsche besaß. Ich teile dies mit, weil es interessant und wissenswert ist." Der folgende Brief berichtet recht ausführlich über das Leben der Neu-Eingewanderten: Lima (Peru), den 28. Juli 1938 „Der Anfang ist, wie Du Dir ja denken kannst, sehr schwer, und man findet auch nicht immer die richtige Stimmung. Wir sind ja vier Personen, und mein Mann hat es für den Anfang besonders schwer, für alles aufzukommen, zumal er gar keine Sprachkenntnisse hat. Wenn man schon über 40 ist und gleich den Kopf voll Sorgen, da ist man doch nicht mehr so aufnahmefähig. Am besten sieht man das in dem Sprachkursus vom hiesigen Hilfsverein, an dem ich mit den Jungens auch teilnehme. Die Jugend hat das schnell begriffen, aber von den älteren Teilnehmern werden es von Stunde zu Stunde weniger. Es kommen dann immer wieder Neue hinzu, denn fast jedes Schiff bringt neue Emigranten, aber die Beobachtung ist dieselbe. Die älteren können das nicht so aufnehmen, manche lernen auch in der Praxis viel leichter, obwohl sie dann meist grammatisch nicht richtig sprechen, aber man lernt es leichter sich zu verständigen. Mir geht das auch so. Beim Einkaufen auf dem Markt oder bei den Chinos da muß es gehen. Unser Jüngster, das heißt, er ist auch schon 14 Jahre, konnte schon nach zwei Monaten sich fabelhaft verständigen und spricht heute ein ganz gutes Spanisch. Er geht hier noch zur Schule und hat unlängst erst dort eine Prüfung, alles in spanischer Sprache, abgelegt, weil er durchaus in seine zuständige Altersklasse hinein wollte und er kommt auch dort ganz gut mit, was für uns eine große Befriedigung ist; denn wenn einer wenigstens die Sprache in Wort und Schrift richtig beherrscht, ist man nicht immer auf Fremde angewiesen, die gewöhnlich, wenn man etwas erledigen muß, keine Zeit haben. Zumal hier in Amerika ist die Jagd nach dem Gelde noch viel mehr vorhanden, als dort. Unser ältester Junge, der jetzt 16 Jahre geworden ist, beherrscht die Sprache auch nicht so wie der kleinere, aber er kann sich vollkommen verständigen und sich durchsetzen. Er lernt in der besten Möbelfabrik von hier und soll Möbeltischler werden. Er hat es da auch nicht so leicht, weil die hiesigen Arbeiter vor dem Gringo Angst haben, weil sie schneller vorwärtskommen wie sie. Die Inhaber dieser Fabrik sind Europäer und ziehen begreiflicherweise den Europäer dem Einheimischen vor, und der Junge muß dadurch sehr auf der Hut sein. Am besten ist es, wenn man mit einem fertigen Beruf hierher kommt; denn passende Lehrstellen zu finden, ist hier sehr schwer. Die Leute nehmen nicht gerne jemanden zur Ausbildung, weil sie darin eine spätere Konkurrenz fürchten. Wenn sie einen tüchtigen Facharbeiter benötigen, lassen sie sich viel lieber einen von drüben kommen. An sich liegt das Handwerk hier sehr im argen. Diese Berufe üben meist die Cholos, das sind die Einheimischen hier, aus, und diese arbeiten für so wenig Geld, daß ein Europäer es gar nicht dafür machen kann. Natürlich ist die Arbeit danach, sie sind furchtbar langsam, absolut nicht zuverlässig, faul usw., aber sie sind billig, und kommen oft mit primitivsten Hilfsmitteln aus. Der Europäer kann auch niemals so primitiv leben wie sie. Ihre Ernährung besteht hauptsächlich aus Reis und Bohnen, Mais usw. und billigem Fleisch und wohnen tun sie unter aller Kanone. Unsere Leute betätigen sich hier meist kaufmännisch im Import und Export oder sind auch vielfach Angestellte in derartigen Betrieben. Manche haben auch ganz schöne Geschäfte. Die jungen Leute, die die Sprache beherrschen, haben alle Anstellungen; auch die Frauen, die kaufmännisch angestellt sind und Sprachkenntnisse haben, verdienen ganz gut. Die anderen haben es halt schwerer, aber mehr oder weniger rappeln sie sich allmählich durch. Ingenieure haben gute Zukunft hier, ebenso Chemiker. Die jüdische Kolonie zählt in ganz Peru zirka 1000 Juden, wovon allerdings leider die meisten in Lima wohnen, wie das überall in den Hauptstädten ist. Unsere Kolonie hier in Lima zählt jetzt zirka 250 Personen, die anderen sind rumänische, türkische, polnische. Jede Gruppe ist je nach ihren Herkunftsländern für sich, daher ist auch kein besonders harmonisches Zusammenleben untereinander. Es sind da auch Elemente darunter, die bestimmt nicht für das Ansehen aller beitragen. Was Verkehr angeht, so ist man mehr oder weniger auf die Familie angewiesen; es spielt sich alles innerhalb des Hauses ab. Viel Abwechslung gibt es hier nicht, außer den Kinos, die es in Massen gibt und die man für wenig Geld aufsuchen kann. Jetzt haben wir hier Winter, allerdings anders als in Europa. Der ist feucht kalt, daher gibts hier viel Rheuma und Halskranke. Oefen gibt es hier nicht in den Häusern und wie schön wäre das manchmal abends. Daher sind die Kinos alle sehr gut besucht. Verschiedene, die sich das schon leisten können, machen Sonntags auch Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung, die sehr interessant ist; denn es gibt hier viel Schätze und Sehenswürdigkeiten aus der alten Inca-Zeit. An sich ist das Klima nicht besonders gut, aber erträglich. Das Land ist noch im Aufbau begriffen, es fehlt hier viel Eigenindustrie, darum wird auch so viel importiert. Lima selbst, eine mittlere Großstadt, hat 300 000 bis 400 000 Einwohner. Es streckt sich aber sehr lang, weil man meist kleine Häuser bewohnt. Dies ist wegen der Erdbebengefahr im Frühjahr. Man baut zwar heute auch moderne Hochhäuser aus Stahlgerüsten. Es wird hier überhaupt viel gebaut mit amerikanischem Tempo. Die Innenstadt ist nicht schön, aber in den äußeren und neuen Stadtteilen sind schöne Parks und breite Alleen angelegt. Wir wohnen so am Rande der Stadt in einem neuen Häuschen, haben eine kleine Vierzimmerwohnung mit Bad und elektrischer Küche. Da wir uns erst nach und nach einrichten müssen, sind die kleinen Zimmerchen ganz gut, denn es fällt nicht auf, daß man keine Möbel hat. Man behilft sich im Anfang mit allen möglichen Dingen. Kisten dienen als Tisch und Regal, ein großer Schrankkoffer ist unser Kleiderschrank usw. Du wirst Dir ja ausmalen können, wie Emigranten leben. Man freut sich dann wie ein kleines Kind mit jedem Stück, das man sich anschaffen kann." 6 8t

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