Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand LBI
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492429-9991069-9588157--882-9588241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
solchen Absichten in das Land kommt, nicht nur weil man so den Fortschritt beschleunigt, sondern auch weil die neuen Industrien zu 80 o/o peruanische Arbeiter beschäftigen müssen. Was industrielle Unternehmen von größerer Bedeutung und mit größerem Kapitalbedarf angeht, so kann man die Einrichtung von Zementfabriken, Webereien, Fabriken für Jutesäcke, Papierfabriken usw. ins Auge fassen, ebenso Unternehmungen zur Ausbeutung der im Lande befindlichen Erze. Im allgemeinen werden die Arbeitskräfte jeder Industrie, und zwar sowohl die Ingenieure wie die Mechaniker und die Arbeiter recht anständig bezahlt. Die neuen Industrien, die erst eingerichtet werden, können, wie oben gesagt, 20 o/0 fremde Arbeiter beschäftigen. 8. Siedler Jedes kolonisatorische Werk erscheint in Peru außerordentlich schwierig, denn die von der Regierung geforderte Vorbedingung besteht, wegen des Zustandes des Landes, in dem Bau von Zugangsstraßen. Man kann auch nicht an eine Stadtrandsiedlung denken, denn in der Nähe der großen Städte sind die Terrains schon vergeben, die Ländereien an der Küste haben kein Wasser, und im Innern des Landes würde man auf die Konkurrenz der Eingeborenen beim Verkauf der Produkte stoßen. Daher würde jede Unternehmung zunächst die Investierung großer Kapitalien erfordern. Daran sind auch alle Kolonisationsversuche von privater Seite schließlich gescheitert, die man zwischen 1920 und 1935 unternommen hat. V. Lebenshaltungskosten Für Personen, die von Europa her an ein angenehmes Leben gewöhnt sind, werden folgende Lebenshaltungskosten in Peru angegeben: Ein Junggeselle braucht 120 Soles, eine vierköpfige Familie 400 Soles. Die wirklich notwendigen Kosten sind aber erheblich niedriger. Aus einem Sonderbericht der Hicem über Peru geht folgendes hervor: ein Junggeselle kann schon mit 65 bis 75 Soles monatlich auskommen, eine vier- bis fünfköpfige Familie braucht etwa 150 bis 180 Soles. Die Ausgaben verteilen sich folgendermaßen: Für den Junggesellen Für die Familie Miete 15 Soles 50 Soles Ernährung 50 Soles 100 Soles Verschiedenes 10 Soles 30 Soles 75 Soles 180 Soles Seit der Zeit dieses Berichts sind die Preise um etwa 10 v. H. gestiegen. Wenn also ein Arbeiter, Handwerker oder Angestellter drei bis fünf Soles täglich verdient, kann er schon seinen Lebensunterhalt bestreiten. Und mit der Zeit kann sich seine Lage bessern, und er kann, wenn er tüchtig ist, zu sparen beginnen, wie viele Einwanderer, die seit einigen Jahren in Peru ansässig sind. (Ueber Preise vergl. die unten abgedruckten Briefe.) Die Sozialgesetzgebung ist verhältnismäßig gut ausgebildet: es bestehen der 8-Stundentag, Unfallentschädigung, bezahlter Urlaub für Angestellte, Abkehrgeld bei Entlassung u. a.; auch eine Sozialversicherung ist im Aufbau. Die Einkommensteuer erfaßt persönliches Einkommen von 10 000 Soles an und beginnt mit einem Satz von 2 %. VI. Kulturelles Perus allgemeines Bildungsniveau ist noch sehr niedrig. Vor einigen Jahren wurde der Anteil der Analphabeten an der Gesamtbevölkerung auf 70 % geschätzt. Das Bildungsniveau der Indianer wurde in früheren Zeiten gewaltsam nach unten gedrückt. Jetzt gibt es gemäß der Verfassung Grundschulen, deren Besuch für die Kinder zwischen 7 und 14 Jahren frei und obligatorisch ist. 1936 wurden 5000 solche Grundschulen gezählt, die von 513 000 Schülern besucht wurden. Auf die sechsjährige Grundschulausbildung baut sich eine fünfjährige höhere Schulausbildung auf, deren Absolvierung den Besuch der Universitäten ermöglicht. 1936 wurden rund 150 höhere Schulen mit rund 22 000 Schülern gezahlt. Es gibt 4 staatliche und eine private Universität mit zusammen etwa 2000 Studenten; Universitätsstädte sind Lima, Arequipa, Cuzco, Trujillo. Daneben bestehen eine Reihe Fachschulen. Die Landessprache ist Spanisch. VII. Jüdisches Leben Man schätzt die jüdische Bevölkerung von Peru auf 1500 Personen, von denen 800 in Lima und im Hafen von Callao leben. Die Mehrheit — Krämer und Hausierer — hat sich im Lande nach 1920 niedergelassen. Das jüdische Gemeinschaftsleben ist rege; es existieren eine ganze Reihe von Vereinigungen, die sich der Wohltätigkeit, politischen oder geselligen Zwecken widmen: 1. die Israelitische Wohltätigkeits - Vereinigung deutscher Sprache, die vor 80 Jahren gegründet worden ist, und deren Aktivität infolge der letzten Ankünfte gesteigert worden ist; 2. die Israelitische Union von Peru, die 1921 gegründet worden ist, und die Einwanderer östlichen Ursprungs umfaßt; sie besitzt ein eigenes Haus; 3. der jüdische Frauenverein von Peru; 4. die Gesellschaft der Kaufleute mit Abzahlungsgeschäften; 5. die jüdische Gegenseitigkeits-Vereinigung; 6. die sephardische Wohltätigkeits-Gesellschaft, die einen Tempel besitzt und eine unabhängige Tätigkeit entfaltet; 7. verschiedene Jugendgruppen und zionistische Gruppen. Eine besondere Gemeinde der Juden aus Deutschland existiert noch nicht. Zu den hohen Feiertagen haben sie einen eigenen Betsaal; sonst nehmen sie am regelmäßigen Gottesdienst der ostjüdischen Gemeinde teil. In Lima erscheint in spanischer Sprache die jüdische Zeitschrift „Nosotros" und als jiddisches Wochenblatt die „Peruaner jiddische Zeitung". VIII. Briefe aus Peru Ueber das Leben einer jüdischen Einwandererfamilie in einer Provinzstadt Perus unterrichtet folgender Brief aus Trujillo vom 29. März 1936. „Du fragst, ob es uns gefällt; es hat nicht viel zu gefallen, denn Trujillo ist eine kleine Stadt von 25 000—30 000 Einwohnern. Wie die liebe Erni Euch schon geschrieben hat, sind hier keine Dächer auf den Häusern, denn es regnet hier sehr selten. Da es aber in der Zeit, seit wir da sind, zweimal geregnet hat, so hat es in die Stuben reingeregnet. Du fragst, womit sich die Emigranten beschäftigen. Hier gibt es sehr wenig Juden in Peru, das dreimal so groß ist wie Deutschland. Es sind heute im ganzen 1200 bis 1900 Juden. In unserer Stadt sind 30 bis 35 Familien, die jüdische Kolonie macht sich, es ist da ein Verein, eine große Bibliothek, spanische und jüdische Bücher sind da, ein Zimmer als Bethaus, es wird sehr selten gebetet. Die meisten der Juden haben Abzahlungsgeschäfte und ich auch. Mein Schwager hat mir einen Kredit verschafft und ich baue mir ein Abzahlungsgeschäft auf; ich habe eine außergewöhnlich schlechte Zeit angetroffen, denn es ist hier ein sehr schlechter Präfekt gewesen. Er hat verboten, in einigen Gegenden zu arbeiten, aber er ist gestern abgesetzt worden. So hofft man, daß es wieder gut wird. Einen Wandergewerbeschein kauft man sich hier, dieser kostet 9 Sol im Monat. 4 Sol sind ein amerikanischer Dollar. Es kann sich jeder, der will, ein Gewerbe kaufen. Zu arbeiten ist es hier leichter als in Deutschland, denn es sind keine Treppen zu steigen und ein Junge trägt den Koffer nach. Auch hat hier jeder mindestens eine Magd, wir natürlich auch, sie bekommt 5 Sol im Monat mit Essen. Mir gefällt es hier sehr. Der lieben Erni gefällt es hier nicht besonders, aber sie wird sich auch gewöhnen. Den lieben Kindern gefällt es hier, sie verstehen sich mit den Kindern von L. sehr gut, auch die liebe Erni versteht sich sehr gut mit meiner lieben Schwester. Jetzt kann ich Euch mitteilen, daß wir eine Wohnung haben, 4 Zimmer, Küche, Innenklosett, eine Dusche, elektrisches Licht und Wasserleitung. Es kostet 40 Sol im Monat, dies ist 10 Dollar. Gekocht wird hier auf einer Spezialküche mit Holzkohle, es kocht da sehr schnell, nur ist es sehr heiß dabei. Hier ist Sommer vom 21. Dezember bis 20. März mit einer Temperatur von 30—35 Grad im Schatten, vom März bis Dezember ist Herbst. Winter und Frühling sind aber nicht voneinander zu unterscheiden, es ist wie bei Euch ein kalter Sommer, bloß es regnet nicht. Der Lebensunterhalt ist hier sehr billig, es kostet hier 1 kg Fleisch 50 Cent (USA.), das ist 2 Sol. 1 kg Zucker 25 Cent. 1 Ananas 10—20 Cent. Hier kocht man nur mit Oel, kostet 50 Cent eine Flasche. Schmalz wird hier nicht gebraucht. Das Klima ist hier sehr gut. Hier gibt es kein 80