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Jüdische Auswanderung · 1939-01-01 · Januar 1939 · p. Seite 74

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1939. Bestand LBI
Issue
Januar 1939
Date
1939-01-01
Page
Seite 74 (sequence 78)
Language
German
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behauptete, es ist eine Notwendigkeit, denn seit ich Mandioka esse, fühle ich, daß sich meine ohnehin schon vorhandenen Körperkräfte mehren. Und dann gibt es noch die köstlichen Früchte, wie jetzt Melonen, Ananas, Bananen und Mormonen. Von allen Früchten kann man Marmelade und andere Gerichte zubereiten, und bestehen für eine Hausfrau hunderterlei Möglichkeiten auf diesen Gebieten. Wichtig ist natürlich ein guter Herd (mitbringen). Wie gesagt, auch das Klima ist erträglich, ich möchte sagen, gesund für den, der gesund aierher kommt. Es ist hier eine reine Luft, zwar heiß, doch immer etwas Luftbewegung und trockene Wärme. Ich persönlich arbeite ohne Beschwerden in der größten Hitze, gewiß, man wird mal vorübergehend etwas schlapp, doch das vergeht. Und Insekten, d. h. schädliche, gibt es hier nicht, weder Moskitos noch andere Stechmücken. Die Menschen hier sind alle von einer robusten Gesundheit und sehr wohlernährt. Ihre Frage nach Radio kann ich bejahend beantworten. In einem jüdischen Almazen gibt es sogar einen Kurzwellenempfänger, und man kann jeden Abend zweimal Nachrichtendienst aus Deutschland hören, aus Witzleben. Für Apotheker und Drogisten ist hier nichts. Kaufleute auch nicht. Wohl für Händler, die der Sprache mächtig sind, sich ein kleines Grundstück kaufen können und sagen wir mal zirka 1500 bis 2000 RM. mitbringen. Er könnte mit einem Hiesigen zusammen Landesprodukte in der Campana aufkaufen, wie Mais usw. und auf den Markt verkaufen. Möglichkeiten wüßte ich genug, nur die richtigen Menschen f ehien. Dadurch, daß bei allen die Sprachkenntnisse fehlen, kommen sie schlecht vorwärts, wandern wieder ab nach Argentinien oder anderswohin, und überall ist es dasselbe. Für Handwerker ist es dasselbe. Jedes Handwerk kann sich ernähren, auch in diesem Lande, wenn sich der Mann den hiesigen Verhältnissen anpassen kann und die Sprache beherrscht. Im anderen Falle kann einer verzweifeln und er merkt nicht, daß es nur einzig und allein an ihm selber liegt, wenn es nicht geht. So sind die Verhältnisse hier. Ueberall Gegensätze. Einer ist unzufrieden und schimpft über dieses Land und der andere in der gleichen Anfangslage packt zu und zwingt es. Gewiß, es gehört ein harter Mensch dazu, hier vorwärts zu kommen, es ist nicht leicht." Luque, den 9. 8. 1937 „Ich habe jetzt ein Stück Land erworben und bin der Ueberzeugung, gut gekauft zu haben. Jeder denkt hier natürlich, daß er am besten gekauft hat. Die Zukunft muß es zeigen. Ich habe auf meiner ,chacra' zirka 7 Hektar neuen Boden, d. h. Boden, auf dem noch nie Pflanzung war. Das hat natürlich einen großen Wert und wird in den kommenden Jahren seine Früchte tragen. Jeder von den Siedlern hat andere Ideen und Pläne und hält sie dann auch gewöhnlich für die einzig richtigen. Der eine will mit Schweinen sein Glück versuchen, der andere denkt, daß er mit Milchvieh reich wird. Auf Grund dessen, was ich in den vergangenen Monaten gelernt habe, will ich einen Weg gehen, der hier verhältnismäßig gering beschritten wird. Ich will eine größere Pflanzung anlegen, und zwar 3 Hektar Zuckerrohr, 1 Hektar Baumwolle, 2 Hektar Mandioka, etwas Mais, Bananen und anderes. Ich glaube selbstverständlich an den Erfolg einer Pflanzung und muß selbst bei vorsichtiger Kalkulation einen guten Gewinn haben. Erfahrungen haben wir alle nicht für Paraguay und müssen eben aus den Fehlern lernen. Wichtig ist es aber dann, wer der Lehrmeister ist. Ich habe mir meinen unter den hiesigen gesucht und habe anständige gefällige Leute gefunden, die mir ohne jeden Eigennutz die hiesigen Verhältnisse vermitteln. Es ist meines Erachtens ein vollkommen falscher Standpunkt, wenn man mit der Idee herkommt, daß wir infolge unserer Kultur den Paraguayanern überlegen sind. Es ist vielleicht umgekehrt. Die Paraguayaner sind äußerst intelligent und wissen genau, womit man Geschäfte machen kann. Wenn hier kein einziger Hiesiger eine Schweinezucht anfängt, sondern nur die sogenannten Gringos denken, daß sie etwas verpassen, wenn sie nicht mehrere Dutzend davon haben, so hat das seinen Grund: nämlich den, daß man nichts damit verdienen kann. Ich bin sehr optimistisch und bin fest davon überzeugt, mein Auskommen hier zu finden. Es gefällt mir hier und fühle ich mich sehr wohl in Paraguay. Zum Bahnhof habe ich 35 Minuten, liege also so, daß ich jeden Morgen meine Milch zum Bahnhof schicken kann. Alles was man produziert, ist zu guten Preisen leicht abzusetzen. In Asunciön besteht ein Kulturbund der Juden aus Deutschland, der sich jetzt reorganisiert hat. Man hat sehr schöne Räume zur Verfügung und außer dem Gottesdienst dienen sie auch den Mitgliedern als Zusammenkunftsort. Die Behörde hat gestattet, daß dreimal wöchentlich Zusammenkünfte abends stattfinden dürfen." Im folgenden Briefe gibt ein schon längere Zeit in Paraguay ansässiger Auswanderer einem Freunde, der nachwandern will, seine Ratschläge: Asunciön (Paraguay), Ende 1937 „Prinzipiell möchte ich Ihnen sagen, daß' Sie es hier auch bei größter Anstrengung Ihrerseits wohl zu einem bescheidenen Wohlstand und gutem Leben, nie aber zu Reichtum bringen können. Der niedrige Währungsstand — 1 pes. argent. P. 70,— parag. und die schlechten Absatzverhältnisse lür die landwirtschaftlichen Produkte verbieten das. Andererseits müssen Sie alles, aber auch alles aufgeben, was Ihnen das Leben bis jetzt geboten, wenn Sie aufs Land ziehen. So z. B. Kino, Theater und Cafe, ja selbst an die Bücher muß man vergessen, denn wenn man die gelesen hat, welche man mitgebracht, kann man gar nicht daran denken, sich neue zu kaufen. Der Preis verbietet das. Das Klima ist erträglich; kleinere Plagen wie Mosquitos, Darmbeschwerden, und auf dem Lande Ungeziefer kann man verbannen. Sie können mit dem von Ihnen angegebenen Kapital genug Land kaufen, um Ihre ganze Familie zu ernähren, evtl. schon in den Kolonien oder Nähe Asunciön oder Villarica eine angefangene ,Chacra' übernehmen. Immerhin müssen Sie damit rechnen, daß Sie mit Ihrer Familie 4—6 Wochen in einer Pension hausen müssen, was Sie per Kopf und Monat etwa 100 arg. Pesos kostet. Die Schulverhältnisse auf dem Lande sind schlecht. Das Problem ist selbst in Asunciön groß. Bringen Sie evtl. die Bücher mit, da es nicht anders zu wollen ist. Augenblicklich herrscht hier im kaufmännischen Leben noch stark die Krise, besonders weil infolge der Hitze die Ernte schlecht war, aber ich kann auch prinzipiell nicht zum Handel raten, weil er erstens überfüllt ist mit Elementen, denen wir nicht gewachsen sind, und weil zweitens Bare Sprachkenntnisse bestimmt nicht ausreichen. Etwas anderes wäre es, wenn Sie draußen mit der Zeit ein kleines Geschäft mitbetreiben. Man kann niemanden zunoch abraten, dazu liegt es zu sehr an jedem selbst. Man muß sich hier immer vor Augen halten, daß man nicht gerufen worden ist, und nicht bereits hinter dem Aequator vergessen, warum man eigentlich fort ist." Ferner drucken wir noch einen Brief des Einwanderer-Schutzkomitees in Asunciön ab, weil er viele Erfahrungen kurz zusammenfaßt: Asunciön, 5. Mai 1938 „Paraguay ist ein ausgesprochenes Agrarland und bietet Landwirten mit genügendem Kapital und vor allen Dingen mit der nötigen Ausdauer die Möglichkeit zu einer bescheidenen, aber sicheren Existenz. Besonders der Süden und Südosten des Landes sind für Landwirte zu empfehlen. Paraguay ist klimatisch das bestbegünstigste und gesündeste Land Südamerikas. Die Bodenbestellung ist hierzulande von der in Europa grundverschieden. Für Einzelsiedler genügt nicht allein das Anlagekapital, sondern es ist auch eine Reserve erforderlich, um die nötigen Anschaffungen an Vieh und Inventar vorzunehmen; vor allen Dingen währt die Frist von der Aussaat bis zur Ernte ein ganzes Jahr, wenn auch einzelne Produkte in kürzerer Zeit reifen. Fast keine Aussichten haben hier Kaufleute, da die Möglichkeiten, eine Anstellung zu finden, sehr gering sind und auch selbständige Existenzen sehr übersetzt sind. In einzelnen Fällen wird sich noch eine Möglichkeit für einen Kaufmann finden, der bereit ist, fernab von der Stadt in einem kleinen Dorf ein Geschäft zu eröffnen. Für einen Kaufmann sind heute mindestens 8000 argentin. Pesos zur Existenzgründung erforderlich, wenn aüch vereinzelt billigere Objekte angeboten werden. Für Handwerker besteht nach der Zuwanderung der letzten Jahre ebenfalls nur wenig Aussicht; die meisten Berufe sind übersetzt. Für Akademiker besteht hier keine Möglichkeit. Wir sind grundsätzlich gegen eine unüberlegte Auswanderung, die doch nur Unzufriedene in der neuen Heimat wiederfindet; wir glauben, daß nur der zur Auswanderung fähig ist, der die Vergangenheit als einen schönen Traum betrachtet, aber bereit ist, keine Vergleiche anzustellen. Nur der wird in Südamerika bestehen können, der sich sofort den neuen Verhältnissen anpaßt und Vergleiche mit dem Gewesenen ausschaltet." 7/i

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